Donnerstag, 02. Februar 2023

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Die Afrika-Ausgabe zur FIFA-WM

Afrika ist das Thema der heutigen Andruck-Ausgabe, und ausnahmsweise präsentieren wir Ihnen hier die gesamte Sendung in einem zusammenhängenden Dokument: Vier Rezensionen und ein Hintergrundgespräch. Die Einzelrezensionen finden Sie dennoch wie gewohnt auch auf unserer "Andruck"-Seite.

Moderation: Peter Kapern | 07.06.2010

    Peter Kapern:
    Am Freitag Nachmittag geht es los, mit dem Spiel der Bafana Bafana gegen Mexiko. Es ist das erste Mal, dass die Fußball WM in Afrika stattfindet. In Südafrika, einem fußballverrückten Land auf einem fußballverrückten Kontinent. Bafana Bafana, das heißt nichts anderes als "die Jungs". Und so nennen die Südafrikaner ihre Fußballnationalmannschaft. Wenn die also am Freitag Nachmittag aufläuft, dann hat sie sich bestimmt die Hilfe höherer Mächte gesichert. Genau so wie die Spieler des Silverpool FC, eines südafrikanischen Viertligisten, der eines Tages vor dem entscheidenden Match um den Aufstieg in die dritte Liga stand. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, engagierte der Manager des Teams, einen Medizinmann namens Paulus Mabika, um ein Muti, ein Zaubermittel herzustellen.

    Im Halbdunkel sind die vielen Fläschchen, Gläser, Tiegel und Bottiche zunächst kaum zu erkennen. Erst als wir uns an das Zwielicht gewöhnt haben, können wir das Arsenal des Medizinmanns bestaunen. An den Wänden ringsum hängen getrocknete Kräutersträuße, Wurzeln, Strünke, Rindenstücke, in verstaubten Regalen liegen Knochen, Vogelschädel, Tierhäute und eine Reihe von undefinierbaren Objekten. "Das Muti, das ich für Silverpool zubereite, heißt intelezi. Es ist eine spezielle Kräutermischung, die das Team unbesiegbar macht," erklärt Mabika. "Dazu werde ich ihnen Giraffenfett geben, damit sie im Spiel nicht den Überblick verlieren. Und das Fett der Zuckerrohrratten, das macht sie flink und schnell." Aber nun, bei der Zubereitung des Elixiers, will er uns nicht mehr dabeihaben. Betriebsgeheimnis. Doch halt, beinahe hätte er ihn vergessen, den Fetisch, den er dem Manager noch mitgeben muss. Mabika kramt einen länglichen, schwarz-grauen Gegenstand aus einer Ecke – den verdorrten Arm eines Pavians. "Den musst Du immer dabei haben, sonst geht die Sache schief."

    Peter Kapern:
    Zeuge dieser Szene und Verfasser dieser Zeilen ist Bartholomäus Grill, langjähriger Afrika-Korrespondent der Wochenzeitung "DIEZEIT". Er begleitet mich heute durch diese Sendung, in der es ausschließlich um Bücher über Afrika geht. Herr Grill, verraten Sie unseren Hörern, wie die Sache mit dem Silverpool FC ausgegangen ist?

    Bartholomäus Grill:
    Sehr erfolgreich. Das Muti hat gewirkt, das Spiel, es war ein Relegationsspiel, es ging um den Aufstieg in die nächst höhere Liga. Das ging unentschieden aus, 3:3, und der Medizinmann war erfolgreich mit seinem Muti.

    Peter Kapern:
    Laduuuma, so heißt das Buch, dem die Geschichte entnommen ist. Wir sprechen gleich darüber.

    Peter Kapern:
    Laduuuma, so klingt in südafrikanischen Stadien der Torjubel. Jedenfalls dort, wo isiZulu, die Zulu-Sprache, gesprochen wird. "Laduuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert" – so heißt das Buch, das Bartholomäus Grill geschrieben hat. Ein Buch, das mehr erzählt als nur Fußballgeschichten aus Afrika. Es erzählt vom Leben in Afrika, zu dem der Fußball unauflöslich dazugehört. Herr Grill, welche Bedeutung hat der Fußball in Afrika? Was unterscheidet die Bedeutung des Fußballs in Afrika von der, die er in Europa hat?

    Bartholomäus Grill:
    Ich glaube, die Begeisterung für Fußball ist viel größer in Afrika. Das hängt auch damit zusammen, weil es nicht so viele Abwechslungen gibt. Der Großteil des Kontinents ist ländlich, am Wochenende ist meistens der einzige Höhepunkt das Fußballspiel, und für die Kinder ist Fußball meistens das einzige Freizeitvergnügen und deswegen ist der Stellenwert von Fußball einfach höher.

    Peter Kapern:
    Es gibt Minister, die Mannschaften aufstellen, Staatschefs, die Trainer feuern, das sind die Geschichten, die man auch in Europa über Fußball in Afrika kennt. Sind das nur Klischees, oder steht das wirklich im Zentrum des afrikanischen Fußballs?

    Bartholomäus Grill:
    Nein, es steht nicht im Zentrum, aber es sind auch keine Klischees. Wenn wir uns zum Beispiel die Entwicklung des südafrikanischen Fußballs ansehen, kann man sehr genau nachweisen, wie die Korruption der Fußballverbände eine gute Entwicklung verhinderte. Das Ergebnis, das wir sehen, nämlich Bafana Bafana, ist ziemlich dürftig. Bafana Bafana ist glaube ich auf Weltrangliste Platz Nummer 88 und das ist auch eine Folge einer verfehlten Entwicklungsarbeit, weil im Grunde die Gelder, die da zur Verfügung standen, veruntreut wurden.

    Peter Kapern:
    Eine der erhellendsten Passagen Ihres Buches ist jene, in
    der Sie die Fragen westlicher WM-Touristen an südafrikanische Reiseveranstalter und deren Antworten darauf zitieren: Das liest sich dann so:

    Werde ich auf der Straße Elefanten sehen? erkundigt sich ein Amerikaner. Antwort: Hängt davon ab, wie viel Alkohol sie trinken. Ein Schwede will wissen, ob er zu Fuß von Durban nach Kapstadt stiefeln könne? Antwort: Sicher, es sind ja nur 2000 Kilometer. Nehmen sie aber sehr viel Wasser mit. Kann ich Besteck nach Südafrika einführen, fragt ein Brite. Antwort: Wieso, nehmen sie doch die Finger, genau wie wir. Ein Zeitgenosse aus London macht sich Sorgen um seine Reisekasse: Gibt es Geldautomaten bei ihnen. Können sie mir eine Liste von diesen in Johannesburg, Kapstadt, Knysna und Jeffreys Bay schicken? Rückfrage: Woran ist ihr letzter Sklave gestorben. Einen Deutschen plagen Ernährungsängste. Gibt es Supermärkte in Kapstadt und gibt es das Ganze Jahr über Milch. Antwort. Nein, wir sind eine friedliche Zivilisation von veganischen Beerensammlern. Milch ist verboten. Quersumme aller Nachnummern: Südafrika ist ein wildes Land am Rande der bekannten Welt.

    Peter Kapern:
    Herr Grill, ist die Weltmeisterschaft, die da ab Freitag in Südafrika stattfindet, die bislang beste Gelegenheit Afrikas im Westen existierende Zerrbilder zu korrigieren?

    Bartholomäus Grill:
    Davon bin ich überzeugt. Es ist eine einzigartige Chance, durch das größte aller Turniere zu zeigen, dass es auch ein anderes Afrika gibt. Normalerweise wird dieser Kontinent eben wahrgenommen als K-Kontinent, K für Krisen, Kriege, Korruption, Krankheit und so weiter. Und dieses Turnier wird zeigen, dass Afrika auch ganz anders sein kann, nämlich modern, fröhlich, der Zukunft zugewandt und dass eben durch so eine Großveranstaltung auch Stereotype und Klischees und Zerrbilder widerlegt werden können.

    Peter Kapern:
    Warum gibt es diese hartnäckigen Zerrbilder, warum ist die Wahrnehmung hier in Europa so einseitig?

    Bartholomäus Grill:
    Diese Stereotype begleiten unsere gesamte Geschichte, seit wir Beziehungen mit unserem Nachbarkontinent haben. Es ist Teil der europäischen Selbstkonstruktion im Anderen, im Fremden das Unterlegene zu sehen, um die eigene Superiorität, um die eigene Überlegenheit dadurch zu konstruieren. Und dieses Bild, und diese Vorstellungen sind Teil unserer eigenen kulturellen Identität. Man kann sie in dem Begriff "Herz der Finsternis" zusammenfassen, so wurde Afrika immer wahrgenommen, als Gegenbild des zivilisierten Westens, des zivilisierten Europas, ein finsterer dunkler, barbarischer Kontinent. Die Restbestände dieser Wahrnehmung finden wir eben auch in der Beurteilung Südafrikas, wenn es heißt, die schaffen das nie, so ein Turnier zu veranstalten, die Tickets werden nicht verkauft, die Stadien werden nicht fertig. Nun hat man gesehen, die Südafrikaner haben alle Pessimisten widerlegt und auch alle Stereotype ad absurdum geführt.

    Peter Kapern:
    In ihrem Buch, Herr Grill, da unternehmen sie einen Streifzug durch Afrika, sie erzählen von Fußballern an der Elfenbeinküste, von einem deutschen Trainer, der es als einziger wagt, dem Diktator von Zaire, Idi Amin, im Trainingsanzug gegenüberzutreten. Sie schreiben über die Jugendmannschaft, die sie selbst eine Weile lang trainiert haben. Lassen sie uns auf die Kapitel schauen, die für mich zu den eindringlichsten zählen. Da ist zum einen Mal das Kapitel über Ruanda, indem sie beschreiben, wie Fußballkameraden einer Mannschaft im Großen Morden von 1994 übereinander herfielen. Was ist damals passiert und haben Sie Erklärungen dafür finden können?


    Bartholomäus Grill:
    Ich war selber vollkommen ratlos, dass eben auch innerhalb eines Fußballteams, wo Spieler der Tutsi und Spieler der Hutu aufeinander losgingen, und die Hutu ihre Mannschaftskameraden abschlachteten. Das war im Grunde nichts anderes als der Völkermord, der überall lief, in allen Dörfern und Städten. Das war eine schockierende Erfahrung, weil eben Fußball und Sportkameradschaft nicht vor dieser Barbarei schützt.

    Peter Kapern:
    Ein anderes Kapitel ihres Buchs, Herr Grill, erzählt von der Fußballliga auf Robben Island, jener Gefängnisinsel vor Kapstadt, in dem das Apartheidregime die Führung des schwarzen Befreiungskampfes eingekerkert hatte. Was ist das Besondere an der Geschichte der Makana Football Association?

    Bartholomäus Grill:
    Ja, Sie müssen sich vorstellen, Robben Island war die brutalste Gefängnisanstalt des Apartheidregimes. Eine Insel im Atlantik vor Kapstadt, auf der alle politischen Gefangenen festgehalten wurden, eingekerkert wurden, inklusive Nelson Mandela und die gesamte Spitze des African National Congress Und es zu schaffen, auf dieser Insel eine Fußballliga aufzubauen, das war schon für sich ein Husarenstück. Die Gefangenen haben jahrelang dafür gekämpft und natürlich hat die Gefängnisbehörde, die Verwaltung, systematisch abgelehnt. Denn warum sollten diese Terroristen, Kommunisten und Verbrecher Fußball spielen dürfen. Und im Übrigen haben sich die Wärter auch gar nicht für Fußball interessiert. Das waren alles Buren, die sich ausschließlich für Rugby begeistern. Und dennoch haben es die Gefangenen geschafft, eine Fußballliga aufzubauen. Die Fußballliga hat über beinahe zwei Jahrzehnte existiert, es gab 21 Mannschaften, eine Liga, es wurde gespielt nach Fifa Regeln und das ist – finde ich – eines der schönsten Kapitel der Fußballgeschichte.

    Peter Kapern:
    Was hat diese Fußballliga auf Robben Island bewirkt?

    Bartholomäus Grill:
    Für die Spieler war es ein Tor zur Freiheit. Es hat nicht nur den Körper und den Geist gestärkt, sondern auch die Widerstandskraft der Gefangenen und den Gemeinschaftsgeist. Das war ganz entscheidend und manche Ex-Gefangene sagen, sie hätten durch Fußball überlebt oder seien durch Fußball wiedergeboren worden.

    Peter Kapern:
    2007 hat die Makana Football Association, dieser einmalige Fußballverband, die Ehrenmitgliedschaft in der Fifa erhalten. "Laduuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert", so heißt das Buch von Bartholomäus Grill, es ist bei Hoffmann und Kampe erschienen, hat 254 Seiten und kostet 20 Euro.
    Herr Grill, danke bis hierher, wir unterhalten uns gleich weiter.

    Bartholomäus Grill: "Laduuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert". Hoffmann und Campe 2009,
    260 Seiten, 20,00 Euro, ISBN: 978-3455501216



    Peter Kapern:
    Nelson Mandela am 11. Februar 1990. 27 Jahre lang hatte ihn das südafrikanische Apartheidregime eingekerkert, an diesem Tag wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Der Tag, an dem die Mehrheit der Südafrikaner erkannte, so Mandela, dass die Apartheid keine Zukunft habe. Vier Jahre später wurde er zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt. Gibt es lebende Legenden? Wenn ja, dann ist Mandela eine. Vor 17 Jahren hat Nelson Mandela seine Lebensbeschreibung vorgelegt. "Long way to Freedom", der lange Weg zur Freiheit – so der Titel. Erarbeitet hat er sie gemeinsam mit Richard Stengel, der seit 2006 Chefredakteur des Time Magazine ist. Gerade hat Stengel seinen Fundus des Wissens über Nelson Mandela noch einmal angezapft. Was hat Mandela zur lebenden Legende werden lassen. Was macht diesen Menschen so außergewöhnlich? Fragen, die er in seinem neuen Buch "Mandelas Weg" zu beantworten versucht. Birgit Morgenrath es für uns gelesen.

    Nelson Mandela ist die "moderne Inkarnation des archetypischen Helden" schreibt Richard Stengel, vergleichbar mit einem Messias wie Jesus, Buddha oder Mohamed. Umso erfreulicher ist es, dass der Autor diesen vermeintlichen Übermenschen in seinem Buch ein wenig entzaubert, kleine Charakterschwächen enthüllt und ihn dadurch menschlicher macht. Gleich zu Beginn erzählt Stengel zum Beispiel, dass Mandela seinen Kindern ein "viktorianisch-afrikanischer Vater" war – eher ein Patriarch und wenig einfühlsam. Er beschreibt seine Sturheit, seine Eitelkeiten, ja seine Anfälligkeit, so wörtlich, "für Schmeichelei, Glamour und Reichtum".

    Es kommt auch vor, dass er ein Versprechen nicht einhält. Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit sind Tugenden, die er öffentlich vertritt, aber nicht unbedingt privat lebt. Er hat menschliche Gelüste, die er nicht versteckt aber nach Möglichkeit beherrscht. Er ist nicht etwa ein großartiger Mensch, weil er keine Fehler hätte, sondern weil er über seine Fehler triumphiert.

    Richard Stengel lässt auch nicht unerwähnt, wie Nelson Mandela sich selbst als Symbol inszeniert und dass seine Großzügigkeit – etwa sein Vergeben und Vergessen gegenüber den Weißen und ihrer Apartheid – manchmal nur "Show" gewesen, ja, dass das berühmte Lächeln inzwischen zur Maske erstarrt ist. Mit der Schilderung dieser Unzulänglichkeiten will der Biograf aber keineswegs die Person Mandela und dessen historische Bedeutung herabsetzen. Er stellt sie in den Zusammenhang eines außerordentlichen Lebens, er sucht und findet die Ursprünge dieser Verhaltensweisen.
    Die "Feuerprobe" in Mandelas Leben, so Stengel, waren die 27 Jahre Gefängnis. Der ehemals leidenschaftliche, zornige Jungaktivist wurde mit 46 Jahren hinter Gitter gesperrt und lernte dort

    Selbstkontrolle, Disziplin und Konzentration, die Eigenschaften, die er als wichtigste Führungsqualitäten erachtet.

    Er lernte, seine Gefühle zu verbergen. Auch unter entwürdigenden Haftbedingungen zwang sich der hochgewachsene Mann, seine stets majestätische Haltung zu bewahren. Diese Zeit hinterließ tiefe Spuren. In seinen Gesprächen mit Stengel erzählt Mandela immer wieder von seinen Ängsten – vor der lebenslangen Haft, vor den Prügeln durch die brutalen Wärter, später dann, Anfang der 90er-Jahre, vor einem möglichen Bürgerkrieg in Südafrika. Aber er überwindet seine Angst. Stengel fasst diese Lebensregel zusammen.

    Keine Angst zu haben ist pure Dummheit. Mut bedeutet, sich von der Angst nicht unterkriegen zu lassen.

    Und wenn es nicht anders geht, kann man auch erst mal eine mutige Fassade aufbauen:

    Tu so, als wärst du mutig, dann wirst du nicht nur mutig werden, sondern du bist es bereits.

    Im Gefängnis wird aus dem Heißsporn Mandela, der in seinen frühen Jahren ungeduldig zum bewaffneten Kampf aufgerufen hatte, ein idealistischer Pragmatiker. Er verliert nie sein Ziel aus dem Auge, so Richard Stengel, macht aber auch bewusst Umwege, um weiter zu kommen, und sei es nur ein Stück. Mandela lernt die "Führung von vorn", wie Stengel sie nennt. Er ergreift Initiative und geht Risiken ein. Die größten und gefährlichsten waren seine Geheimverhandlungen, die er als Gefangener 1985 mit dem Apartheidregime aufnahm – ohne jede Rücksprache mit seiner Organisation, dem ANC und gegen das bis dahin geltende Prinzip der Bewegung, zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall mit den Unterdrückern zu verhandeln. Ein eindrückliches Kapitel im Leben des Nelson Mandela, das im Buch mehrfach auftaucht.

    Er ging das Risiko ein, als Verräter gebrandmarkt oder in seiner eigenen Bewegung zum Außenseiter gestempelt zu werden, ja, er riskierte, das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Doch er wusste, dass er handeln musste.

    Aber Mandela beherrscht auch die Führung aus dem Hintergrund, erzählt Richard Stengel. Das habe er schon in seiner Kindheit bei seinem Onkel, einem König der Thembu gelernt. Afrikanische Oberhäupter müssen ihrer demokratischen Tradition zufolge ihr Volk zu Wort kommen lassen, oft tagelang, und dann einen Konsens herstellen. Stengel zitiert Nelson Mandelas Erfahrung:

    Es ist klüger, die Menschen zu überzeugen und ihnen das Gefühl zu geben, es sei ihre eigene Idee gewesen.

    So bewegt sich das Leben des Zitat "aristokratischen Revolutionärs" zwischen hehren politischen Zielen und Kalkül. Mandela sieht zwar grundsätzlich das Gute in seinem Gegenüber – und hat damit seine Mitkämpfer zuweilen brüskiert, wenn er Apartheidpolitikern mit Wohlwollen begegnete. Aber auch das war, sagt Richard Stengel, nicht nur tiefste Überzeugung sondern auch überlegtes Vorgehen.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand von seiner besten Seite zeigt, wächst, wenn man ihm oder ihr etwas zutraut.

    Und die Liebe? Die versetzt Berge. Einfühlsam schildert Stengel den Leidensweg des Romantikers Mandela von seiner großen, idealisierten Liebe Winnie, die ihn nach seiner Freilassung schwer enttäuschte, bis zu Graca Machel. Mit 73 Jahren begann er, die Witwe des ehemaligen mosambikanischen Präsidenten zu umwerben. Mit ihr wurde er schlussendlich glücklich.
    Man mag den Lebenshilfe–Ansatz des Autors – Mandelas Weg als Beispiel für jedermann - fragwürdig finden, ebenso wie die Aussage, Obama sei Mandelas Nachfolger auf der Weltbühne. Aber Richard Stengel hat in jedem Fall eine höchst interessante Analyse geschrieben, die stets die Balance hält zwischen der Ehrfurcht, die auch er gegenüber Mandela empfindet, und differenzierter, wahrhaftiger Beobachtung. Richard Stengel ist es tatsächlich gelungen, die Weisheit dieses Lebens zu erfassen und dem Leser nahe zu bringen.

    Peter Kapern:
    Eine Rezension von Birgit Morgenrath.
    Bartholomäus Grill: Mandela ist 91 Jahre alt, seit 11 Jahren ist er nicht mehr der Präsident des Landes: Ist er im Alltag Südafrikas noch präsent?

    Bartholomäus Grill:
    Er ist noch präsent, aber mehr als Mythos. In die alltägliche Politik greift er schon lange nicht mehr ein. Aber man hofft natürlich jetzt vor der Weltmeisterschaft, dass noch mal ein bisschen etwas von dieser Magie - Madiba magic genannt – nach Madiba, seinem Clan-Namen, dass noch mal etwas von dieser Magie auf die Mannschaft und auf das Land überspringt.

    Peter Kapern:
    Was ist, Ihrer Auffassung nach, der Kern dieser Magie?

    Bartholomäus Grill:
    Ich hatte die Ehre, Mandela drei mal zu begegnen. Einmal zu einem Interview und ich fand faszinierend, wie dieser Mann gleichzeitig sternenweit von einem entfernt ist, eine Ikone der Geschichte, vor der man ehrfürchtig erstarrt und im nächsten Moment wirkt er wie ein Freund, der die Sorgen mit einem teilt. Diese Mischung aus Nähe und Distanz war unglaublich faszinierend.

    Peter Kapern:
    Seine Nachfolger, erst Thabo Mbeki und nun Jacob Zuma, wurden und werden auch von großen Mehrheiten der Südafrikaner gestützt, haben es aber nie zu solcher Verehrung geschafft, wie sie Nelson Mandela zuteilwird. Ist Nelson Mandela für seine Nachfolger auch eine Bürde, eine Bürde für jeden, der mit menschlichem Normalmaß nun in Südafrika Politik machen muss?

    Bartholomäus Grill:
    Natürlich sind für jeden Nachfolger die Schuhe Mandelas zu groß. Wer sollte sich auch damit messen können, 27 Jahre unbeschadet im Gefängnis zu verbringen, einen Freiheitskampf angeführt zu haben, das ist eine einzigartige historische Gestalt. Da wird jeder Nachfolger daran gemessen werden und keiner wird die Kriterien erfüllen können.

    Peter Kapern:
    Nelson Mandela ist sicher auch der berühmteste Sportfan Afrikas. Wird man ihn bei dieser Weltmeisterschaft im Alter von 91 Jahren im Stadion sehen?

    Bartholomäus Grill:
    Also, alle gehen natürlich davon aus, dass er beim Eröffnungsspiel am 11. Juni dabei sein wird. Ihm ist ja letztendlich diese Fußballweltmeisterschaft zu verdanken und alle hoffen, dass er das noch erleben darf und dass er auch bis zum Ende dabei sein wird. Aber er wird vermutlich nicht viel mehr Spiele sehen als die Eröffnung und das Finale.

    Peter Kapern:
    Richard Stengel: Mandelas Weg: Liebe, Mut, Verantwortung. Die Weisheit eines Lebens. Das Buch ist bei C. Bertelsmann erschienen, 255 Seiten kosten 17 Euro 95.

    Peter Kapern:
    Im aktuellen Korruptions-Ranking der Organisation Transparency International belegt Kenia den 146. Platz unter 180 gelisteten Nationen. Das ist Teil der Wahrheit über ein Land, das unter den schwarzafrikanischen eher zu den Erfolgreichen zählt. 2002 wurde dort Mwai Kibaki erstmals in das Amt des Staatspräsidenten gewählt. Den Kampf gegen die Korruption hatte er sich auf die Fahnen geschrieben. Und dafür ernannte er sogar eigens einen Anti-Korruptionsbeauftragten, den Journalisten John Githongo. Das war im Januar 2003. Gut zwei Jahre später steht genau dieser John Githongo in London vor der Wohnungstür von Michela Wrong. Sie ist eine erfahrene Afrika-Korrespondentin. Githongo ist geflohen, vor Morddrohungen, die er erhalten hat, weil er seinen Auftrag, die Korruption zu bekämpfen, zu ernst genommen hat. Zu ernst, für kenianische Verhältnisse. Michela Wrong hat seine Geschichte aufgeschrieben. Jetzt sind wir dran – so heißt die deutsche Ausgabe, die Martin Zähringer unter die Lupe genommen hat:

    Der sogenannte "Whistleblower" spielt bei der Aufdeckung von Korruptionsskandalen meist eine Hauptrolle. Seine internen Informationen bringen den Skandal erst in Gang, aber im Licht der Öffentlichkeit sieht man ihn selten. Die englische Journalistin Michela Wrong rückt nun einen Whistleblower ins Zentrum einer Studie über die Korruption in Kenia. Als Auslandskorrespondentin der Financial Times kennt sie ihn persönlich, als er jedoch im Jahr 2005 plötzlich vor ihrer Tür in London stand, um für einige Zeit bei ihr abzutauchen, da war sie überrascht - John Githongo, der Antikorruptionsbeauftragte der kenianischen Regierung, angesiedelt im Präsidialamt und mit direktem Zugang zum Staatspräsidenten Kibaki - der sollte doch eigentlich in Nairobi gut genug geschützt sein. Githongo aber hatte dort zu gründlich und vor allem in die falsche Richtung ermittelt. Die Beweise auf seiner Festplatte schockierten sogar die erfahrene Korruptionsexpertin Wrong: Es handelte sich um Mitschnitte von Gesprächen, die Githongo heimlich im Präsidialamt aufgenommen hatte. Dort sprachen wichtige Minister in Githongos Anwesenheit ganz offen über einen Beschaffungsbetrug im größten Stil. Dabei ließen sie bis zu 750 Millionen Dollar aus der Staatskasse in dunklen Kanälen verschwinden. Als Michela Wrong dann begriff, warum dieser verschworene Club den Antikorruptionsbeauftragten bei ihren Gesprächen überhaupt zugelassen hatte, da erkannte sie auch das Thema für ihr neues Buch: Die betroffenen Minister gehörten der Ethnie der Kikuyu an, ebenso wie der Staatspräsident Kibaki - und John Githongo war auch ein Kikuyu. Deshalb also waren sich die Betrüger sicher, dass von Githongo nichts zu befürchten war: im State House von Kenia galt die Stammessolidarität. Michela Wrong skizziert das Prinzip "Jetzt sind wir dran!" so:

    Seit der Unabhängigkeit hatten die verschiedenen Ethnien in Kenia es sich zur Gewohnheit gemacht, sich auf die Stammessolidarität zu berufen, wenn sie das haarsträubende Ausmaß beschönigen wollten, in dem sie sich selbst bereicherten: "Was tun wir alles für euch, Brüder"!

    Githongo hielt von dieser falschen Solidarität jedoch nichts. Er trug seine Erkenntnisse nach und nach dem Präsidenten vor, den er für integer hielt. Bis ihm einmal dezent mitgeteilt wurde, der Geheimdienst könnte ihm "etwas in den Tee geben". Githongo begriff, dass er sich mit seinen Untersuchungen in Gefahr gebrachte hatte und zog nach London. Dort strukturierte er die Beweise und machte im Jahr 2006 die Anglo-Leasing–Affäre publik. Es ging dabei auch um die sogenannte Mount Kenia Mafia, ein Kikuyu-Netzwerk, das - nach Githongos später Erkenntnis - hinter den Kulissen die Fäden zog. Das war damals ein Hauptthema der Journalistin Wrong, und sie beobachtete merkwürdige Vorgänge. In den internationalen Medien stieg die Welle der Empörung nur sehr mäßig an, und Githongos Kampagne in Kenia forderte massive Gegenkampagnen der Regierung heraus. Die waren offensichtlich effektiver: Ein Jahr nach der Anglo Leasing-Korruptionsaffäre trat Kibaki seine zweite Amtszeit als Staatspräsident an, nach einer Wahl mit Hunderten von Toten, doch im Mai 2007 vergab die UNO sogar den Public Service Award an Kenia. Für Michela Wrong war das der Gipfel des Skandals:

    Eine Regierung, deren wichtigste Minister und ranghöchste Beamte gemeinsam bis zu 750 Millionen Dollar an öffentlichen Geldern veruntreut hatten, wurde dafür ausgezeichnet, dass sie "Transparenz, verantwortliche Regierungsführung und Bürgernähe im Öffentlichen Dienst" verbessert habe.

    Die Autorin betrachtet diese merkwürdige Auszeichnung als Beweis dafür, dass man im globalen System der Entwicklungspolitik gar kein Interesse daran hat, afrikanische Korruptionsskandale aufzudecken. Denn - das hat die historisch versierte Bürgerin der ehemaligen Kolonialmacht Kenias gut im Blick – selbst wenn es in Nairobi zu Unterschlagungen im großen Stil kommt, stehen Konsequenzen bei der Vergabe von Entwicklungshilfe nicht zur Debatte. Kenia gilt international als das Musterland afrikanischer Entwicklung, und wem könnte man noch Mittel in die Hand geben, wenn sie sogar in Kenia der Korruption zum Opfer fallen? Ums Geldvergeben aber geht es hier. Das von Tony Blair gegründete britische Entwicklungsministerium zum Beispiel hat in den letzten zehn Jahren seinen Afrika-Etat bereits vervierfacht. Folgerichtig werden dort Karrieren gemacht, indem man viel Geld in Umlauf bringt und die Augen vor den unerquicklichen Fakten verschließt. Und auch die von der Autorin genau beobachteten Landesdirektoren der Weltbank genießen in ihrem Kenia-Einsatz offensichtlich die komfortable Nähe zu den Mächtigen, anstatt ihnen kritisch auf die Finger zu schauen. Das Wegschauen also hat Methode, und deshalb war John Githongo mit seiner Jahrhundertstory kein Erfolg beschieden. Michela Wrong gleicht das Desinteresse mit ihren Mitteln aus. Ihre Geschichte von John Githongo und der Korruption in Kenia ist spannend und glaubhaft geschrieben. Sie geht vorsichtig und fair, aber entschieden an das Thema heran und erfasst es im globalen Kontext der Entwicklungspolitik. Damit ist hier eine ausgezeichnet recherchierte Fallgeschichte zu empfehlen, und zugleich ein aktuelles und lehrreiches Standardwerk zur Korruption im internationalen Maßstab.

    Peter Kapern:
    Ein Beitrag von Martin Zähringer.
    Herr Grill, Sie haben eben gesagt, Afrika würde überwiegend als K-Kontinent wahrgenommen und dazugehört eben auch K- wie Korruption. Kann denn die Wahrnehmung anders sein, wenn man solche Geschichten hört?

    Bartholomäus Grill:
    Es ist sicher verständlich, dass Afrika in dem Zusammenhang so wahrgenommen wird. Aber es ist auch sehr heuchlerisch, gerade in der Zeit wo eine globale Finanzmafia die Weltfinanzmärkte ruiniert, wo ein Land wie Griechenland bankrott geht, sollte man sehr vorsichtig sein, und nicht ständig auf die Afrikaner zeigen. Gleichwohl ist die Korruption eine Geisel des Kontinents, die bekämpft werden muss. Und es gibt eben auch die Doppelmoral, das zeigt Michela Wrong sehr schön, die Doppelmoral von Hilfsorganisationen oder Weltbankinstitutionen, die im Grunde diese Korruption nicht bekämpfen sondern eher fördern.

    Peter Kapern:
    Gibt es denn auch in Afrika gelungene Beispiele für Korruptionsbekämpfung, die eigentlich genauso große Schlagzeilen verdient hätten, wie solche Fälle, wie wir sie gerade gehört haben?

    Bartholomäus Grill:
    Natürlich gibt es jede Menge Beispiele. Ich nenne nur in Südafrika die Anti-Korruptionsbehörde, die im Grunde 90 Prozent ihrer Fälle erfolgreich abschließt. Und dennoch ist es viel zu wenig, nach wie vor, weil eben bis hinein in die höchsten, allerhöchsten Regierungskreise schützende Hände über korrupte Politiker oder korrupte Beamte gehalten werden.

    Peter Kapern:
    Wir haben gerade über einen bestimmten Mechanismus für eine solche Korruption gehört, nämlich die auf Stammeszugehörigkeit gegründete Mentalität:"Jetzt sind wir dran". Können Sie uns diesen Mechanismus erklären?

    Bartholomäus Grill:
    Das trifft nicht auf alle Länder zu. In Südafrika zum Beispiel ist die Stammesmentalität nicht derartig ausgeprägt, da geht es eher um ideologische Allianzen oder um bestimmte Gruppen oder Machtzirkel, die sich bedienen. Das ist also nicht ein Automatismus. Aber normalerweise, die Tradition den eigenen Stamm oder die eigene Ethnie zu unterstützen ist ja auch ein Instrument des Überlebens und der Verteilungsgerechtigkeit. Wenn es einer aus dem Dorf geschafft hat, in der Stadt etwas zu werden, dann ist das eine Anstrengung des ganzen Dorfes gewesen und er muss etwas zurückgeben.

    Peter Kapern:
    In diesem Sinne eine Entwicklung mit einer großen Tradition. Kann man die zu einem Ende führen? Könnte man eine solche Tradition unterbrechen, um eine solche Korruption zu beenden?

    Bartholomäus Grill:
    Der Modernisierungsprozess ist eine Unterbrechung. Man kann im Grunde nicht in diesen Kategorien reden, aber durch die Modernisierung werden natürlich Stammesloyalitäten auch aufgelöst, und sobald in den Städten eine moderne Mittelschicht entsteht, rücken die ethnischen Loyalitäten in den Hintergrund.

    Peter Kapern:
    Michela Wrong: Jetzt sind wir dran. Korruption in Kenia. Die Geschichte des John Githongo. Erschienen in der Edition Tiamat. 423 Seiten hat das Buch und es kostet 22 Euro.


    Peter Kapern:
    Asiatische Staaten haben es geschafft. Lateinamerikanische wie Brasilien auch. Afrikanische nicht. Den Aufstieg aus der Gruppe der Entwicklungsländer in die der Schwellenländer. Ganz im Gegenteil. Die Mehrzahl afrikanischer Länder fällt weiter zurück, trotz aller Bemühungen, auch finanzieller Bemühungen, Entwicklung voranzutreiben. Afrika, ein verlorener Kontinent? Ganz und gar nicht, sagt Rupert Neudeck in seinem neuen Buch. Das heißt: "Die Kraft Afrikas – Warum der Kontinent noch nicht verloren ist." Damit aber sich die Kraft Afrikas auch entfalten kann, muss sich manches ändern, nicht zuletzt das eingeübte System der Entwicklungshilfe. Schreibt Neudeck. Kersten Knipp sagt ihnen, ob die Argumente überzeugen:

    Warum kommt Afrika nicht voran, jedenfalls in der Mehrzahl seiner Länder nicht? Es liege an der mangelnden Disziplin seiner Landsleute, erklärte einmal der Präsident Ugandas, Yoweri Museveni. Klima, Geographie und Mentalität - was auch immer als Ursache angeführt werde, kann die Misere Afrikas dennoch nicht hinreichend erklären. In seinem klugen Buch über "Die Kraft Afrikas" sieht sich Rupert Neudeck, ein großer Liebhaber und Verehrer des Kontinents, gezwungen, immer wieder diese Misere zu umkreisen. Bei seiner Ursachenforschung trifft er allerdings immer wieder auf ein anderes Phänomen: die lange Tradition von Kleptokratie und Korruption, die Gewohnheit zahlloser afrikanischer Potentaten, ihr Land als ihren Privatbesitz zu betrachten und sich entsprechend die Taschen zu füllen. Einher gehe das mit einer unguten Gewöhnung an die Entwicklungshilfe, die Erwartung, das fremde Geld werde schon kommen, wenn es aus eigener Kraft nicht mehr reicht. Wie also könnte eine sinnvolle Unterstützung des Kontinents aussehen? Wahrscheinlich, sagt Neudeck, müsse man den afrikanischen Staaten ganz anders helfen, als man es von anderen Kontinenten und Situationen gewohnt sei.

    Warum? Erkennbar hören afrikanische Regierungen, Verwaltungen, Häuptlinge und Clans auf, selbst zu arbeiten und sich selbst zu helfen, wenn von außen irgendeine Form von Unterstützung oder Hilfe kommt. Davon sind die asiatischen Nationen himmelweit entfernt: Sie konzentrieren alle Anstrengungen auf dieses eine große Ziel hin: sich unabhängig von der Hilfe zu machen. Sie alle haben in Katastrophensituationen Unterstützung aus der ganzen Welt bekommen, aber nach zwei Jahren spätestens kann man sich von dort entfernen, weil die Menschen wieder kräftig an der Arbeit sind.

    Es ist Neudecks Stärke, nicht moralisierend zu argumentieren, sondern nüchtern, mit Blick auf den Nutzen. Und es nutzt Europa, Afrika zu helfen. Warum? Weil sonst alle jenen jungen Männer und Frauen, die derzeit die Festung Europa zu stürmen versuchen, nur das Vorspiel zu jenen Strömen sind, die sich in absehbarer Zeit über den alten Kontinent ergießen werden. Diese werden so gewaltig sein, dass sich ihnen nichts entgegenstellen können wird. Davon könnte Europa einerseits profitieren, denn die Schrumpfung und gleichzeitige Alterung der Gesellschaft lässt sich nur durch Einwanderung auffangen. Wie aber eine Immigration schaffen, die einerseits den europäischen Bedürfnissen gerecht wird und andererseits keinen massenhaften brain drain bewirkt, also die Abwanderung gerade der gebildeten Afrikaner? An diesem Punkt fließen Einwanderungspolitik und Entwicklungshilfe zusammen. Entwickeln, stimmt Neudeck dem tansanischen Präsidenten Julius Nyerere zu, können sich nur Menschen. Das aber setze nicht korrupte Regierungen voraus. Also empfiehlt Neudeck, sehr genau hinzuschauen, welchen Ländern man hilft.

    Man müsste die wenigen Regierungen finden, die loyal genug zu ihrem Volk sind, um sich auf ein Programm einzulassen, das nicht auf der Rückführung von Migranten besteht. Man müsste solche Regierungen suchen, die auch mit ihren afrikanischen Nachbarstaaten etwas anderes vereinbaren als Militärpartnerschaften. Diese Länder müssten eine gute Investitionspolitik machen, Korruption im Keim ersticken, Landwirtschaft fördern, zukunftsträchtige Industrien aufbauen. Und nur solche Regierungen sollte man auf Dauer mit einer Partnerschaftspolitik unterstürzen. Nur mit ihnen zusammen lässt sich ein Teil des Problems, das sich in den letzten vier Jahrzehnten aufgestaut hat, wieder verringern.

    Das heißt auch: Mit der Entwicklungspolitik alten Schlages lässt sich die Zukunft nicht gestalten. In einem wunderbar bösen Kapitel beschreibt Neudeck die Parallelwelt der Entwicklungshilfe-Industrie, die Delegierten, Referenten, Berater und Gutachter, die vor allem in einem stark sind: die mageren Ergebnisse ihrer Arbeit durch ein aufgeblähtes Vokabular herauszuputzen. "Nachhaltigkeit" und "Kohärenz" sind die derzeitigen Zauberworte der Szene. Tauchen sie in Projektbeschreibungen nicht auf, haben die Vorhaben keine Chance. Zugleich pflegen die Entwicklungshelfer einen Lebensstil, wie er von dem ihrer Schützlinge verschiedener nicht sein könnte: Bestbezahlte Vollprofis und "Festest-Angestellte", wie Neudeck anmerkt, versehen mit Auslandszuschlägen, Trennungs- und Unterhaltsgeldern: Sie führen eine verführerisch komfortable Existenz, die sie ungern wieder aufgeben. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Denn eine solche Existenz ist nur möglich, solange die zu Entwickelnden auf diese Hilfe angewiesen sind – also möglichst lange Zeit, am besten für immer. Das System hat größtes Interesse am Selbsterhalt. Spötter, berichtet Neudeck, übersetzten etwa das Kürzel der GTZ, der "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit", gerne als "Gesellschaft für Tourismus und Zeitvertreib"; engagierte Unternehmer übersetzen es gar als "Gesellschaft für totalen Zusammenbruch". Hinzu kommt ein weiteres: Das Luxusleben der Helfer wirkt alles andere als überzeugend – gerade im Vergleich mit den Chinesen, mit denen Europäer und Amerikaner um die Gunst der Afrikaner, sprich: die Bodenschätze, konkurrieren.

    Wir sind ja auch schwach geworden. Junge Helfer und Diplomaten-Ehepaare ziehen aus Afrika nach Europa, wenn die Frau schwanger ist und niederkommt. Sie haben Angst vor den Krankheiten des Kontinents. Die Chinesen sind da anders, stärker, weniger pingelig, sie sind mit einfachsten Unterbringungsmöglichkeiten zufrieden. Selbst die staatlichen Repräsentanten Chinas reisen nicht von einem Luxushotel zum nächsten, sondern checken in einfachen, kleinen Pensionen ein, weil sie nicht auffallen wollen. Sie sind überall, betreiben Handel, bringen Investitionen, sorgen mit ihren eigenen Arbeitskräften dafür, dass Stadien, Häfen, Rathäuser, Straßen entstehen.

    Rupert Neudeck ist nicht umsonst einer der angesehensten Journalisten und Aktivisten. Ein kühler, klarer Blick verbindet sich mit nüchterner Argumentation. Neudeck scheut sich auch nicht, mit den frommen Gewohnheiten Deutschlands ins Gericht zu gehen, etwa der, den Ländern im Süden der Welt sehr viel durchgehen zu lassen, nur weil es das seit der Nazi-Zeit gärende schlechte Gewissen so will. Ein schlechtes Gewissen macht aber noch keine gute Politik. Die hätte Afrika aber verdient – seiner Menschen wegen, von denen Neudeck in seinem Buch sehr bewegende, beeindruckende Bilder zeichnet. Sie sind es auch, deretwegen er den Kontinent nicht verloren gibt.

    Peter Kapern:
    Kersten Knipp war unser Rezensent.
    Herr Grill: Wir haben gerade von Rupert Neudecks bitterböser Abrechnung mit der Entwicklungshilfe-Industrie gehört. Gilt die GTZ auch den Hilfsempfängern als Gesellschaft für Tourismus und Zeitvertreib oder ist das die Perspektive eines Europäers?

    Bartholomäus Grill:
    Natürlich gilt auch die GTZ als willkommener Partner bei den Mächtigen, denn die GTZ stellt ja Ressourcen zur Verfügung. Am allerschlimmsten ist so etwas wie Budgethilfe, das ist die Ermächtigung zur Selbstbereicherung sozusagen. Natürlich hat Rupert Neudeck recht, in seiner Generalkritik an der Entwicklungshilfe. Sie zielt im Grunde darauf hinaus, zu sagen, die Entwicklungshilfe schafft eine Abhängigkeit, sie macht geradezu süchtig. Afrika ist wie ein Junkie davon abhängig und die These ist, was würde denn passieren, wenn wir das Heroin, die Entwicklungshilfe absetzen und da gibt es auch die These – und das wäre zu beweisen – dass dieser Junkie vielleicht sogar aufstehen würde und sich selber helfen würde. Also, Zentralthese: Entwicklungshilfe lähmt die Eigeninitiative.

    Peter Kapern:
    Eine weitere These des Buchs von Rupert Neudeck ist, dass man die Entwicklungshilfe an diesen kleptokratischen Regierungen, die es dort auch gibt, in Afrika, vorbei leiten muss. Entwicklungshilfe-Gelder nur noch für die guten Regierungen, kein Cent mehr für die schlechten Regierungen. Ist das machbar?

    Bartholomäus Grill:
    Ja, das ist zum einen kein neuer Vorschlag und es wäre machbar, aber Regierungen sind volatile Wesen, die bleiben nicht gleich und man hat nicht die Garantie, dass eine zuverlässige Zusammenarbeit auf Dauer gewährleistet ist. Also, ich halte das für die mögliche Lösung, aber die Frage ist, wer wählt welche Länder aus, wie zuverlässig sind sie und wir sind dann wieder in diesem alten Nehmer – Geber-Verhältnis. Das wird dadurch auch nicht überwunden. Insofern greift der Ansatz meines Erachtens auch zu kurz, von Neudeck.

    Peter Kapern:
    Rupert Neudeck: Die Kraft Afrikas. Warum der Kontinent noch nicht verloren ist. Das Buch ist bei C.H. Beck erschienen, für 19 Euro 95 gibt es 256 Seiten.

    Peter Kapern:
    Das war Andruck an diesem Montag, vier Tage vor dem Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft. Alles nachzuhören und nachzulesen in unserem Online-Angebot. Die Musik kam heute Abend vom Peter Materna Trio, ,,The Dancer" - so heißt dessen neue CD. Zu Gast in unserer Sendung war Bartholomäus Grill, der Afrika-Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit.
    Herr Grill, haben sie Tickets für die Weltmeisterschaft?

    Bartholomäus Grill:
    Natürlich! Und ich werde mir ganz besonders die Spiele der Afrikaner ansehen. Denn meine Teams sind natürlich Bafana Bafana aus Südafrika und die Elfenbeinküste.

    Peter Kapern:
    Dann wünschen wir Ihnen furchtbar viel Vergnügen dabei, vielen Dank, dass Sie bei uns dabei waren. Am Mikrofon bis hierher war Peter Kapern. Auf Wiederhören.

    <u>Die besprochenen Bücher und die Musik:</u>

    Bartholomäus Grill: "Laduuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert". Hoffmann und Campe 2009,
    260 Seiten, 20,00 Euro, ISBN: 978-3455501216
    Studiogespräch mit Bartholomäus Grill

    Richard Stengel: "Mandelas Weg. Liebe, Mut, Verantwortung. Die Weisheit des Lebens".
    C. Bertelsmann. 256 Seiten, 17,95 Euro,
    ISBN: 978-3570100486

    Michela Wrong: "Jetzt sind wird dran. Korruption in Kenia. Die Geschichte des John Githongo".
    Aus dem Englischen von Anna Latz. edition TIAMAT 2010, 424 Seiten, 22,00 Euro,
    ISBN: 978-3893201402

    Rupert Neudeck, "Die Kraft Afrikas. Warum der Kontinent noch nicht verloren ist". Verlag C.H. Beck 2010, 288 S., 19,95 Euro, ISBN: 978-3406598579

    Peter Materna Trio: The Dancer
    ENJ-9552 2 LC 03126 GEMA DEA 591005200