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Die alltägliche Angst vor der Strahlenbelastung

Die Bilder von vermummte Gestalten in weißen Sicherheitsanzügen, die mit Geigerzählern Kinder, Frauen und Männerauf radioaktive Verseuchung kontrollieren, haben sich eingeprägt. Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima haben viele Bewohner die Region endgültig verlassen, doch die Sorge um radioaktive Belastung bleibt.

Von Peter Kujath | 06.03.2012

    Noch immer meldet NHK, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Tag für Tag die Strahlenbelastung für die Kanto-Region, auch wenn die Werte weitgehend auf das Normalmaß zurückgegangen sind. Im Bewusstsein der Japaner ist die radioaktive Gefahr ein Jahr danach präsent.

    "Es tut mir zwar leid, aber ich versuche vor allem Gemüse zu vermeiden, das aus der Region Fukushima kommt. Ansonsten setze ich bewusst auf Homöopathie oder getrocknete Lebensmittel wie Seetang, die helfen, dass sich negative Stoffe nicht im Körper ansammeln."

    Die Verunsicherung führt wie im Falle dieser zweifachen Mutter zu eigenen Regeln. Berichte über radioaktiv belastetes Fleisch oder Reis haben die Verbraucher vorsichtig werden lassen, auch wenn in den letzten Monaten kein Fall mehr gemeldet wurde. Die japanischen Behörden haben ihre Messungen deutlich ausgeweitet und auch die großen Supermärkte testen von sich aus stichprobenartig die Waren, erzählt Akiko Yoshida von Friends of the Earth.

    "Bei einigen Supermärkten werden die Ergebnisse von Messungen veröffentlicht. Das finde ich sehr gut und sehr wichtig. Dann können die Menschen selber wählen."

    In Fukushima, aber auch in Tokio oder Yokohama gibt es spezielle Läden, in denen man mitgebrachte Speisen oder selbst angebautes Gemüse auf seine radioaktive Belastung testen kann. Die Grenzwerte wurden Ende letzten Jahres von der Regierung verschärft und liegen jetzt unterhalb derer in der EU. Der Grenzwert für eine Evakuierung wurde aber bei 20 Millisievert pro Jahr belassen. Deshalb fordern die Umweltverbände in Japan zumindest die zeitweilige Evakuierung von Kindern.

    "Sogar in der Stadt Fukushima gibt es einige Orte, Bezirke, die hoch belastet sind. Deshalb haben wir ein neues Projekt angefangen, dieses Poka-Poka-Projekt für Kinder in Fukushima. Wir fördern, dass diese Menschen zeitweilig evakuiert werden."

    Andere Menschen sind nach Fukushima gezogen, weil sie ihre Heimat wegen der Strahlenbelastung verlassen mussten wie Hiromi Sato, der aus Iitate weggegangen ist.

    "Wir Evakuierte, aber auch die eigentlichen Bewohner der Stadt Fukushima kaufen natürlich die Produkte aus der Region. In den Geschäften gibt es teilweise Hinweisschilder mit Angaben zur Radioaktivität. Wir informieren uns und gehen gelassen mit der Situation um."

    In Iitate haben die Dekontaminierungsarbeiten noch nicht begonnen, in Minami-Soma oder Kawauchi am Rande der Sperrzone ist man seit einiger Zeit dabei. Die Maßnahmen konnten die radioaktive Belastung deutlich reduzieren, aber die Prozedur ist zeitaufwendig. Dennoch rief der Bürgermeister von Kawauchi seine Mitbürger bereits auf:

    "Ich gebe diese Erklärung ab, um die Bewohner zu ermutigen, in ihre Heimat zurückzukehren. 2012 ist das erste Jahr unseres Wiederaufbaus."

    Familien mit Kindern werden dieser Bitte kaum folgen, ältere Gemeindemitglieder leben bereits wieder in Kawauchi. Aber auch wenn die Menschen in ihre gereinigten Häuser zurückkehren, ist ein Betreten des angrenzenden Waldes oder der Wiesen nicht zu empfehlen.

    Serie:
    Eine Katastrophe mit Fernwirkung - Sendereihe: "Ein Jahr nach Fukushima"