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StartseiteCorsoElectro im Dreivierteltakt26.03.2016

Die Band ModeratElectro im Dreivierteltakt

Es hat eine Weile gedauert, bis aus Sascha Rings Projekt "Apparat" und dem Duo "Modeselektor" - Sebastian Szary und Gernot Bronsert – tatsächlich die Band "Moderat" wurde. Mit dem bald erscheinenden Album "III" sind sie endgültig die neuen deutschen Elektro-Superstars. Vielleicht gerade weil sie alles Mögliche ausprobieren.

Gernot Bronsert, Sascha Ring und Sebastian Szary im Corsogespräch mit Fabian Elsäßer

Die Band Moderat auf der Bühne (imago/Star-Media)
Die Band Moderat auf der Bühne (imago/Star-Media)

Fabian Elsäßer: Das ist vielleicht kein Konzept, sondern nur mein Höreindruck: ist das Album langsamer und elegischer als die Vorgänger?

Gernot Bronsert: Ja, richtig erkannt. Also, hat aber letztendlich damit zu tun, dass wir den Plan hatten, ein bisschen "deeper" zu werden, um es mal so auszudrücken. Langsamer ist es keinesfalls, weil die Songs teilweise 180 bpm schnell sind, oder 160, 150, das ist nicht langsam vom Tempo. Aber es transportiert eine gewisse gefühlvolle Energie, - ich möchte jetzt nicht Melancholie sagen, aber eine gefühlvolle Energie, die die Zeit ein wenig anhält.

Elsäßer: Musikalisch gab es auch einige Überraschungen. Es gibt einen Track, ich glaube "Running", das ist meines Erachtens der erste Electro-Dance-Track, der je im Dreivierteltakt geschrieben wurde.

Sascha Ring: Es ist ein Tanzwalzer, ein Dance-Walzer, genau! Gut, dass das mal jemandem auffällt. Normalerweise ist ein Dreivierteltakt jetzt auch nicht so was wahnsinnig Exotisches, aber als Dance-Track ...

Elsäßer: Gibt es eigentlich einen Beat- und Groove-Meister bei Ihnen, also einen, der hauptsächlich für die Beats zuständig ist?

Sascha Ring: Das lustige ist, derjenige, der normalerweise am ehesten dafür verantwortlich gehalten wird, der guckt weg und beschäftigt sich gar nicht mit der Frage.

Elsäßer: Das wäre Gernot Bronsert.

Gernot Bronsert: "Entschuldigung, was war nochmal die Frage? (allgemeines Gelächter) Ja, Beats sind so mein Ding, so ein bisschen. Es ist mir auch äußerst schwergefallen, einen Dreivierteltakt in ein Vier-Viertel-Raster zu drücken. Man kann ja eigentlich keine Percussions benutzen, ohne dass man es merkt, dass es ein Dreivierteltakt ist. Sobald es ein Dreivierteltakt ist, willst du sofort Walzer tanzen und der ganze Groove geht flöten. Das hat mich eigentlich ziemlich wahnsinnig gemacht. Also ich bevorzuge jegliche komplizierten nichterkennbaren 7/18tel-Drums mehr als noch mal mit einem Dreiviertel-Track mich rumschlagen zu müssen. Weil wir ja auch mit Sequenzern arbeiten. Na klar kann man den Sequenzer auf Dreiviertel stellen, aber dann wird alles noch irrer.  Also für mich ist Dreiviertel-Tempo immer so unangenehm behaftet ... schwierig!

"Es kostet ein bisschen Überwindung, seine eigene Stimme zu hören."

Elsäßer: Sebastian Szary und Gernot Bronsert, Sie singen glaube ich auch zum ersten Mal in der Moderat-Geschichte auf dieser Platte, und zwar im Lied Ghostmother, richtig?

Sebastian Szary: Wir singen quasi im Endchor und es war  eine schöne Erfahrung, sozusagen seine Stimme einzubetten in einen mehrstimmigen, wobei Kanon ist es ja nicht, aber in einen Chor.

Elsäßer: Sich zu trauen auch mit der Stimme rauszukommen, wenn man doch sonst immer die Sicherheit der Turntables und der ganzen Elektronik hat, hinter der man steht, als Zeremonienmeister, das war leicht?

Sebastian Szary: Es kostet ein bisschen Überwindung, seine eigene Stimme zu hören. Entweder man singt sie ohne Kopfhörer ein, aber dazu sind wir noch nicht Profi genug. Klar, man muss ein bisschen üben, aber man akzeptiert es irgendwann: Hey, das ist meine Stimme. Ich spreche jetzt nicht so viel den ganzen Tag, aber es ist meine Stimme. Und: los, trau Dich! Ich glaube, ich habe auch Seitenhiebe bekommen, schon damals bei der Tour. Los komm, Du singst jetzt die zweite Stimme! Und genauso war das jetzt auch beim Chor. Los, komm, let’s do it. Wir wollten ja erst das ganze Büro – unser Studio befindet sich neben dem Büro – wir wollten erst das ganze Büro einladen, dass hier der Chor gesungen wird, aber es blieb dann bei uns.

Elsäßer: Sascha Ring, Ihre Stimme, da hat man auch den Eindruck, Sie trauen sich immer mehr.

Den inneren Kritiker ignorieren

Sascha Ring: Grundsätzlich ist das glaube ich bei uns so ein Motto, dass man immer mal versucht, sich aus seiner "Comfort Zone" heraus zu begeben. Und das machen wir ja nicht nur dadurch, dass jetzt mal jemand anfängt zu singen, der vielleicht vorher davor Angst hatte. Sondern auch in jeglichen anderen Sachen, dass man sich halt mal stilistisch in irgendwelche Genres vorbewegt, die jetzt nicht unbedingt so passen, erstmal. Speziell was den Gesang angeht, ist es bei mir eigentlich so: das einzige, was mich hemmt, bin ich selbst. Ich habe so einen inneren Kritiker, der mich immer davon abhält, bestimmte Sachen zu machen. Und ich glaube, bei dieser Platte habe ich es erfolgreich geschafft, ihn mehr zu ignorieren als vorher jedenfalls."

Elsäßer: Das ist jetzt nicht nur das dritte Album, im Grunde blicken wir jetzt auch schon zurück auf 15, ja fast 16 Jahre Moderat. Solange ist das glaube ich her, dass Sie erstmals ihre Fühler zusammen ausgestreckt haben. Das hat dann aber ganz schön lange gedauert, bis es in Gang kam. Auch weil der Titel der ersten EP absolut  der Realität entsprach, nämlich "Auf Kosten der Gesundheit"? Weil Sie eben auch so unterschiedlich erstmal waren und sich zusammenfinden mussten?

Sascha Ring: Jedes Mal, wenn wir zusammen arbeiten, ist das anstrengend, sehr anstrengend und aufreibend. Da sind sehr viele Diskussionen, auch manchmal ein Streit mit drin. Es ist einfach so: Wir sind drei sehr unterschiedliche Typen und wir müssen immer wieder den kleinsten gemeinsamen Nenner finden, und das geht auch nicht unbedingt immer nur durch Gedankenübertragung. Oder Empathie. Da muss man schon einfach manchmal auch laut werden und das reibt so ein bisschen auf. Aber es ist einfach Teil des Prozesses.

"Keine reine Elektronik-Band!"

Elsäßer: Und die Triobesetzung zwingt nun quasi schon Mehrheitssituationen heraus. Es gibt nie die Pattsituation wie in einer Vierer-Band.

Sebastian Szary:  Nee, das ist glaube ich auch eine Form von Demokratie. Es gibt eine Entscheidung, die zu fällen ist, zwei sind dafür, und der andere denkt sich "nö". Und dann: Pech gehabt, dann ist er überstimmt. Aber es macht die Sache auch einfach. Und man lernt  auch, mit der Entscheidung umzugehen.

Elsäßer: Ich habe eine Frage zu den Arrangements. Kommt das alles aus dem Rechner oder Sequenzer oder arbeiten Sie manchmal auch mit - in Anführungszeichen - echten Instrumenten?

Sascha Ring: Nö, gar nicht Anführungszeichen. Wir mögen akustische Klänge sehr gerne und nehmen auch sehr viel mit Mikrofonen auf. Das hat eine ganz andere emotionale Schwere, so ein Sound. Das kriegt man ganz schwer aus einem Computer raus. Die Bläser zum Beispiel, die haben es tatsächlich in zwei Songs des Albums geschafft, weil das einfach ein total toller Klangcharakter ist, der sich sehr gut mit unserem restlichen Klang verbindet. Das ist auf jeden Fall ein Teil unseres Prozesses. Wir sind jetzt keine so reine Elektronik-Band eigentlich.

Für die neue Tour ist mehr Spontanität geplant

Elsäßer: Das ist nämlich auch der Punkt. Es ist ja nicht nur so, dass es sich musikalisch verändert, sondern auch vom Auftrittsrahmen her. Von DJ-Clubs im Grunde auf Rockbühnen. Da habe ich jetzt allerdings auch eine etwas negative Kritik gelesen. Es war glaube ich im Tagesspiegel. Der schrieb dann: schöne Musik, aber es wirkt in diesem Rock-Pop-Hallen-Kontext irgendwie etwas fad und statisch. Können Sie das nachvollziehen. Oder war das tatsächlich so und wird jetzt nie wieder so sein?

Sebastian Szary: Da kommt wieder der typische Sebastian Szary-Nachdenker. Grundsätzlich ist es ja aber auch mit der elektronischen Musik auf der Bühne: Was ist wirklich live, wieviel kann man live spielen? Es ist eine sequenzierte Musik, die mit sehr viel Technik zusammenhängt. Wir würden jetzt nie auf die Idee kommen, ein echtes Drum-Set hinzustellen. Die Drums kommen nach wie vor aus einem elektronisch erzeugten Medium, ob es Rechner oder Drum-Maschine ist.

Elsäßer: Denn im Hip-Hop gab es ja diesen Trend, dass man inzwischen alles mit Bands macht.

Gernot Bronsert: Dazu möchte ich was sagen: Ich hab noch nie in meinem ganzen Leben ein gutes Hip-Hop-Konzert gesehen! Was vielleicht die Kritik ist, das machen wir jetzt auch ein bisschen anders: Bei der letzten Tour fingen wir ja an, größere Konzerthallen überhaupt erst zu bespielen und waren auch nicht wirklich darauf vorbereitet. Wir hatten gar keine Möglichkeit, in kurzer Zeit unser Konzept umzustellen. Weil wir ja, wie vorhin so schön gesagt, aus der Welt der Zeremonienmeister kommen, wo man mit einem kleinen schwarzen Kästchen viele Leute begeistern kann. Und jetzt haben wir halt viele schwarze Kästchen und versuchen halt, so viel Entertainment in die Sache reinzubringen. Wir hatten auch bei der letzten Tour eine sehr starke Synchronisierung mit Video und Licht und waren dadurch relativ gehandicapt in unserer Improvisation. Wir konnten jetzt nicht ohne weiteres dann noch eine große Jam-Session einbauen oder einen Song umstellen. Mit dem ganzen Licht hätte man das im Vorfeld gar nicht so schnell kommunizieren können. Das haben wir jetzt aber für die neue Tour ein bisschen anders gestaltet, dass wir einfach mehr Möglichkeiten haben, auch mal spontan was ändern können.

Zwischen weltweitem Erfolg und ostdeutschen Heimatstädten - "Es ist schon surreal."

Elsäßer: Sie sind alle drei in den 80ern mit Musik sozialisiert worden, kommen alle aus ostdeutschen Kleinstädten. Und wenn Sie jetzt so zurückgucken, ist das nicht manchmal schon ganz schön märchenhaft. Man sitzt hier in diesem ausladenden Studiokomplex, hier stehen die ganzen Spielsachen für die nächste Tour schon parat. Sie sind weltweit aufgetreten.

Gernot Bronsert: Es ist schon surreal. Früher haben wir uns um nichts einen Kopf gemacht. Wir sind einfach drauflos auf Tour gefahren, haben uns, während wir im Flugzeug saßen, überlegt was wir spielen, so quasi. Heutzutage werden Modelle aus Metall von den Tischen, die wir auf der Bühne haben, von unserem ganzen Equipment gelötet, damit wir uns das vorstellen können, wie das aussieht. Wir haben einen Truck dabei, wir haben schon einen Kleiderschrank auf Rädern mit und alles. Das ist jetzt schon eine richtige Produktion. Aber das Schöne ist, zum Thema Kleinstadt, es ist immer ein bisschen wie Klassenfahrt. Wir kennen uns schon sehr lange und arbeiten sehr lange zusammen. Ich kenne Herrn Szary seit der Grundschule. Herrn Ring - man muss es einfach mal sagen - kennen wir jetzt auch schon fast 17 Jahre. Und so ist es halt auch mit dem Rest der ganzen Crew, so von unseren Sound-, Licht- und Videoleuten. Es ist alles noch so ein Familienbusiness. Von daher verliert man nicht ganz den Hang zur Realität.

Sebastian Szary: Spannend wird es natürlich, wenn man kurz mal zurückkehrt in seine Kleinstadt und dort mal ein kleines Familientreffen hat. Dann ist da die Oma und fragt: Mensch, Sebastian, was machste denn so? Und dann versuchst du das zu erklären. Ja, ich mach Musik. – Und wat spielste da fürn Instrument? – Naja, so "808" (bekannter Synthesizer, Anmerkung der Red.) heißt das! Das ist  dann die Kunst, das zu erklären, dass man auf der Bühne steht und keine echten Instrumente spielt, aber elektronische Instrumente, so ein bisschen wie Klavier und so weiter.

Elsäßer: Was sagt die Oma?

Gernot Bronsert: Das ist ja toll!

Sebastian Szary: Ist ja toll, genau!

Sascha Ring: Das ist ja ein sehr langer Zeitraum, über den wir hier sprechen. Und in meiner Erinnerung zumindest war das ein sehr stetiger, organischer Prozess, der uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Das ist ja nicht so, als hätten wir mit Mitte 20 Mal so ein mega-explosionsartiges Erlebnis gehabt, das uns auf einmal auf große Bühnen katapultiert hat. Ich glaube, das ist schwer zu handhaben. Aber so wie es in unserem Fall war: Das ging halt immer so langsam Stück für Stück vorwärts, und das hat sich eigentlich ganz gesund angefühlt.

Elsäßer: Die drei Herren von Moderat, herzlichen Dank für das Gespräch!      

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