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StartseiteBüchermarktDie bedrohte Zukunft03.03.1998

Die bedrohte Zukunft

Gefährden wir unsere Fruchtbarkeit und Überlebensfähigkeit?

Indizienkette ist lang und reicht bis in die fünfziger Jahre zurück. Immer wieder waren Biologen in den letzten zwei Jahrzehnten auf merkwürdige Phänomene in der Tierwelt gestoßen: Wale, die weibliche und mänliche Geschlechtsorgane aufwiesen, Möwen-Küken, die nach dem Schlüpfen zahlreiche Mißbildungen zeigten und binnen kurzem dann ausdorrten und starben, Möwen-Weibchen, die statt mit Männchen gemeinsam mit anderen Weibchen brüteten, plötzlich von Viren dahingeraffte ganze Populationen von Seehunden und Delphinen. An anderen Orten verschwanden bis dahin vorhandene Tierarten, wie z.B. die Otter in England, vollständig.

Johannes Kaiser

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Es ist vor allem das Verdienst der amerikanischen Biologin Theo Colburn gewesen, hinter den zahlreichen Einzelergebnissen allmählich ein Grundmuster erkannt zu haben. Sie entdeckte bei ihren jahrelangen Recherchearbeiten für den WWF, den Worldwide Fund for Nature, daß die Mißbildungen der Tiere allesamt auf Störungen des Hormonsystems zurückzuführen sind und diese durch chemische Verbindungen ausgelöst wurden. Der Vorgang ist immer derselbe. Eine körperfremde Chemikalie maskiert sich als körpereigenes Hormon, schlüpft an dessen Stelle in eine Körperzelle und besetzt dort dessen Platz. Je nach Beschaffenheit löst der Eindringling zwei völlig verschiedene Köperreaktionen aus: entweder verhindert die Fremdchemie die Bildung neuer Hormone, obwohl diese von einigen Körperorganen dringend benötigt werden, und es kommt zu dramatischen Mängelsituationen, oder aber der Eindringling regt die Bildung neuer Hormone an, obwohl der Körper gar keine gebrauchen kann. In beiden Fällen löst der Ersatz, das Imitat Mißbildungen, Funktionsstörungen, fehlgesteuerte Entwicklung aus.

Auch wenn die Forschung bei der Suche nach solchen den Körper täuschenden künstlichen Verbindungen erst ganz am Anfang steht, so lassen sich doch einige Hauptverdächtige schon beim Namen nennen, wie dem jetzt auf deutsch erschienenen Report "Die bedrohte Zukunft" von Theo Colburn, Dianne Dumanoski und John Peterson Meyers zu entnehmen ist. Dazu Autorin Dianne Dumanoski: "Ich kann die genaue Zahl derzeit nicht angeben, weil ständig neue dazukommen, aber es sind wenigsten 50 Chemikalien identifiziert worden, die auf irgendeine Art und Weise Hormone stören oder die Entwicklung beeinflussen. Einige dieser Chemikalien kennen wir bereits seit 30 Jahren. Dazu gehören das Pestizid DDT sowie die Polychlorierten Biphenyle, die PCBs, die in Elektroausrüstungen als Isolation eingesetzt worden sind. Dann das Dioxin, das in Industrieproduktionen oder beim Verbrennen von Plastik zufällig mitentsteht. Dazu gehören auch Pestizide, die in den Industrieländern weiterhin in Gebrauch sind, wie z.B. Endosulfan oder Methoxychlor. Besonders überraschend war die Entdeckung, die sich wieder einmal purem Zufall verdankt, daß einige Plastikmaterialien Chemikalien freisetzen, die wie Östrogene wirken, Östrogene imitieren."

Diesen beunruhigenden Tatbestand fanden zwei Krebsforscher an der Tufts Medical School in Boston heraus, als sie danach fahndeten, warum ihre Krebstestkulturen plötzlich geradezu explosionsartig wuchsen. Als Ursache kam nur irgendeine östrogenähnliche Verschmutzung in Frage. Die fanden die Forscher schließlich in den Verschlüssen ihrer Teströhrchen. Die Plastikdeckel enthielten die als Weichmacher verwandte Chemikalie Nonylphenol und die zeigte eindeutige östrogene Wirkungen. Doch nicht nur Nonylphenol, auch die in Plastikflaschen und Konservendosenbeschichtungen eingesetzte Substanz Bisphenol-A imitiert Östrogen. Da beide chemischen Verbindungen weltweit in riesigen Mengen als Weichmacher benutzt werden, kann man davon ausgehen, daß wir sie mit der Nahrung in uns aufnehmen und im Körpergewebe speichern. Dort könnten sie fatale Folgen haben, denn man weiß aus der Krebsforschung, daß ein Überschuß an Östrogenen Brust-, Prostata und Dickdarmkrebs auslösen kann.

Als besonders heimtückisch erweist sich dabei, daß sich bei erwachsenen Tieren oftmals keinerlei Wirkungen zeigen, erst in den folgenden Generationen körperliche Schäden auftreten. Falsche hormonelle Informationen können während des Wachstums im Mutterleib zu zahlreichen Fehlentwicklungen führen. Während man lange geglaubt hatte, die Plazenta wäre eine wirksame Barriere gegen Schadstoffe und würde den Fötus vor ihnen schützen, muß man jetzt erkennen, daß die hormonähnlichen Chemkalien genauso leicht wie die echten Hormone in den Körper des Ungeborenen gelangen können. Dort verursachen sie bereits in so winzigen Mengen wie wenigen Teilen pro Milliarde irreperable Schäden.

Nun imitieren synthetische Substanzen aber nicht nur die weiblichen Hormone, die Östrogene. Sie beeinflussen auch die Entwicklung der männlichen Hormone, der Testosterone. Man weiß vom mehreren Pestiziden, daß sie deren Entstehung blockieren. Die drei Autoren vermuten hier ein Zusammenhang mit der auffällig angestiegenen männlichen Unfruchtbarkeit. Sie berichten von Untersuchungen, nach denen Männer heute deutlich weniger Spermien als früher produzieren. Dazu Dianne Dumanoski vom Massachuesetts Institute of Technology: "Seit unser Buch erschienen ist, hat es einige sehr wichtige Studien hierzu gegeben. Eine, die aus Schottland stammt, hat jetzt ein Muster bestätigt, das sich bereits in anderen europäischen Stadtstudien gezeigt hat. Der Autor Irvine und seine Kollegen haben herausgefunden, daß sich die Zahl der Spermien bei schottischen Männern deutlich verringert hat. Je später Männer in diesem Jahrhundert geboren worden sind, desto niedriger ist im Alter von dreißig ihre Spermienzahl. Es gibt also einen zeitbedingten Unterschied, der auf die Möglichkeit hinweist, daß die abnehmende Spermienzahl irgendeine vorgeburtliche Ursache hat."

So nahe die Vermutung liegt, daß hormonähnlich wirkende Chemikalien die Zeugungsfähigkeit der Männer mindern, ein endgültiger Beweis fehlt noch. Die bisherigen Forschungsergebnisse sind aber so beunruhigend, daß man sich nunmehr intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt. Provokativ fragt denn auch die deutsche Ausgabe des amerikanischen Reports in ihrem Untertitel "Gefährden wir unsere Fruchtbarkeit und Überlebensfähigkeit?"

Doch es geht dem Autor und den beiden Autorinnen nicht nur um die weiblichen und männlichen Hormonimitate. Sorgen machen ihnen auch all jene Chemikalien, die die Schilddrüsenhormone beeinflussen, da diese bei der Entwicklung des Gehirns eine sehr wichtige Rolle spielen. Einige Studien legen die Vermutung nahe, daß manche Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern auf vorgeburtliche Störungen der Bildung von Schilddrüsenhormonen zurückzuführen sind. Dazu Dianne Dumanowski : "Es gab im letzten Jahr Berichte über eine Gruppe von Kindern, die man elf Jahre lang beobachtet hat. Es waren die Kinder von Frauen, die Fisch aus den Großen Seen gegessen hatten. Manche hatten in ihrem ganzen Leben nicht mehr als vierzig Pfund Lachs gegessen und dennoch zeigten ihre Kinder meßbare neurologische Entwicklungsverzögerungen und Defizite. Als die Forscher die Kindergruppe im Alter von 11 Jahren noch einmal überprüften, stellten sie fest, daß diese Defizite weiter fortbestanden, sich die Kinder davon nicht hatten erholen und diese Fehlfunktionen überwinden können. Es gab meßbare Defizite beim Level des Intelligenzquotienten. In einigen Fällen lag ihre Lesefähigkeit zwei Jahre hinter der normalen Entwicklung ihrer Altersgenossen zurück. Wir haben also eine Gruppe von Kindern mit meßbaren Effekten und die Forscher glauben, daß dies mit PCB- und Dioxin-Kontaminationen zusammenhängt."

Es steht zu befürchten, daß unser leichtfertiger Umgang mit synthetischen Chemikalien noch einmal fatale Spätfolgen zeitigen wird. Für die Autoren steht denn auch außer Frage, daß wir weltweit schleunigst ein umfassendes Forschungsprogramm starten müssen, um aufzudecken, vor welchen Verbindungen wir uns schützen, welche wir nur noch eingeschränkt produzieren und welche wir gänzlich verbieten müssen.

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