"Warum hast du mir das Kleid so lang gemacht, Mutter? Weil ich heute vierzehn werde?" singt Wendla, die weiß, dass sich ihre Mutter vor der körperlichen Reife der Tochter fürchtet. Auch der belgische Komponist und Organist Benoît Mernier ist noch ein relativ junger Mann. Er ist Anfang 40, nicht besonders bekannt, hat dafür drei Kinder und mit ihnen die üble Zeit der Pubertät noch einmal Augen geführt bekommen.
Wenn sich die Gefühle verwirren und stauen, die Gedanken gnadenlos kritisch an allem nagen und alle Koordinaten des braven Kindes vom reifenden Kind selbst geschleift werden. In Frank Wedekinds Stück "Frühlings Erwachen" von 1891 konnte Mernier die poetische Grundlage für seine gleichnamige Oper finden. Sein Landsmann Jacques De Decker hat dafür das Wedekind-Original kongenial auf ein Drittel eingedampft hat.
Der gewaltige Eros springt die Heranwachsenden förmlich an. In ihrem kritischen Übermut deuten sie die Liebe als Eigennutz, mit Gott haben sie keinen Vertrag, die Erwachsenenwelt nehmen sie als alptraumartige Schatten wahr, zur Schule geht man nur zu einem Zweck, "damit man uns examinieren kann", wie es heißt. Und wozu? "Damit wir durchfallen".
Libretto und Musik erzählen vom Zynismus der Adoleszenz, von ihrer Verzweiflung, die bis zum Selbstmord führt, von der Kälte der Erwachsenen, die in dieser Oper immer nur aus dem Hintergrund zu hören, aber nie sichtbar sind, von der erotischen Sehnsucht, von der Lust am Leben und an der Freiheit.
Benoît Merniers Musik lässt das unplugged erklingen, mit großartigen Momenten. Und das mit einem eher kleinen klassischen Orchester, ohne elektronische oder computergestützte Mittel. Die Textur der Klänge gleicht einem sehr dünn gewebtem Schleier. Die Linienführung und die Geometrie der Fäden sind immer sichtbar. Der Stoff ist so leicht, dass er sich unter dem Atem der Emotionen zu bewegen scheint. Er beginnt zu zittern, zu flirren und flattern, wenn sich Wendla und Melchior im Wald treffen, die Luft schwül ist, ein Gewitter droht.
Eingewoben in diese von zahlreichen Glissandi durchzogene Musik hat Mernier auch viele Strukturen und Ornamente, die nicht nur an die Jahrhunderte der Musikgeschichte erinnern, sondern sie deutlich zitieren. Von der Renaissance, über Barock, Romantik und Moderne - immer wieder wird die Tradition sichtbar. Ivys, Berg, Debussy, Mahler, Monteverdi - alles ist da.
Schönheitsselig wird diese Musik mitunter, vergangenheitsselig auch. Meist in einem gänzlich eigenen Ton. Doch die Anschlüsse, die Übergänge zwischen Zitat und Eigenem wirken mitunter ungelenk. Zugleich entwickelt Mernier ein reiches Spektrum an Stimmungen. Der romantischen Verzückung stellt er die Vereinsamung zu Seite, dem Ernst die Groteske, etwa wenn die Schüler nach der Totenfeier ihres Mitschülers Hans die Erwachsenen parodieren. Doch die Groteske gerät hier nur zum platten Klamauk. Die Leichtigkeit der Partitur soll stellenweise beschwert werden mit einem Brokat aus Streicher- und Blechbässen. Aber auch das wirkt weniger eingearbeitet als aufgenäht. Überhaupt gehören zum Gesamteindruck neben großen gelungenen Passagen unfertige Teile. Dichte und Intensität gehen verloren.
Schade auch, dass die Szenerie von Vincent Lemaire die Verwirrung der Gefühle trotz mancher Abstraktionen im Ambiente des Fin de siècle belässt und nicht die Zeitlosigkeit oder Aktualität herausarbeitet. Ausgezeichnet dagegen unter anderem die Personenführung des Regisseur Vincent Boussard. Am besten aber die Wahl der durchweg sehr jungen, gänzlich unbekannten Sänger. Der Dirigent des Abends, der ebenfalls sehr junge Jonas Alber, hat Sänger und Orchester mit leichter Hand sicher geleitet.
Wenn sich die Gefühle verwirren und stauen, die Gedanken gnadenlos kritisch an allem nagen und alle Koordinaten des braven Kindes vom reifenden Kind selbst geschleift werden. In Frank Wedekinds Stück "Frühlings Erwachen" von 1891 konnte Mernier die poetische Grundlage für seine gleichnamige Oper finden. Sein Landsmann Jacques De Decker hat dafür das Wedekind-Original kongenial auf ein Drittel eingedampft hat.
Der gewaltige Eros springt die Heranwachsenden förmlich an. In ihrem kritischen Übermut deuten sie die Liebe als Eigennutz, mit Gott haben sie keinen Vertrag, die Erwachsenenwelt nehmen sie als alptraumartige Schatten wahr, zur Schule geht man nur zu einem Zweck, "damit man uns examinieren kann", wie es heißt. Und wozu? "Damit wir durchfallen".
Libretto und Musik erzählen vom Zynismus der Adoleszenz, von ihrer Verzweiflung, die bis zum Selbstmord führt, von der Kälte der Erwachsenen, die in dieser Oper immer nur aus dem Hintergrund zu hören, aber nie sichtbar sind, von der erotischen Sehnsucht, von der Lust am Leben und an der Freiheit.
Benoît Merniers Musik lässt das unplugged erklingen, mit großartigen Momenten. Und das mit einem eher kleinen klassischen Orchester, ohne elektronische oder computergestützte Mittel. Die Textur der Klänge gleicht einem sehr dünn gewebtem Schleier. Die Linienführung und die Geometrie der Fäden sind immer sichtbar. Der Stoff ist so leicht, dass er sich unter dem Atem der Emotionen zu bewegen scheint. Er beginnt zu zittern, zu flirren und flattern, wenn sich Wendla und Melchior im Wald treffen, die Luft schwül ist, ein Gewitter droht.
Eingewoben in diese von zahlreichen Glissandi durchzogene Musik hat Mernier auch viele Strukturen und Ornamente, die nicht nur an die Jahrhunderte der Musikgeschichte erinnern, sondern sie deutlich zitieren. Von der Renaissance, über Barock, Romantik und Moderne - immer wieder wird die Tradition sichtbar. Ivys, Berg, Debussy, Mahler, Monteverdi - alles ist da.
Schönheitsselig wird diese Musik mitunter, vergangenheitsselig auch. Meist in einem gänzlich eigenen Ton. Doch die Anschlüsse, die Übergänge zwischen Zitat und Eigenem wirken mitunter ungelenk. Zugleich entwickelt Mernier ein reiches Spektrum an Stimmungen. Der romantischen Verzückung stellt er die Vereinsamung zu Seite, dem Ernst die Groteske, etwa wenn die Schüler nach der Totenfeier ihres Mitschülers Hans die Erwachsenen parodieren. Doch die Groteske gerät hier nur zum platten Klamauk. Die Leichtigkeit der Partitur soll stellenweise beschwert werden mit einem Brokat aus Streicher- und Blechbässen. Aber auch das wirkt weniger eingearbeitet als aufgenäht. Überhaupt gehören zum Gesamteindruck neben großen gelungenen Passagen unfertige Teile. Dichte und Intensität gehen verloren.
Schade auch, dass die Szenerie von Vincent Lemaire die Verwirrung der Gefühle trotz mancher Abstraktionen im Ambiente des Fin de siècle belässt und nicht die Zeitlosigkeit oder Aktualität herausarbeitet. Ausgezeichnet dagegen unter anderem die Personenführung des Regisseur Vincent Boussard. Am besten aber die Wahl der durchweg sehr jungen, gänzlich unbekannten Sänger. Der Dirigent des Abends, der ebenfalls sehr junge Jonas Alber, hat Sänger und Orchester mit leichter Hand sicher geleitet.