"Ich finde alles herrlich, was mit einer Haltung zu tun hat, die aus einer wirklichen Fähigkeit entspringt, gewissermaßen Wände zu durchdringen, das Gewohnte zu durchdringen, und neue Perspektiven zu haben. Ich hasse es allerdings, wenn das zu Firlefanz führt."
Es ist dieses Wort Firlefanz, was mir von ihm im Gedächtnis bleiben wird und was so signifikant war für Kurt Hübner: für das Streitbare in ihm, das Unbedingte, mit der er Dinge ablehnte oder auch für sie eintrat: Idiotie, Verlogenheit, Geschwätz waren noch so Worte, die Kurt Hübner, der Choleriker in seiner Herzenssache Theater gern benutzte, wenn ihm etwas missfiel:
"Es gibt unglaublich viele Leute heute am Deutschen Theater, die nichts weiter machen als permanenten Firlefanz. Die alle möglichen Mittel, die längst entdeckt sind, zusammenwürfeln und daraus ein Ragout brauen, und sagen, dies Ragout haben wir so noch nicht gehabt, und es ist deshalb neu, aber dahinter steht keine Entdeckung einer neuen Perspektive."
Dabei blieb Kurt Hübner bis ins hohe Alter neugierig auf eben diese neuen Perspektiven, man sah ihn in unzähligen Premieren in der ganzen Republik, Premieren gerade auch junger Regisseure, und bis ins hohe Alter blieb ihm dieses untrügliche Gespür für wahre Talente erhalten, dass ihn zum dem Intendanten der 60 und 70er Jahre gemacht hatte.
"Ich glaube, wenn man überhaupt von einer Qualität, die ich als Theaterdirektor habe, sprechen mag, dann ist es, wenn ich sie selber bezeichnen soll, immer vor allem, glaube ich, die, die jeder Theaterdirektor haben sollte, haben muss: möglichst immer die Leute zu suchen, von denen er spürt und merkt, dass sie weit über das hinaus denken, sehen können und gestalten können, wie man selber."
Das war es, was Kurt Hübner als Intendanten sein Leben lang auszeichnete, sich ausschließlich für Talente zu entscheiden, die weit über sein eigenes hinausragten. Denn Hübner war auch selbstinszenierender Intendant und als Regisseur durchaus konservativ begrenzt. Doch mit dem, was er an jungen Menschen seit Ende der 50er Jahre zunächst drei Jahre in Ulm und dann zwischen 1962 und ’74 zwölf legendäre Jahre lang in Bremen um sich zu scharen wusste, revolutionierte er das deutsche Nachkriegstheater. Die Zeit danach bis 1986 an der Berliner Volksbühne gestaltete sich dabei etwas weniger glanzvoll.
Die Liste seiner Entdeckungen und Schützlinge liest sich wie das Who is Who eines Theaters, das bis heute ausstrahlt, auch wenn seine Protagonisten inzwischen in die Jahre gekommen sind: Da finden sich Schauspieler wie Jutta Lampe, Edith Clever, Hannelore Hoger, Bruno Ganz oder Vadim Glowna und Regisseure wie Zadek und Stein, Palitzsch und Grüber, Fassbinder und Neuenfels.
Und hier wie dort machte Kurt Hübner das jeweilige Theater mit seiner jungen Mannschaft zum mutigsten Brennpunkt der Republik. Bühnenbildner Wilfried Minks etwa brachte in Bremen die Popart ins Theater, Peter Stein holte Tasso vom Sockel und macht ihn als Künstlerfigur zum Emotionalclown der Gesellschaft. In dieser Zeit in Bremen entwickelten sich ganz unterschiedliche Theaterästhetiken, die später in der Vereinfachung unter dem Begriff "Bremer Stil" subsumiert wurden. Kurt Hübner selbst sprach später immer nur von der "Bremer Stillosigkeit".
Es war eine Zeit, in der Theater noch Tabus brechen konnte und auch musste, und das Bremer Theater tat dies mit Zadeks "Maß für Maß", Steins "Tasso", Grübers "Sturm". Nicht mehr die hohe Schauspiel-Kunst der moralischen Anstalt wurde hier gezeigt, sondern, es wurden Texte befragt nach ihrer Aktualität.
"Es haben sehr viele Leute Türen geknallt. Ich habe also so genanntes Skandaltheater gemacht, das ich nie als Skandaltheater empfunden habe, aber was die Leute eben, weil ihre alten Gewohnheiten nicht bedient wurden, als eine Provokation auffassten. Und sie haben sich aber daran gewöhnt. Und das Schlimme ist, dass dieser Zustand der Gewöhnung so weit gehen kann, dass man eine bestimmte Art der Provokation will, und noch nicht sieht, dass die Provokationen der Zukunft wieder andere sind."
Diese Erkenntnis, dass nicht nur die Zeitung von heute, sondern auch das Theater von heute, morgen schon von gestern ist, hat Kurt Hübner bis in sein 91. Jahr jung gehalten. Und so ist er eigentlich jung gestorben. Das deutsche Theater wird ihn vermissen.
Es ist dieses Wort Firlefanz, was mir von ihm im Gedächtnis bleiben wird und was so signifikant war für Kurt Hübner: für das Streitbare in ihm, das Unbedingte, mit der er Dinge ablehnte oder auch für sie eintrat: Idiotie, Verlogenheit, Geschwätz waren noch so Worte, die Kurt Hübner, der Choleriker in seiner Herzenssache Theater gern benutzte, wenn ihm etwas missfiel:
"Es gibt unglaublich viele Leute heute am Deutschen Theater, die nichts weiter machen als permanenten Firlefanz. Die alle möglichen Mittel, die längst entdeckt sind, zusammenwürfeln und daraus ein Ragout brauen, und sagen, dies Ragout haben wir so noch nicht gehabt, und es ist deshalb neu, aber dahinter steht keine Entdeckung einer neuen Perspektive."
Dabei blieb Kurt Hübner bis ins hohe Alter neugierig auf eben diese neuen Perspektiven, man sah ihn in unzähligen Premieren in der ganzen Republik, Premieren gerade auch junger Regisseure, und bis ins hohe Alter blieb ihm dieses untrügliche Gespür für wahre Talente erhalten, dass ihn zum dem Intendanten der 60 und 70er Jahre gemacht hatte.
"Ich glaube, wenn man überhaupt von einer Qualität, die ich als Theaterdirektor habe, sprechen mag, dann ist es, wenn ich sie selber bezeichnen soll, immer vor allem, glaube ich, die, die jeder Theaterdirektor haben sollte, haben muss: möglichst immer die Leute zu suchen, von denen er spürt und merkt, dass sie weit über das hinaus denken, sehen können und gestalten können, wie man selber."
Das war es, was Kurt Hübner als Intendanten sein Leben lang auszeichnete, sich ausschließlich für Talente zu entscheiden, die weit über sein eigenes hinausragten. Denn Hübner war auch selbstinszenierender Intendant und als Regisseur durchaus konservativ begrenzt. Doch mit dem, was er an jungen Menschen seit Ende der 50er Jahre zunächst drei Jahre in Ulm und dann zwischen 1962 und ’74 zwölf legendäre Jahre lang in Bremen um sich zu scharen wusste, revolutionierte er das deutsche Nachkriegstheater. Die Zeit danach bis 1986 an der Berliner Volksbühne gestaltete sich dabei etwas weniger glanzvoll.
Die Liste seiner Entdeckungen und Schützlinge liest sich wie das Who is Who eines Theaters, das bis heute ausstrahlt, auch wenn seine Protagonisten inzwischen in die Jahre gekommen sind: Da finden sich Schauspieler wie Jutta Lampe, Edith Clever, Hannelore Hoger, Bruno Ganz oder Vadim Glowna und Regisseure wie Zadek und Stein, Palitzsch und Grüber, Fassbinder und Neuenfels.
Und hier wie dort machte Kurt Hübner das jeweilige Theater mit seiner jungen Mannschaft zum mutigsten Brennpunkt der Republik. Bühnenbildner Wilfried Minks etwa brachte in Bremen die Popart ins Theater, Peter Stein holte Tasso vom Sockel und macht ihn als Künstlerfigur zum Emotionalclown der Gesellschaft. In dieser Zeit in Bremen entwickelten sich ganz unterschiedliche Theaterästhetiken, die später in der Vereinfachung unter dem Begriff "Bremer Stil" subsumiert wurden. Kurt Hübner selbst sprach später immer nur von der "Bremer Stillosigkeit".
Es war eine Zeit, in der Theater noch Tabus brechen konnte und auch musste, und das Bremer Theater tat dies mit Zadeks "Maß für Maß", Steins "Tasso", Grübers "Sturm". Nicht mehr die hohe Schauspiel-Kunst der moralischen Anstalt wurde hier gezeigt, sondern, es wurden Texte befragt nach ihrer Aktualität.
"Es haben sehr viele Leute Türen geknallt. Ich habe also so genanntes Skandaltheater gemacht, das ich nie als Skandaltheater empfunden habe, aber was die Leute eben, weil ihre alten Gewohnheiten nicht bedient wurden, als eine Provokation auffassten. Und sie haben sich aber daran gewöhnt. Und das Schlimme ist, dass dieser Zustand der Gewöhnung so weit gehen kann, dass man eine bestimmte Art der Provokation will, und noch nicht sieht, dass die Provokationen der Zukunft wieder andere sind."
Diese Erkenntnis, dass nicht nur die Zeitung von heute, sondern auch das Theater von heute, morgen schon von gestern ist, hat Kurt Hübner bis in sein 91. Jahr jung gehalten. Und so ist er eigentlich jung gestorben. Das deutsche Theater wird ihn vermissen.