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Die Edda - Mythen aus dem mittelalterlichen Island

Am Mikrofon begrüßt Sie Norbert Ely in fließendem Indogermanisch: "Welada nu, waltant got! Wewurt skihit!" Hat da jemand 'Wigelaweia' gesagt? * Musikbeispiel: "Leikr eld ok ísa" aus "Edda - Myths from medieval Iceland" Die Wikinger, meine verehrten Hörerinnen und Hörer, waren bekanntlich ein ungemein friedliches Völkchen. Vor langer, langer Zeit reisten einige von ihnen mit den Scandinavian Sea-Lines nach Island, Grönland und Vinland, und weil es ihnen dort so gefiel, blieben sie ein kurzes Weilchen in Weinland bei den nordamerikanischen Rothäuten, ein längeres Weilchen in Grünland, bis es dort endgültig zu kalt wurde, und auf Eisland leben sie heute noch. Stets waren sie freundlich zu ihren Nachbarn, vergewaltigten die Frauen fremder Völker nur mit schriftlicher Genehmigung des Sozialamts, ernährten sich von Körnern, waren jeglichen berauschenden Getränken abhold und überließen die notwendigen militärischen Operationen der Heilsarmee. Dieses Bild der Wikinger ergibt sich, wenn man einer CD-Veröffentlichung des vielfach preisgekrönten Ensembles Sequentia lauscht, das den lapidaren Titel trägt: "Edda - Myths from Medieval Iceland - Die Edda-Mythen aus dem mittelalterlichen Island". Übertrieben wäre es allerdings, aus den Klängen dieser ungemein sorgfältig edierten CD zu schließen, die Wikinger hätten grundsätzlich im Kloster gelebt. Das Ensemble Sequentia ist nämlich in diesem Fall beiderlei Geschlechts. Ja, sie ist ungewöhnlich sorgfältig ediert, diese Veröffentlichung der deutschen Harmonia Mundi, die über Bertelsmann Music Group vertrieben wird. Das Ensemble hat alte Lieder zusammengetragen und mit Auszügen aus der Snorri-Edda kombiniert. Da es zu diesen Texten keinerlei musikalische Überlieferung gibt, war Benjamin Bagby, Sänger und Spieler der Leier, darauf angewiesen, spätere Gesänge auf ihre alten Wurzeln zu untersuchen; für die notwendige instrumentale Begleitung orientierte er sich unter anderem an der Tradition der norwegischen Hardanger-Fiddel. Die Musik ist also ebenso wie die Aussprache der Altisländischen Konstrukt, und möglicherweise hat sie mit der Musik des mittelalterlichen Island so viel zu tun wie Monteverdis "Orfeo" mit der griechischen Tragödie. Nun versteht Benjamin Bagby einiges von Komposition, vor allem auch vom einstimmigen Gesang. Dem Produkt seiner durchaus kreativen Fantasie ist einige Faszination eigen, der man sich schwer entziehen kann und auch nicht entziehen sollte. Diese Art von kunstvoller Fiktion gebiert allemal ein neues Kunstwerk, das nicht notwendig der historischen Wahrheit entsprechen muß, aber seine eigene Wahrheit in sich trägt: nämlich heutige, ein bißchen esoterische Auseinandersetzung mit dem altnordischen Kosmos der Götter, des Lebens und des meist düsteren Schicksals. Was freilich die historische Wahrheit angeht, dürfte in jeder oberbayrische Wirtshausprügelei mehr Wikingerblut wallen als in dieser doch erstaunlich anämischen Veranstaltung. Die aktuelle Popsängerin Björk ist mir da persönlich lieber, weil auf jeden Fall authentisch, selbst wenn Benjamin Bagby in der Geschichte von Prymr Ansätze von dramatischer Gestaltung zeigt. * Musikbeispiel: "The Tale of Prymr" aus "Edda - Myths from medieval Iceland" Wie gesagt: Dem Unternehmen ist einige Faszination eigen, selbst wenn solche Stücke wie Baldurs Traum wohl doch mehr nach Baldrian klingen als nach existenzieller Bedrohung.

Norbert Ely | 04.07.1999