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StartseiteKultur heute"Die Einladung ist ausgesprochen"19.03.2008

"Die Einladung ist ausgesprochen"

Bundestagsvizepräsident Thierse: Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung verdient Unterstützung

Die künftige Dokumentationsstätte zu Vertreibungen in Berlin sei kein Projekt vom Bund der Vertriebenen, betont Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Vielmehr übernehme die Bundesrepublik Deutschland die Verantwortung dafür, die Geschichte und die Leiden der Vertreibungen geschichtlich korrekt und in einem vernünftigem Zusammenhang von Ursache und Wirkung darzustellen.

Moderation: Rainer B. Schossig

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) (AP)
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) (AP)

Rainer Berthold Schossig: Und Frage nun an Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Sie haben neben dem Kulturstaatsminister namens Ihrer Fraktion, der SPD, an diesem Projekt maßgeblich mitgewirkt. Ist dieses so lange diskutierte, sichtbare Zeichen nun mehr als nur ein Kompromiss?

Wolfgang Thierse: Ich denke, ja, das mehr als ein Kompromiss. Klar ist, wir verwirklichen nicht das Projekt des Bundes der Vertriebenen, das Projekt von Frau Steinbach, sondern die Bundesrepublik Deutschland übernimmt die Verantwortung dafür, dass die Geschichte und die Leiden der Vertreibungen geschichtlich korrekt dargestellt werden in einem vernünftigem Zusammenhang von Ursache und Wirkung, damit auch das Misstrauen, der Verdacht, dass wir Deutschen uns umstilisierten wollten in ein Opfervolk, widerlegt ist. Die Einladung ist ausgesprochen, dass unsere Nachbarn, namentlich polnische Experten, an der Verwirklichung dieses Konzeptes mittun, dass das also ein Projekt der Versöhnung ist und nicht neuen Zwiespalts. Ich glaube, das ist ein sehr vernünftiges Projekt, das unsere gemeinsame Unterstützung verdient.

Schossig: Das wäre das Zentrum gut nachbarschaftlicher Beziehungen, einer Kultur der Nachbarschaft in Europa. Glauben Sie, dass dieses sichtbare Zeichen dazugehören wird eines Tages?

Thierse: Ich hoffe sehr, weil auch unsere polnischen Nachbarn, und ich weiß das aus mancherlei Gesprächen, wissen, dass man geschichtliche Erinnerung, zumal wenn sie mit Schmerzen, mit Verlusterfahrung verbunden sind, dass man die nie unterdrücken darf, weil Unterdrücktes weiter schwelt und eher krank macht. Und deswegen gehört auch dieser Teil der Geschichte, so wie die deutschen Verbrechen, in das Gespräch zwischen den Nationen und zwischen den Generationen. Und deswegen glaube ich, dass ein solches sichtbares Zeichen, eine Ausstellung, ein Dokumentationsort, ein Gesprächsort zwischen den Generationen und den Nationen geeignet sein kann, genau dunkle Stellen, Vorurteile, Ängste, falsche Urteile über Geschichte zu überwinden. Das wäre jedenfalls der Sinn dieses Projektes. Und ich hoffe, es gelingt in europäischer Zusammenarbeit.

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