Sonntag, 04. Dezember 2022

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Die ENA in Strassburg

Als die SPD und Gerhard Schröder vor zwei Wochen die Gründung von deutschen Eliteschulen anregten, hat er vor allem an amerikanische Kaderschmieden gedacht. Viel näher liegt jedoch das französische Beispiel: in Frankreich sind Eliteschulen fester Bestandteil des Bildungssystems, parallel zur Massenuniversität.

Von Dorothea Marcus | 04.02.2004

    Ihr bekanntestes Beispiel ist die "Ecole Nationale d’Administration" – die ENA, gegründet 1945 von Charles de Gaulle.

    Kritiker nennen Frankreich manchmal eine "Enarchie". Der größte Teil der politischen und wirtschaftlichen Führungsclique Frankreichs besteht aus "Enarchen", unter anderem Jacques Chirac, der Außenminister Dominique de Villepin oder Alois Schweitzer, der Chef von Renault. Im nächsten Jahr wird die Schule ganz nach Strassburg ziehen - das kommt im zentralistischen Frankreich einer Revolution gleich. Oder ist es ein Zeichen für ihren langsamen Niedergang?

    Wer in Frankreich etwas werden will, muss auf die ENA. Doch Frankreichs Eliteschule der Eliteschulen gerät zunehmend in die Kritik. Vor zwei Jahren wurde im Parlament sogar offen ihre Abschaffung gefordert: spektakuläre Korruptionsfälle von Managern, die auf der ENA waren, brachten sie in Verruf. Auf einmal erhoben sich laute Zweifel an der moralischen Integrität ihrer Absolventen, an der Vetternwirtschaft der Kaderschmiede. Kritik daran, dass in Frankreich über Jahrzehnte eine einzige Schule das Ausbildungsmonopol für hohe Beamte und Manager hatte. Nicht mehr zeitgemäß und praxisfern sei sie. Der Direktor der ENA, Antoine Durrleman:

    Debatten über die ENA gab es schon immer. 1848, während der Revolution, wurde sie schon einmal abgeschafft. Doch seitdem sie 1945 wieder gegründet wurde, war sie ein riesiger Erfolg. Meinungsumfragen zeigen, dass Franzosen Professionalität in ihrer Staatsverwaltung wollen. Der Hauptvorwurf ist, dass die ENA nicht nur die Verwaltung monopolisiert, sondern auch die Wirtschaft - 20 Prozent der Absolventen leiten große Konzerne. Doch das ist keine Debatte der ENA, sondern ein gesellschaftliches Problem. Ich kann Ihnen nur sagen: die ENA bewegt sich. Sie dezentralisiert sich, sie öffnet sich für Europa. Sie passt sich der Staatsreform in Frankreich an.

    Tatsächlich wurden unter Raffarin weitreichende Reformen beschlossen - kein Zufall, ist er doch einer der wenigen Premierminister ohne ENA-Abschluss. Die Ausbildung wird verkürzt, weniger verschult, im nächsten Jahr zieht man ganz nach Strassburg - was erstaunlicherweise kaum Protestschreie hervorruft. Der ENA weht der Wind ins Gesicht. Nur in Strassburg will man davon nichts wissen.

    Dicke, grüne Teppiche, blitzsaubere Seminarräume, perfekt eingerichtete Bibliotheken - im ENA-Gebäude, einem ehemaligen Frauengefängnis in der Altstadt von Strassburg, hat nichts mit dem oft desolaten Zustand an französischen Massen-Unis zu tun. 170 Studenten sitzen in der Aula, gesittet im feinen Zwirn, Krawatte oder Kostüm und werden vom Direktor begrüßt. Sie kommen gerade vom einjährigen Praktikum zurück, mit dem das ENA-Studium begonnen hat. Vor ihnen liegen 15 Monate hartes Studium - hinter ihnen das berüchtigte Auswahlverfahren.

    Im Auswahlverfahren muss man zehn Fächer bestehen - fünf schriftlich, fünf mündlich, ohne wählen zu können. Es waren etwa 700 Bewerber für 48 Plätze. Ich bin nicht so richtig typisch, weil ich in der Bretagne studiert habe und nicht in Paris. Das Entscheidende war meine Motivation, meine Berufung. Es war wirklich das, was ich im Leben machen wollte. Was ich in Zukunft machen werde - das kommt vor allem auf meine Platzierung am Ende der Ausbildung an.

    Agathe Denechere ist 26 Jahre alt, hat wie jeder ENA-Absolvent jetzt schon eine Stelle sicher. Was für eine, ergibt sich aus ihren Endzensuren. Da sie aus der Bretagne stammt, scheint sie Gegenbeispiel zu sein für das, was man der ENA vorwirft: nur offen zu sein für einen geschlossenen Pariser Zirkel.

    Es ist wahr, dass viele ENA-Schüler aus Paris kommen und dort auf einer anderen Eliteschule waren. Aber in Wirklichkeit gibt es drei verschiedene Wege, auf die ENA zu kommen: den externen Konkurs für Absolventen der Unis, dieser Weg ist sehr streng und elitär. Dann gibt es Beamte, die schon seit fünf Jahren in der Verwaltung arbeiten und einen internen Wettbewerb machen, der ebenfalls sehr schwierig ist. Außerdem gibt es Schüler aus der Privatwirtschaft, die acht Jahre Berufserfahrung haben. Das System der Eliteschulen ist legitim, weil es auf dem Bestehen eines anonymen Wettbewerbs beruht, deshalb nennt man Frankreich ja auch "Meritokratie": alle Menschen können an hohe Posten kommen, wenn sie es verdienen, Minister- und Arbeitersöhne. In Wirklichkeit ist es hier sehr viel stärker gemischt, als die meisten glauben.

    Zwar sind die ENA-Studenten tatsächlich vom Alter her gemischt - zwischen 21 und 48 Jahren. Doch der Anteil aus Arbeiterfamilien beträgt nur sieben Prozent. Um auf der ENA zu landen, war man in Paris meist bereits auf einem Elitegymnasium und dann auf einer anderen Eliteuniversität, das schaffen Arbeiterkinder selten. Doch die ENA will sich öffnen: allerdings eher nach Europa als in die sozialen Unterschichten. Sie nimmt europäisches Recht in den Stundenplan und lässt verstärkt ausländische Studenten zu - ein Drittel des aktuellen Jahrgangs. Auch drei Deutsche sind dabei:

    Was ich bis jetzt gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt - sowohl die Qualität der Kurse, der Professoren als auch die gesamte Organisation, die mit der in Deutschland mit nichts vergleichbar ist.
    Ich kann nur sagen, dass die ENA jedenfalls den Vorteil hat, dass die Elitenbildung sehr transparent ist in Frankreich. Es gibt keine versteckten Netzwerke. Ich finde, da könnten wir uns in Deutschland ruhig mal eine Scheibe von abschneiden.


    In die französische Verwaltung aufsteigen können Ausländer bisher allerdings nicht. Sie sind Gaststudenten und wollen vor allem ihre Karrieren zuhause anschieben. Für sie ist der ENA-Besuch kostenlos. Auch die Franzosen müssen nicht etwa für ihr Studium bezahlen wie in Harvard oder Stanford - im Gegenteil:

    Das Charakteristische an der ENA ist: sie bezahlt ihre Studenten. Wenn jemand das Auswahlverfahren bestanden hat, dann ist er auch fähig, Beamter zu sein. Das jährliche Budget der ENA beträgt 37 Millionen d’Euro. Die Ausbildung eines Schülers kostet den Staat etwa 65.000 Euro in 27 Monaten. Ein schwere Investition, andererseits: ein Rolls Royce kostet mehr.

    Wohl dem Staat, der sich die Ausbildung seiner Elite mehr kosten lässt als seine Luxuskarossen. Aber ob die reformbedürftige ENA im zentralisierten Frankreich als Modell für das föderalistische Deutschland taugt, ist fraglich. Letztlich bedeutet das System der französischen Eliteschulen, dass normale Uni-Abschlüsse in Frankreich sehr viel weniger wert sind als in Deutschland. Die Ausbildung fördert stereotype Lebensläufe, sie monopolisiert die Elitenbildung. Straßenkämpfer Joschka Fischer oder Arbeitersohn Gerhard Schröder, der die Eliteschuldiskussion angestoßen hat, hätten in Frankreich wohl große Mühe gehabt, zu Staatslenkern aufzusteigen.