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StartseiteKalenderblattRevolution in der Alltagskommunikation 18.06.2020

Die ersten "Correspondenzkarten" vor 150 JahrenRevolution in der Alltagskommunikation

Die Post- oder "Correspondenzkarte", wie sie damals hieß, wurde zuerst in Österreich eingeführt, ihre Ursprünge liegen aber in Deutschland. Der Postreformer des 19. Jahrhunderts, Heinrich von Stephan, hatte sie 1865 vorgeschlagen, aber sie kam bei den Postoberen nicht an. Das sollte sich bald ändern.

Von Andrea Westhoff

Leporello Berlin Spandau, Nonnendamm, Blockwerk, Siemensstadt (imago / Arkivi)
Berlin war einst eine Industriestadt, davon zeugt etwa die Siemensstadt in Berlin-Spandau (Aufnahme von 1912) (imago / Arkivi)
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"Das Wetter ist schön, das Essen reichlich, Papa hat sich den Fuß verstaucht."

Was wir heute vor allem für den Urlaubsgruß nutzen, hat im 19. Jahrhundert als kleine Revolution in der Alltagskommunikation begonnen.

"Das Neue der Postkarte war eben, dass man frei schreiben konnte, und nicht jeder war ja in der Lage, große Briefe zu schreiben, und man hat diese Erleichterung gesehen, dass man einfach kurze Nachrichten schreiben konnte, dass man Grüße schreiben konnte, dass man im wirtschaftlichen Bereich dann das nutzen könnte für Bestellungen oder für terminliche Absprachen, und dass die Postkarten schon mit einem Briefmarken-Eindruck hergestellt wurden."

Diese Post- oder "Correspondenzkarte", wie sie damals hieß, wurde zwar zuerst in Österreich eingeführt, erzählt Veit Didczuneit vom Museum für Kommunikation Berlin:

"Aber die Ursprünge der Postkarte liegen in Deutschland: Heinrich von Stephan als großer Postreformer des 19. Jahrhunderts hat 1865 diese Postkarte vorgeschlagen, dies kam aber bei den Postoberen noch nicht an. Es galt als eine unanständige Form der Mitteilung, man befürchtete nicht nur Einnahmeverluste, weil der Brief teurer war, man hatte auch die Idee, dass die Herrschaft sich austauscht und die Bediensteten mitlesen würden, das würde nicht schicklich sein, so dass die Österreicher die Idee aufgegriffen haben. Heinrich von Stephan hat dann, als er Generalpostdirektor des Norddeutschen Postbezirkes wurde, die Postkarte dann gleich umgesetzt, und sie ist in Deutschland zum 1. Juli 1870 offiziell eingeführt worden."

Der Beginn der Karten

... wie gesagt: "offiziell". Denn obwohl man im deutschen Postwesen eigentlich immer streng nach Vorschrift handelte, war dieses Medium des kleinen Mannes offenbar schon zwei Wochen früher im Umlauf. So schrieb Heinrich von Stephan selbst – natürlich auf einer Postkarte:

"Am 18. Juni, wo der Verkauf der Correspondenzkarten begonnen hat, sind allein in Berlin 45.468 Stück verkauft worden."

Für die Karten musste man nur das aufgedruckte Porto bezahlen, 5 Pfennige, halb so viel wie für einen Brief. Aber nicht nur deshalb fanden sie so reißenden Absatz:

"Als die Postkarte eingeführt wurde, schon wenige Tage später begann der deutsch-französische Krieg und die Feldpost gab die Postkarte aus, und sie ist also schon damals millionenfach genutzt worden, das war eben eine geringere Hemmschwelle, einen kurzen Gruß, ein Lebenszeichen aus dem Krieg zu senden, als einen Brief zu schreiben."

Bald kursierten Postkarten fast überall auf der Welt, vor allem als dann, auch schon in den 1870er Jahren, erste Bilder aufgedruckt wurden. Mal waren sie Werbeträger mit Stadtansichten und Sehenswürdigkeiten, mal historisch-politische Zeugnisse:

"Soldaten im bombensicheren Unterstand, 1915" – "Zerstörte Friedrichstraße, Berlin 1945" – "8. Pioniertreffen Karl Marx Stadt, 1988".

Es wurden Karten von internationalen Sportereignissen ebenso wie vom örtlichen Fahrradausflug gedruckt - und auch erotische Bilder. Veit Didczuneit:

"Dann hat man den Aspekt, dass die Karten auch schnell gesammelt wurden, als Bildmotivsammlung, und wir haben eine Kartenserie gefunden, wo sich ein Liebespaar Anfang des 20. Jahrhunderts Guten-Morgen-, Guten-Tag-, Guten-Abend- und Gute-Nacht-Karten geschrieben hat, weil die Post vielfach an einem Tag zugestellt hat, in Berlin damals um 1900 bis zu elfmal, und die Liebenden haben das benutzt, um sich ihrer Liebe zu versichern."

Schnelle, zuverlässige Zustellung war ein Trumpf

Die schnelle, zuverlässige Zustellung war ein besonderer Trumpf des neuen Mediums. Meistens jedenfalls: Von 1926 ist eine Postkarte erhalten, auf der ein junger Soldat aus einer Kaserne in Brüssel schreibt:

"Wenn Ihr noch kein Hemd geschickt habt, dann tut das bitte schnell."

Das konnte die knapp 50 Kilometer entfernt wohnende Familie leider nicht, denn die Karte kam erst 83 Jahre später an. Sie war im Postamt hinter einen Schrank gefallen.

Heute erscheint die Kurznachrichten-Versendung per Postkarte mehr und mehr obsolet. Es werden zwar immer noch 155 Millionen Stück pro Jahr verschickt, aber 1998 waren es 400 Millionen. Veit Didczuneit:

"Ich vermute mal, dass die Tendenz noch weiter zurückgeht, aber die Postkarte lebt immer noch, trotz der Grüßeversendung mit Whatsapp und Co, weil sie etwas Haptisches hat."

Und ihre Geschichte geht weiter, beim "Postcrossing" zum Beispiel: Hier haben sich inzwischen hunderttausende Menschen aus über 200 Ländern auf einer Internetplattform registrieren lassen, um sich gegenseitig Ansichtskarten zu schicken.

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