Das Buch erscheint zunächst martialisch. Wird doch schon im Titel: Der Kampf um die europäische Erinnerung beschworen. Zudem kündet der Untertitel von einem Schlachtfeld. Und das Konterfei des Einbands zeigt ein Paar leere Soldatenstiefel. Was wollen uns diese, im Kommiss-Jargon: Knobelbecher sagen?
Hinter ihnen liegen eine Serie von Katastrophen und Hekatomben von Toten. Europa ist ein Schlachtfeld, seine Historiografie gleicht einer Schlachtbeschreibung.
Nun beabsichtigen Leggewie und Lang aber nicht, eine Historiografie abzuliefern. Sie wollen vielmehr dartun, wie die Europäer auf Basis ihrer gemeinsamen, blutigen Geschichte ein Zukunftsprojekt machen könnten:
Die Herausbildung eines europäischen Wir-Gefühls hängt maßgeblich von der Entstehung einer gemeinsamen Öffentlichkeit und der Einbindung der Zivilgesellschaft ab. Gerade konfliktträchtige Kommunikationsereignisse stellen transnationale Öffentlichkeiten her was aber gerade nicht heißt, dass es dasselbe Verständnis ist, sondern dass man sich über Konflikte, Kriege, Verletzungen, Wünsche, Hoffnungen auf zivile Art verständigen kann.
Leggewie und Lang wollen also einen zivilen Diskurs anstoßen über die Konflikte, die die Europäer miteinander ausgetragen haben. Das mehrfach im Buch beschworene Beispiel hierfür ist die Versöhnung zwischen den einstigen Erbfeinden Frankreich und Deutschland. Mit Verweis auf Helmut Dubiel und dessen Credo: 'Integration durch Konflikt' bestehen Leggewie und Lang genau darauf:
Wenn die gängige Rede von einer kollektiven Identität Sinn ergeben soll, ist es die akkumulierte Erfahrung überstandener dramatischer Konflikte, in deren Folge sich dieses Bewusstsein eines gemeinsam geteilten gesellschaftlichen Raumes herausbildet.
Das ist keine Idee, für die die zwei Politik- und Kultur-Wissenschaftler Exklusivrechte beanspruchen könnten. Vielmehr verweisen Leggewie und Lang auf eine parteiübergreifend gelobte Rede des früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Christoph Bergner. Im Bundestag skizzierte der CDU-Politiker das,
... was man mit Blick auf die Konflikte, Verwüstungen und Verbrechen des 20. Jahrhunderts in Europa <europäische erinnerungskultur=""> nennen könnte. So ist die Europäische Union in ihrem Kern ein Aussöhnungsprojekt, das auf gemeinsamer Geschichtsbewältigung beruht.</europäische>
Im ersten Teil ihres Buches machen Leggewie und Lang sieben, wie sie es nennen: 'Anker- und Fluchtpunkte einer supra- und transnationalen Erinnerung in Europa' aus. Als ersten Anknüpfungspunkt für die Herausbildung einer europäischen Identität führen sie den Holocaust an. Sie erklären ihn zum 'negativen Gründungsmythos für Europa'. Anschließend skizzieren Leggewie und Lang das sowjetische Gulag-System, ethnische Säuberungen, Kriege und Krisen, Kolonialverbrechen, Migrationsgeschichte und Europäische Integration. Die beiden Autoren behaupten nicht, damit alle konfliktorischen Aspekte benannt zu haben, die es in der jüngeren europäischen Geschichte gegeben hat. Und dennoch:
Wenn Europa ein kollektives Gedächtnis hat oder sich ein solches entwickelt, ist es ebenso vielfältig wie seine Nationen und Kulturen. Europäisch kann nur die Art und Weise sein, wie an die Untaten gemeinsam erinnert wird und wie daraus möglichst behutsame Lehren für die Gegenwart der europäischen Demokratien gezogen werden.
Das mag sich zwar widersprüchlich anhören: Ein kollektives Gedächtnis - so vielfältig wie die unterschiedlichen Kulturen Europas!? Aber gut: Auch ein Diamant besticht durch die Einheit seiner unzähligen Facetten. Im zweiten Teil des Buches nehmen sich Leggewie und Lang allerdings nicht jeden der Anknüpfungspunkte noch einmal vor. Der Holocaust oder das Gulag-System sind, ihrer Überzeugung nach, so ausgiebig bearbeitet worden, dass sich eine kurze Besprechung von selbst verbiete. Stattdessen greifen sie sechs Aspekte auf, die in der neueren Geschichtsschreibung als "Erinnerungsorte" bezeichnet werden. Es geht dabei allerdings nicht um Plätze, sondern um hoch-aufgeladene Symbole. So dient den Autoren beispielsweise ein sowjetisches Kriegsdenkmal in Tallinn dazu, die Differenzen zwischen Russen und Esten zu veranschaulichen: Bedeutet für die einen das Ende des 2. Weltkriegs den glorreichen Sieg über den Hitler-Faschismus, denken die anderen an den Beginn einer neuen, eben der sowjetischen Diktatur. Oder die beiden Autoren beleuchten akribisch eine Video-Sequenz des Internetportals YouTube.
Dieser Erinnerungsort zeigt den Auftritt des als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Damit wird der Abschnitt über ethnische Säuberungen eingeleitet. Und schließlich eröffnet das Moped, das der millionste Gastarbeiter 1964 als Willkommens-Geschenk bekam, die Passagen zu Migration. Stets handeln Leggewie und Lang die gleiche inhaltliche Struktur ab: Erinnerungsort - sprich: Symbolischer Anknüpfungspunkt. Einordnung in den zeithistorischen Hintergrund. Erläuterung der unterschiedlichen Perspektiven auf die jeweilige Kontroverse. Und die europäische Dimension des Konflikts. Leggewie und Lang finden einen gewinnbringenden Ansatz für ihre Studie. Natürlich: Das Buch ist keine umfassende Antwort auf die Frage nach Europas Identität - wie sollte es auch? Der Sprachstil ist manchmal gestelzt und gekünstelt, und nicht jeder der verwendeten Begriffe würde einem wissenschaftlichen Stress-Test standhalten. Das Werk ist eben im sogenannten vorwissenschaftlichen Bereich angesiedelt. Absichtlich. Und das ist gut so - gerade jetzt: Wird hierzulande doch schon mehrfach das Ende des Projekts Europas bei Scheitern des Euro beschworen. Das Buch stellt einen, wenn auch begrifflich verbesserungswürdigen Stein des Anstoßes dar, um über europäische Identität nachzudenken.
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung: Ein Schlachtfeld wird besichtigt.
Beck-Verlag, 224 Seiten, € 14,95, ISBN: 978-3-40660-584-0
Hinter ihnen liegen eine Serie von Katastrophen und Hekatomben von Toten. Europa ist ein Schlachtfeld, seine Historiografie gleicht einer Schlachtbeschreibung.
Nun beabsichtigen Leggewie und Lang aber nicht, eine Historiografie abzuliefern. Sie wollen vielmehr dartun, wie die Europäer auf Basis ihrer gemeinsamen, blutigen Geschichte ein Zukunftsprojekt machen könnten:
Die Herausbildung eines europäischen Wir-Gefühls hängt maßgeblich von der Entstehung einer gemeinsamen Öffentlichkeit und der Einbindung der Zivilgesellschaft ab. Gerade konfliktträchtige Kommunikationsereignisse stellen transnationale Öffentlichkeiten her was aber gerade nicht heißt, dass es dasselbe Verständnis ist, sondern dass man sich über Konflikte, Kriege, Verletzungen, Wünsche, Hoffnungen auf zivile Art verständigen kann.
Leggewie und Lang wollen also einen zivilen Diskurs anstoßen über die Konflikte, die die Europäer miteinander ausgetragen haben. Das mehrfach im Buch beschworene Beispiel hierfür ist die Versöhnung zwischen den einstigen Erbfeinden Frankreich und Deutschland. Mit Verweis auf Helmut Dubiel und dessen Credo: 'Integration durch Konflikt' bestehen Leggewie und Lang genau darauf:
Wenn die gängige Rede von einer kollektiven Identität Sinn ergeben soll, ist es die akkumulierte Erfahrung überstandener dramatischer Konflikte, in deren Folge sich dieses Bewusstsein eines gemeinsam geteilten gesellschaftlichen Raumes herausbildet.
Das ist keine Idee, für die die zwei Politik- und Kultur-Wissenschaftler Exklusivrechte beanspruchen könnten. Vielmehr verweisen Leggewie und Lang auf eine parteiübergreifend gelobte Rede des früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Christoph Bergner. Im Bundestag skizzierte der CDU-Politiker das,
... was man mit Blick auf die Konflikte, Verwüstungen und Verbrechen des 20. Jahrhunderts in Europa <europäische erinnerungskultur=""> nennen könnte. So ist die Europäische Union in ihrem Kern ein Aussöhnungsprojekt, das auf gemeinsamer Geschichtsbewältigung beruht.</europäische>
Im ersten Teil ihres Buches machen Leggewie und Lang sieben, wie sie es nennen: 'Anker- und Fluchtpunkte einer supra- und transnationalen Erinnerung in Europa' aus. Als ersten Anknüpfungspunkt für die Herausbildung einer europäischen Identität führen sie den Holocaust an. Sie erklären ihn zum 'negativen Gründungsmythos für Europa'. Anschließend skizzieren Leggewie und Lang das sowjetische Gulag-System, ethnische Säuberungen, Kriege und Krisen, Kolonialverbrechen, Migrationsgeschichte und Europäische Integration. Die beiden Autoren behaupten nicht, damit alle konfliktorischen Aspekte benannt zu haben, die es in der jüngeren europäischen Geschichte gegeben hat. Und dennoch:
Wenn Europa ein kollektives Gedächtnis hat oder sich ein solches entwickelt, ist es ebenso vielfältig wie seine Nationen und Kulturen. Europäisch kann nur die Art und Weise sein, wie an die Untaten gemeinsam erinnert wird und wie daraus möglichst behutsame Lehren für die Gegenwart der europäischen Demokratien gezogen werden.
Das mag sich zwar widersprüchlich anhören: Ein kollektives Gedächtnis - so vielfältig wie die unterschiedlichen Kulturen Europas!? Aber gut: Auch ein Diamant besticht durch die Einheit seiner unzähligen Facetten. Im zweiten Teil des Buches nehmen sich Leggewie und Lang allerdings nicht jeden der Anknüpfungspunkte noch einmal vor. Der Holocaust oder das Gulag-System sind, ihrer Überzeugung nach, so ausgiebig bearbeitet worden, dass sich eine kurze Besprechung von selbst verbiete. Stattdessen greifen sie sechs Aspekte auf, die in der neueren Geschichtsschreibung als "Erinnerungsorte" bezeichnet werden. Es geht dabei allerdings nicht um Plätze, sondern um hoch-aufgeladene Symbole. So dient den Autoren beispielsweise ein sowjetisches Kriegsdenkmal in Tallinn dazu, die Differenzen zwischen Russen und Esten zu veranschaulichen: Bedeutet für die einen das Ende des 2. Weltkriegs den glorreichen Sieg über den Hitler-Faschismus, denken die anderen an den Beginn einer neuen, eben der sowjetischen Diktatur. Oder die beiden Autoren beleuchten akribisch eine Video-Sequenz des Internetportals YouTube.
Dieser Erinnerungsort zeigt den Auftritt des als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Damit wird der Abschnitt über ethnische Säuberungen eingeleitet. Und schließlich eröffnet das Moped, das der millionste Gastarbeiter 1964 als Willkommens-Geschenk bekam, die Passagen zu Migration. Stets handeln Leggewie und Lang die gleiche inhaltliche Struktur ab: Erinnerungsort - sprich: Symbolischer Anknüpfungspunkt. Einordnung in den zeithistorischen Hintergrund. Erläuterung der unterschiedlichen Perspektiven auf die jeweilige Kontroverse. Und die europäische Dimension des Konflikts. Leggewie und Lang finden einen gewinnbringenden Ansatz für ihre Studie. Natürlich: Das Buch ist keine umfassende Antwort auf die Frage nach Europas Identität - wie sollte es auch? Der Sprachstil ist manchmal gestelzt und gekünstelt, und nicht jeder der verwendeten Begriffe würde einem wissenschaftlichen Stress-Test standhalten. Das Werk ist eben im sogenannten vorwissenschaftlichen Bereich angesiedelt. Absichtlich. Und das ist gut so - gerade jetzt: Wird hierzulande doch schon mehrfach das Ende des Projekts Europas bei Scheitern des Euro beschworen. Das Buch stellt einen, wenn auch begrifflich verbesserungswürdigen Stein des Anstoßes dar, um über europäische Identität nachzudenken.
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung: Ein Schlachtfeld wird besichtigt.
Beck-Verlag, 224 Seiten, € 14,95, ISBN: 978-3-40660-584-0