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Die feindliche Übernahme des Pharmakonzerns Aventis

Beherrschenden Thema der Wirtschaftskommentare ist die angekündigte feindliche Übernahme des Pharmakonzerns Aventis durch das französische Unternehmen Sanofi-Synthélabo. Die bewertet Sanofis Vorstoß so:

    Es zeugt schon von einer großen Portion Mut mit einer Prise Überheblichkeit, wenn sich der Pharmakonzern Sanofi-Synthelabo anschickt, den doppelt so großen deutsch-französischen Konkurrenten Aventis einfach mal so zu schlucken. Ein machtbewusster Stratege wie Sanofi-Chef Jean-François Dehecq aber geht einen solchen Schritt nicht ohne Rückendeckung von ganz oben, nicht ohne die Pariser Regierung,

    schreibt die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND.

    Auch die Neue Zürcher Zeitung blickt auf die politischen Interessen im Hintergrund:

    Die Einzigen, die sich - nebst Sanofi - ob des feindlichen Vorstoßes zufrieden zeigen, sind die französischen Politiker; Paris dürfte daran gelegen sein, einen nationalen 'Pharma-Champion' zu etablieren und sicherzustellen, dass nicht etwa von Seiten der Angelsachsen eine unwillkommene Attacke auf die heimische Pillen-Industrie lanciert wird.

    Aus Frankreich wird die Unternehmensstrategie von Sanofi skeptisch beurteilt. So kommentiert die Zeitung LA PRESSE DE LA MANCHE aus Cherbourg:

    Das feindliche Übernahmeangebot von Sanofi-Synthélabo gegen Aventis ist noch lange nicht gewonnen. Das wird eine Messerstecherei unter Titanen. Aber diese Episode illustriert sehr anschaulich die Taktik der Überfälle und Offensiven, mit denen die großen Industriegruppen heute ums eigene Überleben kämpfen.

    Vieles spreche dafür, dass die feindliche Übernahme Erfolg haben werde, glaubt dagegen Süddeutsche Zeitung

    Aventis hat weitgehend Dynamik, Innovation, Wissenschaft, Zukunft und Fortschritt vermissen und sich das Heft aus der Hand nehmen lassen. Zwar sind die Unternehmensergebnisse ganz gut und die Verschuldung schrumpfte deutlich: Doch der Patentschutz mehrerer Hauptumsatzträger läuft bald ab. Aventis dürfte nicht mehr lange leben."
    Für das Handelsblatt aus Düsseldorf ist die sich ankündigende Übernahmeschlacht ein Symptom:

    Ein Virus ist zu neuem Leben erwacht: Die Fusionitis geht um. Wie zu alten Boomzeiten um die Jahrtausendwende erscheinen Mammutübernahmen wieder machbar. Angesichts des neu gewonnenen Vertrauens der Konzernlenker in die eigenen Stärken wird es bei Fusionen weiter Schlag auf Schlag gehen - auch in Deutschland.