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"Die Fernsehgagen machen die Ensembles kaputt"

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, will das Fernsehen für die Ausbildung junger Schauspieler stärker in die Pflicht nehmen. Das Fernsehen tue nichts für den Nachwuchs an den Theatern, sondern werbe die fertigen Künstler einfach mit hohen Gagen ab. Auf Dauer mache man so das Theater kaputt, moniert Peymann.

Moderation: Beatrix Novy |
    Beatrix Novy: Dem Berliner Ensemble in Berlin geht es gut. Heute rief Intendant Claus Peymann die Presseleute zur Saisonbilanz zusammen und teilte mit, das Theater blickt auf die erfolgreichste Spielzeit seit jeher zurück, die Einnahmen sind erheblich gestiegen, die Vorstellungen zu 85 Prozent ausgelastet. Der Hintergrund dieser Zahlen hat freilich auch etwas mit dem Großereignis "Wallenstein" zu tun, der zehnstündigen Inszenierung von Peter Stein, die allein anderthalb Millionen einbrachte. Für die nächste Saison soll Robert Wilson Berthold Brechts "Dreigroschenoper" inszenieren, geplant ist auch eine Uraufführung von George Tabori und ein Gastspiel mit Brechts "Mutter Courage" in Teheran. Das ist alles sehr interessant, wir wollen aber jetzt auf eine Fußnote in dieser Pressekonferenz näher eingehen, nämlich die Forderung von Claus Peymann, dass das Fernsehen sich mit - mal so hingesagt - 20 Millionen an der Finanzierung der Theater eigentlich beteiligen müsste. Ich habe ihn gefragt warum.

    Claus Peymann: Also, ich finde, dass die großen Fernsehanstalten, die ja durch die Zwangseintreibung der Gebühren viel Geld bekommen, dass die sich einfach mal daran beteiligen, für das, was wir Theater ihnen bieten. Wir bieten ihnen nämlich ausgebildete Schauspieler, ich sage mal, Hogermann, Sophie Rois, Bleibtreu, Domröse, Ganz, Sebastian Koch, Armin Müller-Stahl, Uli Mühe, Pleitgen, Peter Sattmann, Manfred Krug - alles Schauspieler, die die deutschen Sprechbühnen ausgebildet haben, und kaum waren sie richtig tolle Schauspieler, hat das Fernsehen sie uns abgeworben. Dann würde man sagen, das ist ja wurscht, aber das Problem ist dieses: Sie haben einen Schauspieler, den entwickeln Sie, der verdient bei Ihnen 2000, 3000 Euro im Monat, und dann kommt der plötzlich und sagt: Du, ich habe ein Fernsehangebot, da kriege ich 4000 am Tag! Und schon ist er weg.

    Novy: Wie kommen Sie aber jetzt auf 20 Millionen, mal dazwischengefragt? Das wüsste ich gerne noch.

    Peymann: Ja, das ist natürlich eine polemische Summe, verstehen Sie. Es gab früher mal, als das Fernsehen noch ein schlechtes Gewissen hatte, da gab es ... Beim ZDF hat man gesagt, also, wir verstehen das. Da ihr uns praktisch die Leute ausbildet, die dann bei uns zu Fernseh- oder Filmstars werden, dafür zeichnen wir jedes Jahr mit guten Gagen drei bis vier Aufführungen der führenden Bühnen in Deutschland, aber auch der kleineren Theater, zeichnen wir fürs Fernsehen auf, und das ist ein gewisses Entgelt. Der WDR hat das auch eine Zeitlang gemacht. Und das finde ich auch nur korrekt. Wenn Sie sich vorstellen, ich meine - das Fernsehen tut nichts dafür, dass an den Schauspielschulen Jahr für Jahr diese Leute ausgebildet werden, tut nichts dafür, dass dann in den Theatern diese Schauspieler, diese jungen Schauspieler, reifen, zum Beispiel dann am Ende ist dann ein Ulrich Mühe da oder ein Bruno Ganz, und dann kaufen sie die fertigen Leute ein, ohne sich an der Entwicklung dieser Leute zu beteiligen, und ruinieren die Theater mit ihren Gagen.

    Novy: Auf der anderen Seite - gerade weil Selbstdarstellung ja bei uns das am teuersten bezahlte Gut ist, gibt es ja auch wieder einen Profit, den Fernsehleute Ihnen entgegenrechnen könnten. Wenn nämlich Schauspieler einmal ihr Gesicht auf der Mattscheibe zugänglich gemacht haben, bringen sie ja wieder - wenn sie dann auf die Bühne gehen - dem Theater durch ihre Prominenz Aufmerksamkeit.

    Peymann: Ja, das lassen sich diese Schauspieler auch dann gerne bezahlen. Die sagen, du, hör mal zu, ich kann da nicht mehr für die Gage spielen, ich bin doch jetzt ein Fernsehstar! Da müsst ihr mir aber die doppelte Gage geben. Also, das wissen die auch. Verstehen Sie, wenn das Fernsehen streng wirtschaftlich rechnen würde und wenn das Fernsehen nicht diese infamen Gagen zahlen würde, dann wäre das Ganze ja ausgeglichen. Aber das Fernsehen wirbt uns permanent Leute ab und zwar in allen Generationen, von der Fritzi Haberlandt bis zu Michael Rehberg. Durch die ganze Palette, von jung bis alt, machen die Fernsehgagen die Ensembles kaputt.

    Novy: Gibt es eigentlich nicht doch so was wie das Phänomen des Widerspruchs? Werden sehr junge Schauspieler für die Bühne nicht möglicherweise gar untauglich, wenn sie zu früh zum Fernsehen gehen? Wie ist das eigentlich?

    Peymann: Ja klar. Das ist auch ein Problem. Das ist ganz gefährlich. Da werden junge Schauspieler verheizt im Fernsehen für irgendeine blöde Serie, so, was weiß ich, zwischen sieben und acht, kommen direkt von der Schule, da werden die Gesichter verheizt, das geht noch schneller als beim Fußball. Und dann werden die fallengelassen, machen zwei Jahre das große Geld, und dann kommen die traurigen Briefe: Ach, hätte ich doch, Herr Peymann, damals ihr Engagement angenommen, jetzt habe ich zwar zwei Jahre gut gearbeitet,... Da werden ganze Menschen zerstört, ganze Karrieren zerstört. Das ist wieder der andere Fall.

    Novy: Und wenn Sie eben vom Geld sprachen, geht es eigentlich immer nur ums Geld? Man muss vielleicht auch, auch von hier aus, selbstkritisch sagen, dass Schauspieler in der Theaterkritik ja doch mehr vernachlässigt werden gegenüber zum Beispiel den Regisseursleistungen oder Bühnenbildleistungen, während sie im Fernsehen und im Film natürlich die erste Rolle spielen.

    Peymann: Ganz klar. Da liegt ein großes Dilemma, aber das ist nicht ein Dilemma der Theaterleute, das ist ein Dilemma des Journalismus, das sich in den letzten Jahrzehnten ..., dass man die Regisseure und das Stück, die literarische Kritik, in den Mittelpunkt gestellt hat, und eine Sprache für die Würdigung von Schauspielern einfach verloren hat in der Theaterkritik. Die kommen ja dann am Ende so mit vier Zeilen vor. Aber das ist ein Problem der Literarisierung des Theaterbetriebes.

    Novy: Wie ernst haben Sie Ihre Forderung gemeint? Glauben Sie, so was hat realistische Chancen?

    Peymann: Nein. Das ist völlig unrealistisch. Die sitzen fett in ihren Fernsehanstalten und denen ist das wurscht. Es ist einfach unfair. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als der Sepp Bierbichler vor kurzem - ich glaube, der hat irgendeinen Bundesfilmpreis als bester männlicher Schauspieler bekommen -, da hat er in seiner Laudatio drauf hingewiesen. Er hat gesagt: Ich danke den Theatern für meine Ausbildung, für meinen Weg, damit ich jetzt diesen wunderbaren Fernsehpreis bekomme.

    Novy: Aber das nützt dem Theater jetzt nichts. Gäbe es denn irgendeine andere Art von realistischer Gegenleistung, so was wie Sie am Anfang gesagt haben?

    Peymann: Irgendwas müsste man machen. Man müsste das irgendwie koppeln, dass diese Fernsehgebühren eine Abgabe für irgendetwas, mindestens für die Schauspielschulen, für die tollen Ausbildungsstätten für Schauspieler, die die Städte bezahlen, die die Länder bezahlen, das Fernsehen ist da nicht mit drin und die bedienen sich.