Freitag, 20. Mai 2022

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Die Frage vom gerechten Krieg

Innerhalb von zwei Wochen kamen in Afghanistan sieben Bundeswehrsoldaten ums Leben. Ob Einsatz und Ergebnis dort noch in sinnvollem Verhältnis stehen, erläutert der Ethikprofessor Ludger Honnefelder.

Ludger Honnefelder im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske | 18.04.2010

Doris Schäfer-Noske: Nichts ist gut in Afghanistan. Mit diesem Satz zum neuen Jahr hat die inzwischen zurückgetretene EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann heftige Reaktionen hervorgerufen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch erklärte, die katholische Kirche sehe die Sache etwas differenzierter. Die katholische Friedensethik konzentriere sich auf ein politisches Ziel, nämlich den gerechten Frieden, zu dem ein Mindestmaß praktizierter Freiheitlichkeit, auch religiöser Freiheit, politischer Beteiligungsrechte und sozialer Ausgewogenheit gehöre. Die Befürworter des Afghanistaneinsatzes berufen sich also auf die gute Sache, für die derzeit auch immer mehr deutsche Soldaten sterben müssen – innerhalb von zwei Wochen kamen sieben Bundeswehrsoldaten ums Leben. Frage an den Ethikprofessor Ludger Honnefelder: Herr Honnefelder, gibt es denn eine ethische Rechtfertigung für den Tod der Bundeswehrsoldaten?

Ludger Honnefelder: Gewaltanwendung gegenüber Leib und Leben anderer ist ja im Prinzip moralisch nicht vertretbar, also muss es eine Rechtfertigung geben, wenn überhaupt die Anwendung von Gewalt legitim sein kann. Und es gibt im Zusammenhang der Staaten die Notwendigkeit des eigenen Schutzes, der eigenen Verteidigung, und deshalb gibt es seit alters her, auf dem Hintergrund der Antike ist das schon im Mittelalter beispielsweise von Thomas von Aquin entwickelt worden, wann denn die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt sein kann. Beispielsweise, dass es einen gerechten Grund haben muss, es muss in der richtigen Einstellung geschehen, es darf nur eine Ultima Ratio sein, um das betreffende Gut zu schützen, und dann müssen auch die Mittel und die zu erwartenden Folgen in einem bestimmten Verhältnis stehen, es muss die legitime Autorität gewahrt sein, dass also ein Krieg erklärt wird oder dass eine Intervention beispielsweise heute durch eine Resolution der Vereinten Nationen gedeckt ist. Das alles macht diese Lehre vom gerechten Krieg aus, an dem sich eben auch eine Friedensethik orientieren kann, denn der gerechte Friede ist ja in der Tat etwas, was verteidigt sein will.

Schäfer-Noske: Nun ist aber die Lage beim Konflikt in Afghanistan ja eine andere. Wo liegt denn da aus ethischer Sichte der Unterschied zur Situation von früher, als die Soldaten bei der Verteidigung des Vaterlandes ums Leben gekommen sind?

Honnefelder: Ja beispielsweise, ob es sich um einen Krieg handelt, das ist diese juristische Frage, ob hier ein Staat gegen einen anderen Staat sich verteidigt. Das ist hier ja nicht der Fall, insofern ist dieses Kriterium, das normalerweise für die Ethik des Krieges erforderlich ist, nicht erfüllt. Umgekehrt stehen natürlich hier Güter infrage wie eben der Schutz der dortigen Bevölkerung, die sich gewaltsam angegriffen sieht, auch möglicherweise der Schutz von Nachbarländern, auch des eigenen Landes, der hier infrage steht. Das heißt, die Linien, die Unterscheidungen sind unscharf und müssen deshalb eigens bedacht werden.

Schäfer-Noske: Die scholastische Ethik hat ja die Kategorien der Klugheit, Gerechtigkeit, des Maßes und der Tapferkeit entwickelt. Kann man denn mit diesen Kategorien hier argumentieren?

Honnefelder: Ja durchaus, und zwar deshalb, weil die Tapferkeit, die zum Beispiel von den Soldaten gefordert wird, steht ja in Verbindung eben mit der Tugend der Gerechtigkeit und auch der Tugend des Maßhaltens und vor allen Dingen mit der Klugheit, das heißt, sie muss Resultat einer vernünftigen Abwägung sein. Von den Soldaten werden natürlich besondere Haltungen gefordert und das ist die Lehre von den Kardinaltugenden. Dazu gehört eben die Tapferkeit, die weder Tollkühnheit ist noch Feigheit, aber eine Tapferkeit, die eben gelenkt ist von kluger Abwägung, von der Haltung der Gerechtigkeit, das heißt von der Orientierung an den schützungswerten Gütern, und die auch die eigenen Leidenschaften und Antriebe unter Kontrolle halten kann.

Schäfer-Noske: Sie haben von der Abwägung der Güter gesprochen. Wenn man im Fall Afghanistan die Dinge gegeneinander abwägt, zu welchem Ergebnis kommt man dann?

Honnefelder: Da beginnen eben die Schwierigkeiten; das kann natürlich sein, dass das zu schützende Gut hoch ist, auch eigentlich die Mittel rechtfertigt, dass aber der Erfolg so gering oder so kontraproduktiv ist, dass von daher die Proportionen nicht mehr stimmen, und da ist es Sache der Klugheit zu überlegen, ob das der Fall ist.

Schäfer-Noske: Ist denn die Bundeswehr diesem Einsatz noch gewachsen oder hat man da jetzt die ethische Verpflichtung, die Soldaten aus Afghanistan abzuziehen?

Honnefelder: Da bin ich überfragt. Das ist eine Urteilsbildung, die von den beteiligten Militärs erwartet werden muss; umgekehrt ist das natürlich dann auch anschließend eine Frage des politischen Urteils.

Schäfer-Noske: Also Sie würden sagen, wenn eine Grenze erreicht ist, wo der Einsatz und das Ergebnis in keinem Verhältnis mehr stehen, dann wäre da eine Grenze, wo es ethisch nicht mehr vertretbar wäre?

Honnefelder: Das gehört zur Lehre von der gerechten Friedenssicherung oder vom zu rechtfertigenden Krieg, dass dieses Verhältnis gewahrt sein muss.