Archiv


Die Frau aus dem Kanzleramt

Die Malerin Corinne Wasmuht nutzt feine Teilchen wie Haare, Wassertropfen oder Raupen als Vorlagen für ihre farbintensiven Gemälde - ebenso aber auch Straßenschluchten, Flure und den unermesslichen Raum des Weltalls. Nun sind Werke der Künstlerin im Berliner Haus am Waldsee zu sehen.

Von Carsten Probst |
    Schon auf den ersten Blick erschließt sich, was diese Malerei erfolgreich macht. Corinne Wasmuhts Bilder wirken sehr einladend. Sie erscheinen gegenständlich, ohne nur realistisch zu sein. Sie collagieren und verfremden fotografische Eindrücke, behalten jedoch eine Grundordnung bei. Sie wirken sehr räumlich, so dass man das Gefühl hat, sich in riesigen Bildräumen zu verlieren und seine Fantasie walten lassen zu können.

    Wasmuhts Malerei wirkt erzählerisch, ohne dem Betrachter aber eine bestimmte Erzählung vorzuschreiben. Ihre Farben leuchten künstlich, ohne kitschig zu sein. Die handwerkliche Präzision der malerischen Details, etwa die Effekte von spiegelndem Wasser oder von flirrenden, einander überlagernden Lichtern, faszinieren, ohne dass ihre Bilder dabei den malerischen Duktus aufgeben. Hier ist nichts mit Computern bearbeitet, sondern alles erkennbar von Hand gemacht, was den großen Formaten etwas Kostbares gibt.

    Dennoch gleichen Wasmuhts Bilder Panoramen, in denen die virtuelle mit der analogen Realität verschwimmt und sich beide ganz im Sinne einer Philosophie wie derjenigen Jean Baudrillards, unauflöslich durchdringen. Damit trifft sie ein gegenwärtiges Lebensgefühl. Sie malt Strukturen, ineinander verschobene Raumwelten, Architekturen, die ebenso imaginär wie real, ebenso mikroskopisch wie gigantisch wirken. Ihr Reiz ist aber nicht ungebrochen, die Verführung zum Träumen hat auch etwas Abgründiges. Wasmuhts Bilder wirken zerfressen von der Geschwindigkeit, mit der sich die Szenerien in ihnen vermischen und flirrend auflösen.

    Die Zeit, die man damit zubringen kann, sich in all dem zu ergehen, findet sich in den Gemälden selbst nicht wieder. Bei Wasmuht gibt es kein Innehalten, sondern nur den ständigen Wechsel der Zeichen und Überblendungen. Schaut man auf die frühen Bilder der 1964 in Dortmund geborenen Künstlerin, fällt ein starkes Interesse an realistischen Darstellungen auf, die dann in der Malerei gleichsam zu Ornamenten gesampelt werden.

    Sie bediente sich längere Zeit entweder Fotografien aus den Medien, etwa um verschiedene Innenräume ineinander zu verschränken, oder Abbildungen in Biologiebüchern, Illustrationen aus den Naturwissenschaften, die dreidimensional darstellen, was sich mit bloßem menschlichem Auge nicht mehr erkennen lässt.

    Hautschichten, Querschnitte durch Gliedmaßen, mikroskopische Organellen. Diese Zeichenwelten ordnet Wasmuht dann in den neunziger Jahren zu virtuellen räumlichen Strukturen, die zugleich völlig funktionslos und in diesem Sinn abstrakt-schön erscheinen.

    Auch Wasmuhts heutige Bilder schöpfen aus diesem Geist des virtuellen Ornaments, einer Art neuem Jugendstil, floral und funktional, durchmischt mit den Erfahrungen der heutigen Medienwelt. Interessant ist, dass Corinne Wasmuht sich mit ihrer höchst präzisen Malerei explizit von der Kunst der sogenannten Neuen Wilden in den achtziger Jahren abgrenzen will.

    Bei ihr findet sich der Betrachter mit seiner täglichen Erfahrung unserer virtualisierten Lebenswelt in ihren Bildern wieder, er ist sozusagen teil der Geschichte, die Wasmuht auf ihren Gemälden darstellt. Was für die Neuen Wilden noch ein hohes Ziel war: Kunst und Leben zu vereinen und die Kunst dafür vom Sockel zu holen, das ist für Corinne Wasmuht längst passé.

    Bild- und Alltagsrealität lassen sich ohnehin nicht mehr unterscheiden: So gesehen zeigt ihre Malerei nur, was ist - gewissermaßen von höherer Warte aus - und kehrt mit all ihrer Kunstfertigkeit auch wieder ein wenig auf den Sockel zurück. Auch damit repräsentiert Wasmuht, zumindest was gut verkäufliche Kunst angeht, ein Stück vom Zeitgeist.