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Die Freiheit der Forschung in Gefahr

Ein Strategiepapier der Europäischen Kommission zur künftigen Forschungspolitik geht nach Ansicht vieler Forscher und Universitäten in eine falsche Richtung. Ihre Kritik: Die Kommission reduziere universitäre Forschung auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit und schränke damit die Freiheit der Wissenschaft ein.

Von Claudia van Laak | 14.10.2011

    Ein Strategiepapier der Europäischen Kommission zur künftigen Forschungspolitik geht nach Ansicht vieler Forscher und Universitäten in eine falsche Richtung. Ihre Kritik, zu hören auch auf der Konferenz "Planning Research for the Future" in Berlin: Die Kommission reduziere universitäre Forschung auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit und schränke damit die Freiheit der Wissenschaft ein.

    "Wachstum und Beschäftigung unterstützen - eine Agenda für die Modernisierung von Europas Hochschulsystemen" - so die Überschrift einer Mitteilung der Europäischen Kommission. Das 19-seitige Strategiepapier weist Europas Hochschulen ganz bestimmte Aufgaben zu, erläutert Stefaan Hermans von der Kommission, Mitautor des Strategiepapiers:

    "Wachstum generieren, Jobs generieren. Anders ausgedrückt: Wir reden darüber, wie wir sicher gehen können, dass unser Lebensstandard auch längerfristig wachsen kann in dem Moment, in dem sich die Welt um uns herum ändert."

    Hochschulen sollen die wirtschaftliche Entwicklung in ihrer Umgebung vorantreiben, als Mittelpunkt eines Wissensnetzes für die örtliche Wirtschaft fungieren. Schön und gut, entgegnet, Carsten Dreher, Professor für Innovationsmanagement an der FU Berlin:

    "Aber wir haben auch andere Beiträge zu liefern durch unsere Forschung, etwa die Lösung gesellschaftlicher Fragen, die nicht notwendigerweise mit einer Wachstumsagenda verbunden sein müssen, und diese Freiheit der Forschung wollen wir auch gerne weiter behalten und es ist aus meiner Sicht auch dringend notwendig, diese Themensetzung behalten zu können."

    Heikel werde es dann, so Dreher, wenn die Europäische Kommission ihre Vorstellungen von den künftigen Aufgaben der Hochschulen auch zur Grundlage ihrer Forschungsförderung mache. Dabei geht es um viel Geld. In der nächsten Förderperiode - sie umfasst die Jahre 2014 bis 2020 - will die EU insgesamt 80 Billionen Euro für die Forschung ausgeben. Stefaan Hermans von der Kommission bestreitet, die EU wolle in die Freiheit der Forschung eingreifen.

    "In keiner Weise bedeutet das einen Eingriff in die Freiheit der Forschung, ich meine, das ist ein absoluter Wert, das ist fundamental."

    Die EU-Kommission will außerdem europaweite Hochschulrankings einführen, damit Studierende besser auswählen können. Carsten Dreher von der Freien Universität befürchtet, dass dadurch auf die Hochschulen noch mehr bürokratische Anforderungen zukommen. Auch bei der Beantragung, Bewilligung und Abrechnung von Forschungsgeldern werde der Verwaltungsaufwand immer größer.

    "Wenn ich sehe, was dort an Maßnahmen, Abstimmungen, Monitoringaufgaben alles geplant ist, dann stellt sich schon die Frage der Subsidiarität hinsichtlich der Verwaltung, das ist für mich die entscheidende Frage. In Deutschland berichten die Universitäten gegenüber den Bundesländern, sie berichten gegenüber der Bundesebene und natürlich auch der EU-Kommission, das bindet schon jetzt sehr viele Ressourcen."

    Die Schaffung wirksamer Lenkungs- und Finanzierungsmechanismen für die Exzellenzförderung - das verspricht die EU-Kommission. In den Ohren vieler Forscher klingt dies mehr nach einer Drohung als nach einem Versprechen.