Sonntag, 25.08.2019
 
Seit 08:50 Uhr Presseschau
StartseiteWissenschaft im BrennpunktDer Plan vom perfekt programmierten Fußball-Spiel31.05.2015

Die Fußball-MatrixDer Plan vom perfekt programmierten Fußball-Spiel

Gibt es eine Arithmetik des Erfolgs? Keine Fußballübertragung ohne Ballbesitzquote. 3,1 Millionen Positionsdaten erfassen Sportdienstleister pro Begegnung. Dazu kommen 3.000 Tacklings, Dribblings, Torschüsse oder Flanken. Doch hilft das für den ultimativen Triumph? Die Aussagekraft der gesammelten Daten erweist sich als schwierig - ginge es nur nach Statistik, wäre Deutschland nicht Fußballweltmeister. Jetzt starten die Analysten einen Neuanfang.

Von Martina Keller

Fußbälle mit dem DFL-Logo (Deutsche Fußball Liga ) liegen auf dem Rasen. (picture-alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Gesucht wird eine Formel für den ultimativen Triumph (picture-alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Weiterführende Information

"Guten Tag zusammen, herzlich willkommen zur Pressekonferenz nach unserem Spiel gegen Hoffenheim, ich begrüße die Gäste aus Hoffenheim."

Nachspiel im Borussia-Park Es ist der zehnte Spieltag der Saison 2014/2015.
"Herr Gisdol, bitte Ihr Statement zum Spiel..."

Markus Gisdol, Trainer der Gäste aus Hoffenheim. Das Team ist ungeschlagen angereist, doch in Mönchengladbach endet die Serie. 1:3 - Die Niederlage will analysiert sein: Trainer Gisdol nimmt ein Papier in die Hand, eine Menge Zahlen stehen darauf.

Markus Gisdol:
"So wie ich hier die Statistiken seh, bestärkt's mich immer mal wieder, die Dinge sofort in den Papierkorb zu schmeißen: Wir sind in Torschüssen besser, in Ballaktionen besser, in Zweikampfquote besser, in Passquote besser - laut Statistik. Aber auf dem Spielfeld war Gladbach besser."

Fußballreporter:
"Schöner Pass nach vorne gelegt auf Mkhitaryan, der ist im Sechzehner, halb rechts, müsste in die Mitte passen, da ist Aubameyang, das muss doch das Tor sein!!!"

Es ist die Suche nach dem Schlüssel zum Erfolg. 3,1 Millionen Positionsdaten erfassen Sportdienstleister pro Begegnung, von allen 22 Spielern und dem Ball. Hinzu kommen 3.000 Spielereignisse, also etwa Tacklings, Dribblings, Torschüsse oder Flanken.

Stefan Nopp:
"Quantitative Daten sind sehr standardisiert, man kann sie vergleichen, aber die Frage bleibt offen, bilden Sie das Spiel ab? Bilden Sie den Interaktionsprozess, bilden die den ab?"

Fußballreporter:
"Jetzt kommt erst mal Werder mit Öztunali, toll quer gelegt, Tor, neiiiin gehalten, aber was für eine Parade von Jan Sommer, son Ding kann man doch nicht halten!!!"

Abbildung von Interaktionsprozessen ist das Ziel

Stefan Nopp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Deutschen Sporthochschule Köln. Zudem berät er die deutsche Fußballnationalelf, gewissermaßen im Team hinterm Team.

Stefan Nopp:
"Momentan ist man technisch noch nicht so weit, dass diese Daten tatsächlich den Interaktionsprozess abbilden. Also, es wäre letztendlich natürlich wünschenswert, wir würden valide qualitative Daten erheben können."

Genau das ist das nächste große Ziel von Spitzenklubs weltweit und auch der deutschen Fußballnationalelf.

Stefan Nopp:
"Sicherlich kann man messen, wie schnell der läuft und wohin der läuft und wie lang der läuft, aber war der Laufweg denn qualitativ richtig? Ich glaub auch, dass wir Analysten sicherlich dazu lernen müssen, also was wollen wir eigentlich übersetzen?"

Jan Klaas Huntelaar:
"Ich weiß, dass ein Tor kommen sollte, aber man weiß nicht wann."

Fußballreporter:
"Erschütternde Leistung von Schalke 04, der Aufsteiger ist klar besser, jetzt mit der Chance von Lakic, Fährmann ist schon ausgespielt, jetzt kommt der Schluss – vorbeiiiiiii!"

Weiblicher Fan:
"Wo man herkommt, da ist auch eigentlich der Verein, ...bei uns in der Familie sind fast alle Schalker Fans, und auch bei uns in der Firma, alles Schalker."

Das Trainingsgelände des FC Schalke 04. Von einem kleinen Hügel aus schaut eine Handvoll treuer Fans den Spielern zu.

Weiblicher Fan:
"Jetzt zur Zeit, ja, das ist traurig, das tut einem immer richtig weh, ne. Aber kann man nichts machen, wenn man Fan ist, dann soll man auch Fan bleiben, sag ich mir, dann kann man nicht wechseln, kann nicht vorher Schalke-Fan sein, und dann hinterher sag ich, nö, ich bin kein Schalker Fan mehr, das kann man nicht machen, das ist kein Fan."

Es läuft nicht rund auf Schalke, und die Freizeit-Analysten auf den Hügel meinen auch zu wissen warum.

Männlicher Fan:
"Mit dem jetzigen Trainer spielen sie eben halt acht Mann hinten, zwei drei vorne. Die Leute wollen Tore sehen, Offensivfußball, und nicht hinten reinstellen, das bringt nichts."

Weiblicher Fan:
"Die spielen einmal so, dann spielen sie wieder so, und das kann man nicht, man muss bei einem System bleiben, man kann mal was ändern, aber nicht alles immer."

Tobias Hellwig:
"Das MacBook, eigentlich ständiger Begleiter im Alltag als auch auf Reisen... "
200 Meter vom Fan-Hügel entfernt liegt die Veltins-Arena, ein hochmodernes Stadion, dessen mobiles Dach gerade geschlossen ist. Damit der Rasen trotzdem Sonne bekommt, hat man ihn kurzerhand nach draußen gefahren. Im Besprechungsraum Knappe beugt sich unterdessen ein Profi über sein Arbeitsgerät.

Tobias Hellwig:
"Alles was ich vorbereite, nachbereite oder aufbereite für den Trainer, für unser Trainerteam, ist hier drauf, sowohl was die eigene Mannschaft betrifft als auch den Gegner, beziehungsweise die letzten Spiele."

Tobias Hellwig, hoch aufgeschossen, im königsblauen Trainingsanzug, ist Videoanalyst beim FC Schalke 04. Der 29-Jährige nutzt sein Expertenwissen, um Aufzeichnungen von Spielen der Fußballbundesliga zu analysieren.

Tobias Hellwig:
"Die Videodateien, die kriegen wir über ein Klubportal der DFL, Deutsche Fußballliga. Aufgezeichnet werden die live im Stadion, Freitag, Samstag, Sonntag, und spätestens am Montag stehen die dann in so einem Downloadbereich zur Verfügung. Dann kann ich mir alle Spiele der Ersten und Zweiten Liga, die ich haben möchte, runterladen und kann die dann für mich weiterbearbeiten.

Das sogenannte Scouting-Feed der Deutschen Fußballliga, vor vier Jahren eingeführt, hat wenig gemein mit den Bildern, die man aus der Sportschau kennt.

Tobias Hellwig:
"Das ist kein normales TV-Bild, sondern ne extra Scoutingkamera, da seh ich eigentlich immer alle 20 Feldspieler, die beiden Torhüter werden manchmal auch rausgeschnitten, einfach um das zu fokussieren, aber ich seh immer hier die letzte Linie von der einen Mannschaft und die letzte Linie vom Gegner, kann also das Verhalten aller 20 Feldspieler beurteilen, was natürlich für uns ein unheimlicher Vorteil ist, wenn es um Beurteilung taktischer Merkmale geht.

Benedikt Höwedes:
"Ja ist doch normal, guck doch mal, wie viele Großchancen wir immer wieder verschossen haben und haben nicht unsere Tore gemacht."

Dem Quellcode der Nationalelf auf der Spur 

Hellwig arbeitet in einem Beruf, den es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Mittlerweile beschäftigt mancher Spitzenklub gleich ein halbes Dutzend Spielanalysten. Die Sporthochschule Köln wird ab Herbst 2015 den ersten akkreditierten Weiterbildungsmaster für das Berufsfeld in Europa anbieten – eine rasante Entwicklung. Begonnen hat sie 2004.

Christoph Biermann:
"Ein großer Einschnitt war die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann als Cheftrainer der deutschen Fußballnationalelf, die dazu geführt hat, dass da jemand mit der populärsten deutschen Fußballmannschaft plötzlich angefangen hat, auf andere Art zu arbeiten, also sowohl in der Trainingsarbeit, was Fitness betrifft, als auch das eigenen Spiel zu analysieren, die eigenen Ziele auf dem Platz genauer zu definieren, die Anforderungsprofile für bestimmte Positionen genauer zu definieren, und so weiter."

Christoph Biermann, Mitglied der Chefredaktion des Magazins "11 Freunde" in Berlin und Autor mehrerer Bücher über Fußball. Was Klinsmann damals formulierte, nennt Biermann den Quellcode der deutschen Nationalelf. Das Ganze ist natürlich hoch geheim. Fußballspione anderer Nationen würden was darum geben, den Code zu kennen.

Christoph Biermann:
"Man will auf eine bestimmte Art und Weise spielen, weil man glaubt, dass man damit erfolgreich ist, und das geht dann halt auch noch weiter, dass man versucht, das eigene Spiel klarer zu entwickeln, klarer zu konturieren, klarere Vorgaben zu machen, also nicht nur eine Ansammlung von Spielern auf den Platz zu bringen, die möglichst gut ist, und denen man dann sagt: Geht's raus und spielt, also wie das ja Franz Beckenbauer berühmterweise gesagt hat.

Die deutsche Nationalelf hat die Entwicklung angestoßen, aber auch Vereine sind stark engagiert. Bayern München zum Beispiel hat mit Pep Guardiola einen Trainer geholt, von dem es heißt, die Abteilung Spielanalyse sei ihm die wichtigste im Verein. Jeder Klub der Ersten und wohl auch der Zweiten Liga nutzt mittlerweile die Expertise der Analysten.

Tobias Hellwig: "Das ist dann eben eine Beispielszene für die Kategorie zum Spielaufbau mit Torhüter, wie man das jetzt sieht, kommen da zwei bis drei Szenen aus zwei drei Spielen, dass man auch sieht, das ist nicht nur in einem Spiel so, sondern das ist ein Verhalten, das egal gegen welche Formation, von mehreren Mannschaften provoziert werden konnte."
Martina Keller:"Ja, jetzt sehen wir zum Beispiel dreimal hintereinander einen Abstoß des Torhüters, ...und dann sieht man, der spielt einen langen Ball nach links vorne."

Tobias Hellwig bereitet das Spiel gegen den SC Freiburg vor, den nächsten Gegner der Schalker. Zu diesem Zweck hat er sich mit zwei Kollegen die letzten fünf Spiele von Freiburg angeschaut. Das kostet locker 24 Stunden Arbeitszeit. Typische Szenen fasst er am Ende in einem Video und einem mehrseitigen Bericht zusammen. Wie agiert beispielsweise der Freiburger Stürmer, auf den der Torwart beim Abstoß einen langen Ball spielt?

Tobias Hellwig:
"Da gehts darum, dass ein Spieler von Freiburg gern auf den Flügel ausweicht, verlässt also das Zentrum, geht nach außen, spielt in dem Fall ne Flanke, häufiger ist aber, dass er sogar nach innen zieht von dieser linken Seite aus, um dann entweder den Abschluss zu suchen, wie in dieser Szene oder noch mal nen Pass zu spielen. Das sind also die gleichen Muster, wieder zwei drei Szenen dazu, und dann ist das eigentlich für jeden klar, der sich das Video anguckt und den Bericht liest."

Erste Software-Lösung für den Fußball-Markt

Moderator: "Christian Günther, wie bitte ist das bitte schön, was sich hier in der Nachspielzeit ereignet hat?"
Christian Günther: "Unfassbar, was wir wegstecke müsse, da fehlen einem die Worte einfach, ich weiß gar nicht was ich sagen soll...Ich finde, wir habens wirklich gut gemacht und kriege halt wieder in de letzte Minute son Scheiß-Tor."

Moderator:
"Hallo, und ganz herzlich willkommen liebe Zuschauer´, ich darf Sie heute hier durch den Sportstrack begleiten, in dem wir Ihnen zeigen wollen, wie Sie mit der SAP-Software der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein können und welche Werkzeuge wir ihnen dafür an die Hand geben können."

Eine Veranstaltung in der Münchener Allianzarena. 500 geladene Gäste aus Sport und Unterhaltung sind gekommen, um die Präsentation von Sports One zu erleben. Ab dem Sommer soll dieses Produkt beim effizienten Management von Spielern und Mannschaften helfen. Es ist die erste Lösung des deutschen Softwarekonzerns für den Fußballmarkt.

Stefan Wagner:
"SAP engagiert sich vor allem in dem Thema Sport, da wir große Synergiepotenziale sehen zwischen den Branchen Medien, Sport und Entertainment. Deshalb kann ich wenig sagen über dediziertes Umsatzvolumen im Sport, aber es ist eine extrem wichtige Branche für uns, Fußball an sich ist ein Milliardensport weltweit, und deshalb haben wir uns im ersten Schritt auf Fußball fokussiert ..., wir nehmen das ernst, sagen wir es mal so."

Der Moderator in der Allianzarena bittet Christopher Clemens aufs Podium, den Leiter Scouting und Spielanalyse beim Deutschen Fußballbund.
Moderator: "Am 13. Juni steht das nächste EM-Qualispiel der deutschen Nationalmannschaft auf dem Programm, Gibraltar ist der Gegner, sind alle Laufwege aller Nationalspieler aus Gibraltar schon im Kasten?"
Christopher Clemens. "Alles im Detail durchgearbeitet schon, bitte nicht nach den Namen der gegnerischen Spieler fragen, die sind so schwierig auszusprechen..."
Moderator: "Oliver Bierhoff hat gesagt, dass Computer und Software logischerweise keine Tore schießen, aber sie können Unterstützung dafür liefern, richtige Entscheidungen zu treffen. Also, inwiefern war dieses SAP-Tool hilfreich auf dem Weg zum WM-Titel?"

Der Prototyp von Sports One kam schon im Vorfeld und während der Weltmeisterschaft in Brasilien zum Einsatz. Berühmt wurde insbesondere die App, eine Art Kommunikationswerkzeug und didaktisches Instrument für die Spieler. Über ihre Smartphones und Tablets hatten sie Zugriff auf Spielszenen, die eigens für sie aufbereitet wurden. Zusätzlich war ein Screen in der Spieler-Lounge des Campo Bahia installiert. Da ließ sich etwa studieren, warum die Spieleröffnung gegen Ghana nicht so gut klappte.

Christopher Clemens:
"Und die Spieler kamen halt regelmäßig und wollten das selber sehen, wir als Analysten konnten dann das Ganze vorbereiten, dass die Spieler halt schon mal sehr schnell eigenen Zugriff hatten. Im Lauf der Zeit haben wir festgestellt, dass die Spieler wirklich komplett eigenständig gearbeitet haben, sie haben wirklich angefangen, selber sich davor zu stellen, zu treffen, selbstständig das Tool zu bedienen, sie sind quasi damit auch zu Analysten geworden."

Spielszenen zählen

Interviewer: "Thomas Müller, kann man nach dem heutigen Abend sagen, das war ein eindrucksvoller Beweis, dass man Messi nicht über 90 oder 94 Minuten ausschalten kann?"
Müller: "Dazu brauchts glaub ich keine Beweise... wenn Messi ins Rollen kommt, dann ist es als Verteidiger schwierig, du berührst den Ball, aber irgendwo bleibt er an ihm kleben."

Auffällig war in Brasilien: Alles drehte sich um Spielszenen - quantitative Daten spielten kaum eine Rolle. Dabei sind die in den Medien der Renner. Keine Fußballübertragung ohne Ballbesitzquote. Aber bedeutet mehr Ballbesitz überhaupt einen Vorteil für ein Team?

Stefan Nopp:
"Fußball ist die einzige Spielsportart, in der man deutlich defensiver agieren kann, vielleicht nur zehn Prozent Ballbesitz haben kann, und trotzdem gewinnen kann."

Stefan Nopp, der Berater der deutschen Nationalelf:

"Das ist beim Basketball nicht so, wenn ich mich beim Basketballspiel hinten reinstelle, dann komme ich vorne nicht zu Körben, dann werde ich höchstwahrscheinlich verlieren, beim Handball ähnlich. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass beim Fußball wenige, oder nicht nur wenige, sondern eine Aktion ausreichen kann, um zu gewinnen. Demnach hat Ballbesitz erst mal gar keine Aussagekraft."
Mit der Passquote sieht es ähnlich aus.

"Weil die Passerfolgsquote unabhängig von der Spielsituation bewertet wird, das heißt, da ist nichts gesagt, ist dieser Pass a der Situation angemessen gespielt, war nicht ein effektiverer Ball möglich, und b nichts darüber aussagt, wie viel Druck hatte der Spieler, was ist Druck, läuft mich ein Gegenspieler intensiv an, reicht das schon, Druck zu haben, wenn der fünf Meter weg steht – also das sind alles so qualitative Merkmale, die eben nicht sich in dieser Zahl sich wiederfinden, das muss qualitativ anhand von einer Beobachtung momentan bewertet werden."
Noch ein Versuch: Kann man denn wenigstens sagen, wer mehr flankt, gewinnt?

"Flanken sind sowohl für den Gegner in dem Moment dann erst mal schwer zu verteidigen, weil, es ist ein hoher Ball, Ballkontrolle hoch ist schwieriger als Ballkontrolle flach, Sie kommen von der Seite, ich muss den Ball also irgendwie wegbugsieren, aber: Nicht nur für den Gegner ist es eine Gefahr, sondern auch für die eigene Mannschaft, weil auch ich bin in dem Moment als angreifende Mannschaft unsortiert, und dementsprechend kann es auch genau in die andere Richtung gehen und zum Gegentor führen. Insofern gibt's keine gesicherte Erkenntnis, dass Flanken zum Erfolg führen."

Thomas Eichin:
"Dass wir heute hier noch Punkt mitgenommen haben, finde ich fast schon sensationell, weil die 1. Halbzeit, die war wirklich unterirdisch...Es war hinten nix, vorne nix, in der Mitte nix. Wir haben einen Punkt geholt, und ob das jetzt verdient war, nicht verdient war, die Tabelle lügt nicht, und deshalb müssen wir uns nicht schlechter wie wir sind."

Es klingt kontraintuitiv, aber es ist ein Fakt. Kein einziger quantitativer Parameter erlaubt eine Vorhersage über den Erfolg in einem Fußballspiel. Das illustriert zum Beispiel ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft 2014, das deutschen Fans vermutlich noch in Erinnerung ist.
Fußballreporter:
"Marco Rodriguez aus Mexiko gibt das Spiel frei, Schweinsteiger..."

Ein Auszug aus der offiziellen FIFA-Statistik:

Team A startet 55 gefährliche Angriffe – Team B nur 34.
Team A kommt auf 18 Schussversuche – Team B nur auf 14.
Team A schlägt 22 Flanken – Team B nur 10.

Fußballreporter:
"So, wo ist Hummels, das wäre so n Ball wieder, wo ist Hummels."

Ob Ecken, Balleroberungen oder Tacklings, Team A liegt in der Statistik vorne. Nur bei wenigen Parametern ist es umgekehrt, und obendrein knapp. Aufgrund der quantitativen Daten würde man somit einen Sieg von Team A erwarten, oder bestenfalls ein Unentschieden.

Fußballreporter:
"Kein Abseits, Paulino, Paulino, und wieder Neuer, es ist unglaublich was dieser Neuer macht bei der WM."

Und wie sieht die Wirklichkeit aus? Team A verliert mit 1:7. Die Daten stammen aus dem legendären Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland.

Key Performance Indicators fehlen

Fußballreporter:
"Und das Spiel ist beendet in diesem Augenblick, Deutschland ist im Finale der WM 2014 und das ist seit der 30. Minute klar, und jetzt ist es amtlich."

Stefan Nopp:
"Uns fehlen eigentlich sogenannte Key Performance Indicators, also wirklich Indikatoren, die Aussagen treffen darüber, wie gut die Leistung und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich gewinne."

Stefan Nopp fährt seinen Laptop hoch. Auf dem Bildschirm erscheint ein Länderspiel der deutschen Nationalelf, allerdings in einer ungewöhnlichen Darstellung. Eine der jüngsten Finessen.

"Dazu hab ich natürlich auch die Möglichkeit, mir eine 2D-Animation anzeigen zu lassen, das ist alles möglich, das Spiel ist jetzt hier parallel abgebildet in einer 2D-Animation, basierend auf den Positionsdaten, die erhoben wurden."

Das Bild auf dem Screen sieht aus wie eine animierte Taktiktafel. Die Spieler sind als kleine runde Kreise abgebildet, die einen in rot, die anderen in blau, identifizierbar anhand der Rückennummern.

Stefan Nopp: "Ja, könnte mir hier die Abstände zwischen den Spielern anzeigen lassen, die stimmen, rein metrisch."
Martina Keller: "Aber das ist interessant, was Sie alles am Bildschirm für Daten sich da aufrufen können."
Nopp: "Exakt."
Keller: "Jetzt sehe ich, wie die Spieler sich bewegen und die sich ändernden Abstände der Viererkette werden immer mit angezeigt."
Nopp: "Exakt."
Keller: "Und man sieht wie sie sich zusammenzieht, wieder öffnet, das ist ja echt fantastisch."
Nopp: "Ja, das ist visuell erst mal ein Aha-Effekt, aber jetzt ist die Frage, was mach ich damit weiter? Was sagt mir das? "

Fußballreporter:
"Es ist Wahnsinn, es zittern die Knie, es prickelt die Luft, es ist wirklich irre."

Gesucht wird die Spielanalyse der Zukunft, die das große Ganze im Blick hat: einzelne Aktionen und das Team, offene Räume und versteckte Chancen. Auch Bundestrainer Joachim Löw setzt darauf Hoffnungen.

Joachim Löw:
"Wir haben lange mit einer Idee und einer Vorgabe und mit Hartnäckigkeit dran gearbeitet an der Spielweise, und jetzt hab ich das Gefühl gehabt, wir haben den Höhepunkt erreicht, wir waren wirklich auch fußballerisch sehr gut, dass wir jetzt auch wieder neue Einflüsse brauchen und neue Reize brauchen.

Rückschlüsse aus taktischen Mustern ziehen

Daniel Memmert:
"Da es sich um Datenmengen handelt, kann man jetzt natürlich versuchen, mit schlauen Algorithmen diese Daten zu untersuchen, Muster zu erkennen, taktische Muster in diesen Daten zu erkennen."

Daniel Memmert leitet das Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln.

"Und wir versprechen uns davon, dass man anhand der taktische Muster Rückschlüsse ziehen kann auf, wie eine Mannschaft gespielt hat, wie erfolgreich eine Mannschaft gespielt hat, welche Schwachpunkte eine Mannschaft hat, welche Stärken eine Mannschaft hat."

Sportarten wie Baseball arbeiten schon länger mit Datenanalysen. Der frühere Baseball-Profi Billy Beane nutzte sie seit Ende der 90er Jahre für das Spieler-Scouting und formte die wirtschaftlich eher schwachen Oakland Athletics zu einem Spitzenteam der amerikanischen Baseballliga. Im Frühjahr 2015 verpflichtete der Fußballklub AZ Alkmaar, Mitglied der holländischen Ehrendivision, Beane als Berater. Memmert hat mit einem Kollegen aus Mainz ein Projekt gestartet, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Die nicht gerade triviale Leitfrage: Welche Akteure müssen zu welchem Zeitpunkt unter welchem Einfluss des Gegners wie zusammenspielen, damit Torgefahr entsteht?

Daniel Memmert:
"Ein taktisches Muster wäre, dass man über die Flügel kombiniert, dass beispielsweise der Linksaußen den Ball bekommt, und dann den Ball prallen lässt zu einem Sechser, zu einem defensiven Mittelfeldspieler, der dann den Ball wieder weiterspielt auf den Außenbahnspieler, der wiederum zurückspielt auf den sich nähernden Außenverteidiger und der wiederum möglicherweise einen Ball in die Halbspur auf den Stürmer spielt. Es sind Muster, die das Zusammenspiel einer Mannschaft verdeutlichen, und um diese Muster geht es und die interessieren uns."

Mathematisch gesehen sind Muster Ähnlichkeiten in der Datenstruktur. Um sie aus 3,1 Millionen Positionsdaten herauszufiltern, reichen die Wahrnehmungs- und Gedächtnisleistungen von Menschen nicht aus. Memmert bedient sich deshalb spezieller Programme, der sogenannten adaptiven neuronalen Netze.

Daniel Memmert:
"Das bedeutet einfach, dass ein Programm in der Lage ist, so was wie Daten zu clustern, also Gemeinsamkeiten von verschiedenen Objekten zusammenzufassen. Das machen neuronale Netze sehr schnell, sie können sogar auch selbst dabei lernen, immer besser werden in der Zusammenfassung von Dateien, in der Zusammenfassung, und damit kann man rasend schnell Muster aus Positionsdaten herauslesen, in weniger als drei vier Sekunden."

Die Programme können so die Arbeit von Videoanalysten automatisieren und Zeit sparen. Sie sollen aber auch dabei helfen, neue Einsichten zu gewinnen. Memmert und sein Team nutzen die neuronalen Netze deshalb auf verschiedene Weise, für die gezielte und für die offene Suche.

Daniel Memmert:
"Auf der einen Seite werden verschiedene Gruppentaktiken von Fußballexperten definiert, wir müssen diese dann versuchen, mathematisch zu erfassen, weil ein Computer nur nach mathematischen Regeln funktioniert, wenn wir das können, wenn dies gelingt, können wir genau nach diesem taktischen Muster in unseren Daten suchen. Wir können aber auch andersrum vorgehen, wir können uns genau die Muster anschauen, die selten vorkommen, aber dennoch sehr erfolgreich sind, dass heißt, dass der Ball dennoch in den Strafraum transportiert wird, da sprechen wir von seltenen kreativen Lösungen, und die können für Trainer auch sehr spannend sein, weil sie sich mal die Dinge anschauen können, die auch zum Erfolg geführt haben, die sie aber vielleicht nicht trainieren mit ihrer Mannschaft, die aber vielleicht auch Möglichkeiten sind, um Bälle in spannende Bereiche vor das Tor zu transportieren."

Fußballreporter:
"Jürgen Klopp, der Trainer, ist heiß wie ein Tauchsieder, der staucht immer wieder vor allem Gündogan im Zentrum zusammen."

So helfen die neuronalen Netze vielleicht Muster zu finden, die der Fußballexperte auf den ersten Blick als Zufall bewertet, hinter denen aber eine kreative Lösung steckt.
Die Bedeutung der Raumkontrolle

Ein weiteres Tool: Auf dem Laptop von Memmert erscheint eine Art bunter Flickenteppich, Felder in blau, grün, rosa und gelb, kodiert mit den Buchstaben a und b für die beiden Teams und mit Zahlen, die den Rückennummern der Spieler entsprechen.

Daniel Memmert:
"Also hier sehen wir sogenannte Voronoi-Zellen, die geben an den Raum, den ein Spieler kontrollieren kann, und man sieht, dass mit jeder Ballberührung, mit jeder weiteren Aktion im Spiel, sich dieser Raum auch anders verteilt, das heißt, die Spieler haben mal mehr Zugriff auf verschiedene Räume und mal weniger. "

Die modellhafte Abbildung der Raumkontrolle liefert Ansätze, um den Erfolg oder Misserfolg eines Passspiels zu erklären oder vorhersagen. Wann ist es sinnvoll einen Ball in einen bestimmten Raum zu spielen? Wann nicht?

Daniel Memmert:
Da hier ist Spieler b1, und b1 spielt einen Ball durch die Lücke zu b2, und da erkennt man, dass aber b2 kaum Raumkontrolle hat, über dieses Feld hier, das heißt, dieser Pass kann nicht erfolgreich werden, dagegen wenn er den Ball zu b3 gespielt hätte, hätte der größere Raumkontrolle, d. h. eine größere Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler B3 in den Strafraum eindringen kann und vielleicht sogar zum Torschuss gelangt.

Fußballreporter:
"Tor in Freiburg, Tor für den SC Freiburg in der 89. Minute, das Schwarzwaldstadion ist aus dem Häuschen, keiner kann es glauben, es ist wahr aber, der SC Freiburg führt gegen den SC Bayern München!"

Spielerin:
"Die Fußballmatrix, die Formel für den Erfolg auf dem Platz. Noch hat man sie nicht gefunden. Aber viele hätten sie gern, und am liebsten für sich. "

Martina Keller: "Haben Sie schon irgendwelche Muster erkannt, die zum Beispiel neue Impulse, neue Erkenntnisse sind?"
Daniel Memmert: "Wir generieren ja ständig neue Erkenntnisse für einen Fußballklub, aber natürlich haben wir eine gewisse Schweigepflicht."
Keller: Für wen arbeiten Sie denn konkret?"
Memmert: "Auch darüber schweigen wir."
Keller: "Aber sie arbeiten mit Bundesligavereinen?"
Memmert: "Wir arbeiten mit verschiedenen Vereinen in der ganzen Welt, ja."
Keller: "Gut Schweigepflicht verstehe ich, aber Sie können mir allgemein, losgelöst von irgendeinem Verein, vielleicht mal eine Erkenntnis präsentieren, es wird ja nicht alles geheim sein, oder?"
Memmert: "Jetzt sind Sie sehr hartnäckig gerade...

Den Fan treibt eine ganz andere Sorge um. Soll man sich das überhaupt wünschen, die Entschlüsselung des Fußballs? Wird das Spiel dann nicht seelenlos, einförmig, schal, berechenbar?
Stefan Nopp:
"Das ist das Schöne an dem Spiel, wir werden es nicht berechnen können, weil wir mit Menschen zu tun haben, das heißt, der Mensch ist umgeben von äußeren Einflussfaktoren, sei es der Biorhythmus, das Wetter, die Zuschauer, der Rasen was auch immer, kann dazu führen, dass das Spiel komplett anders ausgeht, als man es im Vorfeld errechnet hat. "

Interviewer: "Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig und so anfällig gemacht?"
Per Mertesacker: "Ist mir völlig wurscht, wir sind jetzt unter den letzten acht und das zählt."

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk