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StartseiteSonntagsspaziergangDie Gärten der Gondelstadt06.03.2011

Die Gärten der Gondelstadt

In Venedig hält der Frühling blühend Einzug

Venedig - wer denkt da schon an Natur? Beim Namen der Lagunenstadt fallen einem eher Wasserstraßen, Palazzi und uralte Kirchen ein, keine üppigen Gärten. Und doch besitzt Venedig eine Reihe von Parks - gut behütet und versteckt hinter jahrhundertealten Mauern.

Von Thomas Migge

Weit und breit kein Baum, doch es gibt sie! (AP)
Weit und breit kein Baum, doch es gibt sie! (AP)

Alte und hohe Bäume, dichtes Blattwerk, Büsche und Sträucher und überall Blumen. Als eine echte Rarität des Gartens gilt die Lilium martagon, die Martagon-Lilien, die auch Damenigel genannt wird. Sie stammt aus Sibirien und wird purpurrot. Ihre Blütenform erinnert an die traditionelle Kopfbedeckung türkischer Sultane. Der Besucher entdeckt diese Lilie am Ende eines verschlungenen Weges, der durch den Miniwald führt. Hinter den Lilien geht der Blick auf das Wasser.

Venedig: Wer denkt da schon an Natur? Beim Namen der Lagunenstadt denkt man eher an Wasserstraßen, an Palazzi und uralte Kirchen, an marmornes Gemäuer, aber nicht an üppige Gärten. Wer nur kurz in Venedig ist, bekommt Grün nur ganz selten zu sehen. Und doch besitzt Venedig eine Reihe von Parks - gut behütet und versteckt hinter jahrhundertealten Mauern. Wie zum Beispiel den Garten Rizzo Patarol im Stadtviertel Cannaregio mit seinen seltenen Lilien. Er war einmal privat, gehört jetzt aber zu einem Luxushotel und darf auch von Nichthotelgästen nach höflichem Anfragen besichtigt werden.

Am schönsten ist es sicherlich, die Gärten Venedigs mit einer Gondel anzusteuern. Garten für Garten. Sie liegen verstreut über das gesamte Stadtgebiet und in der Lagune. Es sind über 20 Gärten, einer anders als der andere. Viele sind privat aber wer sich vor seiner Reise oder vor Ort an die Eigentümer wendet und um Einlass bittet, der darf hinein, in die Baum- und Blumenparadiese der Venezianer. Einer der schönsten und größten Gärten Venedigs, eher ein Park, liegt direkt vor dem Markusplatz. Im Wasser. Auf der Insel San Giorgio maggiore, in nur wenigen Minuten mit dem Boot zu erreichen, weiß Carina Mandragon, Gartenarchitektin aus Venedig:

"Sie haben recht, die Gartenbaumeister auf dieser Insel sind Genies. Das ist ein neuer Garten, auf einem Gebiet, auf dem im neunten Jahrhundert eine Abtei entstand. Dieser Park ist eine riesige Oase mit einem Amphitheater, mit Wanderwegen, mit uralten Zypressen und grünen Klostergärten, die ihrerseits bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Alt und neu gehen in diesem Park eine faszinierende Symbiose ein. Ideal zum Ausruhen! Ideal für Individualisten, die das ganz andere Venedig suchen:"

Ein echter Garten für Individualisten, die nicht nur historisches Gemäuer, sondern den Zauber vergangener Jahrhunderte erspüren wollen, findet sich auch auf der einsam in der Lagune gelegenen Insel San Francesco del Deserto. Padre Leone kümmert sich um den Garten:

"Alle sind bei uns herzlich willkommen. Alle, die in die Stille des Gartens eintauchen wollen. Wir haben eine herrliche Zypressenallee, Bäume, die viele Jahrhunderte alt sind. Wir haben mit saftigem Gras bewachsene Spazierwege zwischen Bäumen und Feldern, zwischen unseren Kräuter- und Blumengärten. Wie wir Franziskaner ist auch dieser Garten einfach und gleichzeitig grandios."

Einfach und grandios ist auch das wilde Grün auf der nahezu verlassenen Insel Sant'Erasmo, auf der die berühmten venezianischen Artischocken wachsen. Eine Naturschutzinsel mit viel wilder Natur und markierten Wanderwegen - keine 15 Minuten von Venedig mit dem Boot entfernt!

Wie ein typischer historischer Garten in Venedig aussah, kann man im Garten der Ca' Tron nachvollziehen. Ca' steht für großes Haus. Die Ca' Tron erhebt sich am Canal Grande, ein Palazzo des 16. Jahrhunderts. Der Garten gehört heute zur städtischen Uni und kann besichtigt werden. Der typische venezianische Garten besitzt einen Pozzo, einen Brunnen, inmitten eines mit Steinplatten versehenen Platzes und es gibt einen direkten Zugang zu einem Kanal. Über eine kleine Treppe konnten die ehemaligen adligen Besitzer bequem ihre Gondeln erreichen. Im 19. Jahrhundert, nach dem Ende der unabhängigen Seerepublik infolge der napoleonischen Eroberungen, veränderten viele Adlige ihre einstmals barocken Gartenanlagen. Ein besonders schönes Beispiel dafür findet sich bei der Ca' Zenobio, nicht weit von der Chiesa die Carmini entfernt, bei der Fondamenta del Soccorso im Stadtteil Dorsoduro. Carina Mandragon:

"Da findet man noch eine Welt wie in einer Fabel, wie in einer Novelle des 19. Jahrhunderts. Eine Villa und dann ein romantischer Landschaftsgarten. Mitten in Venedig! Er ist klein, erzeugt aber die Idee einer landschaftlichen Tiefe. Mit angedeuteten grünen Hügeln und alten Bäumen. Er gehört heute der armenischen Kirche und kann auf Anfrage besichtigt werden. Die meisten dieser venezianischen Mini-Landschaftsgärten existieren leider nicht mehr."

Der vielleicht bezauberndste Garten Venedigs verbindet Tod und Leben, Gräber und eine ungemeine Vielfalt von Pflanzen, Bäumen und Blüten. In nur wenigen Minuten ist die Isola San Michele mit dem Vaporetto zu erreichen. Venedigs Toteninsel. Eine weitere Oase der Stille, die ganz und gar nicht wie ein Friedhof wirkt, sondern eher wie ein Park. Die Venezianer nennen die Insel den "Park der Toten und der Sonntagsspaziergänger", und weil es an Sonntagen auf San Michele recht voll werden kann, sollte man besser unter der Woche vorbeischauen.

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