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StartseiteKalenderblattDie ganze Welt in einem Satz06.07.2012

Die ganze Welt in einem Satz

Vor 50 Jahren starb der amerikanische Schriftsteller William Faulkner

Spätere Autorengenerationen wurden von dem amerikanischen Schriftsteller William Faulkner beeinflusst. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, alles in einem Satz zu sagen. Da ihm das aber nicht gelang, schrieb er ein Buch nach dem anderen – bis er mit 65 Jahren verstarb.

Von Christian Linder

William Faulkner, amerikanischer Schriftsteller (AP Archiv)
William Faulkner, amerikanischer Schriftsteller (AP Archiv)
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Verwesungsgeruch und Totentanz

"I feel that this award was not meant to me as a man but to my work."

Die Ehrung durch den Literaturnobelpreis gelte wohl nicht seiner Person, sondern seinem Werk, sagte William Faulkner im Dezember 1950 gleich zu Beginn seiner Dankrede. Das Argument hatte er schon Wochen vorher benutzt, um nicht persönlich in Stockholm erscheinen zu müssen. Schon Tage vor der Preisverleihung begann er, sich planmäßig zu betrinken. Die Familie schaffte es gerade noch, ihn ins Flugzeug nach Stockholm zu setzen.

Im geliehenen Frack, auf wackligen Beinen, verriet er sein Credo: Die Aufgabe des Schriftstellers bestehe darin, den Menschen zu erinnern "an Mut und Ehre und Hoffnung und Stolz und Erbarmen und Mitleid und Opfer – an den Ruhm seiner Vergangenheit." Denn das war Faulkners Überzeugung:

"Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen."

Aus seiner Vergangenheit hat der am 25. September 1897 geborene und in Oxford in Mississippi aufgewachsene William Faulkner Weltliteratur gemacht. Abgesehen von ein paar Reisen hat er die kleine Stadt, wo er eine Farm gekauft und eigenhändig renoviert hatte, kaum verlassen. Den Ort verwandelte er in einen literarischen Topos, in Jefferson, Yoknapatawpha County, ein indianischer Name, der übersetzt "langsam fließendes Wasser" bedeutet. Faulkners Prosa ist aber keineswegs nur "langsam fließendes Wasser", sondern zeigt sich auch als reißender Strom, der vieles mit sich führt: einerseits in weitverzweigten Erzählungen die wirkliche Historie der amerikanischen Südstaaten, andererseits geheimnisvoll-schicksalhafte Familiengeschichten, geschrieben in einer mit kühnen, raffinierten Überblendungen arbeitenden Technik, die, um die Gleichzeitigkeit wie die Ungleichzeitigkeit allen äußeren und inneren Geschehens zu demonstrieren, sowohl den inneren Monolog von James Joyce, als auch die Erinnerungsstrategien von Marcel Proust weiter entwickelte. Magischer Realismus, der spätere Autoren-Generationen tief beeinflusst hat. Es war ein Traum, der Faulkners Schreiben inspirierte:

"Ich versuche … alles in einem einzigen Satz zu sagen, zwischen einem einzigen großen Anfangsbuchstaben und einem einzigen Punkt."

Da ihm dies nicht gelang, schrieb er ein Buch nach dem anderen, um sich seinem Ziel, "die ganze Welt" in einem einzigen Satz unterzubringen, wenigstens anzunähern:

"Ich stelle mir gern jene Welt vor, die ich geschaffen habe, als eine Art Schlussstein im Universum, den man – mag er auch noch so klein sein – nicht entfernen kann, ohne dass das Universum einstürzt."

Dieser Größenwahn erlaubte es Faulkner, Perioden des Misserfolgs und der Resonanzlosigkeit durchzustehen – wenn er dann auch aus Geldnot ins ungeliebte Hollywood gehen und sich als Drehbuchautor verdingen musste; Trost fand er in der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Howard Hawks der ihm Gesellschaft beim Trinken leistete. Schreiben, Schweigen, Trinken – aus diesen drei Tätigkeiten habe Faulkners reales Leben bestanden, hat einer seiner Biografen festgestellt. Das Verschwiegene seines Lebens konnte sich aber auch in einer klirrenden Ironie ausdrücken, in der er Auskünfte zum Beispiel über den biografischen Hintergrund seiner Bücher verweigerte. Auch für seine Ausweichmanöver war der Schriftsteller nach der Nobelpreisverleihung berühmt. Eine Einladung von Präsident John F. Kennedy zu einem Dinner im Weißen Haus lehnte er ab mit den Worten:

"In meinem Alter kann ich nicht mehr so weit reisen, um mit Fremden zu essen."

Da war Faulkner 64 Jahre alt – ein Jahr später, am 6. Juli 1962, starb er in Oxford an den Verletzungen, die er sich beim Sturz von einem Pferd zugezogen hatte. Er wusste gegen Ende seines Lebens, dass er sich in 19 Romanen wie "Schall und Wahn", "Sartoris", "Absalom, Absalom" oder "Licht im August", circa 60 Erzählungen, einem Theaterstück, Gedichten, Essays und Drehbüchern völlig ausgeschrieben und seine Aufgabe als Schriftsteller längst erfüllt hatte, eine Aufgabe, die für ihn zu jeder Zeit gleich war:

"Erstens muss er der Tendenz zur Rekrutierung, sei es für die Maschinen, sei es für Ideologien, sei es für irgendeine andere Organisation vermeiden, er muss sich bewusst sein, dass er ein Individuum ist und das Wichtigste das Individuum ist."

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