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Die Geburt des "Faust"

Am Freitagabend ist zum ersten Mal der nationale Theaterpreis namens Faust-Preis verliehen worden. Der Regisseur George Tabori wurde für sein Lebenswerk geehrt und acht weitere Künstler für acht weitere theaterspezifische Leistungen von der Regie bis zur Bühnenausstattung ausgezeichnet. Wie viel der Ruhm schließlich wert sein wird, kann man im ersten Jahr seiner Verleihung jedoch noch schwerlich abschätzen.

Von Karin Fischer |
    "Nominiert in der Kategorie beste Regie Schauspiel ..."

    Es war ein bisschen wie bei der Oscar-Verleihung: die Großen der Szene von Marcia Haydée und Anja Silja bis Alain Platel und Ulrich Matthes waren als Laudatoren eingeladen, Moderator Rufus Beck führte gut aufgelegt und souverän durch die Veranstaltung und kam einmal sogar mephistophelisch in Rauch gehüllt aus dem Bühnenboden, im Wesentlichen hielt man sich an die engen Zeitvorgaben, und die Horrornachricht für Fernsehleute - "Die MAZ ist kaputt" - währte nur eine Schrecksekunde. Nur die Soundkulisse glich, zusammen mit der fernsehüblichen scheinwerferschwingenden Lichtregie, eher der von Günter Jauch bei "Wer wird Millionär" - kein Wunder bei jeweils drei Nominierten in acht Kategorien:

    "Nominiert in der Kategorie Beste darstellerische Leistung Schauspiel: Nicole Heesters ... "

    Das alles konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass dem deutschen Theater eines definitiv fehlt: der Glamour, auch beim ersten deutschen Theaterpreis. Darüber muss man nicht unglücklich sein, denn wenn DER FAUST eines will, dann den Blick auch auf die Leistungen der Provinz zu lenken, was mit der Nominierung von Inszenierungen aus Bonn, Eisenach oder Moers zu beweisen war. Schauspiel, Oper, Tanz oder Kindertheater in Deutschland liegen weltweit an der Spitze, was Vielfalt, Ästhetik und kritisches Potential betrifft. Da ist der Abstand zu Hollywood zu verkraften, und belegt im Zweifel nur die Bedeutung, die der Preis jetzt schon hat:

    "Ja, ähm, ich weiß jetzt gar nicht was ich sagen soll ... "

    Katharina Schüttlers "Hedda Gabler" an der Berliner Schaubühne ist eine erfrorene Seele mit vulkanischem Kern. Kathrin Brack hat als Bühnenbild für Dimiter Gottscheffs "Iwanonow" überhaupt nur Rauch auf die Bühne gebracht, sie ist die Meisterin des spektakulär Einfachen. Und Evelyn Herlitzius, die in Peter Mussbachs "Salome" für Dresden die Titelrolle singt, steht für sängerische Unbedingtheit, die sich mit kluger Distanz zur Rolle paart. Mit Meg Stuart schließlich wurde in der Sparte "beste Choreographie" die Arbeit einer kompromisslosen Tanzforscherin ausgezeichnet.
    Überhaupt war das gestern wieder einmal die Stunde der jungen Frauen und der radikalen Konzepte.

    Im Tanz ging die Auszeichnung an den 24-jährigen Marijn Rademaker für seine moderne Studie "Äffi", im Kinder- und Jugendtheater wurde mit Klaus Schumacher auch der Neuanfang des Hamburger "Jungen Theaters" gewürdigt, der Preis für die beste Regie Musiktheater ging an Jossi Wieler und Sergio Morabito für einen Stuttgarter "Doktor Faust" von Ferrucio Busoni, und im Schauspiel gewann erwartbar Jürgen Gosch mit dem viel diskutierten, blutigen Düsseldorfer Macbeth. Auf ihn schien das Kleist-Zitat gemünzt, das Laudator Ulrich Matthes vortrug:

    "Nicht das, was dem Sinn dargestellt ist, ist das Kunstwerk, sondern was das Gemüt - durch diese Darstellung erregt - sich denkt, das ist das Kunstwerk."

    Der deutsche Theaterpreis ist richtig, und er ist wichtig, er hat nur einen entscheidenden Webfehler: Bücher und Filme kann man verschicken, Theaterproduktionen nicht. Wie viele Mitglieder der Akademie der Darstellenden Künste haben die nominierten Inszenierungen wirklich gesehen? Ein paar wenige Prozent. Der Rest wird mit Papier gebrieft, was auch bedeutet, dass das Metropolentheater dank größerer öffentlicher Aufmerksamkeit, siehe Gosch, siehe Schüttler, die Nase grundsätzlich vorn hat. Klaus Zehelein, der Präzeptor des deutschen Theaterpreises sagt dazu:

    "Das Problem ist nicht zu lösen, ich muss das ganz offen sagen. Wir müssen uns der Kritik an unserem Prozedere neu stellen, aber wir müssen aber auch neu damit umgehen. Ich könnte mir vorstellen, dass man noch eine andere Instanz von Theaterleuten - nicht von Kritikern, das ist ganz klar, hier geht's um Theaterleute, die die Arbeiten anderer Theaterleute beurteilen - als Zwischeninstanz zu haben."

    Eines ist unstrittig: mit George Tabori wurde nicht nur der älteste lebende Theatermacher der Welt, sondern auch einer der Weisesten ausgezeichnet. Jürgen Flimm ehrte den "zauseligen Guru" als "heiligen Propheten", der dem Schmerz der Welt seinen Humor und seine Liebe zum Theater entgegen stellt. Er, Tabori, habe das letzte Wort:

    ""Wo soll ich schlafen? - Wo du aufwachen willst."