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StartseiteAus Religion und GesellschaftTiefe Wunden, kalter Friede16.01.2019

Die geteilte Orthodoxie in EstlandTiefe Wunden, kalter Friede

Ein Land – zwei orthodoxe Kirchen: nach orthodoxem Kirchenrecht eigentlich nicht möglich, doch in Estland seit Jahrzehnten Realität. Zwischen den konkurrierenden Kirchen herrscht ein angespannter Friede. Kann Estland damit Vorbild sein für die orthodoxe Krise in der Ukraine?

Von Benedikt Schulz

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Kirche Johannes der Täufer in Nõmme (Benedikt Schulz/Deutschlandradio )
In Estland haben sich die beiden orthodoxen Kirchen gezwungenermaßen miteinander arrangiert (Benedikt Schulz/Deutschlandradio )
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Toomas Hirvoja: "Es fühlt sich an wie eine Wunde im Herzen."

Madis Palli: "Das Zeugnis, das wir der Welt geben, ist ein Problem. Wenn wir sagen, wir orthodoxen Christen der Welt gehören zusammen, dann heißt es zu Recht: Wovon redet ihr? Ihr seid ja sogar im kleinen Estland gespalten!"

Thomas Hirvoja: "Es sollte doch eine Kirche sein, in der Esten und Russen zusammensitzen, zusammen beten und sich achten. Aber das ist nicht der Fall. Und das ist traurig."

Madis Palli: "Man könnte sagen, wir haben so was wie einen Kalten Frieden."


Madis Palli steht in seinem dunklen, beinahe fensterlosen Büro am Rande der Altstadt von Tallinn und präsentiert seine Bücher: "Aus den 1840er Jahren haben wir etwas, vor allem liturgische Bücher." Sein kleines Büro ist gleichzeitig die einzige Bibliothek der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche. Es ist eine kleine Gemeinschaft mit gerade mal 20.000 Mitgliedern im ganzen Land.

Madis Palli in seinem Büro (Benedikt Schulz/Deutschlandradio )Madis Palli in seinem Büro (Benedikt Schulz/Deutschlandradio )

Madis Palli ist Priester in der St. Simeons-Kirche, nicht weit vom Tallinner Hafen. Die Bücher in seinem Büro sind sein ganzer Stolz. Und auch wenn sich hier einige hunderte Jahre alte Schätze befinden - viele Bücher sind es nicht.

"Natürlich gibt es nicht so viele orthodoxe Texte auf Estnisch wie auf Russisch oder Griechisch oder sogar Englisch. Aber: Seit dem 19. Jahrhundert bis heute wurden kontinuierlich estnische Texte gedruckt. Heute haben wir auch eine Zeitschrift auf Estnisch, wir setzen diese Arbeit also fort."

"Ich war auf einem anderen Planeten"

An einem kalten Winterabend finden sich einige Gläubige ein in einer kleinen Holzkirche, die sich in einem Wohngebiet zwischen Nadelbäumen verbirgt. Toomas Hirvoja leitet an diesem Abend den Gottesdienst. Die Kirche Johannes der Täufer liegt in Nõmme, ein Stadtteil im Süden von Tallinn, nicht weit entfernt von Madis Pallis Büro.

Hirvojas Liturgiesprache ist Russisch. Dass es zu wenige orthodoxe Texte in dieser Sprache gibt, darüber kann Toomas Hirvoja nicht klagen. Seine Kirche ist die Estnische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. Die Kirche selbst ist kaum größer als ein Klassenzimmer. Hirvoja, geboren in Tallinn, ist hier seit mehr als zehn Jahren Priester.

Die Biografien von Toomas Hirvoja und Madis Palli ähneln sich. Beide wurden im November 1966 geboren - in einem Abstand von nur 19 Tagen, beide als Kinder estnischsprachiger Eltern. Beide wuchsen in einem atheistischen Umfeld auf. Während der politischen Umbruchphase in ihrem Heimatland befanden sich beide auf spiritueller Sinnsuche.

Madis Palli: "1990 entschied ich mich, Theologie zu studieren und bin dafür nach Finnland gegangen."

Toomas Hirvoja: "Ich war zu sehr nach innen gerichtet, habe mich um meine persönlichen und spirituellen Probleme gekümmert, ich war ein bisschen auf einem anderen Planeten. Auch diese kirchenpolitischen Probleme zwischen estnischen und russischen Priestern habe ich nicht gesehen."

Die Spaltung ist ethnisch begründet

Dasselbe Land, dieselbe Stadt, derselbe Glaube. Und doch liegen Welten zwischen ihnen. Das Ende des Ostblocks und die erneute Unabhängigkeit des Staates Estland haben auch in der Orthodoxie ihre Spuren hinterlassen. In der kirchenpolitisch verwickelten Situation zu Beginn der 90er-Jahre gab es plötzlich zwei orthodoxe Kirchen im Land.

Toomas Hirvoja in seiner Kirche (Benedikt Schulz/Deutschlandradio )Toomas Hirvoja in seiner Kirche (Benedikt Schulz/Deutschlandradio )

Eine, der die wenigen estnischen orthodoxen Gläubigen angehören und eine, der die vielen russischstämmigen Gläubigen angehören. Mit wenigen Ausnahmen verläuft die orthodoxe Kirchenspaltung in Estland entlang ethnischer Grenzen.

Madis Palli: "Das sind natürlich vor allem Immigranten aus der Sowjetzeit und ihre Nachkommen. Diese Leute haben enge Verbindungen zu Russland. Ihr Präsident heißt Putin. Viele von ihnen sind sogar russische Staatsbürger."

Toomas Hirvoja: "Die estnischen Priester wollen eine mehr estnische Kirche haben - aus Sicht vieler Russen bedeutet das: ein bisschen protestantisch."

Estland als Erfolgsmodell?

Laut orthodoxem Kirchenrecht darf es an einem Standort nur einen Bischof, und damit nur eine Kirche geben. In vieler Hinsicht ist die Lage der ukrainischen Orthodoxie mit der Situation der estnischen vergleichbar. In beiden Ländern gibt es eine orthodoxe Kirche, die von Konstantinopel als autonom anerkannt, von Moskau aber als illegitim betrachtet wird. Und an beiden Orten existiert auch eine nationale Kirche des Moskauer Patriarchats, in der Ukraine darüber hinaus noch eine weitere Kirche.

Zwei Staaten, fünf Kirchen – hier wie dort wird orthodoxes Kirchenrecht gebrochen. Jedoch: In Estland haben sich die beiden Kirchen miteinander arrangiert. Kann Estland Vorbild sein für die Ukraine?

Ja und Nein - es ist kompliziert. Um das zu verstehen, muss man genauer hinschauen, auf die Geschichte der orthodoxen Spaltung in Estland. Und diese Geschichte beginnt deutlich vor 1990. Sie beginnt mit dem Zerfall einer anderen Großmacht, dem russischen Zarenreich am Ende des Ersten Weltkriegs.

"Die Veränderungen, die damit einhergingen, waren enorm. Für die Kirche bedeutete das, dass weite Teile der früheren, großen russischen Kirche plötzlich sehr viel unabhängiger waren."

Rotgardisten stehen im November 1917 (nach dem damals in Rußland gültigen julianischen Kalender im Oktober) neben einer Kanone vor dem Smolny-Palast in Petersburg, dem Sitz des ZK der Bolschewiki (picture-alliance / dpa)Die Oktoberrevolution in Rußland 1917 hatte massive Auswirkungen auf die Situation der Kirchen (picture-alliance / dpa)

Die russische Kirchenhistorikerin Irina Paert lebt seit einigen Jahren in Tallinn und erforscht die Geschichte der estnischen Orthodoxie.

"Aber es gab natürlich unterschiedliche Ansichten darüber, wie man diese neue Freiheit nutzen wollte. Die Nationalisten wollten die vollständige Unabhängigkeit, aber andere, moderatere Stimmen, wollten die Beziehungen zu Moskau nicht vollständig abbrechen."

"Der Patriarch nahm einfach beide Kirchen unter seinen Schutz"

Die estnische Orthodoxie erhielt in dieser Umbruchphase vom Moskauer Patriarchen Tichon die Autonomie, verblieb aber im Patriarchat. Das aber reichte vielen Kirchenleuten nicht. Und sie reisten zusammen mit einer Delegation der finnischen Orthodoxie nach Konstantinopel. Um dort gemeinsam vom Ökumenischen Patriarchen die Eigenständigkeit, die Autokephalie zu erbitten.

Ohne Erfolg. Weil in der orthodoxen Welt bis heute umstritten ist, wer die Autokephalie eigentlich verleihen darf. Und doch war die Reise ein Erfolg, auf den sich die unabhängige Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche bis in die Gegenwart beruft.

"Der Patriarch von Konstantinopel nahm einfach beide Kirchen unter seinen Schutz. Er gewährte ihnen den sogenannten Tomos, das ist wie ein Zertifikat, das ihre Autonomie unter der Jurisdiktion des Patriarchen von Konstantinopel garantierte."

Eine Kirche in den Kriegswirren

Als die Sowjetunion 1940 Estland besetzte, wurde das Oberhaupt der Estnischen Orthodoxen Kirche, Metropolit Alexander, gezwungen, zu widerrufen und in die Russisch-Orthodoxe Kirche zurückzukehren. Als nur kurze Zeit später deutsche Soldaten das Land besetzten, widerrief Alexander seinen Widerruf. Und kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs floh er nach Schweden. Irina Paert sagt:

"Und in Schweden etablierte er einen Exil-Synod: die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche, die während der gesamten Sowjetzeit weiterexistierte, während in Estland selbst die Kirche wieder unter der Jurisdiktion von Moskau stand."

In den 70er-Jahren dann ein weiterer Rückschlag für die Esten: Der Patriarch von Konstantinopel stimmte dem Wiedereintritt der Estnischen Orthodoxen Kirche in das Moskauer Patriarchat zu. Die Unabhängigkeit der estnischen Orthodoxie war damit fürs erste beendet.

"Die ältesten Kirchen sind nicht national organisiert"

Viele orthodoxe Kirchen, ob sie autokephal oder autonom sind, ob ihr Status umstritten ist wie in Estland oder in der Ukraine, eines haben sie gemeinsam: Sie sind entlang nationaler Grenzen organisiert. Dies gilt aber nur für die orthodoxen Kirchen der Neuzeit, meint der Theologe und Ostkirchenexperte Thomas Bremer.

"Die historisch bedeutendsten und ältesten Kirchen sind ja nicht national organisiert, sondern regional - und da gehören dann verschiedene Nationen dazu. Es gilt vor allem für die Kirchen in Südosteuropa, die im Laufe des 19. und des 20. Jahrhunderts selbständig geworden sind."

Und die Entstehung dieser national eigenständigen orthodoxen Kirchen ging immer einher mit Erosionserscheinungen von Vielvölkerstaaten. Ob es das russische Zarenreich war, wie im Fall von Finnland oder eben Estland – oder das Osmanische Reich, wie etwa in Rumänien oder Bulgarien. Thomas Bremer sagt:

"Man muss ja sagen, die Kirchen in Südosteuropa, also auf dem Balkan und Griechenland haben die zum Patriarchat von Konstantinopel gehört. Und der Patriarch von Konstantinopel war zuständig für alle Orthodoxen im Osmanischen Reich. Da hat die nationale Zugehörigkeit keine Rolle gespielt. Mit dem Aufkommen des Nationalismus im 19. Jahrhundert ändert sich das und die Kirchen fangen an, auch diese Idee der Nation zu vertreten."

Der rechtliche Status der estnischen Kirche ist umstritten

Und so verläuft diese Entwicklung analog, wenn auch nicht identisch zur Entstehung nationaler Bewegungen an der östlichen Peripherie Europas. Und bis in die Gegenwart sind Politik und Religion in der orthodoxen Welt in Ost- und Südosteuropa ineinander verwoben. Madis Palli sagt:

"Rein rechtlich und kanonisch hat unsere Kirche nicht aufgehört zu existieren."

Als die Republik Estland 1991 unabhängig wurde, kam erneut der Wunsch nach einer von Moskau unabhängigen, estnischen orthodoxen Kirche auf.

"In Schweden in der Emigration hat die Kirche strukturell und rechtlich weiter bestanden."

Sagt Madis Palli. Aus seiner Sicht war der Exil-Synod der legitime Nachfolger der Estnischen Orthodoxen Kirche in der Zwischenkriegszeit. Eine kirchenrechtlich umstrittene These:

"Mir erscheint es so, als ob es da nur um nationalistische, politische, mehr weltliche Motive ging."

Sagt Toomas Hirvoja, der Priester in der Kirche des Moskauer Patriarchats.

Wem gehören die Gemeinden?

Der estnische Staat sah es anders - und unterstützte die Ansprüche der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche, die aus dem Exil-Synod hervorging. Irina Paert sagt:

"Für den Staat gehörten automatisch alle orthodoxen Christen zur Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche unter dem Patriarchat von Konstantinopel. Die russischsprachigen Gläubigen jedoch haben das als krassen Angriff auf ihre Identität empfunden."

Denn es gab ja auch russisch-orthodoxe Christen im Land. Und plötzlich hieß es: ihr gehört jetzt alle einer anderen Kirche an, in der auf Estnisch gebetet wird.

In Tallinn, der Hauptstadt Estlands, demonstrierten am 24.02.1990, dem alten Unabhängigkeits Estlands, Zehntausende Esten vor der Alexander-Newski-Kathedrale für ihre Unabhängigkeit.  (Picture Alliance / Oy Lehtikuva )Nach der Unabhängigkeit gingen die orthodoxen Kirchen Estlands zunächst in den Besitz der 'Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche' über (Picture Alliance / Oy Lehtikuva )

"Rechtlich betrachtet fiel der gesamte Kirchenbesitz an die Estnische Apostolische Kirche. Das ist bis heute so. Die Gebäude, die von der Kirche des Moskauer Patriarchats genutzt werden, gehören ihnen nicht."

Für viele Gläubige habe sich das wie ein Schock angefühlt. Mitte der 90er- Jahre unterstützte auch der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. den Anspruch einer unabhängigen estnischen Orthodoxie - und riskierte damals schon den Bruch mit Moskau.

Wem gehören die Gemeinden, wem gehören die Kirchen, wem gehören die Grundstücke - vor diesen Fragen steht die Orthodoxie auch in der Ukraine seit der Entscheidung des Patriarchen von Konstantinopel.

Der Staat hat einen Kompromiss durchgesetzt

In Estland gelang es vor einigen Jahren, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Staat sieht in der Kirche des Moskauer Patriarchats nicht mehr die fünfte Kolonne Russlands. Sie wird zivilrechtlich als Religionsgemeinschaft anerkannt. Faktisch hatten auch vorher schon zwei Kirchen existiert, nun aber auch de jure. Ein Kompromiss wäre wohl nie zustande gekommen ohne den Eingriff des Staates. Irina Paert sagt:

"Der gesamte Besitz wird vom Staat verteilt und die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche erhält dafür eine finanzielle Kompensation. Der Staat hat also Kirchen an russisch-orthodoxe Gemeinden gegeben für eine symbolische Miete. Und der Staat hilft mit, diese Gebäude zu erhalten."

Beide Kirchen haben dem zugestimmt. Letztlich blieb ihnen nichts anderes übrig: Die meisten orthodoxen Christen in Estland sind russischsprachig, zum überwiegenden Teil sind sie oder ihre Eltern in der sowjetischen Zeit nach Estland gekommen. Für diese Esten russischer Herkunft fühlt sich die Kirche des Moskauer Patriarchats mit ihrer russischsprachigen Liturgie ganz selbstverständlich zuständig.

"Von einer Beziehung kann keine Rede sein"

In dieser Kirche würden die estnischsprachigen Christen genauso wenig verstehen, wie die russischsprachigen in der anderen Kirche. Und würde die Kirche des Moskauer Patriarchats von heute auf morgen nicht mehr existieren oder in der anderen Kirche aufgehen, wären Hunderttausende orthodoxe russischsprachige Esten spirituell heimatlos.

Und trotz der unterschiedlichen Sprachen: Eigentlich verbindet beide Kirchen viel: neben der gemeinsamen Liturgie auch die Geschichte. Früher gab es durchaus Ansätze zu Kooperation: gemeinsame Feste, gemeinsame Übersetzungen theologischer Texte, vertiefte Zusammenarbeit im Eesti Kirikute Nõukogu, dem estnischen Kirchenrat. Doch vieles ist im Sande verlaufen. Irina Paert sagt:

"Wenn es um gegenseitige Anerkennung, Kommunikation oder gar Zusammenarbeit geht, kann man überhaupt nicht von einer Beziehung reden. Aus Sicht des normalen Kirchenmitglieds existiert die jeweils andere Kirche einfach nicht."

"Estland ist ein Diasporaland"

Beide Kirchen unterscheiden sich – die Estnische-Apostolische Orthodoxe Kirche ist moderner und liberaler, die Kirche des Moskauer Patriarchats eher traditionell und konservativ. Abgesehen von kirchenrechtlichen Spitzfindigkeiten ist der Konflikt ein Konflikt um die Deutung von Geschichte und Gegenwart.

Das gilt für Estland, aber auch für die Orthodoxie in der Ukraine. In Estland hat man sich zumindest arrangiert. Auch die mächtigen Patriarchate von Moskau und Konstantinopel haben die Situation akzeptiert, wenn auch eher inoffiziell. Kann also Estland Vorbild sein für die Ukraine?

"Der große Unterschied ist, dass Estland, zumindest historisch, theoretisch ein Diasporaland ist."

Sagt der Ostkirchenexperte Thomas Bremer.

"Also eine Minderheit der Bevölkerung ist dort nur orthodox. Und die Situation haben wir ja in Deutschland auch, wir haben ja auch verschiedene orthodoxe Kirchen nebeneinander. Das heißt, diese Situation hat man öfters, aber immer in der Diaspora, also in nicht-traditionellen, nicht-orthodoxen Gebieten. Die Ukraine ist ein traditionell orthodoxes Land, und da ist es etwas anderes. Es gibt kein orthodoxes Land, wo zwei Kirchenorganisationen legal und offiziell nebeneinander existieren."

"Kiew ist die Wiege der russischen Orthodoxie"

Außerdem: Die Ukraine ist von großer Bedeutung, auch aus kirchenhistorischer Sicht, meint Thomas Bremer:

"Die russische Geschichte, die russische Kirchengeschichte hat in Kiew begonnen. Es ist sozusagen die Wiege der russischen Orthodoxie und das ist dann doch noch mal eine ganz andere Dimension, wenn es da um die Autokephalie geht."

Filaret Denyssenko, Patriarch der Ukrainisch-orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat, segnet am 16.10.2014 Mitglieder des ukrainischen Battalions Zolotye Vorota in einem Trainingslager der Nationalgarde nahe Kiew. (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)Im Ukraine-Konflikt sind Politik und Kirche kaum voneinander zu trennen (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)

Das entscheidende Hindernis aber ist und bleibt: die Politik. In der Ukraine herrscht seit vier Jahren Krieg. Religion ist ein vermintes Feld. Auch weil einerseits die ukrainische Regierung aus einem Kirchenkonflikt, der bereits seit fast 25 Jahren bestand, eine nationale Frage gemacht hat - und damit eine vermittelnde Funktion des Staates für lange Zeit unmöglich gemacht haben dürfte.

Und weil andererseits die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats im bewaffneten Konflikt in der Ost-Ukraine Positionen der russischen Regierung vertreten und damit ihre Glaubwürdigkeit als zivilgesellschaftlicher Partner verspielt hat.

"In der Ukraine ist es viel schlimmer"

Aber was nun? Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats, soeben von Konstantinopel geadelt, wird ihren Anspruch auf Eigenständigkeit nie wieder fallen lassen. Ebenso wenig wird das Patriarchat von Moskau seine Jurisdiktion in der Ukraine aufgeben. Diese Situation könnte dazu führen, dass sich beide Kirchen irgendwann gegenseitig akzeptieren müssen – so, wie es in Estland seit einigen Jahren der Fall ist.

Priester Toomas Hirvoja sitzt in seiner Kirche auf einer kleinen Holzbank an der Wand. Er und Madis Palli kennen sich seit vielen Jahren. Palli sagt über ihre Beziehung: man sei in Fragen der Jurisdiktion unterschiedlicher Ansicht. Aber, trotz ihrer Differenzen: sie mögen sich, das betonen sie beide. Weswegen Toomas Hirvoja sagt, eigentlich können die beiden sich glücklich schätzen.

"Gott sei Dank handelt es sich um eine friedliche Koexistenz. Nicht so wie in der Ukraine, dort ist es viel schlimmer."

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