Sonntag, 08.12.2019
 
StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Mediterraner Schmelztiegel02.11.2018

Die griechische Sängerin Savina YannatouMediterraner Schmelztiegel

Savina Yannatou ist ein künstlerisches Chamäleon. Sie nutzt gesangliche und sprachliche Traditionen aus dem Mittelmeerraum und interpretiert sie ohne Tabus. Mit dem Ensemble Primavera en Salonico geht sie auf eine poetische Klangreise, verbindet sephardische Musik mit Berbergesang und Chamber Jazz.

Von Karl Lippegaus

Schwarz-Weiß-Bild von Savina Yannatou beim Konzert mit Musikern von Primavera en Salonico (Fotini Potamia)
Licht und Schatten menschlicher Existenz: Savina Yannatou & Primavera en Salonico (Fotini Potamia)

Musik: "La Cantigua del Fuego" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

"Mit Musik begann ich mich sehr früh zu beschäftigen. Meine ältere Schwester sang in einem Chor, und ich wünschte mir, auch mitsingen zu dürfen. Also bin ich mitgegangen – wegen ihr! Ich genoss das große Glück singen zu lernen. Nur weil ich immer das tun wollte, was sie tat!"

2003 erschien von der Sängerin Savina Yannatou das Livealbum "Terra Nostra" und es war wie eine Verzauberung. "Jede Musik, die nicht sofort bewirkt, dass du deine Sprache benutzt, um sie zu identifizieren, wird deine Vorstellungskraft viel stärker affizieren." Dieses Zitat stammt zwar von Ornette Coleman, beschreibt aber ziemlich genau, was beim Hören des Liederzyklus aus zwanzig Stücken auf "Terra Nostra" passiert.

Es ist eine Klangreise durch mediterrane Zeiten und Räume, von Griechenland nach Bulgarien, rauf zu den Hebriden, runter nach Sardinien, weiter südöstlich in den Libanon, bis hoch nach Asturien, und mit Umwegen über Marokko in die Provence, um schließlich in Kleinasien zu landen.

"Es ist ein Versuch, sich dem Fernen und Fremden zu nähern, manchmal in einem seltsamen, unbewussten Prozess. "

Musik: "Ivan Nadonka Dúmashe" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

"Es scheint unumgänglich, dass wir, wenn wir Griechenland bereisen, unsere eigenen Maßstäbe vergessen und die Landschaften, die Statuen, die Dekorationen, das Licht dieses Landes mit ganz anderen Augen sehen." 
Jacques Lacarrière

Die Kontraste des riesigen Mittelmeerraums, Spuren der Jahrhunderte, das Licht und den Schatten fangen Savina Yannatou und Primavera en Salonica mit ihrer Musik ein. Die Gruppe besteht aus: Yannis Alexandris: Oud und Gitarre; Kyriakos Gouventas: Violine und Bratsche; Harris Lambrakis: Nay-Flöte; Michalis Siganidis: Kontrabass; Kostas Theodorou: Perkussion; Kostas Vomvolos: Quanun, Akkordeon und Savina Yannatou: Gesang.

"Ich kam in Athen zur Welt und habe eigentlich immer hier gelebt. Ich bin sehr viel unterwegs, und das ist auch gut so: Einerseits sorgt es für eine gewisse Entspannung im eigenen Hirn, andererseits erspart es mir das Gefühl, an einen bestimmten Ort fest gebunden zu sein. Das Reisen habe ich schon immer geliebt.

Ich mag auch das Stadtleben. Meine Wohnung liegt im Zentrum von Athen, obwohl mich der Lärm immer stört - trotzdem mag ich die Innenstadt. Da ich keine Autofahrerin bin, ist es für mich praktisch, so zentral zu leben; so bin ich immer mittendrin im Geschehen und riskiere nicht, abgeschnitten davon zu sein."

Musik: Xanthi Evreopoula (No Seas Capritchioza) - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

Sokrates war, an der Schwelle zu seinem Tod, damit beschäftigt, eine Melodie auf der Flöte zu üben. "Zu was soll das gut sein?", fragte man ihn. - Sokrates erwiderte: "Um diese Melodie zu kennen, bevor ich sterbe."

Savina Yannatou und Primavera en Salonico sammeln und interpretieren seit 20 Jahren Lieder nicht nur aus ihrer Heimat, sondern dem ganzen mediterranen Raum, die sie dem Vergessen entreißen.

"Ursprünglich wollte ich Komponistin werden. Ich sagte mir: 'Jetzt singst du, aber danach schreibst du Musik.' Dann schrieb ich einige Songs und habe 1986 ein Album mit eigenen Balladen herausgebracht. Gelegentlich komponierte ich fürs Theater und für das 3. Programm des nationalen griechischen Rundfunks. Heute singe ich so viel, dass ich mein Wissen über Komposition zwar nicht vergessen habe, aber gern mehr Zeit zum Schreiben hätte.

Musikerin, nicht Sängerin, wollte ich mit zwölf Jahren werden. Ich nahm Gitarrenunterricht, aber nach ein paar Jahren brach ich das Studium ab. Eine Freundin zeigte mir eigene Lieder, und mit diesem Repertoire begann meine professionelle Karriere, Gesangsunterricht nahm ich erst später. Ein etwas seltsamer Weg: Singen tat ich gern, doch lange wäre mir nie im Traum eingefallen, daraus einen Beruf zu machen. Vielleicht, weil ich meine Stimme nicht für etwas Besonderes hielt."

Schwarz-Weiß-Bild von Savina Yannatou (Fotini Potamia)Zwischen ekstatischer Musik und klösterlich-leisen Tönen: Savina Yannatou (Fotini Potamia)

Berber-Gesang aus Tunesien ist die Basis des Liedes der Schwiegermütter, "Le Chant des Belles Mères", und darüber legt sich wie ein Palimpsest eine Vokalimprovisation: Lamia Bedioui und Savina Yannatu.

Musik: "Chant des belles mères" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico feat Lamia Bediouina

Savina Yannatou widmete vor genau 20 Jahren ihr erstes Album "Songs of the Mediterranean" mit der Gruppe Primavera en Salonico den sephardischen Juden, um daran zu erinnern, dass in Thessaloniki einmal jahrhundertelang ein friedliches Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen möglich war. Das bislang letzte Album der Gruppe ist wieder ganz diesem Thema gewidmet und erinnert an den Exodus von Granada nach Thessaloniki.

"An den Ufern des Mittelmeers sind die Trümmer Teil alles Überdauernden." 
Rafael Chirbes

Was empfindet Savina Yannatou bei diesen alten Liedern aus Sardinien, Sizilien und dem mittelalterlichen Spanien? Ist es für sie und die Gruppe eine Zeitreise oder spürt sie dabei auch eine besondere Präsenz?

"Beides trifft zu. Sie haben all diese Elemente aus der Vergangenheit – die bekannten und die unbekannten, die man bisweilen nur vermutete. Gleichzeitig singe ich zu Menschen, die vielleicht ähnliche Probleme oder Fragen haben. Wir streben mit der Gruppe einen Anschluss der Vergangenheit an die Gegenwart an.

Singe ich vor einem jüdischen Publikum, sind natürlich andere Erwartungen im Spiel, weil ihre Gefühle angesichts ihrer verschwundenen Kultur so stark sind. Wir sprechen von einer Vergangenheit, die diesen Leuten fehlt. Alles ist aufgeladen mit Emotionen.

Anflug einer Psychoanalyse

Natürlich versuche ich mir vorzustellen, wie sie empfinden. Was dabei zwischen dem Publikum und der Sängerin passiert, ist also eine Mischung aus ihren und meinen Emotionen. Ich kann sogar sagen, es hat manchmal den Anflug einer Psychoanalyse."

Musik: "Orrio Tto Fengo" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

"Während der Kaffee aufschäumte, legte sie eine Schallplatte mit fremden Liedern aufs Grammophon, die sie mitsang, ein wenig unklar war die Aussprache, aber wunderschön, das Kühle sang sie kühl, das Pathetische pathetisch und das Kummervolle kummervoll. Im Radio waren sanfte Frauenstimmen zu hören. Ihre Geschichten umspannten den ganzen Planeten, sie drehten sich meist nicht nur um ihr Inselchen, sondern um die Häfen anderer Länder, andere Erdteile oder Schiffsreisen."
Ioanna Karystiani

"Hier in Griechenland gelte ich als etwas eigenwillig, etwas schwierig, wegen meiner leisen Töne und was die Auswahl meines Repertoires betrifft. So pflegen mich jedenfalls die Journalisten zu präsentieren. Ich halte diese Lieder jedoch für sehr einfach und direkt. Jeder kann eine Beziehung dazu finden, auch wenn sie oft in fremden Sprachen erklingen.

Bei den Konzerten erlebe ich eine große Nähe zum Publikum. Sobald eine Atmosphäre des Zuhörens entsteht und wir mit den Liedern die Menschen erreichen, dann reagieren sie sehr heftig darauf."

Die zweite Produktion von Primavera en Salonico mit Manfred Eicher, das Album "Sumiglia", war die erste Studioproduktion und entstand im März 2004 in Oslo. Nach der ekstatischen Musik von "Terra Nostra", dem Livealbum, klingt "Sumiglia", als verlasse die Gruppe ein rauschendes Dorffest und wandere zurück in klösterliche Stille und Einsamkeit.

Schwarz-Weiß-Bild von Savina Yannatou und Primavera de Salonico bei einem Konzert in einer Kirche (Fotini Potamia)Vergangenheit und Gegenwart berühren sich in den Liedern von Savina Yannatou und Primavera de Salonico (Fotini Potamia)

Es ist nicht das lichtdurchflutete Hellas, das einem hier begegnet, sondern mehr das winterliche, regnerische und nebelverhangene, das entvölkerte Land der Theo Angelopoulos-Filme.

Musik: "Muiñeira" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

Das Beeindruckende an "Sumiglia" ist, dass dieses Album keine schöne Folklore präsentiert, auch wenn all diesen Liedern aus allen Himmelsrichtungen viele Archetypen auftauchen, wie etwa die Rose, die weiße Lilie oder die Perle.

Aber es geht auch viel um Seelenschmerz und Agonie, um Verlust und Exil, die Brüche und die Zerrissenheit von Menschen, die verletzt worden sind. Diese schmerzhafte Seite, ist das ein Thema, wonach Savina Yannatou besonders sucht, um womöglich gerade diese Seite der menschlichen Existenz zu zeigen?

Annäherung an das Fremde

"Nein, das war kein bewusster Vorgang, diese Auswahl zu treffen, bestimmt nicht. Es ist übrigens das erste Mal, dass ich eine so klare inhaltliche Beschreibung höre. Jetzt wird es mir klar. Ich gebe zu, ich bin überrascht. Natürlich hat alles auch etwas mit der Art zu tun, wie ich meine Selbstfindung betreibe, obwohl auch das kein sehr bewusster Vorgang ist.

Indem ich das Lied eines anderen singe, drücke ich auch meine eigene innere Rastlosigkeit aus und stelle auf meine Art Fragen an den Zuhörer. Der Reichtum an Klangfarben, der diesen Melodien entströmt, ergibt ein breites Spektrum an Emotionen, die von dem spezifischen Klang gleichsam getragen werden.

Es interessiert mich sehr, den Texten dieser Lieder Ausdruck zu verleihen, und ich stelle mir alles Mögliche vor, wenn ich sie singe. Ich denke an all die Menschen, die sie geschrieben, gesungen und gelebt haben. Und was sie dabei empfunden haben."

Musik: "Radile" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

"Songs from the Mediterranean" war 1998 das Album der Athenerin, durch das viele auf ihre unvergleichliche Stimme aufmerksam wurden. "Ich selbst habe erinnert, was ich nie erlebt habe." Dieser Satz aus "Der Tangosänger" von Tomás Eloy Martínez scheint ein wenig das Motto von Primavera en Salonico zu sein. Seit zwei Dekaden bereisen sie gemeinsam den Globus.

"Durch die Musik bilden sich die engsten zwischenmenschlichen Bande", schreibt E.M. Cioran. Diese sieben griechischen Musiker wuchsen jedoch erst ganz allmählich zu einer Gruppe zusammen. Anfangs ahnte niemand, ob und wie lange man zusammenbleiben würde.

"Sie schaute stundenlang aufs Meer hinaus, sicher nicht, weil das Blau sie beruhigte, sie schien etwas auf der unendlichen Fläche zu lesen. Ihm fiel auf, wie ihre Augen sich kaum wahrnehmbar von links nach rechts bewegten, eine ununterbrochene Anstrengung. Sie sah ins Blau geschriebene Geschichten, die von den großen Wellen durcheinandergewirbelt wurden."
Ioanna Karystiani

Musik: "Perperouna" - Savina Yannatou & Primavera en Salonico

"Der Mittelmeerraum, der es jahrhundertelang einer Vielzahl von Menschen ermöglicht hatte, Größe und Wert einer jeden Sache zu bestimmen, ging in die Brüche, zerbarst in tausend Stücke. Nichts war mehr so wie vorher." 
Rafael Chirbes

Die sieben Musiker haben sich intensiv mit den mediterranen Kulturen vertraut gemacht, erinnern an die Strahlkraft, mit der griechisches Denken und Kultur allen Invasionen der vielen Besatzer widerstanden hat.

Ikonentaucher in versunkenen Welten

Auf dem Album "Songs Of An Other" ist das starke Selbstbewusstsein der Gruppe spürbar, das sie antreibt, wie Ikonentaucher immer tiefer in versunkene Welten einzudringen; sie repräsentieren auf ihre Weise die Vergangenheit und die Zukunft.

Die Emigration hat überall das Land ausbluten lassen, alles konzentriert sich auf Athen. "Glücklich wenn ich vergesse, traurig wenn ich mich erinnere", heißt es in einem Lied aus Epirus, das fast ein Schrei, eine Klage ist.

Musik: "Ioanna's Absurdities " - Savina Yannatou

Mit dem vorläufig letzten Album "Songs of Thessaloniki" erzielt die Gruppe eine noch größere Klangfülle aus Timbres und Texturen. Alte Lieder, wie Klangpostkarten mit der Aufschrift "Souvenir de Thessaloniki", diese seien das Ausgangsmaterial gewesen, erklärt die Sängerin.

"Sie wurden zur Leinwand für unsere Phantasie, um zeitgemäße Narrative zu den alten Mythen zu kreieren."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk