Mittwoch, 10. August 2022

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Die Hausmeister des World Wide Web

Die Internet Engineering Task Force ist das technische Steuergremium mit der Lizenz zur Standardisierung. Sie entscheidet, welche Netz-Technologien zur Norm werden sollen.

Von Manfred Kloiber | 03.08.2013

    "Wir glauben daran, dass möglichst viele ihre Interessen einbringen sollten. Etliche Organisationen - aus dem privaten Bereich, aus der Zivilgesellschaft, aus den Regierungen - sind da nicht so offen, sie erlauben keine volle Teilhabe auf Augenhöhe. Das aber ist grundlegend für die Art, in der das Internet aufgebaut ist. Es ist grundlegend für die Weiterentwicklung des Netzes. Die beste Art, den Herausforderungen zu begegnen ist die, alle in die Diskussion einzubeziehen."

    Manfred Kloiber: Das war Lynn St. Amor im Interview mit dem Deutschlandfunk. Als Präsidentin der Internet Society war sie Ausrichterin der 87. Arbeitstagung der Internet Engineering Task Force, die bis gestern in Berlin stattfand. Die Internet Engineering Task Force – das ist das technische Steuergremium mit der Lizenz zur Standardisierung. Die IETF entscheidet, welche Netz-Technologien zur Norm werden sollen. Und sie sorgt dafür, dass sich Techniker aus aller Welt - freilich mit US-amerikanischer Dominanz – um die Umsetzung dieser Richtlinien kümmern. Am Ende manchmal ziemlich langer Debatten stehen dann sogenannte RFCs – Request for Comments, auf Deutsch: Aufforderung zur Kommentierung. Doch trotz des bescheidenen Namens – die RFC sind de facto die technischen Spielregeln des Netzes.

    Beginn Beitrag:

    Dienstagmorgen auf der IETF-Tagung in Berlin. Im großen Saal des Konferenzgebäudes treffen sich rund 150 sogenannte Gleichgesinnte – die Birds of Feather. In einer "BOF"-Session wird vorab diskutiert, ob ein Thema so wichtig und dringend geworden ist, dass sich die Internet Engineering Task Force, die technische Steuerzentrale des Internets drum kümmern sollte. Heutemorgen steht STIR, Secure Telefony Identity Revised, auf dem Plan – es geht um die Absicherung der Internet-Telefonie. Konkret um die Frage, ob die angezeigten Rufnummern vor Fälschung und Missbrauch geschützt werden müssen. Abgestimmt wird per Summen:

    Über 100 Arbeitsgruppen oder Birds-of-Feather-Treffen standen auf dem Plan der 87. Arbeitstagung der IETF. Rund 1500 Ingenieure aus 73 Ländern kamen nach Berlin, um an den Standards zu arbeiten, nach denen das Internet funktioniert. Dreimal jährlich kommen die Experten zusammen. Zwischen den Treffen wird elektronisch weiter diskutiert. Der Vorsitzende der Internet Engineering Task Force, der Finne Jari Arkko, erklärt, worum es bei diesem Treffen geht:

    "Wir machen beides: Wir kümmern uns einerseits um die Spezifikationen von neuen Technologien. Wir machen aber nicht nur die Standardisierung – und das ist das Besondere an der IETF –, sondern wir bauen und testen die Technologien auch bei unseren Treffen. Wir haben also Leute, die die Ideen bereits umgesetzt haben und konkret ausprobieren, ob auch das Zusammenspiel mit anderen Technologien funktioniert und so auch sicherstellen, dass wir alle über das Gleiche reden."

    Das unterscheidet die IETF von anderen Standardisierungsorganisationen, die meist interstaatlich oder privatwirtschaftlich organisiert sind. Jeder, der sich berufen fühlt, technischen Input zu einem der zahlreichen RFCs, den Request for Comments, zu liefern, der kann das tun. Nur die Argumente zählen, nicht, wer sie vorträgt und warum. Die hitzigen Diskussionen zwischen Wissenschaftlern, Industrievertretern, FreeSoftware-Aktivisten, Militärs oder Technik-Behörden drehen sich fast ausschließlich um technische Details und um den besten Weg. Am Ende steht der Konsens – abgestimmt zum Beispiel durch Summen. Doch die Zeiten, in denen sich bei der IETF alles nur um die beste Lösung für ein technisches Problem drehte, gehen langsam vorbei, meint Jari Arkko:

    "Die Techies müssen lernen, dass wir nicht mehr in einer heilen Technik-Welt leben. Wir haben natürlich den Anspruch, dafür zu sorgen, dass das Internet läuft, dass es effizient ist, dass es wirtschaftliche Vorteile und Offenheit bringt - all diese guten Sachen. Aber wir müssen auch die Wünsche der Gesellschaft berücksichtigen. Auf der anderen Seite müssen aber auch die Politiker, die Vertreter von Interessensgruppen und die Regulierungsbehörden einsehen, dass man nicht einfach irgendwelche Regeln erfinden kann. Die müssen nämlich realistisch sein. Manchmal erfindet die Politik einfach Regeln, die sich in der Realität der Netzwerke nicht umsetzen lassen oder sogar schädlich sein könnten."