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Die heile Welt gibt es schon lange nicht mehr

Hat die intakte Familie ausgedient, sowohl in unserer Gesellschaft als auch im Fernsehen? Dieser Frage geht eine Tagung an der Universität Eichstätt-Ingolstadt nach. "Familienbilder im Fernsehen und der Gesellschaft" lautet der Titel des Kolloquiums.

Von Barbara Weber | 21.02.2008
    Sonntagabend, "Tatort" Köln: Kommissar Schenk ist seit einiger Zeit glücklicher Großvater. Plötzlich taucht seine Tochter auf und drückt ihm während der Ermittlungen seine Enkelin in den Arm.

    "Ich finde hoch interessant, dass die Tochter sich einen Job sucht und nicht etwa sagt, ich habe jetzt ein kleines Kind, da muss ich jetzt von Hartz IV oder sonst irgendwas leben, sondern sie sucht sich einen Job, und wer fällt ihr ein zum beaufsichtigen? Der Großvater!"

    Irmela Hannover vom Westdeutschen Rundfunk ist nicht nur beruflich mit Themen wie Familie, Service und Ratgeber beschäftigt, sie untersuchte auch in einer Studie für das Grimme Institut gemeinsam mit der Hochschule Hannover das Familienbild im Fernsehen. Auf der Tagung stellte sie Familienbilder im Fernsehen der vergangenen 30 Jahre vor. Dabei konstatierte sie, dass in den 1950er und 60er Jahren eindeutig das traditionelle, patriarchalische Bild dominierte. Bei ihrer eigenen Studie, die sie vor zwei Jahren abschloss, stellte sie fest, dass sich das geändert hatte:

    "Wir waren insofern überrascht, als wir eigentlich dachten, Familienthemen und die Familie zieht sich durch alle Programme, und eigentlich mussten wir feststellen, dass die Familie so, wie wir sie kennen, also so die Normalfamilie, unter normal definiere ich jetzt, ein zweigeschlechtliches Paar mit zwei leiblichen Kindern, dass diese Art von normaler Kleinfamilie eigentlich gar nicht mehr vorkommt, das hat uns doch etwas überrascht."

    Was kommt stattdessen vor?

    "Zum einen gibt es doppelt so viele Singles wie im wahren Leben, nämlich über 50 Prozent aller Protagonisten in den fiktionalen Formaten sind Singles. Dann gibt es nur halb so viele Kinder wie im wirklichen Leben. und ansonsten gibt es ganz viel Patchwork-Familien, vor allen Dingen Alleinerziehende."

    "Multitasking begabte Powerfrauen", konfliktbeladene Patchwork-Familien, erfolgreiche, jung dynamische Singles - das entsprach und entspricht auch dem Idealbild vieler Programmmacher, denn die moderne Kleinfamilie ist nur noch eine, wenn auch die häufigste Lebensform, wie Professor Rüdiger Peuckert in der Neuauflage seines Lehrbuchs über Familienformen aktuell feststellt. Zwischenzeitlich scheint die moderne Kleinfamilie aber auch im Programm der Sender angekommen zu sein, insofern hat sich das Bild in den letzten zwei Jahren noch einmal verändert .

    "Vielleicht auch durch die Ergebnisse der Studie, aber ich denke auch insbesondere, weil einfach das Thema Familie in der Gesellschaft endlich angekommen ist. Es ist ein politisches Thema geworden. Alle reden über Familie."

    So beobachtet Irmela Hannover heute,

    "dass wir jetzt mehr nicht unbedingt Normalfamilien haben, aber Familienthemen werden mehr thematisiert, also wie kriegt man das hin, Beruf und Familie und Kinder? Wie kriegt man das hin mit der Arbeitsteilung zuhause, überhaupt so etwas wie Haushalt kommt jetzt mal vor. Das war ja überhaupt kein Thema, Erziehungsfragen tauchen auch mal auf. Wie teile ich mir das mit dem Mann, die Arbeit."

    Das klassische, aus dem Biedermeier stammende Familienbild, existiert kaum noch: die patriarchalische Großfamilie, die der Alleinernährer nach außen vertritt während die Gattin im Innern "züchtig waltet" und die Kinder versorgt. Vergleicht man dieses Familienbild mit heute, lässt sich ein dramatischer Wandel beobachten:

    "Die Definition der Familie ist in der Tat außerordentlich schwierig, weil sie sich gleichsam so als moving target jedem definitorischem Zugriff entzieht."

    Professor Heinz Otto Luthe, Kultursoziologe an der Katholischen Universität Eichstätt meinte in seinem Eingangsvortrag,

    "dass Familie definiert ist durch Eltern und Kinder. Aber es ist offen gelassen, ob diese Eltern nun miteinander verheiratet sind oder es sich um ein nicht verheiratetes heterosexuelles Paar handelt, ob es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar handelt, ob es Stiefeltern sind. Und bei den Kindern ist es auch nicht von vornherein festgelegt, ob es sich um eigene, leibliche Kinder handelt, ob es sich um Adoptionskinder handelt - eine völlig weit gezogene Definition, die praktisch die Vielzahl der Erscheinungsformen familialer Wirklichkeit heute erfassen soll."

    Familiale Wirklichkeit spiegelt sich auch im demografischen Wandel.

    "Sie haben ja den merkwürdigen, und man darf schon sagen, paradoxalen Befund, dass ausgerechnet in den katholischen Ländern die Geburtenrate niedriger ist in Europa als in den reformierten, evangelischen, protestantischen Ländern etwa Skandinaviens oder auch Nordamerikas, also hier die Tatsache, dass eigentlich die Wirklichkeit in diesen Sozial- und Kulturmilieus nicht der Doxa, also doch der Vorstellung, dem Ideal entspricht, Normalität, Präsens des Paradoxes, auch in diesem Bereich."

    Ein Grund für dieses scheinbare Paradox könnte sein, dass religiöse Zugehörigkeit und die damit verknüpften Dogmen eine weniger große Rolle spielen bei der Entscheidung für oder gegen Kinder als vielmehr praktische Faktoren wie die Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sind sie es auch, die dazu geführt haben, dass Familienthemen in die politische Berichterstattung gerückt sind. So beobachtet Irmela Hannover auch da einen Wandel:

    "Damals haben wir festgestellt, nur ein Prozent aller Beiträge beschäftigen sich mit Familien, da würde ich mal vorsichtig schätzen, dass es sich verdreifacht, vervierfacht hat. Es ist immer noch nicht viel, es ist immer noch nicht so wichtig wie Wirtschaftsthemen oder außenpolitische oder innenpolitische Themen, aber es hat deutlich zugenommen, und das hat natürlich auch was damit zu tun, dass die Politik das Thema erkannt hat."

    Fazit: Dominierte in den 50er und 60er Jahren noch das traditionelle Familienbild die Massenmedien, so hat inzwischen ein Wandel stattgefunden hin zu mehr Normalität. Eine Frage bleibt dabei allerdings unbeantwortet: Was hat Fiktion mit Realität zu tun? Sollte der Fantasie nicht freien Lauf gelassen werden, oder muss sie sich an der Realität messen?

    "Das ist ja immer die große Debatte, muss Fiktion überhaupt Realität widerspiegeln, muss sie natürlich nicht, dafür ist sie Fiktion. Aber es kommt immer darauf an, was man für eine Geschichte erzählen will. Wenn man eine Geschichte erzählen will, wo Identifikationspunkte da sind für die Zuschauerinnen und Zuschauer, dann sollte man nicht völlig an der Realität vorbeisenden. Und für uns war interessant beim Vergleich mit älteren Studien, dass früher festgestellt wurde - also die legendäre Küchenhoff-Studie über das Bild der Frau im Fernsehen, die hat festgestellt, dass das fiktionale Bild sehr hinter der Realität hinterherhinkt."

    Das hat sich verändert,

    "dass da ein Bild vorweggenommen wird, wo wir vielleicht mal gerne hinwollen, nämlich dass alle Mütter arbeiten können, dass sie alle gut verdienen, dass sie alle klasse aussehen, dass sie alle keine Geldsorgen haben, aber noch sind wir nicht so weit."