
Die spanische Zeitung LA VANGUARDIA aus Barcelona führt aus: "Die hindunationalistische BJP von Premier Modi hat zum dritten Mal gewonnen, aber keine absolute Mehrheit erhalten, während die Opposition gestärkt aus den Wahlen hervorging. Den Grund für diesen Misserfolg muss Modi bei der Wirtschaft suchen. Indien ist das bevölkerungsreichste Land und die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. In vielen Sektoren wie Technologie und Pharmazie nimmt Indien eine führende Rolle ein, aber das Versprechen wurde nicht erfüllt, auch viele Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Nun ist Modi parlamentarisch geschwächt und muss sich der neuen Realität stellen - und die lautet, dass er von den Indern keinen weiteren Blankoscheck bekommen hat", vermerkt LA VANGUARDIA.
Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA hebt hervor, die politischen Verhältnisse seien noch unklar: "Das von der BJP angeführte Parteienbündnis National Democratic Alliance NDA in dem 543 Sitze umfassenden Unterhaus des indischen Parlaments konnte nicht die angestrebten 400 Stimmen gewinnen. Die BJP wird nun gezwungen sein, einen Koalitionsvertrag abzuschließen, und zwar nicht zu ihren eigenen Bedingungen. Die Partei hat versagt, und es ist nicht bekannt, ob Narendra Modi überhaupt Regierungschef bleiben wird. Dieses Ergebnis ist eine große Überraschung, zumal es auf Grundlage vorheriger Meinungsumfragen keinen Grund zu der Annahme gab, dass Modi kein Mandat für eine dritte Amtszeit erhalten würde", notiert die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die Zeitung GULF TODAY aus den Vereinigten Arabischen Emiraten beobachtet: "Die Menschen haben im ganzen Land unterschiedlich abgestimmt. Die Wahl zeigte, dass keine Partei ein Machtmonopol haben kann. Das ist der beste Schutz in einer Demokratie. In den ersten fünf Parlamentswahlen von 1952 bis 1971 war der Indische Nationalkongress (INC) die dominierende Partei. Die BJP genoss von 2014 bis 2024 ein ähnliches Privileg. Diesmal ist es anders." So weit GULF TODAY aus Sharjah.
Die norwegische Zeitung VERDENS GANG aus Oslo bilanziert, das Erfreuliche an der Wahl sei "die gewaltige demokratische Übung, die die Inder gerade hinter sich gebracht haben. Das Unerfreuliche ist die Flut an Falschinformationen, die bis zuletzt verbreitet wurden. Trotzdem haben viele Inder Modi durchschaut. Das rasante Wirtschaftswachstum kommt längst nicht allen zugute, und der Premier hat das einst säkulare Land durch die Verfolgung und Diskriminierung von Muslimen, Christen und anderen religiösen Minderheiten gespalten. Desinformation, Lügen und Verschwörungsmythen haben nicht nur den Wahlkampf, sondern Modis gesamte Regierungszeit geprägt", urteilt VERDENS GANG.
Aus Sicht der britischen Wirtschaftszeitung FINANCIAL TIMES ist das Wahlergebnis auch eine Gelegenheit, "tiefer liegende Probleme zu beheben und Indiens Aufstieg damit auf ein solideres Fundament zu stellen. Das bedeutet, das Bildungssystem zu verbessern, mehr Frauen in die Lage zu versetzen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, und marktliberale Reformen durchzuführen - die im gesamten politischen Spektrum Unterstützung finden sollten. Wenn die BJP mehr auf die Bedürfnisse aller Wähler eingehen will, muss sie auch den Demokratieabbau rückgängig machen. Das bedeutet, unabhängige Medien zu fördern, statt zu behindern, die Diskriminierung von Muslimen zu beenden und für glaubwürdige nationale Statistiken zu sorgen", empfiehlt die FINANCIAL TIMES aus London.
Die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio analysiert die außenpolitische Strategie des Landes: "Indien hat als Anführer des Globalen Südens versucht, seine Präsenz in der internationalen Gemeinschaft zu erhöhen. Die Schwellen- und Entwicklungsländer brauchen eine stabile Regierung in Neu-Delhi. Ohnehin gibt es Kritik an Indiens Außenpolitik. Einerseits ist Indien eines der vier Mitglieder des 'Quadrilateralen Sicherheitsdialogs' QUAD mitJapan den USA und Australien. Andererseits beteiligt sich das Land nicht an Sanktionen gegen Russland und importiert russisches Erdöl zu günstigen Konditionen", argumentiert NIHON KEIZAI SHIMBUN.
Die chinesische staatsnahe Zeitung HUANQIU SHIBAO spekuliert darüber, wie sich die Beziehungen Chinas zu Indien entwickeln werden: "Große Richtungsänderungen in der Außenpolitik sind jedenfalls nicht zu erwarten. Auch wenn beide Länder in vielen Bereichen der Wirtschaft direkte Konkurrenten sind, gibt es dennoch nach wie vor ein Potenzial für den weiteren Ausbau der Handelsbeziehungen. Es ist zu hoffen, dass Modi in seiner dritten Amtszeit seinen hindu-nationalistischen Kurs nicht weiter anheizen wird, da es andernfalls erneut zu Spannungen an der chinesisch-indischen Grenze kommen könnte", vermutet HUANQIU SHIBAO aus Peking.
Themenwechsel. Der TAGES-ANZEIGER aus der Schweiz geht ein auf die Asyldebatte in Deutschland: "Zurzeit schiebt Deutschland wie die Schweiz keine Menschen in die Unrechtsstaaten Afghanistan oder Syrien ab - auch nicht 'Gefährder', Schwerverbrecher oder 'Intensivtäter'. Nach Mannheim wollen viele Politiker, auch bei den regierenden Sozialdemokraten, solche Abschiebungen prüfen. Dagegen ist nichts einzuwenden, Wunder sollte man aber nicht erwarten: Die politischen, rechtlichen und praktischen Hürden sind enorm", gibt der TAGES-ANZEIGER aus Zürich zu bedenken.
Die österreichische Zeitung DIE PRESSE stellt fest: "Wenige Tage vor der EU-Wahl will sich keine Partei vorwerfen lassen, auf diesem Auge blind zu sein. Sogar Vertreter der SPD fordern nun, Abschiebungen nach Afghanistan wieder aufzunehmen – jedenfallsnach schweren Straftaten. Ist die Aufregung um vermeintliche oder tatsächliche rechtsextreme Umtriebe jedes Mal den Adrenalineinsatz wert? Kommt die viel größere Gefahr für die Sicherheit und den Rechtsstaat nicht längst von muslimischen Fundamentalisten, deren Aktivitäten zu lang unter dem Radar abliefen?", fragt DIE PRESSE aus Wien.
Abschließend noch Stimmen zum Gaza-Krieg. Die schwedische Zeitung SVENSKA DAGBLADET erläutert: "Ein Friedensplan in drei Schritten, von Israel ausgearbeitet, vom Weißen Haus akzeptiert und international vielfach gelobt, wird im letzten Moment von zwei Ministern blockiert, die mit einem Sturz der Regierung drohen. Es scheint ganz so, als habe Netanjahu der Mut verlassen, und die Hamas-Führung kann in aller Ruhe zusehen, wie die radikale Minderheit Israels Regierung lahmlegt. Netanjahu mag noch eine Weile politisch überleben, aber das Misstrauen in Israel ist abgrundtief. Den Krieg zu gewinnen reicht nicht, um Frieden zu gewinnen. Militärisch hat Israel bereits gesiegt, aber der Preis ist hoch - so hoch, dass es für einen langen Zeitraum enorme Anstrengungen erfordern wird, um den Hass in der Region zu überwinden und das ramponierte internationale Ansehen des Landes wiederherzustellen", befürchtet SVENSKA DAGBLADET aus Stockholm.
Israel stehe durch den Friedensplan von US-Präsident Biden vor einer schwierigen Entscheidung, meint die palästinensische Zeitung AL AYYAM: "Entweder hält es sich in Gaza zurück oder es geht mit noch größerer Entschiedenheit dort vor. Bereits jetzt hat Israel einen erheblichen Teil seines Images wie auch seines militärischen Prestiges verloren, dazu auch einen Teil seiner Selbstachtung. Zudem hat sein Ruf in der westlichen Welt gelitten, wo es immer mehr als höchst problematischer Staat gilt, geleitet von einer rechtsextremen Regierung, die sich den Aufforderungen der Weltgemeinschaft, vertreten durch Institutionen wie die UNO, den Internationalen Gerichtshof, den Krieg zu beenden, widersetzt. Umso mehr stellt sich nun die Frage, wie lange Israels Verbündete noch Geduld mit seiner Unnachgiebigkeit und seinen Verbrechen haben. Dennoch sollten wir Palästinenser vorsichtig sein. Bis wir unsere Ziele erreicht haben, ist es noch ein langer Weg." Das war zum Ende der internationalen Presseschau die Meinung von AL AYYAM aus Ramallah.
