
Die österreichische Zeitung DER STANDARD sieht den Ausgang der Wahl zwischen der Kandidatin Harris von den Demokraten und dem republikanischen Kandidaten Trump wieder als offen an: "An Enthusiasmus und Begeisterung mangelt es nicht. Seit der Personalrochade an der Spitze wird Harris von einer gewaltigen Welle der Euphorie getragen. Bei öffentlichen Auftritten wird die 59-Jährige von Sprechchören bejubelt und bei Umfragen treibt sie plötzlich die Umfragewerte der Demokraten nach oben. Und doch ist all das nur eine Momentaufnahme. Nagende Fragen der Medien, ob die Kandidatin außer Spaß auch ein Programm habe, fressen sich auch ins Bewusstsein des Wahlvolkes. Für die Demokraten ist der Parteitag eine einmalige Gelegenheit, gegen Trump – der bisher fast nichts Konkretes präsentiert hat – noch viel mehr inhaltliche Akzente zu setzen. Dieser Gegner wird trotz allem nur schwer zu schlagen sein", mahnt DER STANDARD aus Wien.
Die dänische Zeitung POLITIKEN meint: „Bis zu den Präsidentschaftswahlen in den USA ist es nach wie vor lange hin, aber schon jetzt besteht Anlass zur Freude über den gelungenen Start des Duos Harris - Walz. Plötzlich ist es, als sei die politische Mitte wieder in den Vordergrund getreten. Nun liegt auch das Wirtschaftsprogramm des neuen Spitzenduos vor, das zahlreiche Steuererleichterungen für Geringverdiener und die Mittelschicht vorsieht. Was noch fehlt, ist eine glaubwürdige Linie beim Thema illegale Einwanderung. Und dann warten wir darauf, dass Harris in Kürze auch Interviews gibt. Es ist leicht, bemerkenswerte Dinge zu sagen, wenn man gleichzeitig zu wichtigen Fragen schweigt", kommentiert POLITIKEN aus Kopenhagen.
Die IRISH TIMES aus Irland warnt die Demokraten vor zu großen Versprechungen. "Inmitten des Lärms in den sozialen Medien bleibt die Wirtschaft und insbesondere die finanzielle Lage der privaten Haushalte ein zentrales Thema bei der US-Präsidentschaftswahl. Kamala Harris nahm unter anderem profitorientierte Unternehmen ins Visier - vornehmlich die Preissteigerungen bei Lebensmitteln und verschreibungspflichtigen Medikamenten - und versprach, etwas dagegen zu unternehmen. Die Möglichkeiten von Politikern, die Lebenshaltungskosten zu beeinflussen, sind jedoch ebenso begrenzt wie die Mittel, um Menschen für Kostensteigerungen zu entschädigen. Aber das hält Politiker nicht davon ab, im Wahlkampf überzogene Versprechungen zu machen", bemerkt die IRISH TIMES aus Dublin.
Auch die türkische Zeitung MILLIYET greift die Versprechen im US-Wahlkampf auf und warnt vor Populismus "Auch Kamala Harris fängt damit an", schreibt das Blatt. "Sie wolle die Lebensmittelpreise senken, sollte sie zur Präsidentin gewählt werden, sagt sie. Wie sie dieses Versprechen umsetzen will, ließ sie offen. Aber die utopischen Versprechen des Populismus gibt es in allen Ländern und gab es zu allen Zeiten. Versprechen, was das Volk will. Doch die sogenannte Öffentlichkeit interessiert sich nicht für die Umsetzbarkeit des Versprechens. Vor allem bildungsferne Kreise lassen sich vom Populismus überzeugen. Das haben wir vor vier Jahren bei Trump oder bei den letzten Europawahlen gesehen. Wenn die amerikanischen Wähler zwischen dem Populisten Trump und Kamala Harris, die ihn imitiert, wählen müssen, stehen der Welt 'heitere Zeiten' bevor", notiert MILLIYET aus Istanbul.
Zum Vormarsch der Ukraine in der russischen Region Kursk betont die spanische Zeitung LA VANGUARDIA: „Mit Kursk verfügt der ukrainische Präsident Selenskyj nun über ein Faustpfand, das er in möglichen Friedensverhandlungen einsetzen kann. Aber noch sind die Positionen beider Seiten unvereinbar. Die Ukraine verlangt einen vollständigen Rückzug der Russen, auch von der Krim. Der russische Präsident Putin fordert die Anerkennung der von ihm ausgerufenen Annexion besetzter Gebiete und einen Verzicht der Ukraine auf einen NATO-Beitritt. Es deutet also alles darauf hin, dass die Kämpfe weitergehen werden, bis General Winter wieder eine Pause erzwingt. Dann sind auch die Wahlen in den USA vorbei, und vielleicht kommt es dann zu einem Friedensgipfel. Den brauchen alle: die Ukraine und Russland wie auch der Westen", erklärt LA VANGUARDIA aus Barcelona.
Die Onlinezeitung T24 aus der Türkei schätzt die Chancen auf Frieden als gering ein. "Es gab Gerüchte, dass Delegationen aus Kiew und Moskau unter Vermittlung von Katar Geheimgespräche führen, um die Kämpfe zwischen beiden Ländern zu beenden. Dann kam die Nachricht, dass ukrainische Armeeeinheiten plötzlich beschlossen hätten, eine Großoffensive in der russischen Region Kursk zu starten. Damit waren alle Hoffnungen auf Frieden schlagartig zunichte gemacht. Für die Russen stellt Kursk eine neue Eskalationsstufe dar. Sie haben die Gespräche mit Kiew zwar nicht ganz abgesagt, aber verschoben. Gerade, als man kurz vor der Vertragsunterzeichnung stand! Vielleicht hat jemand mit der Kursk-Operation bewusst versucht, diese Möglichkeit zu untergraben. Stecken die Amerikaner dahinter? Haben sie Selenskyj ermutigt, in Kursk einzumarschieren? Die ukrainische Seite zieht es vor, nicht darüber zu sprechen", schreibt T24 aus Istanbul.
„Welchen politischen Zielen soll der anhaltende Krieg dienen?“, fragt die polnische RZECZPOSPOLITA und gibt zu bedenken: „Aus der Perspektive unserer Region liegt die Antwort auf der Hand: Stärkung der Sicherheit Mittel- und Osteuropas und Aufrechterhaltung einer unabhängigen Ukraine. Wir wollen vielleicht den absoluten Sieg, aber bringt uns das unseren Zielen näher? Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Russland zu einem gefährlichen revisionistischen Staat. Darüber hinaus verfolgt Russland mit einigen Erfolgen konsequent eine Politik der Zerschlagung des Westens von innen heraus und nutzt dabei bestehende Spaltungen aus. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich zu überlegen, ob es für unsere politischen Ziele wichtiger ist, diesen Krieg einfach nur nicht zu verlieren oder weiterhin an unserer Vision des vollständigen Sieges festzuhalten“, fragt die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die italienische Zeitung LA PREPUBBLICA widmet sich der Kürzung der Ukraine-Hilfen durch die deutsche Regierung: "Die Böswilligen werden denken, dass Bundeskanzler Scholz endlich einen Weg gefunden hat, seinem Rivalen, Verteidigungsminister Pistorius, Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Scholz glaubt vielleicht, die rechtsextreme AfD und die rot-braune Wagenknecht zum Schweigen zu bringen, die vor den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg in den Umfragen hoch im Kurs stehen und bei jeder Gelegenheit eine Kürzung der Hilfen für Kiew fordern. Und er glaubt offenbar, seinen gefürchtetsten Konkurrenten zu schwächen.Finanzminister Lindner fügte in diesem Zusammenhang eine Rechtfertigung hinzu, die wie ein Scherz klingt. Man setze darauf, die Ukraine künftig auch mit Hilfe von Zinsen aus eingefrorenem russischen Staatsvermögen zu unterstützen. Dem Minister kann jedoch nicht entgangen sein, dass es um dieses Geld noch immer einen internationalen Rechtsstreit gibt, der erst in Monaten beigelegt werden könnte. Das heißt, wenn er überhaupt beigelegt wird", merkt REPUBBLICA aus Rom an.
Die französische Zeitung LE FIGARO führt dazu aus: "Indirekt ist dies aber auch für die Deutsche Regierung eine Möglichkeit, die anderen Mitwirkenden an ihre Verantwortung zu erinnern. Insbesondere Frankreich, das von Deutschland beschuldigt wird, viel zu reden, aber wenig zu liefern, wie ein Diplomat sagte. Auf politischer Ebene trägt diese Ankündigung dazu bei, das Image, das Scholz und Lindner sich im Wahlkampf geben wollen, aufzupolieren: Der 'Friedenskanzler' für die Sozialdemokraten und der 'Große Argentinier, der die Geldbörsen festhält' für die Liberalen", befindet LE FIGARO aus Paris. Damit endet die internationale Presseschau.
