
Die niederländische Zeitung DE TELEGRAAF stellt fest: "Die geschäftsführende Regierung der Niederlande hat sich für eine härtere Gangart gegenüber Israel mit eigenen nationalen Maßnahmen entschieden und sie unterstützt zugleich Aktionen auf EU-Ebene. Die Frage ist nur, wie dies zur Linderung der schlimmsten Not beitragen soll. Das gilt auch für andere mögliche Strafmaßnahmen. Dem Ruf nach Sanktionen gegen Israel nachzugeben scheint wichtiger zu sein als den Palästinensern tatsächlich Hilfe zu leisten. Deutschland hat einen anderen Kurs eingeschlagen und richtet in Zusammenarbeit mit Jordanien eine Luftbrücke für die Lieferung von Hilfsgütern ein; auch Frankreich und Großbritannien werden laut Bundeskanzler Merz einen Beitrag leisten. Die Niederlande sollten sich dem anschließen, auch wenn die Regierung Lebensmittelabwürfe für 'relativ teuer' hält", empfiehlt DE TELEGRAAF aus Amsterdam.
Mit Blick auf die vom deutschen Bundeskanzler angekündigte Lieferung von Hilfsgütern analysiert die österreichische Zeitung DER STANDARD: "Merz will nicht den Eindruck vermitteln, als ob ihm das Leid im Gazastreifen gleichgültig wäre. Und er weiß, dass er durch seine bekannt proisraelische Haltung etwas mehr Einfluss auf die Regierung von Benjamin Netanjahu hat als andere europäische Staaten, denen Israel grundsätzliche Feindseligkeit unterstellt. Die Beteiligung an einer Luftbrücke, um Lebensmittel über Gaza abzuwerfen, ist ein politischer Rettungsschirm für ihn. Es liegt an Israel, die Hungersnot in Gaza zu beenden, indem es tausende Lastwagen in den Streifen hereinlässt und die Verteilung wieder in professionelle Hände legt. Wenn das rasch geschieht, dann kann Merz seinen Balanceakt fortsetzen. Wenn nicht, dann kommt er nicht drum herum, klar gegen Israels Vorgehen Stellung zu beziehen", glaubt DER STANDARD aus Wien.
"Israel hat ein Hilfssystem geschaffen, das grundsätzlich dysfunktional ist", schreibt die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA: "Statt 400 Lebensmittelverteilungsstellen sind nur vier in Betrieb. Drei davon befinden sich am südlichen Rand der Enklave. Die Bevölkerung des Gazastreifens wird auf rund zwei Millionen geschätzt. Um Lebensmittel zu erhalten, müssen Teile der Bevölkerung militärisch abgesperrte Gebiete durchqueren. Auch die Lebensmittelausgabestellen sind militärisch abgesperrt. Israel kann die humanitäre Katastrophe nicht abtun, indem es seinen Kritikern Antisemitismus vorwirft", argumentiert die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
Die schwedische Zeitung DAGENS NYHETER aus Stockholm sieht die Europäische Union unter Druck, denn: "Es steht nicht nur die Zukunft der Bewohner von Gaza auf dem Spiel, sondern auch die Glaubwürdigkeit der EU. Was sind unsere Prinzipien wert, wenn wir es nicht wagen, für sie einzutreten? Wie kann die Union ernst genommen werden, wenn sie von Menschenrechten spricht und gleichzeitig das Handelsabkommen mit Israel beibehält, als sei alles wie immer? Wollen wir uns nicht einmal vorstellen, wie die Lage in einem halben Jahr aussehen wird, falls der Krieg so weitergeht? Für die EU ist das Anlass genug, die Gangart zu verschärfen. Es reicht nicht, dass Israel vorübergehend eine begrenzte Menge an Hilfslieferungen zulässt. Die Erlaubnis, Hilfsgüter aus der Luft abzuwerfen, war nicht mehr als politisches Theater, von dem sich die übrige Welt nicht täuschen lassen darf", mahnt DAGENS NYHETER.
Die spanische Zeitung LA VANGUARDIA aus Barcelona beobachtet: "Der internationale Druck zugunsten einer Waffenruhe und einer Anerkennung von Palästina als Staat nimmt zu. Der britische Premier Keir Starmer kündigte zuletzt auf einer Sondersitzung seiner Regierung an, Großbritannien werde diesen Schritt im September unternehmen, wenn Israel nicht eine Reihe von Bedingungen akzeptiert. Dazu gehören eine Beendigung der entsetzlichen Lage in Gaza und Schritte hin zu einem dauerhaften Frieden mit einer Zweistaatenlösung. Starmer schließt sich damit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron an, der Palästina auf der UNO-Vollversammlung anerkennen will. Starmer bekräftigte jedoch auch, dass es keine Gleichstellung zwischen Israel und der Hamas gebe, und er forderte die islamistische Organisation auf, alle Geiseln freizulassen und einem Waffenstillstand zuzustimmen. Es scheint, als überwinde Europa allmählich die Passivität, mit der es den Krieg in Gaza verfolgt und letztlich geduldet hat", notiert LA VANGUARDIA.
Die Ankündigung Frankreichs und Großbritanniens, einen palästinensischen Staat anzuerkennen birgt nach Einschätzung der japanischen Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN eine Gefahr. Die Zeitung aus Tokio befüchtet, dass... "... Israel und die USA heftig gegen das Vorhaben protestieren. Der Nahost-Friedensprozess könnte einen noch heftigeren Rückschlag erleben. Damit US-Präsident Trump, der 'Möchtegern-Friedens-Deal-Maker', als Vermittler zu den Verhandlungen zurückkommt, ist Überzeugungsarbeit unabdingbar."
Die chinesische Zeitung HUANQIU SHIBAO aus Peking ist sich sicher: "Solange die USA keine Anstalten machen, der israelischen Regierung Schranken zu setzen, werden sie auch kein Vertrauen bei arabischen Ländern zurückgewinnen können. Ohne eine Friedenslösung im Nahen Osten wird die angebliche neue Herangehensweise der USA in der Region wirkungslos verpuffen."
Für die britische Zeitung THE INDEPENDENT ist die Zweistaaten-Lösung nach wie vor die einzig logische: "Es bedarf eines mächtigen und angesehenen Regierungschefs, der diese Position ruhig und überzeugend erneut betont. Wenn dies vorerst kein US-amerikanischer Staatschef macht, dann eben ein britischer. Diese Aufgabe kommt Starmer nun zu, da er sich schnell auf der Weltbühne etabliert hat, das Vertrauen von Präsident Trump genießt und in gewisser Weise der historischen Rolle Großbritanniens gerecht wird. Großbritannien war die letzte Kolonialmacht, die Palästina 1948 hastig an die UNO abtrat und vieles Ungeregelte hinterließ. Starmer geht ein Risiko ein, sowohl in der Region als auch innerhalb seiner eigenen Partei. Er verdient volle Unterstützung", findet THE INDEPENDENT aus London.
Im Fall Finnlands habe das bisherige Zögern innenpolitische Gründe, vermutet die finnische Zeitung KARJALAINEN: "Obwohl laut Umfragen fast die Hälfte der Finnen für eine Anerkennung Palästinas ist, schleicht die Politik um das Thema herum wie die sprichwörtliche Katze um den heißen Brei: Die Parteien liefern sich einen Wettbewerb darin, wer am wenigsten sagt, weil sie keine Regierungskrise heraufbeschwören wollen. Aber Finnland hat sich zur Zwei-Staaten-Lösung bekannt und muss zu seinen Werten stehen. In dieser Situation ist die Führung von Präsident Alexander Stubb gefragt: Finnland muss den Staat Palästina anerkennen", verlangt KARJALAINEN aus Joensuu.
Die türkische Zeitung KARAR gibt zu bedenken: "Natürlich ist es wichtig, dass sich zu den 142 Ländern, die den Staat Palästina bereits anerkannt haben, noch einige weitere europäische Länder gesellen. Ob das jedoch ausreicht, um Israels Genozid zu stoppen, ist fraglich. Denn Israel will das Palästinenserproblem durch ethnische Säuberung lösen. Es wird durch das relative Schweigen der arabischen Welt, die Sinnlosigkeit des Hamas-Angriffs und die humanitäre Tragödie, die er verursacht hat, ermutigt." Das war KARAR aus Istanbul.
Abschließend beleuchtet die palästinensische Zeitung AL AYYAM die Strategie der militant-islamistischen Hamas: "Während sich immer mehr Staaten um ein Ende des Krieges in Gaza bemühen, setzt die Hamas eine Politik fort, die sich von jeglichem Interesse an diesem Ziel wie auch jeglicher Legitimität verabschiedet. Zwar erklärt die Hamas immer wieder, sie verteidige die Interessen des palästinensischen Volkes. Tatsächlich aber ist dies nur ein Vorwand, hinter dem sie versucht, ihre Bedeutung aufrechtzuerhalten. Darum wird dieser Weg keinen Erfolg haben", prophezeit AL AYYAM aus Ramallah.
