
Der australische SYDNEY MORNING HERALD meint: "Flankiert von Putin und Kim inszeniert Chinas Präsident Xi ein Bild, das das 21. Jahrhundert prägen könnte. Es verdeutlicht ihre wachsende Verbundenheit in der Ablehnung der USA. Manche Analysten bezeichnen die Verbindung der drei Länder auch als 'Achse der Autokratie'. Für sanktionierte, geächtete und wenig gewürdigte Staaten dieser Welt und ihre Bürger ist China der Leitstern. Pekings Aufstieg birgt das Versprechen einer multipolaren Welt, die die von den USA angeführte liberale internationale Ordnung herausfordern wird – und jene am Rand Stehenden in ihren Schoß aufnehmen möchte. Erst der historische Rückblick wird zeigen, ob Xis Parade sich am Ende mehr als Schaulaufen erweist – oder als ein bedeutender Schritt zur Festigung der Bande zwischen den Autokraten dieser Welt", unterstreicht der SYDNEY MORNING HERALD.
"Der Tiananmen-Platz ist ein passender Ort für ein Treffen von Diktatoren", findet die britische TIMES: "Dort wurden 1989 Hunderte Studenten und andere Befürworter eines liberaleren Chinas von der Volksbefreiungsarmee getötet. Die heutige Militärparade sendet unterschiedliche Botschaften für verschiedene Zielgruppen. Bei den Europäern soll sie jede Hoffnung zunichtemachen, dass die chinesisch-russische Allianz nach mehr als drei Jahren Krieg in der Ukraine bröckelt. Chinas ostasiatischen Nachbarn signalisiert sie eine überwältigende Stärke. Aber natürlich sind die Bilder von neuen Hyperschallraketen, Stealth-Kampfflugzeugen und Drohnen in erster Linie für Washington bestimmt. Viele dieser Waffen sind Systeme, die dem US-Militär den Zugang zu den Gewässern und dem Luftraum um Taiwan verwehren sollen, falls die Trump-Regierung oder ihre Nachfolgerin eine chinesische Invasion bekämpfen wollen", stellt THE TIMES aus London klar.
MINGPAO aus Hongkong beobachtet: "Die Militärparade fand ohne die westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs statt. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass es weltweit keinen Konsens über die Sichtweise auf dieses historische Ereignis gibt. Während man im Westen dazu neigt, die immensen Opfer Chinas und der damaligen Sowjetunion geringzuschätzen, bietet der Gedenktag dem chinesischen Staats- und Parteichef die Gelegenheit, die eigene Perspektive in Szene zu setzen. Und in Japan sind nationalistische Politiker erneut darum bemüht, die Verantwortung Japans im Zweiten Weltkrieg herunterzuspielen", bemerkt die chinesische Zeitung MINGPAO.
Nach Ansicht der taiwanesischen Zeitung LIANHE RIBAO soll die pompöse Militärparade auch folgende Zwecke erfüllen: "Sie ist nicht nur eine Demonstration der militärischen Stärke Chinas, sondern soll auch dazu dienen, die Bürger des Landes ideologisch auf Linie zu halten, was das kollektive Gedächtnis betrifft. Dieses Ritual hat in der Volksrepublik China aber auch die sehr wichtige Funktion, dem eigenen Militär unmissverständlich zu verstehen zu geben, dass es unter der vollständigen Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas steht."
Als einziger Regierungschef eines EU-Landes nahm der slowakische Premier Fico an der Gedenkfeier in Peking teil. DER STANDARD aus Österreich findet dessen Begründung für die Teilnahme zweifelhaft: "In China würden 'Staatsoberhäupter anwesend sein, die Milliarden von Menschen repräsentieren', sagte Fico in einer Videobotschaft. Es würden gerade 'neue Regeln für eine multipolare Welt' entstehen. Dabei mitzureden bedeute, 'den Dialog zu unterstützen'. Selbst wenn Fico bald auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj treffen will: Wenige Tage nachdem die EU-Vertretung in Kiew durch einen russischen Luftangriff ruiniert wurde, ist das eine besonders verstörende Aussage. Doch der Populist Fico, der daheim mit Rechtsnationalisten koaliert, beklagt schon seit längerem ein angebliches Meinungsdiktat aus Brüssel, während er anderswo die Nähe autoritärer Machthaber sucht", hält DER STANDARD aus Wien fest.
Ein Gastkommentator der japanischen Zeitung ASAHI SHIMBUN analysiert: "Für Chinas diplomatische Offensive ist die Weltlage derzeit günstig, weil die USA unter Trump selbst für den Verlust ihres Einflusses sorgen und weltweit das Vertrauen verspielen. Die Entwicklung der vergangenen Monate mit dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit oder dem Treffen zwischen Xi Jinping und Staatschefs aus den Golfstaaten oder Südostasien kann man als Prozess betrachten, in dem Xi eine 'Alternative für die Welt' zu bilden versucht, in der die USA keine zentrale Rolle spielen", heißt es in ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
Die französische Zeitung LA CROIX fragt sich, wo Europa in dem globalen Kräftemessen bleibt: "In dieser Auseinandersetzung, die an den Kalten Krieg erinnert und in der sich die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt, China und die Vereinigten Staaten, gegenüberstehen, macht Europa eine blasse Figur. Trotz aller Bemühungen, sich einen Platz am Verhandlungstisch zu sichern, bleibt es im Ukraine-Konflikt ungehört und wird bereits in seinem Wunsch, Sanktionen gegen das iranische Atomprogramm zu verhängen, ausgebremst."
Die slowakische Zeitung PRAVDA schreibt: "Die westliche Politik hat sich zu lange auf die Vorstellung ihrer machtpolitischen und kulturellen Überlegenheit gestützt, die sie nicht anders als mit Kriegen und Gewalt zu verbreiten schaffte. Die EU findet sich am Rande des Geschehens wieder, wenn sie nicht ihre uralte moralische Aggressivität in eine sinnvolle politische Diplomatie umwandelt. Wenn sie nicht nur überleben, sondern der Welt auch etwas anbieten will, muss sie von ihrem hohen Ross der Ausschließlichkeit heruntersteigen", verlangt PRAVDA aus Bratislava.
Die norwegische Zeitung VERDENS GANG blickt auf die amerikanische Außenpolitik: "Donald Trump spaltet seine Verbündeten, aber die Diktatoren schaffen den Schulterschluss. Es ist auch ein diplomatischer Sieg für Xi, dass Kim nach Peking kam, denn er verlässt sein Land nur selten. Trump kam in seiner ersten Amtszeit gleich drei Mal mit Kim zusammen, ohne aber ein Abrüstungsabkommen zu erzielen. Den chinesischen Präsidenten hat Trump in seiner zweiter Amtszeit noch gar nicht getroffen, und sie haben nur einmal miteinander telefoniert. Auch für Putin war der Besuch in China ein Erfolg. Es soll eine neue Gaspipeline gebaut werden, und der Verkauf von Öl und Gas ist entscheidend, damit der Kreml seinen Krieg gegen die Ukraine fortsetzen kann", schreibt VERDENS GANG aus Oslo.
Auch die finnische Zeitung HELSINGIN SANOMAT ist sich sicher: "Putin hat sich die Unterstützung Chinas gesichert und seine diplomatische Isolation durchbrochen. Wir müssen uns somit darauf vorbereiten, dass Russland seinen Zermürbungskrieg noch jahrelang fortsetzen kann."
MÜSAVAT aus Aserbaidschan glaubt dagegen, Putins mehrtätige China-Reise habe nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht: "So wurden etwa in Finanzfragen, die für den Kreml oberste Priorität haben, keine Fortschritte erzielt. Unter anderem stimmte Peking der Wiedereinführung von chinesischen UnionPay-Kreditkarten nicht zu, mit denen russische Kunden westliche Sanktionen beim Online-Shopping umgehen können. Das einzige handfeste Ergebnis der Verhandlungen mit Peking war die Visafreiheit. Diese Situation zeigt einmal mehr, dass Putins Politik Russland in eine Sackgasse geführt hat. Die Lähmung des Bankensektors, die Isolation in der internationalen Gemeinschaft und die Unfähigkeit, selbst vom strategischen Partner China finanzielle Unterstützung zu erhalten, sind ein beschämendes Versagen des Kremls", vermerkt MÜSAVAT aus Baku, und damit endet die Internationale Presseschau.
