29. November 2025
Die internationale Presseschau

Die Zeitungen beschäftigen sich erneut mit der Lage der Ukraine. Dabei geht es zum einen weiterhin um den auf Druck der Europäer überarbeiteten US-Plan für ein Kriegsende. Die meisten der heutigen Kommentare thematisieren jedoch die laufende Korruptionsaffäre.

Andrij Jermak vor einem Mikrofon, neben ihm weitere Personen
Wegen Korruptionsvorwürfen zurückgetreten: Selenskyj-Vertrauter Andrij Jermak (l.) (picture alliance / SvenSimon-ThePresidentialOfficeU / Presidential Office of Ukraine)
Nach Durchsuchungen bei Präsidialamtschef Jermak hat Präsident Selenskyj dessen Rücktritt verkündet. In der ukrainische Zeitung KYIV POST heißt es dazu: "Der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein. Jermak war nicht nur ein weiterer Berater des Präsidenten – er war die zweitmächtigste Person der Ukraine und leitete die ukrainische Delegation bei den entscheidenden Friedensgesprächen mit den Vereinigten Staaten. Sein Rücktritt schafft ein Machtvakuum im Zentrum der ukrainischen Führung im vielleicht gefährlichsten Moment seit der groß angelegten russischen Invasion. Allerdings: Die Tatsache, dass Anti-Korruptions-Ermittler die Wohnung des engsten Beraters des Präsidenten durchsuchen und ihn zum Rücktritt zwingen konnten, zeigt, dass die reformierten Institutionen der Ukraine tatsächlich funktionieren", hebt die KYIV POST hervor.
"Der Name Andrij Jermak wird in der Ukraine mit Ehrfurcht ausgesprochen", ist in der tschechischen Zeitung MLADÁ FRONTA DNES zu lesen. "Dieser engste Vertraute von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der von niemandem gewählt wurde und in der Bevölkerung äußerst unbeliebt ist, hat eine Macht angehäuft, wie man sie selten sieht. Nun hat sich jedoch gezeigt, dass kein Baum in den Himmel wächst. Auch Jermak ist nicht mehr unantastbar. Sollte sich herausstellen, dass er tatsächlich Teil einer Korruptionsverschwörung war, wäre dies ein schwerer Schlag für Selenskyj, der ihn letztendlich zu Fall bringen könnte", glaubt die MLADÁ FRONTA DNES aus Prag.
Die dänische Zeitung POLITIKEN wirft ein: "Trotz all seiner Fehler war Jermak als Ratgeber eine Schlüsselfigur für den Präsidenten, der gerade unter massivem amerikanischen Druck steht, ein Friedensabkommen mit Russland zu schließen. Selenskyj ist sich des Ernstes der Lage bewusst. Russland wünsche sich, dass die Ukraine Fehler begehe, sagte er in einer Rede und appellierte an die Bürger, sich nicht in internen Streitigkeiten zu verlieren und auf halbem Wege stehen zu bleiben, sondern zusammenzuhalten. Das Problem dabei ist nur, dass die Ukraine bereits Fehler begangen hat und dass Selenskyj angeschlagen ist", meint POLITIKEN aus Kopenhagen.
Die chinesische JIEFANG RIBAO erinnert: "Es war Selenskyj, der nach seinem Wahlsieg seinen engen Vertrauten Jermak ins Kabinett geholt hat. Jermak ist zwar nicht der Erste aus der ukrainischen Führung, der wegen Korruption vom Amt zurückgetreten ist, aber bisher der Mächtigste. Bei den Verhandlungen über den 28-Punkte-Friedensplan der US-Regierung hat Jermak stark für die ukrainischen Interessen gekämpft. Man kann sehr gut verstehen, dass sich Selenskyj nur ungern von seinem Büroleiter trennen wollte", notiert die Zeitung JIEFANG RIBAO aus Schanghai.
"Der Ukraine-Skandal ruiniert Selenskyjs politische Chancen - Trump freut sich", titelt die polnische RZECZPOSPOLITA und führt aus: "Unter dem Druck der Antikorruptionsbehörden hat Selenskyj seinen bisher allmächtigen Stabschef Andrij Jermak entlassen. Im Kampf gegen den absurden 'Trump-Plan' ist dies ein weiterer schwerer Schlag für Selenskyj persönlich. Auch der ukrainische Präsident selbst gerät nun möglicherweise unter Verdacht, da der Korruptionsskandal von seinem ehemaligen Geschäftspartner und engen Freund Timur Mindytsch ausgelöst wurde. Dieser orchestrierte zusammen mit einer Gruppe hochrangiger Beamter ein Schmiergeld-System im Rahmen von Atomkraftwerks-Verträgen. Der Skandal hat die Ukraine empört. Während die Bevölkerung freiwillig Spenden für alles Mögliche sammelt, sogar für die Bewaffnung einzelner Truppen, nehmen Beamte Bestechungsgelder für die Installation von Sicherheitssystemen in Kernkraftwerken an. Daher ist jeder Politiker, der in diesen Strudel gerät, in den Augen der Öffentlichkeit ruiniert", analysiert die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die estnische Zeitung POSTIMEES aus Tallinn nennt den Rücktritt Jermaks einen - Zitat: "... verantwortungsvollen Schritt. Da er sich vermutlich auch aus der Delegation für die Friedenshandlungen zurückzieht, wird deren Arbeit nicht von dem Skandal überschattet, und sie kann Vertrauen zurückgewinnen, das die Ukraine in ihren internationalen Beziehungen dringend braucht."
Aus Sicht der japanischen Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN ist zu befürchten ... "... dass die Regierung in Kiew ihre Handlungsfähigkeit verliert, denn Jermak war Selenskyjs rechte Hand. Der Skandal schwächt die Position der Ukraine international enorm und überschattet die Friedensverhandlungen. Ohnehin scheint Washington von Kiew die Annahme der US-Pläne bewusst in einer Situation zu verlangen, in der Selenskyj immer stärker unter Druck steht", spekuliert die NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG empfiehlt der Ukraine die Annahme von Trumps Plan: "In fast jedem Krieg kommt der Moment, an dem sich die Gegner überlegen müssen, ob sie Opfer auf dem Schlachtfeld oder am Verhandlungstisch bringen wollen. Die Ukraine steht an diesem Scheideweg. Der ursprüngliche amerikanische Friedensplan sieht für das Land bittere Bedingungen vor. Genauso entscheidend aber ist, was sich die Ukraine ersparen würde: einen weiteren Kriegswinter, unzählige zivile Tote, dazu an der Front Gefallene, Verwundete und Traumatisierte. Es ist Zeit für Realismus. Eine Fortsetzung des Krieges liegt nicht im ukrainischen Interesse. Zugleich ist Präsident Selenskyj zu schwach, um sein Volk von der Notwendigkeit schmerzhafter Konzessionen zu überzeugen. Trumps Plan bietet einen Ausweg aus dem Dilemma", argumentiert die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz.
Der britische GUARDIAN befürchtet dagegen, dass Trump die schwierige Situation für sich nutzen könnte: "Eine unmittelbare Gefahr besteht darin, dass eine Kombination aus der Eitelkeit Donald Trumps als 'Friedensstifter', seinem Wunsch, Geschäfte mit Russland zu machen, und der plötzlichen politischen Verwundbarkeit von Wolodymyr Selenskyj den US-Präsidenten dazu verleiten könnte, für Putin die Drecksarbeit zu erledigen. Nach vier Jahren des Widerstands, der Opfer und des Leidens darf die Ukraine nicht zu einer zynischen Zerstückelung ihres Territoriums gezwungen werden, die sie dauerhaft für russische Aggressionen anfällig machen, die zukünftige Sicherheit Europas gefährden und autoritäre Regime weltweit ermutigen würde", betont der GUARDIAN aus London.
Abschließend noch zu einem anderen Thema. Die Madrider Zeitung EL MUNDO lobt das gemeinsame Gedenken von Bundespräsident Steinmeier und Spaniens König Felipe an die Opfer des Bombenangriffs der NS-Luftwaffe auf die Stadt Guernica 1937: "Die Anwesenheit der beiden Staatsoberhäupter war nicht nur eine Geste für das Protokoll, sondern ein Zeichen des Respekts gegenüber allen Opfern des Bombenangriffs und ein Akt des gemeinsamen Gedenkens aller Spanier. Als König Juan Carlos in der Zeit des Übergangs zur Demokratie 1981 Guernica besuchte, betonte er, dass die Krone für eine Gesellschaft stehe, in der Recht und Freiheit herrschten und die sich ihrer schmerzhaften Vergangenheit bewusst sei. Umso verwerflicher sind die Äußerungen der baskischen Nationalistenpartei PNV, die den Anlass nutzte, die parlamentarische Monarchie infrage zu stellen und damit die Würde des Gedenkens zu stören. Den Gegensatz dazu bildete der König in Begleitung des deutschen Bundespräsidenten. Sie zeigten, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Die Erinnerung an die Opfer ist nicht einer einzelnen Partei vorbehalten, sondern gehört der gesamten Nation." Sie hörten einen Kommentar aus der spanischen Zeitung EL MUNDO, und damit endet die internationale Presseschau.