06. Januar 2026
Die internationale Presseschau

Neben den Protesten im Iran kommentieren die ausländischen Zeitungen weiterhin die Intervention des US-Militärs in Venezuela.

Eisberge und Packeis treiben am Hafen der grönländischen Hauptstadt Nuuk.
Ein Thema: US-Präsident Trump hat mit neuen Äußerungen Befürchtungen vor einer Annexion Grönlands geweckt (Archivbild). (picture alliance / TT NYHETSBYRÅN / Johan Nilsson )
Die kolumbianische Zeitung EL PAIS konstatiert mit Blick auf den Präsidenten des Nachbarlandes: "Seit der Festnahme von Nicolás Maduro und seiner Frau und der Deportation der beiden nach New York ist die Zukunft Venezuelas ungewiss. Offensichtlich soll Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Führung übernehmen, doch es gibt Fragezeichen bezüglich ihrer Beteiligung an der Aktion gegen Maduro. Auch fällt auf, dass die Armee nicht stärker reagiert hat. So sehr die Diaspora die Absetzung von Maduro gerade feiern mag: Für die im Land verbliebenen Venezolaner fühlt es sich so an, als liege die Macht weiter in den Händen des alten Regimes. Die Menschen fragen sich, ob sich ihre Lebensumstände nun verbessern. So wichtig der Prozess in New York gegen Maduro und seine Frau wegen Drogenhandels und Terrorismus sein mag: Für die Venezolaner hat jetzt Priorität, dass ihre Würde wiederhergestellt wird und die politischen Gefangenen freigelassen werden", glaubt EL PAIS aus Cali.
Die japanische Zeitung CHUNICHI SHIMBUN ist überzeugt, der US-Angriff auf Venezuela gehöre "in dieselbe Kategorie wie der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Die japanische Regierung, die Russland sofort zu Beginn der Invasion vor fast vier Jahren kritisiert hat, schweigt dieses Mal gegenüber ihrem wichtigsten Verbündeten, den USA. Das ist nichts anderes als Opportunismus. Tokios Haltung dürfte auch international kritisiert werden", schreibt CHUNICHI SHIMBUN aus Nagoya.
Die KLEINE ZEITUNG aus Österreich verweist auf die deutsche Reaktion: "Als 'komplex' bezeichnete Bundeskanzler Friedrich Merz die rechtliche Bewertung der US-Operation in Venezuela. Der studierte Jurist ignoriert dabei die Realität. Die rechtliche Einordnung ist klar: Die USA haben in Caracas gegen das Völkerrecht verstoßen, haben laut internationalem Recht einen Staatschef nicht festgenommen, sondern entführt. Maduros Sturz ist das nächste Puzzlestück, das das Bild einer neuen Weltordnung, in der wieder das Recht des Stärkeren gilt, noch sichtbarer macht", findet die KLEINE ZEITUNG aus Graz.
Die panarabische Zeitung AL QUDS AL-ARABI vermutet: "Die Aktion der USA in Venezuela dürfte auch im Nahen Osten für erhebliche Unruhe sorgen. Dies gilt vor allem für das Regime des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei, das derzeit von Massenprotesten erschüttert wird. Auch in Syrien könnte die US-Intervention einen Niederschlag finden, etwa in Form eines verschärften Kampfes gegen ausländische Dschihadisten, die Washington ausschalten will. Und im Libanon könnte der Schock über die Ereignisse in Venezuela die Hisbollah dazu bewegen, bei der vereinbarten Abgabe ihrer Waffen an den libanesischen Staat Flexibilität zu zeigen", spekuliert AL QUDS AL-ARABI mit Sitz in London.
Die dänische Zeitung POLITIKEN aus Kopenhagen fragt: "Könnte Donald Trump wirklich versuchen, Grönland mit Gewalt zu übernehmen? Nach der Absetzung von Nicolás Maduro am Wochenende und der erneuten an Grönland gerichteten Drohung des US-Präsidenten muss die Antwort leider 'Ja' lauten. Ja, es ist möglich, dass Donald Trump auf seine Worte Taten folgen lässt. Und ja, es ist möglich, dass er seine neue Sicherheitsstrategie umsetzen will, die eine amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre vorsieht und damit auch Grönland umfasst. Wie das passieren soll? Das weiß niemand, vielleicht nicht einmal Trump selber", notiert POLITIKEN.
Die norwegische Zeitung DAGBLADET hebt hervor, Grönland gehöre zum Königreich Dänemark. Es wäre vollkommen unerhört, wenn "ein NATO-Mitglied gegen ein anderes Mitglied vorgeht und die Grundlagen der Allianz zerstört. Die Angst vor einem Ausscheren der USA war ein wichtiger Grund, warum andere Länder Trump mit Verständnis oder regelrechten Schmeicheleien begegneten. Der Fall Grönland zeigt, dass für Europa die Zeit gekommen ist, den Kränkungen durch den Kolonialherren Trump auf andere Weise zu begegnen. Benötigt werden eine starke gemeinsame Stimme und ein Sprachgebrauch, der besser auf Trump ausgerichtet ist - und Europas Staatsführer müssen deutlich machen, dass die Zeit der demütigenden Untertänigkeit vorbei ist", mahnt DAGBLADET aus Oslo.
"In Europa haben wir unterschiedliche Erfahrungen mit dem amerikanischen Imperialismus gemacht", betont die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA: "Im Westen und Süden Europas mag man den amerikanischen Imperialismus nicht. Die Spanier und Portugiesen werden eher ihren lateinamerikanischen 'Brüdern' aus Südamerika zugeneigt sein, während die Franzosen und die Deutschen die Selbstsicherheit Washingtons und insbesondere Donald Trumps aufgrund ihrer eigenen Schwächen fürchten und verabscheuen. Die Erfahrungen mit dem amerikanischen Imperialismus in Mittel- und Osteuropa sind jedoch ganz anders: Letztlich hat Amerika im 20. Jahrhundert zweimal zur Wiedergeburt unserer Region und zur Schaffung globaler Bedingungen beigetragen, die Polen in den letzten drei Jahrzehnten neben der europäischen Integration und unserem eigenen Fleiß zu einer beispiellosen Entwicklung verholfen haben", bilanziert RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Themenwechsel. Die türkische Zeitung NEFES aus Istanbul beschäftigt sich mit den Unruhen im Iran. Dieser sei ein weiteres Land, an das US-Präsident Trump "eine Warnung geschickt hat. Er sagte, dass man eingreifen werde, wenn Demonstranten zu Schaden kämen. Wir haben es mit einem Regime zu tun, das all seine internationalen Verbündeten verloren hat, in Ungnade gefallen ist, dessen Wirtschaft zusammengebrochen ist, dessen Wasserversorgung unterbrochen wurde und das nicht einmal seine Hauptstadt wiederbeleben kann. Genau aus diesem Grund wird das Regime wechseln. Aber: Im Iran gibt es derzeit keine Person, die alles ändern kann. Selbst wenn Reza, der Sohn des gestürzten Schahs, zurückkehren würde, wäre es nahezu unmöglich, dass er das System beherrscht", so die Einschätzung von NEFES.
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO analysiert: "Im Gegensatz zu den früheren Straßenprotesten, die durch politische Forderungen unter anderem nach mehr Rechten für Frauen geprägt waren, stellt die unzufriedene Bevölkerung nun die Funktionsfähigkeit und Legitimität des Regimes insgesamt in Frage. So wurden inzwischen auch Polizeiwachen gestürmt und Stützpunkte der Islamischen Revolutionsgarde angegriffen. Der Regierung dürfte es schwerfallen, kurzfristige Lösungen für diese Probleme zu finden, zu denen auch zunehmende Wasserknappheit und Umweltverschmutzung gehören. Auch wenn Trump derzeit mit Venezuela beschäftigt ist, wird sein Druck auf die Führung in Teheran nicht nachlassen. Vielmehr werden die USA und Israel sich nun ermutigt fühlen, die Lage dort weiter anzuheizen", erwartet JIEFANG RIBAO aus Schanghai.
Abschließend eine Stimme zu dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz. Für die tschechische Zeitung MLADÁ FRONTA DNES ist eine Lehre daraus: "Die Gefahr, die von Linksextremisten in Deutschland ausgeht, wurde lange unterschätzt. Die Polizei war vollauf damit beschäftigt, die rechtsextreme Szene zu überwachen, wie etwa die Verschwörungsbewegung der 'Reichsbürger'. Für die linksextreme Szene blieb dann irgendwie keine Zeit mehr. Dabei ist die 'Vulkangruppe' schon seit längerem bekannt. Seit 2011 hat sie eine Reihe von Brandanschlägen und Angriffen auf die Eisenbahninfrastruktur verübt, Stromleitungen zerstört und viele Autos auf den Straßen, insbesondere Luxusautos, in Brand gesetzt. All dies geschah unter der recht wohlwollenden Aufsicht der Behörden. Die deutsche Polizei verhält sich gegenüber Linksextremisten zurückhaltend. Politiker bagatellisieren deren Gewalttätigkeit eher. Angesichts der strengen Maßstäbe gegenüber Rechtsradikalen wirkt dies wie ein asymmetrisches Vorgehen." Das war die Meinung von MLADÁ FRONTA DNES aus Prag zum Ende der Presseschau.