
Die französische Zeitung LE FIGARO stellt fest: "Schon viermal seit 1999 hat sich das Mullah-Regime in Teheran an der Macht gehalten, indem es den Zorn der Iraner in Blut ertränkte. Wird die neue Protestwelle auf dieselbe Weise enden – in Trauer und Verzweiflung?" Mit Blick auf das geistliche Oberhaupt heißt es weiter: "Ayatollah Khamenei wählt erneut die brutale Repression, was seine Isolation und Verblendung bestätigt. Diesmal müsste jedoch die Freiheit siegen und der Volkswille dieses eiserne Regime zu Fall bringen. Die unreformierbare Theokratie wird immer offener als Ziel der Revolte benannt – und ihr Sturz als einziges Heilmittel", notiert LE FIGARO aus Paris.
Die aserbaidschanische Zeitung MÜSAVAT aus Baku wendet ein: "Im Iran wechseln die Präsidenten, manche werden sogar durch solche mit gegensätzlichen Ansichten ersetzt. Doch im Land ändert sich im Grunde nichts, denn die Religion steht über dem Staat. Es wäre naiv zu glauben, dass es ohne Khamenei keinen religiösen Führer gäbe."
Die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA bilanziert: "Eine desolate Wirtschaftslage, wütende Demonstranten auf den Straßen, der Verlust wichtiger Verbündeter in Syrien und im Libanon und eine vernichtende Niederlage im jüngsten Krieg gegen Israel und die USA – das iranische Regime befand sich noch nie in einer so schwierigen Situation. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Sturz des Regimes unausweichlich ist. Es verfügt weiterhin über einen mächtigen Geheimdienst, loyale Revolutionsgarden und die skrupellose Basidsch-Miliz, die nicht davor zurückschreckt, Demonstranten zu töten", gibt die GAZETA WYBORCZA aus Warschau zu bedenken.
Die britische Zeitung THE TIMES analysiert: "Die Ausbreitung des neu entfachten Widerstands auf die meisten der 31 Provinzen des Irans und die breite Beteiligung der Bevölkerung deuten auf eine weitreichende Wut und einen Glauben in Gegenwehr hin: Die Demonstranten skandieren 'Tod dem Diktator!' und 'Freiheit!'. Bestimmte Faktoren haben den Demonstranten Auftrieb gegeben. Das Regime ging geschwächt aus dem 12-tägigen Krieg mit Israel im vergangenen Juni hervor, sein Atomprogramm ist ins Stocken geraten und es hat hochrangige Generäle und Kommandeure verloren. Viele Dissidenten glauben, dass sie die Unterstützung von US-Präsident Donald Trump haben, der gewarnt hat, dass die USA zum Eingreifen bereit seien, sollte Teheran Demonstranten töten", folgert THE TIMES aus London.
In einem Gastkommentar hebt die japanische Zeitung ASAHI SHIMBUN hervor: "Auch bei den Protesten im November 2019 hatte das iranische Regime das Internet abgeschaltet, bevor schätzungsweise tausende Teilnehmer ermordet wurden. Dieses Mal soll auch das Telefonnetz landesweit komplett ausgeschaltet worden sein. Die meisten Menschen fordern nicht nur eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, sondern auch einen Regime-Wechsel in Teheran. Die Menschen demonstrieren bislang aber offenbar friedlich. Es darf nicht sein, dass die politische Führung mit Gewaltanwendung reagiert", betont ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
Das US-amerikanische Magazin TIME geht in seiner Online-Ausgabe auf den Sohn des 1979 gestürzten Schahs ein. Reza Pahlavi hatte die Demonstranten per Video dazu aufgerufen, Stadtzentren dauerhaft einzunehmen: "Der Iran braucht keinen Möchtegern-Präsidenten im Exil, der leere Versprechungen macht. Er braucht internationale Solidarität mit den Protestierenden, gezielte Sanktionen gegen Regimevertreter, Unterstützung für unabhängige Medien und diplomatischen Druck für die Einhaltung der Menschenrechte. Der Iran braucht die Welt, die aufhört, so zu tun, als könne ein einzelner Mann 85 Millionen Iraner aus der Diktatur befreien", urteilt TIME aus New York.
"Derzeit sind im Iran mehrere Szenarien möglich", vermutet die panarabische Zeitung AL SHARQ AL-AWSAT: "Die wahrscheinlichste ist nicht, dass das Regime stürzt, sondern sich unter dem Druck von Wirtschaft und Gesellschaft schrittweise wandelt. Die Anzeichen einer solchen Erosion sind deutlich: An die Stelle der revolutionären Rhetorik tritt zunehmend ein pragmatischer Diskurs, und auch die staatlichen Institutionen lösen sich von ihrem ideologischen Überbau. Zudem wächst die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft, Proteste werden zu einem beinahe chronischen, immer wiederkehrenden Phänomen. Eine solche Entwicklung birgt allerdings erhebliche Risiken. Denn ein von internen Krisen geplagtes Regime könnte geneigt sein, seine Probleme zu exportieren und seine regionale Nachbarschaft noch stärker unter Druck zu setzen", befürchtet AL SHARQ AL-AWSAT mit Sitz in London.
Themenwechsel. DER STANDARD aus Österreich beschäftigt sich mit dem nun mehrheitlich von den EU-Staaten gebilligten Mercosur-Freihandelsabkommen: "Die EU-Kommission hatte mit vier südamerikanischen Ländern mehr als 25 Jahre lang verhandelt. Trotz dieser enormen Dauer gab es intern dennoch keine Einigung bei den 27 EU-Ländern. Obwohl zuletzt alle möglichen Absicherungsmechanismen für die Bauern, die viel Geld kosten, hineinverhandelt wurden, stimmten EU-Schlüsselländer wie Frankreich und Polen dagegen. Ein notorisches Problem. Europas Wirtschaft leidet unter ständiger Verzögerung von Entscheidungen und Egoismen der Nationalstaaten. Bei den Handelspartnern Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay löst das Verstimmung aus. Was für die Europäer spricht: Sie brauchen zwar 'ewig', sie drohen den umworbenen Partnerländern aber nicht, schon gar nicht militärisch wie Trump", urteilt DER STANDARD aus Wien.
Die brasilianische Zeitung FOLHA DE S.PAULO gibt zu bedenken: "Das Abkommen hängt noch von der Zustimmung durch das Europäische Parlament ab. Selbst wenn diese Hürde genommen wird, bereiten sich Frankreich und die übrigen EU-Gegner darauf vor, die Vereinbarung dem Europäischen Gerichtshof vorzulegen – ein Prozess, der Jahre dauern könnte. Die hohen Zölle der USA, die aggressive Exportpolitik Chinas und der weltweite Wettbewerb um strategische Mineralien haben beide Seiten sicherlich unter Druck gesetzt. Bei der Ausarbeitung des endgültigen Textes wurden jedoch die industriellen Belange des Mercosur und die landwirtschaftlichen Belange der EU nicht außer Acht gelassen", argumentiert FOLHA DE S.PAULO aus São Paulo.
Nach Einschätzung der spanischen Zeitung EL PAÍS stellt die Vereinbarung in gewisser Weise die erste... - Zitat: "... europäische Antwort auf die sogenannte Trump'sche Weiterführung der Monroe-Doktrin und 'America First' dar. Die Grundidee der EU basiert auf der Überzeugung, dass Handel in der Lage ist, so tiefe Beziehungen zu schaffen, dass die Gefahr eines Krieges abnimmt. Derzeit haben Europa und Südamerika die einmalige Gelegenheit zu zeigen, dass es möglich ist, durch Verhandlungen und Dialog Volkswirtschaften zu integrieren, ohne Werte zu opfern", betont EL PAÍS aus Madrid.
Die chinesische Zeitung HUANQIU SHIBAO verweist darauf, das Europa auch mit Indien eine engere Partnerschaft plane. Allerdings, das... "... von der EU initiierte Freihandelsabkommen mit Neu-Delhi kommt seit Jahren recht zögerlich voran. Dass die Inder jetzt plötzlich auf die Europäer zukommen, hat nicht zuletzt mit der Zollpolitik vom US-Präsident Trump zu tun. Doch angesichts der großen Diskrepanz in den Vorstellungen wird das Abkommen sehr wahrscheinlich keine runde Sache werden. Denn Indien fokussiert sich vor allem auf die Wirtschaft- und Handelsvorteile. Brüssel will darüber hinaus auch in Sicherheitsfragen, Militär- und Technologiebereichen die Zusammenarbeit vertiefen. Kurzum: Unter einer indo-europäischen Strategie stellen sich beide Seiten jeweils etwas völlig anderes vor", so das Fazit von HUANQIU SHIBAO aus Peking zum Ende der internationalen Presseschau.
