12. Januar 2026
Die internationale Presseschau

Das dominierende Thema in den Kommentarspalten ist die Situation im Iran. US-Präsident Trump hat ‌ein Treffen mit der dortigen Führung ​in Aussicht gestellt. Der ​Iran habe ‌gestern um ​Verhandlungen gebeten, erklärte Trump in Washington. Zugleich drohte er dem iranischen Regime erneut mit einem militärischen Vorgehen.

Dieser Ausschnitt aus Aufnahmen, die in den sozialen Medien kursieren, zeigt Demonstranten, die im iranischen Teheran um ein Lagerfeuer herum tanzen.
Proteste in Teheran (Uncredited / VALIDATED UGC / AP / dpa)
Der britische ECONOMIST sieht den US-Präsidenten in einer schwierigen Situation und erläutert: "Eine in Washington ansässige Menschenrechtsorganisation teilte mit, es sei inzwischen von fast 500 toten Demonstranten auszugehen - eine Zahl, die mit ziemlicher Sicherheit zu niedrig angesetzt ist. Dies stellt Trump vor ein Dilemma. So sehr er auch seine Drohungen wahr machen möchte, hat er doch nur begrenzte Möglichkeiten, dies zu tun. Es gibt kaum Präzedenzfälle für eine Militäroffensive zur Unterstützung friedlicher Demonstranten. Die Unruhen im Iran sind nach wie vor führerlos und unorganisiert, und sie haben die Spitzenvertreter des Regimes noch nicht davon überzeugt, zu desertieren. Amerika kann der Opposition zwar Auftrieb geben, aber es ist unwahrscheinlich, dass dies entscheidend sein wird", meint der ECONOMIST aus London.
"Die Drohungen Trumps und die Operation von Caracas, die diesen Drohungen neue Glaubwürdigkeit verleiht, dürften den Demonstranten Mut gemacht haben", meint die italienische Zeitung CORRIERE DELLA SERA aus Mailand. "Doch wenn das Regime im Iran scheitert, so gilt das für den repressiven Staatsapparat noch lange nicht - genährt vom echten religiösen Fanatismus seiner Milizen. Und deshalb ist keineswegs gesagt, dass es nicht wieder so endet wie so viele andere Male: mit Morden, Hinrichtungen, Razzien, Repression."
In der russischen NESAWISSIMAJA GASETA heißt es: "Im Nahen Osten wird erwartet, dass die Trump-Regierung ihre Drohung, iranische Demonstranten militärisch zu unterstützen, wahr macht. Israelische Geheimdiensterkenntnisse deuten darauf hin, dass Washington in den kommenden Wochen Teheran angreifen könnte. Trump wurden kürzlich verschiedene Optionen für ein Vorgehen gegen die iranische Führung vorgelegt. Der Ausbau der amerikanischen Militärpräsenz im Nahen Osten könnte ein Anzeichen für die bevorstehende Eskalation sein: Umfangreiches Offensivmaterial wurde in die Region verlegt, und diese Verlegung wird sich voraussichtlich in den kommenden Tagen fortsetzen", prognostiziert NESAWISSIMAJA GASETA aus Moskau.
Indes verweist die türkische Zeitung EKONOMI auf Folgendes: "Die Vereinigten Staaten haben noch keine vergleichbaren Vorbereitungen getroffen wie im vergangenen Jahr, als es zu zwölf Tagen gegenseitiger Angriffe zwischen Israel und dem Iran kam. Damals hatten die USA zwei Flugzeugträger im Nahen Osten stationiert, um Israel zu unterstützen. Es besteht jetzt aber die Möglichkeit punktueller Eingriffe im Iran. Einige Einheiten der US-Delta Force sollen bereits an der irakischen Grenze zum Iran eingesetzt worden sein. Es wäre möglich, dass die USA und Israel den Höhepunkt der Unruhen im Iran abwarten, bevor sie das Land direkt ins Visier nehmen", mutmaßt EKONOMI aus Istanbul.
YOMIURI SHIMBUN aus Japan blickt auf die schwierige wirtschaftliche Lage im Iran. "Um aus der internationalen Isolation und aus der Wirtschaftskrise herauszukommen, ist es für die islamische Republik erforderlich, wieder mit der internationalen Atomaufsichtsbehörde IAEA zusammenzuarbeiten. Wo sich das hochangereicherte Uran derzeit befindet, das für die Herstellung von neun Atombomben reichen soll, ist unklar. Dies nährt den Verdacht, dass im Iran an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet wird - was für die USA ein Vorwand für ihren nächsten Angriff sein könnte."
In der Zeitung DE TELEGRAAF aus Amsterdam lesen wir: "Iranische Regierungsvertreter warnen über die staatlichen Medien, dass jeder, der jetzt noch auf die Straße geht, ein legitimes Angriffsziel sei. Immer häufiger werden die Demonstranten als Terroristen bezeichnet, was als Vorbote für noch härtere Maßnahmen zu verstehen ist. Der Generalstaatsanwalt droht zudem, die Teilnehmer an Demonstrationen, von denen inzwischen fast 3.000 festgenommen worden sein sollen, als 'Feinde Gottes' zu verfolgen, wodurch ihnen die Todesstrafe droht. Doch selbst das scheint viele Demonstranten, die genug haben von der wirtschaftlichen Notlage und der Unterdrückung durch Islamisten, nicht mehr abzuschrecken. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Regime kurz vor dem Zusammenbruch steht. Obwohl seine ideologische Basis seit langem erodiert, hat es immer noch die Unterstützung einer beträchtlichen konservativen Minderheit. Außerdem wird es von der Revolutionsgarde aufrechterhalten. Das Militär steht weiter hinter dem Regime. Es gibt keine Berichte über Massenfluchten von Soldaten. Ein Problem für die Demonstranten ist auch, dass es keine gut organisierte Opposition gibt", betont DE TELEGRAAF aus den Niederlanden.
Auch die spanische Zeitung EL PAIS aus Madrid verweist auf eine "gespaltene Opposition": "Diese hat außer der Unzufriedenheit wenige gemeinsame Nenner. Daher ist es schwer abzusehen, dass sich die Proteste zu einer Bewegung formieren könnten, die das Regime zu Fall bringt."
Ähnlich sieht es die panarabische Zeitung AL ARABY AL-JADEED mit Sitz in London: "So brutal das Regime in Teheran gegen die Demonstranten auch vorgeht, man kann doch annehmen, dass es mit halbherzigen Reformen nicht mehr durchkommt. Stattdessen wird es seine Politik grundlegend umgestalten und auch die Beziehungen zu seinen Nachbarn umgestalten müssen. Gleichwohl ist die Struktur des Regimes weiterhin so solide, dass sich kaum sagen lässt, ob es zu einem größeren Umbruch kommt oder nicht."
Mit den geopolitischen Entwicklungen weltweit befasst sich die Gastkommentatorin in der NEW YORK TIMES. Sie spricht von einem unvorhersagbaren Weltgeschehen und analysiert: "Die internationale Ordnung, an die wir uns alle gewöhnt haben – rückblickend bis zur Selbstgefälligkeit –, ist in einem schlechten Zustand, vielleicht sogar in einem fatalen. Was kommt als Nächstes? Wird Präsident Trump die Festnahme eines weiteren Staatsoberhauptes anordnen? Noch einen weiteren Tanker unter russischer Flagge? Wird Chinas Präsident Xi Jinping entscheiden, dass die Zeit gekommen ist, Taiwan mit dem Festland zu vereinen? Wird morgen die Sonne aufgehen? Wir leben in einer Zeit, die als radikale Unsicherheit bezeichnet wird. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der sich das bisherige System auflöst, wir aber noch nicht wissen, was als Nächstes kommt. Vielleicht wird sich die Lage bald zu einer neuen Normalität entwickeln. Aber wenn man aus der Geschichte lernen kann, sollten wir uns nicht darauf verlassen, sondern uns stattdessen auf eine längere Phase der Volatilität einstellen." So weit der Gastkommentar in der NEW YORK TIMES aus den USA.
Hören Sie abschließend einen Kommentar aus der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG zum Krieg Russlands gegen die Ukraine. "Russland hat gestern eine ominöse Schwelle überschritten. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert nun länger als der 'Große Vaterländische Krieg', der vom Putin-Regime heroisierte Kampf der Sowjetunion gegen Nazideutschland. Damals, im Mai 1945, stand die Rote Armee nach drei Jahren und zehneinhalb Monaten in Berlin. Heute hissen Putins Truppen nach derselben Zeitdauer ihre Flaggen in unbekannten ostukrainischen Dörfern wie Warwariwka oder Seredne, bestenfalls 100 Kilometer von der Frontlinie zu Beginn der Invasion entfernt. Was kann Putin nach all diesen Jahren wirklich an Erfolgen vorweisen? Gewiss, sein Land wird nun wieder gefürchtet. Aber Prestige und globale Gestaltungskraft hat sich Russland mit seiner Aggressivität nicht verschafft. Das Gegenteil ist eingetreten: Putins Reich steht heute schwächer da als noch vor vier Jahren."