LA REPUBBLICA aus Rom beurteilt die Entwicklung so: "Es mehren sich derzeit noch die Hinweise, dass die vorsichtigeren Quellen Recht haben, denen zufolge der Prozess zur Bestrafung der Ajatollahs begonnen hat, aber noch nicht in seine abschließende Phase eingetreten ist. US-Außenminister Rubio selbst hatte in den vergangenen Tagen erklärt, dass mehrere Optionen auf dem Tisch liegen, nicht nur militärische. Donald Trump, der Chef des Weißen Hauses, hat jedoch - insbesondere mit den Angriffen auf Venezuela - bewiesen, dass er unberechenbar ist, und in der Vergangenheit hat er gerade das falsche Sicherheitsgefühl seiner Gegner genutzt, um sie überraschend zu treffen", erinnert die italienische LA REPUBBLICA.
Die in London erscheinende pan-arabische Zeitung AL ARABY AL-JADEED gibt zu bedenken: "Die landesweiten Proteste im Iran finden vor dem Hintergrund der harten israelischen und US-amerikanischen Angriffe vom vergangenen Sommer statt, die in aller Deutlichkeit die Schwäche des Regimes offenbart haben. Nun zeigt sich diese Schwäche in dem Versuch, einen Verhandlungskanal mit den Vereinigten Staaten zu eröffnen, um den von Präsident Trump angedrohten US-Militärschlag abzuwenden. Denn das Regime fürchtet, dass dieser zu seinem endgültigen Untergang führen könnte. Allerdings wünscht sich aufgrund der unabsehbaren Auswirkungen niemand den Sturz des Regimes - nicht einmal die Vereinigten Staaten. Sicher scheint aber, dass im Iran eine neue politische Realität Einzug halten wird, unabhängig davon, welches Regime das jetzige ablöst. Die Auswirkungen dieses Wechsels auf die Sicherheit der Nachbarländer werden in jedem Fall enorm sein", ist AL ARABY AL-JADEED überzeugt.
Ähnlich sieht es die japanische Zeitung ASAHI SHIMBUN. "Aufgrund des US-Angriffs auf Venezuela kann man Trumps Aussage nicht einfach als reine Erpressung betrachten. Die Milizen, die unter dem Einfluss des iranischen Regimes stehen, befinden sich nach wie vor in vielen Teilen des Nahen Ostens, auch wenn ihre Kräfte nicht mehr so stark eingeschätzt werden wie früher. Sollten die USA einen Angriff auf den Iran wagen, ist es klar, dass die gesamte Nahost-Region auf einmal destabilisiert wird", mahnt ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
Die in Baku erscheinende Zeitung MÜSAVAT meint: "Es lässt sich nicht vorhersagen, wie viele Monate oder Jahre dieses Regime noch bestehen wird. Im Iran herrscht ein theokratisches System, das zwar nach außen hin glanzvoll erscheint, im Kern jedoch Gräueltaten begeht. Das Volk vertraut den Betrügern nicht, denjenigen, die sich bereichert haben, indem sie das Land aufgrund verfehlter Politik unter Sanktionen leiden ließen. Die Erwartung, dass Reza Pahlavi, der Nachfolger des Schahs, im Iran an die Macht kommen wird, ist unbegründet. Das Volk will kein bestehendes Übel durch ein vergangenes ersetzen", hält MÜSAVAT aus Aserbaidschan fest.
Das tschechische Nachrichtenportal AKTUALNE.CZ überlegt, welche Auswirkungen ein Ende des Regimes in Teheran haben könnte: "Der Iran zählt seit Jahrzehnten zu den Gegnern der USA. Er unterstützt den Terrorismus und ist ein Verbündeter Chinas und Russlands. China bezieht 15 bis 20 Prozent seiner Ölimporte aus dem Iran. Sollte der Iran nun unter amerikanischen Einfluss geraten, wäre das ein großer Sieg für US-Präsident Donald Trump in seinem Wettstreit mit China um die globale Vorherrschaft. Für Russland würde ein Sturz des Regimes im Iran bedeuten, dass der Kreml nach Syrien und Venezuela einen weiteren Verbündeten verliert." Soweit der Kommentar von AKTUALNE.CZ aus Tschechien.
Die in Amsterdam erscheinende Zeitung DE TELEGRAAF kritisiert die Rolle der Europäischen Union: "Die EU hätte schon viel früher dem Beispiel der USA und Kanadas folgen und die Revolutionsgarden auf die Terrorliste setzen sollen. Es geht darum, das Rückgrat des Regimes anzugreifen, denn die Revolutionsgarden spielen eine führende Rolle bei der blutigen Unterdrückung von Protesten. Die EU schreckt seit Jahren davor zurück, gegenüber dem Iran eine allzu strenge Haltung einzunehmen. Verhandlungen mit den religiösen Fanatikern in Teheran sind jedoch völlig sinnlos. Sie führen lediglich zur Legitimierung eines Terrorregimes. Jetzt ist es Zeit zu handeln", fordert DE TELEGRAAF aus den Niederlanden.
Einige Kommentatoren beschäftigen sich grundsätzlich mit den Auswirkungen der außenpolitischen Entscheidungen von US-Präsident Trump. Die polnische RZECZPOSPOLITA zeigt sich besorgt: "Trump ignoriert Europa nicht nur. Er befindet sich nun in einem stillschweigenden Bündnis mit unserem größten Gegner: Russland. Ein Beweis dafür ist Trumps Sympathie für europäische Parteien, die von Moskau seit Jahren unterstützt werden. Ein weiterer Beweis ist seine jüngste 'Friedens'-Initiative für die Ukraine, die alle russischen Forderungen unterstützt. Dieses Worst-Case-Szenario eines amerikanischen Bündniswechsels vom Tisch zu wischen, ist entweder ein Zeichen von Angst oder Ignoranz", warnt die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die in Kopenhagen erscheinende Tageszeitung POLITIKEN nimmt das anstehende Gespräch der Außenminister aus Dänemark, Grönland und den USA sowie US-Vizepräsident JD Vance in Washington über die US-Ansprüche auf Grönland in den Fokus: "Wir wissen nicht, was Rubio und Vance vorhaben, aber wir wissen, dass jede Form von Spaltung zwischen Grönland und Dänemark nur eine Seite und eine Person stärkt: die USA und Trump. Die akute Krise darf nicht mit einer Absage an Grönlands legitimen Wunsch der Unabhängigkeit verwechselt werden. Wenn es erneut zu einer Debatte kommt, muss Grönland über seine Zukunft selbst entscheiden. Aber jetzt 'ist es an der Zeit, zusammenzustehen', wie der grönländische Regierungschef Nielsen am Dienstag bei einer Pressekonferenz sagte. Eine unzerbrechliche Gemeinschaft ist die beste Waffe, die die Außenminister Rasmussen und Motzfeldt in Washington dabeihaben", betont POLITIKEN aus Kopenhagen.
Für HÜRRIYET aus Istanbul könnte Europa die USA nach einer Übernahme Grönlands empfindlich treffen: "Dann könnte Europa die USA zu einer feindlichen Macht erklären und alle US-Stützpunkte schließen. Die US-Truppen könnten aufgefordert werden, das Land zu verlassen. Die enorme logistische und geopolitische Macht, die sich daraus ergibt, dass Amerika seit Jahrzehnten auf dem europäischen Kontinent präsent ist, könnte über Nacht verschwinden. Und Europa ist wirtschaftlich gesehen kein Zwerg. Dies könnte zu einer massiven Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten führen. Die Europäer besitzen US-Anleihen im Wert von etwa zwei Billionen Dollar. Schon die Möglichkeit, dass diese Anleihen kurzfristig verkauft werden, könnte die US-Märkte in einen tiefen Abgrund stürzen. Es drohen Hyperinflation und leere Regale. Die USA könnten ihrerseits ihre Trümpfe ausspielen. Das würde jedoch nicht nur Europa, sondern auch die USA um Jahrzehnte zurückwerfen", prophezeit die türkische Zeitung HÜRRIYET.
Zum letzten Thema: Die Europäische Union und China haben nach langen Verhandlungen einen Kompromiss im Streit um Elektroautos erzielt. Für die in Peking erscheinende HUANQIU SHIBAO ist das ein gutes Signal: "Es zeigt, wie wichtig der Dialog in den internationalen Beziehungen ist. So konnten Peking und Brüssel ungeachtet sich verschärfender geopolitischer Rivalitäten und eines wiederauflebenden Protektionismus die hohe Belastbarkeit ihrer gegenseitigen Beziehungen unter Beweis stellen. So konnte verhindert werden, dass die von der Europäischen Union angekündigten Strafzölle in einen Teufelskreis von Reaktion und Gegenreaktion führten. Dies ist auch ein wichtiges Signal an die ganze Welt, mit der Botschaft, dass sich ein Festhalten an einer regelbasierten Ordnung im Rahmen der WTO lohnt", lobt HUANQIU SHIBAO aus China.
