19. Januar 2026
Die internationale Presseschau

Nach der Ankündigung von US-Präsident Trump, Zölle gegen acht europäische Länder zu verhängen, beschäftigen sich zahlreiche Zeitungen mit dem Grönland-Streit zwischen den USA und Europa.

US-Präsident Donald Trump während einer Plenarsitzung der NATO in Brüssel. Er trägt einen dunkelblauen Anzug und eine Krawatte mit dem blau-weiß-roten Muster der Union-Jack-Flagge.
US-Präsident Trump hat Zölle gegen acht europäische Staaten angekündigt. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Alex Brandon)
Die IRISH TIMES aus Dublin schreibt dazu: "Wenn Trump seine Drohung wahrmacht, muss die EU darauf reagieren. Und zwar mit Nachdruck. Es gibt Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten darüber, wie schnell die EU nun handeln sollte, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Trump einige seiner früheren Zollandrohungen nicht umgesetzt hat. Aber dem US-Präsidenten muss klargemacht werden, dass die EU sich wehren wird", betont THE IRISH TIMES.
"China und Kanada haben gezeigt, dass Trump nur durch knallharte Antworten zu beeindrucken ist", führt die niederländische Zeitung DE TELEGRAAF an. "Die EU-Länder scheinen das endlich zu verstehen, wie Meldungen über mögliche europäische Gegenmaßnahmen mit Handelszöllen zeigen. Das ist richtig so. Wir haben uns viel zu lange kleiner gemacht, als nötig wäre. Mit 500 Millionen Verbrauchern ist Europa für Amerika ein unverzichtbarer Markt, und Spitzenunternehmen wie ASML sind für den Technologiesektor in den USA von entscheidender Bedeutung. Wir müssen uns unserer eigenen Stärke bewusst sein und den Mut aufbringen, es Trump mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Sonst wird er weiter über uns hinweg rollen", warnt DE TELEGRAAF aus Amsterdam.
Die spanische Zeitung EL MUNDO bezeichnet die Ankündigung Trumps als geopolitisches Druckmittel und erklärt: "Es war ein Schritt in die richtige Richtung, dass die betroffenen europäischen Länder mit einer gemeinsamen Erklärung reagiert haben. Die EU muss auf eine so willkürliche Maßnahme geeint reagieren, denn nur dann ist sie stark. Würden die Europäer nachgeben, würden sie einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Heute geht es um Grönland, morgen könnte es ein anderes Territorium sein. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, die Situation aber auch nicht eskalieren. Es wäre ein historischer Fehler, die gemeinsamen Regeln aus Angst vor Zöllen aufzugeben und den Rechtsstaat durch das Recht des Stärkeren zu ersetzen", argumentiert EL MUNDO aus Madrid.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG bezweifelt, dass die EU harte Maßnahmen gegen Trump ergreift: "Es mag zwar Parlamentarier geben, die finden, der Staatenbund solle gegenüber den USA endlich das 'Anti-Coercion Instrument' - kurz ACI - anwenden, das Gegenmaßnahmen vorsieht, wenn ein Land die EU wirtschaftlich nötigt. Möglich sind dann etwa hohe Strafzölle oder Finanzsanktionen gegen Firmen und Regierungen. Bisher ist die EU aber davor zurückgeschreckt, das ACI anzuwenden. Das dürfte auch diesmal der Fall sein, mit dem Instrument würde die EU Trump zu sehr reizen. Europa braucht die USA – als Handelspartner und Stütze im Ukraine-Krieg. Die EU dürfte daher vor allem darauf setzen, dass der amerikanische Kongress Trump Grenzen setzt", erwartet die NZZ.
Die australische Zeitung SYDNEY MORNING HERALD betont: "Es besteht noch die Chance, dass die Vernunft siegt: dass Trump in Bezug auf die Zölle nachgibt und einem Sicherheitsabkommen zu Grönland zustimmt, das ihm zwar mehr Militärbasen, aber nicht die vollständige Kontrolle einräumt. Dafür müsste Europa standhaft bleiben, ohne Trump zu provozieren – zugegebenermaßen ein fast unmögliches Unterfangen bei einem derart unberechenbaren Präsidenten. Die Alternative ist der Zerfall der NATO. Trump könnte auf einen Handelskrieg reagieren, indem er Gewalt gegen amerikanische Verbündete einsetzt und sich Grönland trotz ihrer Proteste aneignet. In diesem bisher undenkbaren Szenario zerbricht das Bündnis, und Europa steht schutzlos da", befürchtet die Zeitung SYDNEY MORNING HERALD.
"Kurz vor dem ersten Jahrestag der Vereidigung von Donald Trump sehen wir zweifellos, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor", schreibt RZECZPOSPOLITA aus Warschau: "In Polen schrillen die Alarmglocken. Die alte Ordnung, die Polen dreieinhalb Jahrzehnte lang Sicherheit und eine Jahrhundertchance für eine unglaubliche Entwicklung garantierte, weicht nun einer Großmachtrivalität, in der die Vereinigten Staaten nicht zögern, ihre Verbündeten zu erpressen, um sich einen strategischen Vorteil gegenüber China und Russland zu sichern. Mit Letzterem wollen sie so schnell wie möglich ein Abkommen erzielen. Die polnischen Eliten sollten versuchen, die Frage nach Polens Rolle in dieser neuen Sicherheitslandkarte schnellstmöglich zu beantworten", mahnt die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA.
HOSPODÁŘSKÉ NOVINY aus Prag kritisiert: "Anstatt sich in erster Linie mit der Frage zu befassen, wie man der potenziellen Gefahr durch Russland begegnen kann, schicken europäische Politiker Soldaten zu Sonderübungen nach Grönland. Wie schon in den letzten Jahren reagieren die Europäer wieder nur auf Impulse von außen - aus einer Welt, die den Werten der liberalen Demokratie, für die die Europäische Union steht, zunehmend feindlich und ablehnend gegenübersteht. Die EU-Mitgliedsländer haben Angst oder sind nicht bereit oder in der Lage, die Tatsache zu akzeptieren, dass Machtpolitik heute mehr zählt als Werte und Kompromissbereitschaft", meint die tschechische Zeitung HOSPODÁŘSKÉ NOVINY.
Die dänische Zeitung POLITIKEN prognostiziert im Falle einer Invasion Grönlands das Ende der NATO, betont aber gleichzeitig: "So weit sind wir noch nicht: Die USA haben Grönland nicht besetzt, und vielleicht findet sich eine vernünftige Lösung. Aber die Hoffnung schwindet, und die Tatsache, dass eine gewaltsame Übernahme Grönlands nicht ausgeschlossen werden kann, macht es schwierig bis unmöglich zu glauben, dass die USA den Europäern im Notfall zur Hilfe kommen. Aufrüstung tut jetzt mehr Not denn je, und die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur muss neu gedacht werden. Das ist nicht leicht, aber auch kein Grund zur Verzweiflung: Wir sind ein reicher Kontinent mit deutlich mehr Einwohnern als die USA", erinnert POLITIKEN aus Kopenhagen.
Die türkische Zeitung CUMHURIYET spricht von einem Riss in der NATO: "Die NATO muss ihre Mitgliedsstaaten verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Aber was passiert im Falle einer Invasion Grönlands? Werden die EU-Länder jetzt wieder dafür beten, dass Trump die Wahlen verliert? Im November finden Zwischenwahlen statt. Selbst wenn Trump ein negatives Ergebnis erzielt, hat er danach noch zwei Jahre Zeit. Wird es am Ende dieser zwei Jahre eine weitere Wahl in den USA geben? Trump hat vor Kurzem den Satz 'Wahlen sind unnötig' herausgeschleudert. Wir sollten darüber nachdenken, was das bedeutet. Trump ist der Hauptakteur beim Übergang der Welt vom Autoritarismus zum Totalitarismus. Wird sich der überwiegend konservativ besetzte Oberste Gerichtshof für die amerikanische Demokratie oder für Trump entscheiden?", fragt CUMHURIYET aus Istanbul.
NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio kommentiert: "Bei seiner Antrittsrede zur zweiten Amtszeit rief Donald Trump eine 'Revolution des gesunden Menschenverstandes' aus, die in einer unkontrollierten Raserei mündete. Die nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam aufgebaute Ordnung wird durch Trump zerstört. Sie mit Hilfe der Großmächte wiederherzustellen, ist nicht mehr realistisch. Für Staaten, die wie Europa und Japan die Ideen einer regelbasierten Ordnung und des Freihandels teilen, ist es überlebenswichtig, geschlossen mit Mittelmächten wie Indien zu handeln. Sonst wird sich diese Welt zu einem gesetzlosen Gebiet ohne Regeln verwandeln", warnt die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN.
Auch die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO glaubt: "Spitzt sich die Grönlandfrage weiter zu, könnte sie die transatlantischen Beziehungen unwiderrufbar zerstören. Das würde Europa schwer treffen und die NATO spalten. Durch die Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens konnte die Europäische Union zwar zuletzt punkten. Aber auch hier entstand die Einigung nur aus einer Notsituation heraus. Europa ist unfreiwillig in ein Kräftemessen geraten", stellt JIEFANG RIBAO aus Schanghai fest. Und damit endet die internationale Presseschau.