
Der Londoner GUARDIAN sieht im Zusammenrücken der Europäer gegen Trump ein positives Signal: "Der US-Präsident brachte seine Doktrin der Einschüchterung nach Davos und stieß auf heftigen Widerstand. Wenn dies zu einer neuen westlichen Allianz gegen ihn führt, umso besser. Das Ziel ist nichts weniger als ein neues Bündnis westlicher Demokratien, die für ihre eigene Verteidigung nicht mehr von den USA abhängig sind. Die Welt, wie wir sie kannten, stirbt, getötet vom Möchtegern-Kaiser am Potomac. Aber diese Woche wurde noch etwas anderes sichtbar: eine neue Welt, die darauf wartet, geboren zu werden", heißt es in einem Gastkommentar im GUARDIAN.
Die französische Zeitung LE MONDE schreibt: "Vertrauen ist ein kostbares Gut. Ist es einmal verspielt, lässt es sich nicht so leicht zurückgewinnen. Es ist das Fundament für Kooperationen, für jeden produktiven diplomatischen Dialog, für den Austausch vertraulicher Informationen. Donald Trump missachtet es. Er glaubt nur an die Zwangsgewalt von Zöllen, an die Suche nach fossilen Brennstoffen und seltenen Mineralien, an die einschüchternde Überlegenheit der amerikanischen Wirtschaft und ihrer Militärmacht. Es gibt keine wertvollen Verbündeten mehr. Es gibt nur noch Rivalen, unterwürfige oder widerspenstige Länder", konstatiert LE MONDE aus Paris.
Für die niederländische Zeitung DE TELEGRAAF liegt der Hauptgrund für die Entfremdung zwischen Europa und den USA in Trumps Politikstil: "Trump mischt Wahrheiten mit Übertreibung und Lügen. Die Außenwelt fragt sich, warum Staats- und Regierungschefs weiter vor dem Mann kuschen, obwohl er sie öffentlich brüskiert. Der Grund dafür ist nachvollziehbar. Politiker unterdrücken ihre Emotionen, weil sie wissen, dass ihre Ziele durch offenen Widerstand gegen Trump nur noch schwerer zu erreichen sind. Gleichzeitig schürt dies jedoch Trumps Verachtung. Er testet immer aus, wie weit er gehen kann", meint DE TELEGRAAF aus Amsterdam.
Die panarabische Zeitung AL SHARQ AL-AWSAT bemerkt zu den transatlantischen Beziehungen: "Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das Verhältnis der beiden Seiten zerfällt, und zwar rapide. Doch Donald Trump eskaliert weiter, und zwar in jegliche Richtung und ohne jegliche Vorwarnung. Wenn er sein Augenmerk nun auf Grönland richtet, machen die Europäer eine Erfahrung, die die Palästinenser schon seit Längerem kennen. Sie müssen sich damit auseinandersetzen, dass Trump den Gazastreifen in eine Riviera am östlichen Mittelmeer verwandeln will. Immerhin scheint ihm langsam zu dämmern, dass dieses Projekt ohne die Palästinenser nicht umsetzbar ist", überlegt AL SHARQ AL-AWSAT mit Sitz in London.
Die dänische Zeitung POLITIKEN bezeichnet das Verhältnis zu den USA dagegen auf dem Weg der Besserung: "Wir wissen nicht genau, was Donald Trump zum Verzicht auf seine Drohungen gegen Dänemark und Grönland bewegt hat. Vielleicht war es die Wirtschaft oder der wachsende Unmut im eigenen Land? Aber es zählt, dass er es getan hat, und wichtig ist auch, dass beruhigende Signale von Dänemark und Grönland an die Amerikaner ausgingen. Gab es eine Zeit lang noch einen Flirt Grönlands mit China, so wird dieser jetzt unverzüglich beendet. Das ist der Beitrag, den Grönland zu einer Lösung beitragen muss. Noch tragen unsere Bündnisse - und der Fokus kann sich wieder auf die Ukraine richten", findet POLITIKEN aus Kopenhagen
Die chinesische Zeitung HUANQIU SHIBAO wirbt angesichts der transatlantischen Spannungen um eine Annäherung Europas an China: "Vor der Drohung der hegemonialen Weltordnung ist ein Zusammenschluss unserer beiden strategischen Partner nicht nur zeitgemäß, sondern auch von großer Bedeutung. Aber zunächst müssen Europäer ihre falsche China-Wahrnehmung abräumen. China und Europa sind zwei große Weltzivilisationen und verfügen über zwei große Märkte. Beide bekennen sich zum Völkerrecht und zur UN-Charta. Konkurrenz ist kein Grund für weniger Kooperation. Meinungsunterschiede führen nicht automatisch zur Konfrontation", betont HUANQIU SHIBAO aus Peking.
Auch die schwedische Zeitung SYDSVENSKAN kommentiert Trumps Auftritt in Davos und die möglichen Folgen: "Wenn der Stärkere auf dem Schulhof auf Regeln pfeift und andere verprügelt, mag er den Ton angeben - zumindest vorläufig. Aber irgendwann stolpert er über seine brutale Dummheit. Wenn Trump Grönland übernimmt, kollabiert unsere Sicherheitsstruktur endgültig. Als Alternative könnte Europa seine Verteidigung enger koordinieren oder eigene Truppen aufbauen. Das wäre mühsam und könnte für Spaltung sorgen, aber das ist ohnehin das Ziel von Trump und Putin, und zurzeit wird die EU durch den Druck von außen eher zusammengeschweißt. Die große Bedrohung geht nach wie vor von Russland aus, und es darf nie vergessen werden, dass die Unterstützung der Ukraine immer auch eine Investition in unsere eigene Sicherheit ist", bemerkt SYDSVENSKAN aus Malmö.
Die polnische RZECZPOSPOLITA betrachtet den Besuch des US-Präsidenten beim Weltwirtschaftsforum aus osteuropäischer Perspektive: "Trump gründete in Davos seinen Friedensrat, zu dem er Putin, Lukaschenko und Xi einlud, während unterdessen eine ganze Woche lang gnadenlose Angriffe auf die kritische Infrastruktur und Energieversorgung der Ukraine stattfanden. Dies kommt Russland gleich doppelt zugute. Erstens schwächt es die Moral der Ukrainer und Wolodymyr Selenskyjs Verhandlungsposition bei den in Abu Dhabi begonnenen Gesprächen. Zweitens könnte es eine massive Flüchtlingswelle auslösen. Russland hat in den vergangenen Monaten intensiv daran gearbeitet, die Stimmung in den Nachbarländern zunehmend anti-ukrainisch zu gestalten", konstatiert RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die japanische Wirtschaftszeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN blickt in diesem Zusammenhang auf die Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und den USA: "Das trilaterale Treffen in Abu Dabhi hat als Wiederbeginn der Gespräche zwar eine symbolische Bedeutung. In der Tat ist es allerdings keine Friedensverhandlung – vielmehr ein Machtspiel, in dem die drei beteiligten Staaten jeweils nach einem Ergebnis suchen, das sie als Erfolg verkaufen können" heißt es in einem Gastkommentar in der Tokioter Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG blickt auf die deutsch-italienischen Regierungskonsultationen in Rom und das Verhältnis von Bundeskanzler Merz zu Italiens Ministerpräsidentin Meloni und Frankreichs Präsident Macron: "Nachdem der Kanzler zunächst den Schulterschluss mit Frankreich gesucht hat, wendet er sich nunmehr intensiver Italien zu. Emmanuel Macron ist trotz markigen Auftritten auf der globalen Bühne innenpolitisch geschwächt; außerdem hat er sich mit seinem Nein zum Freihandelsabkommen Mercosur mit Südamerika gegen ein prioritäres Anliegen von Merz gestemmt. In Meloni scheint Merz hingegen eine verlässlichere Partnerin zu sehen, wenn es um Anliegen wie Freihandel oder Wettbewerbsfähigkeit geht. Auch der im Vergleich zu Macron konziliantere Ansatz im Umgang mit Donald Trump verbindet die beiden Regierungschefs in Berlin und Rom", resümiert die NZZ aus der Schweiz.
Ähnlich sieht das die italienische Zeitung CORRIERE DELLA SERA: "Premierministerin Giorgia Meloni hat eine pragmatische Haltung gegenüber Washington eingenommen. Zu diesem Pragmatismus gehört aber auch die Suche nach verlässlichen Verbündeten, und dazu gehört allen voran Deutschland. Gewiss, es ist dies eine Partnerschaft, die nicht nur von Idealen, sondern auch von Eigeninteressen geprägt ist, aber es geht um die Suche nach gemeinsamen Lösungen für die Zukunft Europas. Geschieht dies nun auf Kosten Frankreichs? Das mag sein“, meint der CORRIERE DELLA SERA aus Mailand. Damit endet diese Presseschau.
