
Nach dem Sieg des proeuropäischen Kandidaten Péter Magyar bei der Parlamentswahl in Ungarn schreibt die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA: "Die Niederlage der Fidesz-Partei und Viktor Orbáns zeigt, dass sich selbst ein geschlossenes System demokratisch verändern lässt. Die Ungarn haben Angst und Rückwärtsgewandtheit hinter sich gelassen und sich für Péter Magyar, Enthusiasmus und Freiheit entschieden, auch wenn vor der neuen Regierung ein schwieriger Weg des Wiederaufbaus liegt. Die liberale, also auf der Liebe zur Freiheit basierende Demokratie hat ihre Überlegenheit gegenüber einem illiberalen System bewiesen, das sich mehr und mehr in eine Tyrannei verwandelte", resümiert die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
"Für die Europäische Union ist der Abgang Viktor Orbáns die erfreulichste Entwicklung seit Jahren", heißt es in der IRISH TIMES aus Dublin. "Ungarn hatte sich von einem gelegentlichen Störfaktor zu einer direkten Bedrohung für das Funktionieren der EU entwickelt. Eine unmittelbare Folge des Wahlergebnisses dürfte die längst überfällige Bewilligung von Milliardenhilfen der EU für die Ukraine sein. Auch die Aussicht, den nächsten Mehrjahreshaushalt der EU ohne Orbán am Verhandlungstisch auszuarbeiten, dürfte für Erleichterung sorgen", vermutet THE IRISH TIMES.
Die spanische Zeitung EL PAÍS warnt vor der Annahme, nach Orbáns Niederlage seien in Brüssel alle Probleme gelöst: "Die EU ist eine Regierung losgeworden, deren Gefahr nicht so sehr – oder jedenfalls nicht nur – in ihrer Politik lag, sondern in ihrer Zersetzungsarbeit innerhalb der Union, wo Budapest sich bisher in den Dienst von Führungsfiguren wie Kremlchef Putin oder US-Präsident Trump gestellt hat. Der Abgang Orbáns beseitigt weitgehend diese innere Bedrohung, er löst aber keineswegs die großen Herausforderungen, vor denen die Europäische Union steht", gibt EL PAÍS aus Madrid zu bedenken.
THE INDEPENDENT aus London ist überzeugt, dass Magyar nicht wie Orbán EU-Hilfen für die Ukraine blockieren wird: "Ungarns künftiger Ministerpräsident ist kein Liberaler – er war einst ein Anhänger von Viktor Orbán –, aber er ist ein wahrer ungarischer Patriot und versteht, dass sein Land keine Zukunft hat, wenn es erneut zu einem Vasallenstaat Russlands wird. Die Ukrainer haben einen neuen, wertvollen Verbündeten gefunden. Rund 90 Milliarden Euro an EU-Krediten können nun nach Kiew weitergeleitet werden", hält die britische Zeitung THE INDEPENDENT fest.
"Große Veränderungen der Politik gegenüber Russland und der Ukraine sind unter Magyar nicht zu erwarten", ist dagegen in der Moskauer Zeitung KOMMERSANT zu lesen. "Die Freundschaft mit Kiew und der Bruch mit Moskau widersprechen den nationalen Interessen des Landes. Viele Positionen Ungarns bleiben unverändert. Magyar ist gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und deren EU-Beitritt, und er versteht, dass ein jäher Verzicht auf russische Energieträger für Ungarn ein schwerer Schlag wäre. Darum wird er wohl wie Orbán versuchen, die Funktionsfähigkeit der Erdöl-Pipeline 'Druschba' wiederherzustellen", glaubt der KOMMERSANT aus Russland.
Die schwedische Zeitung DAGENS INDUSTRI befürchtet, dass Magyar noch mit vielen Widerständen zu kämpfen hat: "Zuerst einmal muss der Machtwechsel glatt über die Bühne gehen, denn wenn Orbán will, kann er noch viele Hindernisse errichten. Dann muss Magyar seine Wahlversprechen erfüllen, und gerade die Bekämpfung der Korruption könnte schwierig werden. Auch sollten die Hoffnungen auf eine ideologische Neuausrichtung nicht zu hoch angesetzt werden. Magyar gehörte früher selbst zu Fidesz. Er gilt zwar als proeuropäisch und liberalkonservativ, aber es gibt noch viele offene Fragen zu seinem Programm", notiert DAGENS INDUSTRI aus Stockholm.
Die mexikanische Zeitung LA RAZON stellt klar: "Orbáns Niederlage muss nicht automatisch bedeuten, dass es zu einer 180-Grad-Wende kommt. Aber Ungarn bietet eine wichtige Lehre. Selbst ein Regime, das jeden Handlungsspielraum einschränkt, kann zusammenbrechen, wenn die Korruption zu offensichtlich wird, die Wirtschaft an Schwung verliert und die populistische Rhetorik nicht mehr überzeugt. Manchmal dauert es Jahre, bis es dazu kommt - aber es kann eben auch sehr schnell gehen." Das war die Zeitung LA RAZON aus Mexiko-Stadt.
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO ist überzeugt: "Das politische Erdbeben in Budapest und der damit verbundene Machtwechsel werden die geopolitische Lage zweifellos verändern. So ist eine völlige Kehrtwende in den ungarisch-russischen Beziehungen nicht ausgeschlossen, wobei Budapest dann aber dringend neue Energielieferanten benötigen würde. Was die unter Orbán sehr guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ungarn und China angeht, so bleibt abzuwarten, ob sich die neue Regierung dem strengeren Kurs Brüssels gegenüber Peking anschließen wird, wodurch sie chinesische Investoren verprellen könnte", überlegt die Zeitung JIEFANG RIBAO aus Schanghai.
"Es gibt Parallelen zwischen Orbáns Wahlniederlage und dem Niedergang von Donald Trump", findet die türkische Zeitung CUMHURIYET mit Blick auf die schwindende Beliebtheit des US-Präsidenten. "Der Besuch seines Vizepräsidenten JD Vance in Ungarn, dessen Umarmung mit Orbán und seine Bitte um Stimmen für ihn waren eine politische Torheit. Was haben sie sich dabei gedacht? Dass die Ungarn sagen würden: Wenn die USA es wollen, muss es richtig sein, Orbán zu wählen? Gestern hat auch noch der Papst gesagt, dass er keine Angst vor Trump hat. Ist die Welt in eine Phase des Zusammenbruchs autoritärer und autokratischer Führer eingetreten?", fragt CUMHURIYET aus Istanbul.
Themenwechsel. Nach den gescheiterten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran in Pakistan über ein Kriegsende im Nahen Osten appelliert die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN: "Dieser wertvolle Dialog darf nicht beendet werden. Alle Beteiligten sollten sich darum bemühen, mit viel Geduld weitere Verhandlungen zu führen. Die internationale Gemeinschaft sollte auch die Anstrengungen Pakistans, das weiterhin zu einer Vermittlung bereit ist, klar unterstützen. Derweil besteht in der Straße von Hormus die große Gefahr eines Konflikts beider Staaten. Natürlich ist eine Anhebung der Durchfahrtsgebühr durch den Iran völlig inakzeptabel. Aber das bedeutet nicht, dass eine willkürliche Kontrolle durch die USA erlaubt werden sollte", argumentiert die NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Die panarabische Zeitung AL QUDS AL-ARABY hebt hervor: "Bislang wurde die Straße von Hormus vor allem als Schifffahrtspassage gesehen. Mehr und mehr sorgt man sich in den Golfstaaten aber auch um den Datenverkehr, der durch die Meerenge verläuft. Denn dort sind nicht nur ein oder zwei Kabel verlegt, sondern ein ganzes Bündel zentraler Verbindungen, die den Golf mit Europa und Asien verbinden. Wird dieses System auch nur leicht beschädigt, kann sich dies umgehend auf transkontinentale Finanznetzwerke und digitale Plattformen ausbreiten", warnt AL QUDS AL-ARABY mit Sitz in London.
Auch anderswo könnte die Zerstörung von Kabeln großen Schaden anrichten - darauf macht abschließend die norwegische Zeitung DAGSAVISEN aufmerksam: "Im Augenblick richten sich alle Augen auf den Iran. Aber gleichzeitig plant Russland die Sabotage kritischer Infrastruktur in der Nordsee. Russische Fahrzeuge spähen Unterseekabel aus, und immer wieder werden solche Aktionen entdeckt und gestoppt. Mit den Unterseekabeln ist es wie mit der Straße von Hormus: Niemand denkt über ihre Bedeutung nach - bis es kracht."
