06. Mai 2026
Die internationale Presseschau

Themen sind die angekündigte Reduzierung US-amerikanischer Truppen in Deutschland und die Geleitschutzmission der Vereinigten Staaten in der Straße von Hormus. Zunächst aber zum einjährigen Bestehen der deutschen Bundesregierung.

Vizekanzler Klingbeil und Bundeskanzler Merz sitzen am Kabinettstisch im Bundeskanzleramt.
Vizekanzler Klingbeil und Bundeskanzler Merz bei der Kabinettssitzung (picture alliance / Ipon / Stefan Boness)
Die spanische Zeitung EL PERIÓDICO DE CATALUNYA bemängelt fehlende Reformen: "Der Bundeskanzler hat offensichtlich keines seiner versprochenen Ziele erreicht. Merz hat es nicht geschafft, die strukturellen Probleme anzugehen, um die Wirtschaft an die neuen Realitäten anzupassen. Die Schwierigkeiten der deutschen Autobauer im Wettbewerb mit chinesischen Herstellern sind nur ein Beispiel für die Krise, die das ganze Land erfasst hat. Dabei verfügt Deutschland über ein einmaliges Potenzial und die Ressourcen, um den Trend umzukehren. Union und SPD sind in der Pflicht, Wirtschafts- und Sozialreformen anzupacken und eine Reindustrialisierung durchzuführen. Kürzungen bei Sozialleistungen stoßen auf Widerstand - erst recht, wenn gleichzeitig das Militär gegen die russische Bedrohung gerüstet wird", erläutert EL PERIÓDICO DE CATALUNYA aus Barcelona.
Das US-Magazin POLITICO aus Arlington zieht einen Vergleich zum früheren Bundeskanzler Olaf Scholz: "In einem Seitenhieb auf seinen Vorgänger deutete Friedrich Merz an, Scholz habe den Bürgern immer wieder versprochen, alles werde gut, wenn sie ihn wählten, und darauf bestanden, sie müssten sich nicht zwischen Sozialleistungen und Verteidigung entscheiden. Merz’ Stärken sind die Kehrseite von Scholz’ Schwächen: Er redet Klartext, und er hat eine dringend benötigte Direktheit an sich. Er räumt ein, dass die Lage düster ist, und will das vor der deutschen Öffentlichkeit nicht verbergen."
DER STANDARD aus Wien widerspricht: "Im nun beginnenden zweiten Jahr ihrer Amtszeit sollte die Koalition endlich die versprochenen großen Reformen umsetzen – möglichst ohne öffentlichen Streit. Merz ist der Chef, er muss dafür sorgen. Und auch er sollte seinen eigenen, persönlichen Beitrag leisten. Viele hat Merz vor den Kopf gestoßen und verunsichert. Es wäre nicht verkehrt, wenn Merz sich zum Jubiläum auch selbst besinnt."
Die japanische NIHON KEIZAI SHIMBUN schaut auf die außenpolitische Bilanz der Regierung: "Die Beziehung von Bundeskanzler Merz zu US-Präsident Trump war eine der wenigen positiven Leistungen dieser schwarz-roten Regierung. Direkt nach dem Treffen mit Trump in Washington im Juni 2025 kündigte Merz weitere sehr gute Gespräche an. Aber mit seinen eigenen jüngsten Aussagen mit Kritik an Trumps Strategielosigkeit hat Merz selbst neuen Ärger geschaffen. Ohnehin sorgt Merz mit seinen impulsiven Äußerungen immer wieder für Kritik. Während Umfragen für Schwarz-Rot ein Rekordtief verzeichnen, ist dieses Stolpern in der Außenpolitik ein herber Schlag für die Regierung von Friedrich Merz", bilanziert NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Auch die ukrainische Zeitung KYIV POST kommentiert das Verhältnis zwischen Berlin und Washington: "Bundeskanzler Merz schließt sich Trumps Kritik an den Europäern an, dass diese nicht genug für ihr Militär ausgeben. Merz ähnelt dem US-Präsidenten allerdings auch im Stil. Beide kommunizieren mit deutscher Direktheit, einem Redestil, der effizient, klar und ehrlich ist, niemals beschönigt und von anderen Kulturen häufig als unhöflich empfunden wird. Trotz des jüngsten Wortgefechts führt Merz jedoch die Aufrüstung Europas an und gibt den Löwenanteil der finanziellen Mittel für den Krieg in der Ukraine", konstatiert die KYIV POST aus der Ukraine.
Nun zu der von den USA angekündigten Reduzierung der in Deutschland stationierten Soldaten. Die französische Zeitung LE MONDE analysiert, wie dieser Schritt die deutsche Politik vor eine historische Entscheidung stellt: "Berlin kann entweder weiterhin auf die Vereinigten Staaten setzen und dabei Washingtons zunehmende Unberechenbarkeit akzeptieren, oder die Notwendigkeit anerkennen, massiv in die eigene Verteidigung und die des Kontinents zu investieren – mit all den politischen, finanziellen und kulturellen Konsequenzen, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Nach 1945 wurde die Bundesrepublik auf dem Versprechen der Zurückhaltung aufgebaut. Die Rückkehr des Krieges nach Europa und die US-amerikanische Unsicherheit zwingen das Land, dieses Versprechen neu zu definieren, ohne dabei seine demokratischen Grundlagen aufzugeben", beobachtet LE MONDE aus Paris.
Die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN warnt vor möglichen Folgen der Reduzierung US-amerikanischer Truppen: "Die Entscheidung ist militärisch und politisch betrachtet dumm. Selbst unter den Republikanern im US-Kongress regt sich Widerstand. Trump mag Schadenfreude empfinden, wenn er europäische Länder dafür abstraft, dass sie im Nahen Osten nicht mitmachen wollen. Aber vielleicht hat er nicht bedacht, dass er damit auch den USA und ihren Sicherheitsinteressen schadet. In Ramstein befindet sich die größte Militärbasis der USA im Ausland, und sie spielte bei vielen US-Militäroperationen eine wichtige Rolle - auch jetzt im Iran-Krieg. Wenn solche Basen abgebaut werden, schwächt das sowohl die NATO als auch die Handlungsfähigkeit der USA. Das ist Bündnispolitik der schlechtesten Art. Die Hoffnung besteht darin, dass der Präsident es doch noch begreift", bemerkt der AFTENPOSTEN aus Oslo.
Die chinesische Tageszeitung JIEFANG RIBAO aus Schanghai hält weniger US-amerikanische Soldaten in Deutschland lediglich für "symbolisch": "Die angekündigten neuen Zölle würden das Land indes viel härter treffen. Die Autobauer BMW und Mercedes-Benz mit ihren Produktionsstätten in den USA wären davon weniger stark betroffen, aber die Konkurrenten Porsche und Audi müssten dann ernsthaft über Standortverlagerungen nachdenken."
Themenwechsel. Im Persischen Golf setzten die USA ihre Geleitschutzmission für die Fahrt durch die Straße von Hormus nach einem Tag wieder aus. Die libanesische Zeitung AN NAHAR fragt: "Wollte US-Präsident Donald Trump eine iranische Reaktion provozieren, um einen Vorwand für einen neuen Krieg zu haben? Oder versuchte er lediglich, den seit dem Waffenstillstand vor fast einem Monat herrschenden Zustand zwischen Krieg und Frieden zu beenden? Offenbar versucht Trump, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Auch der Iran agiert äußerst zurückhaltend und strebt offenkundig keine totale Blockade der Straße von Hormus an. Mit Blick auf den kontinuierlichen Austausch von Botschaften und Vorschlägen über die pakistanischen Vermittler scheint es so, als bemühten sich beide Seiten, den Konflikt mit friedlichen Mitteln beizulegen", meint AN NAHAR aus Beirut.
Die dänische Zeitung POLITIKEN glaubt nicht an eine zeitnahe Beilegung des Konflikts: "Eine stärkere Marinepräsenz könnte eine abschreckende Wirkung haben, aber auch von der Gegenseite kommen Drohungen. Wie wollen die Amerikaner in einem Gebiet operieren, das in Reichweite iranischer Raketen liegt? In jedem Fall wird es lange dauern, bis die Straße von Hormus wieder offen ist und mehr Schiffe die Durchfahrt wagen. Und die übrige Welt muss so lange zusehen und abwarten, was aus der brüchigen Waffenruhe wird", analysiert POLITIKEN aus Kopenhagen.
Zum Abschluss der Presseschau noch zum Krieg Russlands gegen die Ukraine. Beide Seiten riefen einseitig Waffenruhen aus. Die aserbaidschanische Zeitung MÜSAVAT sieht eine "neue Phase": "Die Konfliktparteien fügen sich gegenseitig wirtschaftliche Schläge zu und setzen politischen und psychologischen Druck ein. Dadurch wird der militärische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zunehmend komplexer und vielschichtiger. Die jüngsten Äußerungen aus Kiew und dem Kreml zeigen außerdem, dass die Konfrontation nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Bereichen Wirtschaft, Technologie und Psychologie verschärft wird. Offensichtlich findet der Krieg in der Ukraine nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Hauptstädten der Konfliktparteien, in den Wirtschaftssystemen und sogar im öffentlichen Bewusstsein statt", notiert MÜSAVAT aus Baku.