
Die britische Zeitung THE GUARDIAN sieht das Ende des Zwei-Parteien-Systems in Großbritannien gekommen: "Für die Konservativen und für Labour waren dies schlechte Ergebnisse. Wir befinden uns nun in einer Ära der Sieben-Parteien-Politik - in einem Wahlsystem, das für so viele Parteien nicht ausgelegt ist. Noch wichtiger ist, dass drei der vier Nationen, aus denen das Vereinigte Königreich besteht, künftig von Ministerpräsidenten geführt werden sollen, die sich letztendlich für die Auflösung des Vereinigten Königreichs einsetzen. Für die Parteien, die wir früher als große britische Parteien bezeichneten, scheint es unmöglich zu sein, ein einheitliches Programm zu finden, das in einer so zersplitterten Gemeinschaft Anklang findet. Vor mehr als 50 Jahren lautete die Frage: Wer regiert Großbritannien? Bald könnte die Frage lauten: Wird Großbritannien unregierbar?", konstatiert THE GUARDIAN aus London.
Die schottische Tageszeitung THE HERALD betont die Bedeutung der Wahlen für das Streben Schottlands nach mehr Unabhängigkeit: "Das schottische Volk hat gesprochen. Es wird eine Mehrheit für die Unabhängigkeit geben, doch diese Mehrheit wird ignoriert werden. Nur wenn Farage in London an die Macht kommt, wird sich etwas ändern. Wenn das geschieht, ist alles offen. Wir könnten die Unabhängigkeitsfrage jetzt demokratisch und respektvoll angehen, oder wir können darauf warten, dass die Hölle losbricht, wenn zwei nationalistische Regierungen aufeinandertreffen: der britische Nationalismus in London und der schottische Nationalismus in Edinburgh. Und das wahrscheinliche Ergebnis? Totales Chaos im gesamten Vereinigten Königreich", warnt THE HERALD, der in Glasgow erscheint.
Die irische Zeitung IRISH INDEPENDENT beleuchtet Auswirkungen der Wahlen in Schottland, Wales und Nordirland. "Alle drei dezentralisierten 'Regionen' des uneinigen Königreichs von Charles III. werden unter nationalistischer Kontrolle stehen. Großbritannien wird seine selbstverschuldeten Wunden also in absehbarer Zeit kaum heilen. Das wird Folgen für die britische Wirtschaft haben – und auch für die irische, die von der Nachfrage ihres Nachbarn abhängig ist. Ein - in jeder Hinsicht - angeschlagenes Großbritannien verheißt auch für uns nichts Gutes", befürchtet IRISH INDEPENDENT aus Dublin.
Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT aus Amsterdam greift Rücktrittsforderungen gegen den britischen Premierminister Keir Starmer auf: "Es stellt sich die Frage, was Labour und das Vereinigte Königreich damit gewinnen würden. Ein neuer Parteichef hätte mit denselben Problemen zu kämpfen wie Starmer. Seine mangelnde Popularität ist übrigens kein Einzelfall: In Deutschland ist Friedrich Merz der unbeliebteste Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik. Für Politiker der Mitte ist das Regieren schwierig geworden."
Die in der polnischen Hauptstadt Warschau erscheinende Zeitung POLITYKA wirft einen Blick voraus: "Die Ära des Zweiparteiensystems in der britischen Politik könnte jeden Moment zu Ende gehen, was mit ziemlicher Sicherheit Chaos und Unsicherheit mit sich bringen wird. Für Europa ist das eine katastrophale Nachricht, denn London war bisher ein relativ stabiler und berechenbarer Akteur. Die Instabilität Großbritanniens wird die Position des Kontinents im Spiel der Weltmächte nur schwächen – und das ist das Letzte, was irgendjemand in Europa derzeit gebrauchen kann."
Themenwechsel. Mit einer Militärparade in Moskau wurde heute der Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland vor 81 Jahren gefeiert. Der estnische Rundfunk ERR meint: "Die Angst vor einem ukrainischen Drohnen- oder Raketenangriff auf Moskau prägt die diesjährige Parade. Die Ukraine profitiert davon bereits, da die panische Angst vor Drohnen die rusissche Führung lächerlich erscheinen lässt. Ein Grund ist die Befürchtung in Moskau, dass eine pompöse Feier angesichts zunehmender wirtschaftlicher Schwierigkeiten Unmut in der Bevölkerung hervorrufen könnte. Die russische Führung möchte Zwischenfälle vermeiden, die die Verwundbarkeit des Regimes offenbaren könnten", notiert der ERR aus Tallinn.
THE KYIV POST aus der Ukraine kommentiert die dreitägige Waffenruhe: "Die Waffenstillstands-Saga rund um den russischen Tag des Sieges begann mit einem Anruf Putins bei Trump, um eine Pause zu erwirken, und endete damit, dass Selenskyj die Parade offiziell genehmigte. Die Symbolik ist für den Kreml vernichtend. Durch die Einrichtung einer von den USA vermittelten 'Flugverbotszone' über dem Roten Platz hat die Ukraine deutlich gemacht, dass die Sicherheit der Parade nun in Kiews Händen liegt."
In einem Gastkommentar in der japanischen Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN heißt es: "Diese Einigung über die Waffenruhe ist ein Produkt eines äußerst verzerrten Machtspiels. Die Lage ist plötzlich in Bewegung gekommen, sodass Trump die Waffenruhe als seine Leistung verkaufen kann. Das ist eine unfaire Entwicklung. Die Waffenruhe wird als Gesichtswahrung bestimmter Politiker ausgenutzt. Die internationale Gemeinschaft sollte scharf kritisieren, dass die Souveränität der Ukraine für eine politische Show instrumentalisiert wird", lesen wir in einem Gastkommentar in der NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Nun zur Rolle Chinas im Iran-Krieg. Die türkische Zeitung MILLIYET hebt die wirtschaftliche Abhängigkeit Pekings von Energielieferungen aus dem Persischen Golf hervor: "Chinas erste Priorität ist die sofortige Öffnung der Straße von Hormus. Peking lud den iranischen Außenminister ein, um ihm mitzuteilen, dass man mit der 'iranischen Blockade' nicht einverstanden ist. Dabei musste die chinesische Führung ein Gleichgewicht wahren: Sie gewährte dem Iran die Unterstützung, die dieser benötigte, um sich einen 'ehrenhaften Ausweg' aus diesem Konflikt zu sichern. Doch China ist nicht nur ein politischer Schutzschild, sondern auch ein wirtschaftlicher Garant. Peking könnte dem Land nach Kriegsende ermöglichen, wieder auf die Beine zu kommen", analysiert die in Istanbul erscheinende Zeitung MILLIYET.
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO unterstreicht Pekings Auftreten als Vermittler in dem Krieg: "Als strategischer Partner soll sich der Iran gerade in schwierigen Zeiten auf China verlassen und die Handelsbeziehungen aufrechterhalten können. Demnächst wird Teheran seinen Friedensplan mit Washington sowie eine Wiederöffnung der Straße von Hormus neu erwägen. Im Vergleich zu den USA setzt sich China lieber für Stabilität im Nahen Osten ein. Kurzfristige Waffenruhen sind nicht das, was die Region wirklich braucht", argumentiert JIEFANG RIBAO aus Shanghai.
Zum Abschluss der internationalen Presseschau noch ein Blick auf den Afrika-Gipfel, der von Montag an in Kenia stattfinden wird. Die pan-afrikanische Zeitung THE CONTINENT verlangt eine neue Rolle der afrikanischen Staaten: "Afrika sollte in das gefährliche Führungsvakuum vordringen, das durch die anhaltende Missachtung des Völkerrechts entstanden ist. Es ist der Moment gekommen, in dem die afrikanischen Staats- und Regierungschefs für eine gerechte Weltordnung eintreten müssen. Unser Kontinent ist von Krisen heimgesucht, von den schrecklichen Bürgerkriegen im Sudan und in der Demokratischen Republik Kongo bis hin zu den vielschichtigen Auswirkungen der Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine. Diese Krisen werden durch den Klimawandel und ungleiche Verhältnisse noch verschärft. Der 'Africa Forward Summit' und die aktuelle geopolitische Lage erfordern mehr als bloße Absichtserklärungen. Sie erfordern Taten, um die Rechtsstaatlichkeit zu wahren, die Menschenwürde zu schützen und neu zu definieren, wie prinzipientreue Führung in unserer Zeit aussieht."
