"In diesem Besuch steckt die gesamte neue amerikanische Strategie: Die Welt unter den Großmächten, also die USA, China und Russland, in Einflusszonen aufteilen. Das macht aus Peking einen potenziellen Partner, mit dem man sich verständigen kann. In einem 'Deal' werden dann alle Zwischenfiguren verhandelbar, wenn der Preis stimmt. Auch Taiwan. Auch Kiew. Und die Verbündeten, asiatische oder europäische? Sie werden weit weniger gebraucht. Willkommen also bei den G2. In Peking eingeweiht, vielleicht wird auch noch Platz für Wladimir Putin sein. Lebwohl G7", heißt es in LA STAMPA aus Turin.
Die NEW YORK TIMES analysiert: "Für Trump drehte sich alles um die persönliche Beziehung zwischen ihm und Xi Jinping. 'Sie sind ein großartiger Staatschef', sagte er zu seinem Gastgeber. Wenig überraschend verbrachte Xi dagegen nicht viel Zeit mit Schmeicheleien. Er bemühte sich zügig, Grenzen für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu setzen. Die rote Linie sei Taiwan, sagte er. Dieser Moment spiegelt das neue Gleichgewicht zwischen den beiden Gegnern. Xi trat streng nach Drehbuch auf und ließ keinen Zweifel daran, dass trotz aller Probleme Chinas – Deflation, Bevölkerungsschwund, das Platzen der Immobilienblase – der Moment gekommen ist, in dem China als gleichberechtigte Supermacht auftritt. Trump klang dagegen zumindest zu Beginn seiner zweitägigen China-Reise jederzeit versöhnlich – ganz im Gegenteil dazu, wie er China bei öffentlichen Auftritten zu Hause darstellt: als 'Arbeitsplatzdieb' und Bedrohung der nationalen Sicherheit", hält die NEW YORK TIMES fest.
Die britische TIMES ergänzt: "US-Präsident Trump hat in seiner zweiten Amtszeit eine Kehrtwende in der China-Politik vollzogen. Ebenso wie der konfrontative Ansatz seiner ersten Amtszeit ist auch dieser Schritt das Ergebnis einer nüchternen Realitätsanalyse. Der Wendepunkt kam im vergangenen Sommer, als Trump versuchte, sich in einem eskalierenden Zollkrieg mit Peking durchzusetzen. Als Xi damit drohte, die Exporte von seltenen Erden in die USA zu blockieren – die für die Herstellung zahlreicher Komponenten der modernen Wirtschaft unverzichtbar sind –, lenkte Trump ein und stimmte einem Handelsfrieden zu", erinnert THE TIMES aus London.
Die polnische RZECZPOSPOLITA ist sich sicher, bei dem Treffen sei es um nichts Geringeres als die globale Vorherrschaft gegangen: "Von entscheidender Bedeutung ist der Zeithorizont, in dem die USA und China den Sieg darüber erringen wollen. Ein US-amerikanischer Staatschef strebt typischerweise innerhalb einiger Jahre nach Erfolg. Die chinesische Führung stützt sich dagegen auf eine Tradition strategischer Planung, die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte umspannt. Einem chinesischen Sprichwort zufolge sieht man, wenn man nur lange genug am Ufer eines Flusses sitzt, irgendwann die Leichen seiner Feinde den Strom hinabtreiben. Wenn man das Treffen der Staatschefs beider Großmächte beobachtet, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Präsident Trump mitten im Fluss wild um sich schlägt, auf der Jagd nach schnellem Erfolg, während Präsident Xi gelassen am Ufer sitzt", heißt es in RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die chinesische HUANQIU SHIBAO sieht es so: "Der Aufbau von konstruktiven chinesisch-amerikanischen Beziehungen zeugt von der Bereitschaft beider Länder, als Großmächte gemeinsam für mehr Stabilität in der Welt zu sorgen. Aus globaler Sicht hängt alles von einem stabilen, gesunden und nachhaltigen chinesisch-amerikanischen Verhältnis ab - sei es die Entschärfung regionaler Krisenherde oder die Erschließung neuer Horizonte für den menschlichen Fortschritt", heißt es in HUANQIU SHIBAO aus Peking.
Die japanische Zeitung ASAHI SHIMBUN beobachtet: "China inszeniert sich als stabile Weltmacht, während die USA ihre Beziehungen zu den Bündnispartnern und die Weltordnung vernachlässigen und stattdessen auf Deal-Außenpolitik nach dem Motto 'America First' setzen. Stabile Beziehungen zwischen den USA und China sind einerseits eine gute Nachricht für die internationale Gemeinschaft. Andererseits ist es besorgniserregend, dass die beiden Großmächte alles unter sich ausmachen könnten. Ein Paradebeispiel ist die Taiwan-Frage. Sollte Taiwan Teil eines Deals zwischen den USA und China werden, hätte das ernste Auswirkung auf die Sicherheit in Ostasien. Gestern warnte Xi Jinping Trump vor einer möglichen Konfrontation. Dabei ist es Peking selbst, das mit wiederholten Militärübungen rund um Taiwan den Frieden und die Stabilität der Taiwan-Straße bedroht. Japan sollte gemeinsam mit Europa und Australien die USA von ihrer Verantwortung bei der Wahrung der Weltordnung überzeugen", empfiehlt ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
Die taiwanesische Zeitung JINGJI RIBAO zieht folgende Bilanz: "Taiwan kann ein wenig aufatmen. In Peking ist es nicht zum Verhandlungsobjekt zwischen Trump und Xi geworden. Der US-Präsident hat in der Taiwanfrage die 'strategische Uneindeutigkeit' beibehalten. Chinas Staatschef hat allerdings zum ersten Mal offen betont, dass ein unangemessener Umgang mit der Taiwanfrage sogar einen direkten Konflikt zwischen China und den USA auslösen könnte. Die harte Konkurrenz zwischen Amerika und China bleibt trotz Trumps Besuch unverändert. Vielmehr wurde eine Art 'Sicherheits-Leitplanke' zwischen den beiden eingefügt, um eine unkontrollierte Eskalation der Konfrontation zu verhindern und eine gewisse Stabilität aufrechtzuerhalten. Diese Stabilität beruht jedoch nicht auf gegenseitigem Vertrauen, sondern auf Risikokontrolle. Taiwan wird ein zentraler Brennpunkt im strategischen Kräftemessen zwischen den beiden Großmächten bleiben", hält JINGJI RIBAO aus Taipeh fest.
"Wurde Europa in den Gesprächen zwischen den beiden Staatschefs überhaupt erwähnt?", fragt die französische Zeitung LES ECHOS: "Das erinnert an das Duo Trump-Putin, das über den alten Kontinent hinweg über die Ukraine verhandelt, obwohl es Europa ist, das für die Verteidigung Kiews aufkommt. Auch der Krieg gegen den Iran wurde von Washington ohne Rücksprache mit den Europäern begonnen. Nun hat der US-Präsident Peking um Hilfe gebeten, um Teheran zum Einlenken zu bewegen. Ob dies im Gegenzug für eine geringere Unterstützung Taiwans geschieht, interessiert besonders die Amerikaner. Was den Handel betrifft, so hat Trump seine Amtszeit mit dem Vorhaben begonnen, China mit seinen Zöllen 'auszuhungern'. Heute will er die Investitionen und den Handel zwischen den beiden Ländern wieder ankurbeln. Da er immer wieder Sündenböcke für die Lage der US-Wirtschaft braucht, wäre es nicht verwunderlich, wenn Europa als idealer Kandidat infrage käme", stellt LES ECHOS aus Paris fest.
Die türkische Zeitung CUMHURIYET greift ein weiteres Thema auf, um das es bei dem Treffen ging: "Zum ersten Mal sollen die Staatschefs die Risiken von Künstlicher Intelligenz erörtert haben. Auch bei KI geht es heute nicht mehr nur um die Entwicklung von Technologien. Im Zentrum der tiefgreifenden Umbrüche, die die Welt gerade erlebt, stehen Daten, Algorithmen und Rechenleistung. Die USA wie auch China entwickeln bereits Waffensysteme, die ihre Ziele ohne menschliches Eingreifen auswählen können. KI-gestützte Cyberangriffe haben inzwischen das Potenzial, Bankensysteme, die Energieinfrastruktur und Kommunikationsnetze lahmzulegen. Damit steht KI im Mittelpunkt der Geopolitik. Und die beiden Großmächte sind offenbar uneins, was auf dem Spiel steht. Gleichzeitig gibt keine Seite nach. Denn beide plagt die gleiche Angst: Wer langsamer wird, verliert." Mit diesem Kommentar aus CUMHURIYET mit Sitz in Istanbul endet die Internationale Presseschau.
