
Dazu heißt es in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG: "Für den außenpolitischen Kurs des deutschen Kanzlers Friedrich Merz ist das ein herber Rückschlag. Merz ist mit dem Versprechen angetreten, dass Deutschland in der Außenpolitik wieder eine tragende Rolle einnehmen soll. Das Ergebnis der Wahl zeigt jedoch schmerzhaft, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Ganz offensichtlich verfügt das Land international nicht über die nötige Strahlkraft, die für die angestrebte Führungsrolle vonnöten wäre", bilanziert die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz.
Statt Deutschland kamen Österreich und Portugal zum Zug. Die österreichische Zeitung DIE PRESSE notiert: "Die Freude war unübersehbar. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger und ihr Team jubelten im Hauptquartier der Vereinten Nationen, als hätten sie einen Weltmeistertitel errungen. Als ausgerechnet Annalena Baerbock das Resultat als amtierende Präsidentin der UN-Generalversammlung verlas, musste sie um einen gefassten Gesichtsausdruck ringen. Für Deutschland ist die Niederlage eine herbe Blamage. Der zweitgrößte Beitragszahler der Vereinten Nationen scheiterte deutlich. Dafür gab es mehrere Gründe. Erstens waren die Deutschen erheblich später als die beiden europäischen Konkurrenten in den Wahlkampf eingestiegen. Zweitens missfällt vielen Mitgliedstaaten offenbar, dass Deutschland einen semi-permanenten Sitz für sich beansprucht und alle acht Jahre ins höchste Entscheidungsgremium der UNO drängt. Drittens blieb nicht unbemerkt, dass es Bundeskanzler Friedrich Merz im Vorjahr nicht einmal der Mühe wert befunden hatte, an der alljährlichen Vollversammlung in New York teilzunehmen. Derlei Arroganz wirkt nach", vermutet DIE PRESSE aus Wien.
Der portugiesische CORREIO DA MANHA hält fest: "Gestern wurde Portugal als nicht-ständiges Mitglied in den UNO-Sicherheitsrat gewählt. Für die portugiesische Diplomatie ist das ein Sieg, wenngleich auch nur symbolischer Natur. Portugal wird künftig über alle Resolutionen des Gremiums mitabstimmen, Sitzungen leiten oder in dringenden Fällen sogar einberufen. Doch welchen Sinn hat das in einer Organisation, die immer weniger Kompetenzen hat und immer weiter an Prestige verliert, obwohl sie durch ihre Diplomatie und ihre internationale humanitäre Hilfe einst durchaus relevant war?" fragt der CORREIO DA MANHA aus Lissabon.
Die italienische Zeitung CORRIERE DELLA SERA resümiert: "Wenn die Vereinten Nationen, wie ein altes Sprichwort sagt, zwar alles andere als perfekt sind, aber dennoch die einzige Institution dieser Art, die wir haben, dann ist Deutschlands Versuch, einen Platz am Tisch zu bekommen, nur um bereits an der Tür abgewiesen zu werden, eine schallende Ohrfeige für die deutsche Diplomatie. Nur wenige hatten diesen Schlag kommen sehen - und er trifft zudem zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt", meint der CORRIERE DELLA SERA aus Mailand.
Die japanische Zeitung MAINICHI SHIMBUN kommentiert: "Auf Deutschland wirkte es sich sicherlich negativ aus, dass es das Vorgehen Israels beispielsweise im Gaza-Streifen nie klar als völkerrechtswidrig kritisieren konnte, aber auch, dass Russland im Wahlkampf eine 'Anti-Deutschland-Kampagne' veranstaltet hat. Deutschlands Außenminister Wadephul, der vor der Wahl seine Zuversicht gezeigt und gesagt hatte, die drittgrößte Wirtschaftsmacht hätte einen Sitz verdient, war nach der bitteren Niederlage große Enttäuschung anzumerken." So weit die Zeitung MAINICHI SHIMBUN aus Tokio und so viel zu diesem Thema.
Im russischen Sankt Petersburg wurde der Start des Internationalen Wirtschaftsforums von ukrainischen Drohnenangriffen überschattet. Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA titelt "Petersburger Ohrfeige für Putin" und schreibt weiter: "Dichter Rauch, der aus brennenden Lagertanks einer Raffinerie in Sankt Petersburg aufsteigt, verhüllt den Himmel über den anreisenden Gästen von Russlands wichtigstem Wirtschaftsforum. Der Angriff auf die Raffinerie hat sowohl eine wirtschaftliche als auch eine propagandistische Bedeutung. Wladimir Putin wird gezwungen sein, seine Gäste mit Erzählungen über die wirtschaftlichen Erfolge seines Landes zu unterhalten – und dies im Schatten einer Rauchwolke, die über der Stadt hängt", heißt es in der RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Aus Sicht der schwedischen Zeitung SVENSKA DAGBLADET muss Putin ... "... erkennen, dass es immer schwierigerer wird, sein Land gegen innovative weitreichende Präzisionswaffen zu verteidigen. Die Ukraine hat Strategien und Kapazitäten entwickelt, günstige Drohnen zu bauen und damit asymmetrische Vorteile zu erzielen. Die Russen können nicht alles schützen. Industrie, Raffinerien, wichtige Verbindungen, militärische Logistik - das alles verteilt sich über eine riesige Fläche. Die Reichweite der ukrainischen Langstreckendrohnen und Marschflugkörper beträgt mittlerweile 1.500 Kilometer, und die Schläge gegen Raffinerien haben zu einem deutlichen Rückgang der russischen Ölverarbeitung geführt: Ein enormer Effekt zu verhältnismäßig geringen Kosten", stellt das SVENSKA DAGBLADET aus Stockholm fest.
Die USA haben erstmals nach längerer Zeit wieder eine offizielle Delegation zum Petersburger Wirtschaftsforum entsandt. Nach Ansicht der chinesischen Zeitung JIEFANG RIBAO trägt dies dazu bei - Zitat: "... den Kommunikationskanal zwischen beiden Großmächten offen zu halten. In einer Zeit zunehmender Blockkonfrontationen und wachsender einseitiger Handels- und Sanktionsbarrieren ist ein pragmatischer Dialog allemal konstruktiver als maximaler Druck und umfassende Konfrontation. Zugleich eröffnet er die Möglichkeit, Spannungen in den russisch-amerikanischen Beziehungen schrittweise abzubauen und neue Ansätze für Zusammenarbeit auszuloten", glaubt die Zeitung JIEFANG RIBAO aus Shanghai.
Abschließend noch zwei Stimmen zur Situation im Iran-Krieg. Die panarabische Zeitung AL ARABY AL-JADEED lenkt den Blick auf die Bedeutung von Gruppierungen wie der Hisbollah oder der Huthi-Rebellen, die aus Sicht des Blatts die Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran erschweren könnten: "Denn noch völlig ungeklärt ist die Frage der mit dem Iran verbündeten Milizen. Diese haben sich im Libanon, im Irak und im Jemen zu militärisch, politisch und wirtschaftlich höchst einflussreichen Akteuren entwickelt, die ihr Überleben unabhängig vom Kriegsverlauf sichern. Diese Gruppen sind zudem Teil der wichtigsten politischen Entscheidungszentren ihrer Länder und können diesen ihre Richtung aufzwingen - und zwar durchaus auch mit gewaltsamen Mitteln", gibt die Zeitung AL ARABY AL-JADEED mit Sitz in London zu bedenken.
Die Zeitung STAR aus Istanbul geht davon aus, dass der Krieg der USA und Israels gegen den Iran das Land nicht so stark geschwächt hat wie beabsichtigt: "Die Angriffe zielten ursprünglich darauf ab, das iranische Regime zu stürzen. Doch obwohl die industrielle Infrastruktur und die Wirtschaft des Landes schwer beschädigt wurden, hat das Regime überlebt. Es kam zu keinem Volksaufstand und der Iran hat nicht alle seine militärischen Fähigkeiten verloren. Der Krieg zwang Teheran auch dazu, die taktische Zusammenarbeit mit China zu vertiefen und eine Beziehung aufzubauen, die einer strategischen Partnerschaft ähnelt. Es scheint, dass sich der Iran sowohl als ideologischer Revolutionsstaat als auch als nationalistischer und widerstandsfähiger Sicherheitsstaat neu positioniert und versucht, das regionale Kräftegleichgewicht zu beeinflussen", analysiert die türkische Zeitung STAR, und damit endet die internationale Presseschau.
