06. Juni 2026
Die internationale Presseschau

Heute geht es erneut um die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine.

Der russische Staatschef Wladimir Putin und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf einer Collage
Der Brief von Präsident Selenskyj (rechts) an Kremlchef Putin spielt erneut eine Rolle in der Auslandspresse. (dpa / Pool Sputnik Kr / Gavriil Grigorov)
THE KYIV INDEPENDENT geht auf den Offenen Brief des ukrainischen Präsidenten Selenskyj an Kremlchef Putin ein. "Das Schreiben war nicht nur für den Mann gedacht, dessen Name in der Anrede steht. Laut einem hochrangigen ukrainischen Regierungsbeamten, der mit der Planung vertraut war, richtete sich die Botschaft an einen viel größeren Kreis von Leuten - darunter Putins engster Kreis, die zunehmend kriegsmüden russischen Eliten und sogar die russischen Bürger. Der Brief verfolgt einen doppelten Zweck: Er dient als Einladung - und schiebt zugleich die Verantwortung für deren Ablehnung auf Putin." Das war der ukrainische KYIV INDEPENDENT.
Die polnische Zeitung POLITYKA glaubt ebenfalls, dass nicht nur Putin der Adressat des Briefes war. "Ukrainische Drohnen fliegen nach Russland. Raffinerien und Treibstofflager brennen, die Staatseinnahmen sinken, während die Ausgaben für kostspielige Wiederaufbaumaßnahmen und für die Luftabwehr steigen. Viele Kreml-Funktionäre bringt das in Rage. Genau an sie richtet sich dieser Brief. Zwischen den Zeilen können sie die Botschaft lesen: Seht ihr denn nicht, was dieser Versager mit eurem schönen Land anstellt? Werdet ihr tatenlos zusehen? Oder werdet ihr die Dinge vielleicht selbst in die Hand nehmen?" Sie hörten die Zeitung POLITYKA aus Warschau.
Die Zeitung MÜSAVAT aus Aserbaidschan ist sicher: "Es ist kein Zufall, dass Präsident Selenskyj die Türkei, die Schweiz und arabische Staaten als mögliche Orte für ein Treffen mit Putin ins Spiel gebracht hat. Das verdeutlicht den Wunsch der Ukraine, die Verhandlungen mit Russland nicht nur in einem bilateralen Rahmen zu führen - sondern auch unter Mithilfe von internationalen Vermittlern."
Hören Sie nun den STANDARD aus Österreich. "Noch gibt es keine Anzeichen, dass Wladimir Putin sich von militärischen Rückschlägen an der ukrainischen Front und den spektakulären ukrainischen Angriffen auf Ziele in Russland dazu bewegen lässt, eine Waffenruhe zu realistischen Bedingungen zu akzeptieren. Aber in Kyjiw und in den EU-Hauptstädten gibt es leise Hoffnung auf Verhandlungen noch in diesem Jahr. Ihr Ergebnis kann eigentlich nur eines sein – ein Einfrieren der Frontlinie mit minimalen Anpassungen etwa rund um das Atomkraftwerk Saporischschja. Denn der russische Präsident kann seine Forderung nach Kontrolle über den gesamten Donbass nicht durchsetzen", gibt DER STANDARD aus Österreich zu bedenken.
"Das Blatt hat sich gewendet", urteilt einer der Kolumnisten in der WASHINGTON POST mit Blick auf die militärische Lage in dem Krieg. "Ein entscheidender Grund für diesen Wandel ist Europa. Der vielleicht meist unterschätzte Erfolg dieses Jahres war die Fähigkeit Europas, dort in die Bresche zu springen, wo die USA sich zurückgezogen hatten. Die europäische Hilfe hat den Wegfall der amerikanischen Unterstützung für Kiew inzwischen weitgehend ausgeglichen. Das Kreditpaket von 90 Milliarden Euro kommt langsam in Gang - nachdem Viktor Orbán seine Blockade nach seiner Niederlage in Ungarn aufgegeben hat. Die Europäer haben in diesem Krieg die Verantwortung übernommen", findet die WASHINGTON POST.
JYLLANDS-POSTEN aus Århus geht auf das Verhältnis der Ukraine zur EU ein. "Inzwischen ist man endlich bereit, den Weg zu konkreten Beitrittsverhandlungen zu beschreiten. Das wird zweifelsohne kompliziert. Die Ukraine ist ein großes Land mit großen Problemen, von der umfassenden Korruption bis zu den Folgen von mehr als vier Jahren Angriffskrieg. Damit es vorangeht, wird Kiew große Zugeständnisse machen müssen. Aber im Gegenzug muss die EU der Ukraine eine Perspektive für einen Beitritt innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens bieten, zum Beispiel bis 2030. Verliert sich der Beitrittsprozess in Bürokratie und Nebensächlichkeiten, würden unsere agilen Gegner das auf Kosten der EU und der Ukraine ausnutzen", betont die dänische Zeitung JYLLANDS-POSTEN.
Auf dem EU-Westbalkan-Gipfel ging es gestern ebenfalls um Perspektiven für einen EU-Beitritt. "Erinnert sich überhaupt noch jemand, wer den Begriff 'Westbalkan' geprägt hat?" fragt sich die Zeitung NOVA MAKEDONJA aus Nordmazedonien. "Das war ein Schachzug in den 90er Jahren nach dem Zerfall Jugoslawiens. Damals wurde Slowenien aus dieser Staatengruppe herausgelöst und Albanien hinzugefügt. Wir aber wurden nicht gefragt, ob wir zu diesem künstlich geschaffenen Raum gehören wollen. Bereits auf dem EU-Gipfel 2003 wurde uns eine geöffnete Tür versprochen, aber durchschritten hat sie seither nur Kroatien. So wie es aussieht, könnten wir inzwischen sogar von der Ukraine und der Republik Moldau überholt werden. Wir haben viele Zugeständnisse gemacht, aber Brüssel behandelt uns wie ein großes Versuchskaninchen, an dem man testet, wie viel es erträgt", klagt NOVA MAKEDONIA aus Skopje.
Das US-Repräsentantenhaus hat gegen eine Fortsetzung des Iran-Krieges gestimmt. Der Gastkommentator in der Zeitung LIANHE BAO aus Taipeh betont, seit Kriegsausbruch habe das US-Parlament damit erstmals offen "Nein" gesagt. "Vier Stimmen stammten sogar aus dem Lager der Republikaner. Auch Mitstreiter von Präsident Trump sind langsam beunruhigt. Immer mehr Amerikaner hinterfragen den Sinn der kostspieligen Militäraktion. Der Beschluss des Repräsentantenhauses verpflichtet Präsident Trump zwar nicht, den Krieg auf der Stelle zu beenden. Doch die Bedeutung des Votums kann die rechtliche Tragweite durchaus überschreiten: Die Geschichte lehrt uns, dass Kriege nicht nur an der Front verloren werden - sondern auch wegen fehlender Unterstützung in der Bevölkerung." Soweit die Einschätzung von LIANHE BAO aus Taiwan.
"Dieser Krieg gegen ein grausames Regime hat die Gefahren, die er abwehren sollte, weiter verschärft - und neue hinzugefügt", steht für LE FIGARO aus Paris fest. "Laut den US-Geheimdiensten verfügt der Iran weiterhin über 70 Prozent seiner Raketen und 40 Prozent seines Drohnenarsenals. Die USA dagegen haben ihre Vorräte an Raketen weitgehend aufgebraucht. Vor dem 28. Februar war die Kontrolle der Iraner über die Straße von Hormus rein hypothetisch. Jetzt aber ist sie zu einem Instrument der Erpressung geworden, das wirksamer ist als der Besitz von Atomwaffen", merkt LE FIGARO aus Frankreich an.
"Der Beschuss des Flughafens von Kuwait hat gezeigt, dass die Revolutionsgarde mit Blick auf ihre Nachbarländer keine roten Linien kennt", fährt die pan-arabische Zeitung AL-ARABY AL-JADEED aus London fort. "Offenbar betrachtet die Garde diese Staaten - ebenso wie die USA - als Feinde, die es zu besiegen gilt. Zudem greift Teheran gezielt wirtschaftliche und zivile Infrastruktur an und beschränkt seine Angriffe nicht auf Militärstützpunkte. Bislang haben die Golfstaaten darauf mit verschärfter Rhetorik reagiert. Fraglich ist allerdings, wie sie reagieren sollen, wenn der Iran mit dieser Politik fortfährt."
Und zum Schluss ein Blick nach Ruanda. Die staatliche Fluggesellschaft RwandAir hat nach drei Monaten Unterbrechung wegen des Iran-Krieges ihre Flüge nach Dubai und Doha wieder aufgenommen. Für die Zeitung THE NEW TIMES aus Kigali ist das von großer wirtschaftlicher Bedeutung. "Das ist eine willkommene Nachricht für viele ruandische Exporteure von Agrarprodukten - allen voran jene, die mit leicht verderblichen Waren wie Avocados handeln. Der Stopp der Flüge hat gezeigt, wie anfällig Exportfirmen sind, wenn sie von wenigen Handelsrouten und Märkten abhängig sind. Und auch jetzt noch sehen sich die Firmen mit hohen Frachtkosten und der Konkurrenz aus Kenia und Uganda konfrontiert. Die Exporteure müssen nicht nur Vertrauen wieder aufbauen. Sie sollten zudem ihre Märkte diversifizieren und neue Abnehmer in Afrika, Europa und Asien erschließen. Es ist gut, dass die Flüge wieder stattfinden. Aber Ruandas Exporteure sollten künftig stärker auf Resilienz setzen", rät THE NEW TIMES aus Kigali.