
DER STANDARD aus Österreich spricht von einem "fatalen Zeichen": "Europa versucht endlich, sich militärisch zu stärken und sich von den USA zu emanzipieren. Dazu gehört auch der Aufbau einer gemeinsamen Rüstungsindustrie. Die Rechnung ist simpel: Baut man zusammen eine Waffe anstatt jedes Land eine eigene Version dieser, senkt das die Kosten enorm. Doch wie soll das gehen, wenn sich nicht einmal die beiden größten EU-Player bei einem so wichtigen Projekt einigen können?" fragt DER STANDARD aus Wien.
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO ergänzt: "Was ein Flaggschiff der europäischen Rüstungsindustrie werden sollte, ist von Bundeskanzler Merz und Frankreichs Präsident Macron offiziell eingestellt worden. Grund ist, dass sich die daran beteiligten Konzerne nicht über die Arbeitsteilung und die Führungsrolle verständigen konnten. Es ist davon auszugehen, dass Paris nun im Alleingang weitermachen will, während sich Berlin nach neuen Kooperationspartnern umschauen muss. Gerade in dem Moment, in dem Europa am dringendsten seinen Zusammenhalt demonstrieren müsste, kam dieser Rohrkrepierer dabei heraus", spottet JIEFANG RIBAO aus Schanghai.
Die russische Zeitung KOMMERSANT kommentiert: "Das Programm hatte das Potenzial, zur größten gemeinsamen Verteidigungsinitiative der Europäischen Union zu werden. Deutschland steht nun vor der Wahl: Entweder man bittet um Aufnahme in das britisch-italienisch-japanische GCAP-Programm – wenn auch eindeutig in einer untergeordneten Rolle – oder man begnügt sich künftig schlicht mit dem Kauf von Lösungen von der Stange. Das Scheitern des FCAS-Projekts kommt für die europäische Politik zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Vor dem Hintergrund einer Trump-Regierung in den USA, Diskussionen über gemeinsame europäische Sicherheit und 'Kauft europäisch'-Appellen müssen die beiden größten Länder des Blocks einsehen, dass sie nicht in der Lage sind, sich auf konkrete Maßnahmen zu einigen", beobachtet der KOMMERSANT aus Moskau.
Die dänische Zeitung JYLLANDS-POSTEN sieht die europäische Auftrüstung hingegen auf einem guten Weg - und die Hauptbedrohung in Russland: "Vier Jahre Krieg in der Ukraine mit Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen haben mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, dass Wladimir Putins Russland eine aggressive Supermacht ist, die bereit ist, gegen ihre Nachbarn Krieg zu führen und die gesamte europäische Sicherheitsordnung zu zerstören, um ihre Ziele zu erreichen. Europa hat lange gebraucht, um die Notwendigkeit einer verstärkten Verteidigung gegen diese reale Bedrohung zu erkennen - doch es ist erfreulich, dass der Prozess nun in den meisten europäischen Ländern Fahrt aufnimmt. Enorme Summen werden in neue Ausrüstung investiert und die personellen Ressourcen massiv aufgestockt", notiert JYLLANDS-POSTEN aus Aarhus.
Die norwegische Zeitung VERDENS GANG blickt speziell auf die Situation in den baltischen und nordeuropäischen Staaten: "In letzter Zeit sind immer wieder ukrainische Angriffsdrohnen auf Abwege geraten und wurden über Finnland, Lettland oder Estland abgeschossen. Verirrte Drohnen sind ein wachsendes Problem, und das war nun auch Thema beim Treffen der nordischen und baltischen Regierungschefs mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj in Tallinn. Niemand bittet um eine Deeskalation, im Gegenteil. Selenskyjs Lösung besteht darin, dass die Ukraine ihre Expertise bei der Produktion und dem Einsatz von Drohnen teilt. Man erkennt zunehmend, wie wichtig eine Modernisierung der europäischen Luftabwehr ist", analysiert VERDENS GANG aus Oslo.
Die estnische Zeitung POSTIMEES spricht angesichts des Treffens von einem "Signal an Russland": "Jetzt ist der Zeitpunkt, die Ukraine noch stärker zu unterstützen. Russland erleidet zwar große Verluste und hat die Initiative auf dem Schlachtfeld verloren, wird deshalb aber noch heftigere Angriffe auf ukrainische Städte durchführen. Deshalb braucht die Ukraine Hilfe bei der Abwehr russischer Raketen. Die Ukraine ist zur Schussweste Europas geworden. Estland unterstützt die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen noch in diesem Monat: Eine Mitgliedschaft darf für Kiew nicht nur eine ferne Hoffnung sein, sondern sie ist eine berechtigte Erwartung", findet POSTIMEES aus Tallinn.
Nun zum Iran-Krieg. Die spanische Zeitung LA VANGUARDIA meint: "Der große Sieger ist bisher niemand anderes als der Iran. Innenpolitisch hat das Regime die zuvor aufgekommenen Proteste mit dem Argument erstickt, den Islam gegen einen äußeren Feind verteidigen zu müssen - in diesem Fall den Westen. Die Blockade der Straße von Hormus, die durch den US-Angriff begünstigt wurde, hat Teheran zudem als Vorwand genutzt, um ein Instrument von enormer strategischer Bedeutung einzusetzen, das dem Land eine bislang nicht gekannte Machtposition verschafft", beobachtet LA VANGUARDIA aus Barcelona.
In der japanischen Zeitung ASAHI SHIMBUN heißt es mit Blick auf US-Präsident Trump: "Mal fordert Trump lautstark einen Angriffsstopp, mal beginnt er urplötzlich wie dieses Mal Angriffe angeblich als Verteidigung oder Vergeltung. Will man seine inkonsequente Haltung entschlüsseln, sollte man auf Israel blicken. Mittlerweile hört man Spott, Trumps Motto sei nicht 'America First' sondern 'Israel First' - oder dass der US-Präsident wohl Netanjahu heiße. Vor dem 250. Jahrestag der Unabhängigkeit hat sich Trump intensiv darum bemüht, seine Autorität zu stärken. Wenn es aber so weiter geht, wird er den 4. Juli als jener US-Präsident erleben, der nicht einmal einen Krieg beenden kann, den er selbst begonnen hat", bemerkt ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
Die pan-arabische Zeitung SHARQ AL-AWSAT, die in London erscheint, sieht es anders: "Das Regime hat vieles verloren. So hat es etwa keinen direkten Zugang zur Hisbollah im Libanon mehr. Nun sieht es sich mit Angriffen auf sein eigenes Territorium konfrontiert. Trumps Blockade kostet das Land zudem enorme Einnahmen. Klar ist außerdem, dass Teheran die Kämpfe möglichst nicht wieder aufnehmen will. Selbst die Raketen, die es dieser Tage auf Israel abfeuerte, waren kaum mehr als ein propagandistisches Manöver."
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz blickt auf die Auswirkungen des Iran-Krieges auf die weltweite Energieversorgung: "Wenn sich die globalen Ölvorräte weiterhin so schnell leeren, ist im Sommer die Versorgung bedroht. In Teilen Afrikas und Asiens sind die Preise für die physischen Ölprodukte wie Diesel oder Flüssiggas deutlich stärker gestiegen als auf dem Weltmarkt. Wer heute in diesen Weltregionen Diesel zum Fahren oder Flüssiggas zum Kochen benötigt, braucht Alternativen. Weil die Reserven von Öl und Gas ungleich verteilt sind, ist die Alternative in vielen Fällen Strom. Elektrizität lässt sich vor Ort herstellen, insbesondere dank erneuerbaren Energien. Fünfzehn afrikanische Länder importierten zuletzt laut IEA so viele Solarpanels wie noch nie. Und obwohl Europa nicht das primäre Ziel der Exporte von Rohöl und Ölprodukten der Golfländer war, ist die Elektrifizierung auch hier zurück auf der Agenda. Strom verspricht Sicherheit", betont die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.
Die nigerianische Zeitung THIS DAY blickt auf neue Daten zum Windenergie-Potenzial im eigenen Land: "Jahrelang wurde die nigerianische Küste konventionell vor allem als Drehscheibe für Häfen, Handel sowie Öl- und Gasaktivitäten betrachtet. Der Bericht schätzt jedoch, dass Standorte an der Küste und im Nigerdelta eine Windenergiekapazität von etwa 750 Megawatt ermöglichen könnten. Für ein Land, in dem 44,6 Prozent der Haushalte noch immer keinen Zugang zu Strom haben, sind die Auswirkungen erheblich. Die Frage ist nicht mehr, ob Nigeria über wirtschaftlich nutzbare Windressourcen verfügt. Die Frage ist, was das Land daraus macht." Und mit diesem Auszug aus der Zeitung THIS DAY aus Lagos endet die internationale Presseschau.
