24. Juni 2026
Die internationale Presseschau

Im Mittelpunkt steht weiterhin der Rücktritt des britischen Premiers Starmer, den er fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum ankündigte. Außerdem geht es erneut um die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran.

Keir Starmer steht im Anzug mit gesenktem Blick vor einem Metallzaun
Keir Starmer ist schon der sechste Premierminister in zehn Jahren, der seinen Rücktritt ankündigt. Er hatte sein Amt im Sommer 2024 übernommen. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Dinendra Haria)
"Starmer hat eigentlich keine schlechte Bilanz vorzuweisen", schreibt die türkische Zeitung HÜRRIYET. "Alle Indikatoren zeigen, dass die britische Wirtschaft in einer besseren Verfassung ist als vor zwei Jahren. Entgegen der landläufigen Meinung sind auch die Einwanderungszahlen, das wichtigste Thema der extremen Rechten, stark zurückgegangen. Zu den wichtigsten Fehlern zählen aber ständige Kehrtwendungen und das Versäumnis, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass er eine klare Agenda verfolgt. Nun wird das Vereinigte Königreich seinen siebten Premierminister innerhalb von zehn Jahren wählen. Kater Larry, der am Amtssitz des Premierministers in London eine feste Größe ist, stellt in diesem Zeitraum die einzige Konstante dar", erläutert HÜRRIYET aus Istanbul.
Die japanische Zeitung YOMIURI SHIMBUN führt aus: "Anders als im Inland, wo seine fehlende Führungskompetenz kritisiert wurde, hat Keir Starmer in der Außen- und Sicherheitspolitik seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Nicht nur seine Bemühungen, die Beziehungen zur EU zu reparieren, sondern auch seine starke Initiative für die Ukraine-Hilfe mit der so genannten Koalition der Willigen beispielsweise sollten gewürdigt werden. Umso stärker ist zu befürchten, dass der Rücktritt von Starmer Europa einen herben Schlag versetzt", so die Meinung von YOMIURI SHIMBUN aus Tokio.
Die spanische Zeitung EL PAIS sieht das ähnlich: "Zu Starmers Errungenschaften gehören die Annäherung an die EU und die Zusammenarbeit mit den europäischen Verbündeten beim Kampf gegen Putins Offensive in der Ukraine. Es gibt Signale für eine wirtschaftliche Erholung. Darauf kann sein Nachfolger aufbauen. Dafür hinterlässt Starmer mit seiner harten Linie in der Einwanderungspolitik ein vergiftetes Erbe. Falls es Andy Burnham als dem voraussichtlichen Nachfolger Starmers nicht gelingt, das Vereinigte Königreich mit sozialdemokratischer Politik wieder auf Kurs zu bringen, droht dem Land nach dem Brexit-Chaos ein weiteres verlorenes Jahrzehnt - oder sogar ein ultrarechter Premierminister", warnt EL PAIS aus Madrid.
Der britische GUARDIAN kommentiert: "Starmer kam an die Macht in der Annahme, er könne den Brexit hinter sich lassen. Aber er hat nicht verstanden, dass es jetzt nicht mehr um die Beziehung Großbritanniens zur EU geht, sondern darum, den Patriotismus nicht den Kräften zu überlassen, für die er nur Wut und Rassentrennung bedeutet. Es ist ein Kampf, den sein möglicher Nachfolger Andy Burnham gewinnen kann, denn in unserem Land wollen die meisten Menschen keine Freunde und Nachbarn ausweisen. Es ist ein Kampf, den Burnham gewinnen muss, wenn er den Fluch des Brexits besiegen und lange genug in der Downing Street bleiben will, um etwas zu erreichen", unterstreicht THE GUARDIAN aus London.
Die polnische RZECZPOSPOLITA befasst sich mit den hohen Zustimmungswerten für die Partei "Reform UK" des populistischen Politikers Farage: "Es ist möglich, dass nach der nächsten Wahl der britische Premierminister der entschiedenste Gegner einer möglichen erneuten EU-Mitgliedschaft Großbritanniens sein wird – obwohl derzeit laut Umfragen nur 30 Prozent der Bevölkerung aus heutiger Sicht die Brexit-Entscheidung noch unterstützen. Fast ein Viertel derjenigen, die vor zehn Jahren für den Austritt gestimmt hatten, bereut dies inzwischen – dazu gehört auch jeder Zehnte von Farages eigenen Anhängern", hebt die RZECZPOSPOLITA aus Warschau hervor.
In der niederländischen Zeitung DE VOLKSKRANT ist zu lesen: "Dass der Brexit sich als völliger Fehlschlag erwiesen hat, war für viele britische Wähler kein Grund, zur Mäßigung zurückzukehren. Im Gegenteil. Sie entscheiden sich immer häufiger für die rechtsextreme Politik von Nigel Farage. So kommt es, dass der wohl größte Befürworter des Brexits, der Populist Farage, nun anscheinend vom Scheitern dieses rücksichtslosen Abenteuers profitiert. Das Brexit-Fiasko zeigt einmal mehr, dass es eine Sackgasse ist, der Wählerschaft nach dem Mund zu reden, um Populisten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das führt meist zu Fehlentscheidungen, was den Populisten wiederum noch mehr in die Hände spielt. Es ist auch eine Warnung an alle, die Euroskepsis schüren, um Wahlen zu gewinnen", betont DE VOLKSKRANT aus Amsterdam.
Und im britischen INDEPENDENT heißt es zum Referendum über den Austritt aus der Europäischen Union: "Mit der Verkündigung des Brexits vor zehn Jahren gingen die mühsam errungenen Fortschritte von fast einem halben Jahrhundert wirtschaftlicher Integration verloren. Der soziale Zusammenhalt, der politische Konsens, die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit wurden allesamt beschädigt. Anders als vor zehn Jahren herrscht heute sowohl in Brüssel als auch in London eine konstruktivere Stimmung. Geopolitik, Demografie und die trostlose Realität des Brexits werden dazu führen, dass Großbritannien Schritt für Schritt und pragmatisch eine neue Beziehung aufbaut, ohne dabei das Schicksal herauszufordern. Und zwar so im Einklang mit der öffentlichen Meinung, dass ein weiteres nationales Trauma vermieden wird. Die nächsten zehn Jahre werden besser sein", prophezeit THE INDEPENDENT aus London.
Thema in der chinesischen Zeitung WENHUIBAO sind die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über einen dauerhaften Frieden: "Beide Seiten zeigen einen starken Willen zur Beendigung des Konflikts, wobei die nach wie vor nicht ausgeräumten Konfliktpunkte und unterschiedlichen Sichtweisen an vielen Stellen durchscheinen. Dazu gehören die Verwendung der von den USA freigegebenen Gelder und der Status der Straße von Hormus. Hellhörig machen etwa iranische Aussagen, wonach die Verwaltung der Meerenge niemals mehr so sein werde wie vor dem Krieg. Auch was das Atomprogramm des Irans und eventuelle Inspektionen der Internationalen Atomenergie-Organisation angeht, ist man keinen Deut weitergekommen", bilanziert WENHUIBAO aus Schanghai.
Die norwegische Zeitung VERDENS GANG sieht es so: "Den Iranern hatte man einen Regimewechsel und der Welt einen Iran ohne Atomwaffen versprochen. Drei Monate später, nach 20.000 militärischen Angriffen und mit einer blockierten Straße von Hormus, fällt es schwer zu erkennen, dass eines dieser Ziele erreicht wäre. Statt einen Regimewechsel herbei zu bomben, haben Trump und Netanjahu die iranische Führung gestärkt. Aber auch für den Iran ist reines Überleben noch kein Sieg. Das Regime in Teheran lebt gefährlich, wenn es das in seinem Übermut übersieht. Denn Donald Trump ist vermutlich der schlechteste Verlierer in der internationalen Politik." Das war VERDENS GANG aus Oslo.
Die in London erscheinende arabische Zeitung SHARQ AL-AWSAT beschäftigt sich mit der Straße von Hormus: "Aus Sicht der Golfstaaten kann der Iran keine weitergehenden Ansprüche auf das Seegebiet geltend machen als die übrigen Anrainer. Insbesondere kann er keine exklusive Hoheit über die Meerenge beanspruchen. Aus diesem Grund werden sich die Golfstaaten künftig mit Nachdruck dafür einsetzen, dass der internationale Status der Straße von Hormus gewahrt bleibt und alle Anrainer ihre entsprechenden Rechte gewahrt sehen."
"Die USA haben einen mächtigen Verhandlungsvorteil", glaubt die Zeitung GULF NEWS aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. "Sollte die Diplomatie scheitern, verfügen sie weiterhin über die glaubwürdige Fähigkeit, die Seewege zu iranischen Häfen erneut zu beschränken. Das Ungleichgewicht und die gegenseitige Abhängigkeit, also Irans Notwendigkeit, Öl zu exportieren, und Washingtons Fähigkeit, diese Exporte zu erleichtern oder zu behindern, sowie Trumps Ansehen bei den amerikanischen Wählern angesichts der bevorstehenden Zwischenwahlen – dies alles könnte sich als starker Anreize für beide Seiten erweisen, eine dauerhafte Einigung anzustreben, anstatt zur Konfrontation zurückzukehren."