27. Juni 2026
Die internationale Presseschau

Kommentiert werden der Ukraine-Krieg, die Hitzewelle in Südwesteuropa und der geplante Stellenabbau bei Volkswagen.

    Mehrere Volkswagen Golf befinden sich in einem VW Werk in der Endmontage.
    Volkswagen steht vor einem großen Stellenabbau (picture alliance / dpa / Moritz Frankenberg)
    "Die größte Krise in der Geschichte von VW. 100.000 Arbeitsplätze und vier Werke stehen auf dem Spiel", titelt die polnische RZECZPOSPOLITA und schreibt: "Volkswagen könnte vor der größten Umstrukturierung seiner Geschichte stehen. Zuvor hatte VW bereits Pläne bekannt gegeben, bis Ende 2030 in Deutschland 50.000 Stellen abzubauen und die heimische Produktionskapazität um jährlich 500.000 Fahrzeuge zu verringern. Nun könnte sich der Umfang der Kürzungen um weitere 50.000 Stellen erhöhen. Dies käme einem der größten Stellenabbauprogramme in der Geschichte der Automobilindustrie gleich. Volkswagen steht von mehreren Seiten gleichzeitig unter Druck. US-Zölle, die kostspielige Umstellung auf Elektrofahrzeuge, Absatzrückgänge in China und die zunehmende Konkurrenz durch dortige Hersteller schaffen ein gefährliches Umfeld für den Konzern. China ist für Volkswagen ein besonders wunder Punkt. Jahrelang war der deutsche Konzern dort der größte Automobilhersteller. Im Jahr 2024 wurde er von BYD überholt, und bis 2025 war Volkswagen auf den dritten Platz abgerutscht. Chinesische Hersteller dominieren nicht nur ihren Heimatmarkt, sondern drängen auch zunehmend offensiv auf Exportmärkte – von Schwellenländern bis hin nach Europa", erläutert die Zeitung RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
    Das jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodell, Autos in Deutschland zu entwickeln, in Europa zu produzieren und weltweit zu verkaufen, funktioniere nicht mehr, schreibt die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN. "Es sind drei strukturelle Probleme: Erstens die hohen Produktionskosten und die starken Gewerkschaften in Europa. Zweitens sind die globalen Märkte für VW fast nicht mehr vorhanden. Das dritte Problem ist die verzögerte Entwicklung im Technologiewandel. Gegen diese drei strukturellen Probleme, unter denen auch viele andere Autobauer in Europa leiden, könnte die Rosskur mit dem massiven Stellenabbau zwar als Erste-Hilfe-Maßnahme wirken. Es ist aber keine fundamentale Lösung. Es braucht noch viel Zeit bis zur Heilung des Patienten VW", erwartet NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
    Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG macht die Politik für die Probleme verantwortlich: "Der Niedergang der deutschen Autoindustrie, der nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit seit 2019 schon 100.000 Jobs gekostet hat und weitere kosten dürfte, ist das Ergebnis einer ideologisch motivierten Politik, die sich vordergründig gegen den Klimawandel, in ihrer faktischen Wirkung aber gegen die Autoindustrie und damit gegen das Rückgrat des Wohlstands in Deutschland richtet. Will die Bundesregierung die Erosion des Wohlstands stoppen, muss sie eine 180-Grad-Wende in der Energie - und Wirtschaftspolitik vollziehen. Sie muss sich dafür einsetzen, dass die EU den CO2-Flottengrenzwert für die Autohersteller aufhebt", verlangt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz.
    Themenwechsel. In einem Gastkommentar der Zeitung HUANQIU SHIBAO aus Peking geht es um die Hitzewelle in Südwest-Europa, insbesondere in Frankreich: "Betroffen sind allen voran die Schulen, die Stromnetzwerke und die Landwirtschaftsbereichen. Weil in den Gebäuden Kühl- und Sonnenschutzanlagen unzureichend sind, bleiben die Schulen einfach geschlossen. Die Atomkraftwerke, die rund 70 Prozent des Strombedarfs des Landes decken, müssen wegen der geschwächten Kühlkapazität stark runtergefahren werden. Statt geschlossen die Folgen des Extremwetters zu bewältigen, wird das Thema politisch instrumentalisiert. Die Parteien greifen sich gegenseitig an. Der Streit über mögliche Maßnahmen beherrscht die Schlagzeilen. Man hat nun ein weiteres Thema, das die Gesellschaft zusätzlich spaltet. Den Hitzewellen jedoch ist dies alles ziemlich egal", ist in der chinesischen Zeitung HUANQIU SHIBAO zu lesen.
    In Frankreich wird befürchtet, dass zahlreiche Menschen wegen der Rekordtemperaturen in ihren eigenen vier Wänden ums Leben gekommen sind. Die Pariser Zeitung LIBÉRATION wirft der Regierung ein katastrophales Krisenmanagement vor. "Es ist lediglich Ausdruck einer fehlenden klaren Linie im Kampf gegen die globale Erwärmung. Präsident Macron hat bewiesen, dass er einen Kurs durchhalten kann. Das tut er seit neun Jahren in der Steuerpolitik. Er kam mit einer Leitlinie ins Élysée: Steuern senken. Er wird das Élysée verlassen, ohne davon abgewichen zu sein. Das nennt man Überzeugung. Im Kampf gegen den Klimawandel schwankte er zwischen großen Versprechungen und Rückziehern. Er hat keinen Kurs gehalten. Für eine langfristige Politik im Kampf gegen den Klimawandel ist das ärgerlich. Und das nennt man einen Mangel an Überzeugung", kritisiert die französische LIBÉRATION.
    Auch die österreichische Zeitung DER STANDARD vermisst ein Handeln der Politik: "Eine Krise, die den Planeten bedroht, wird weggeredet. Das funktioniert auch, weil viele Menschen für komplexe Probleme gerne einfache Lösungen und Sündenböcke akzeptieren, aber keine notwendige Verhaltensänderung. Stattdessen schielen Parteien nach dem, was das Volk gerne hört. Menschen, die kein Fleisch essen und auf das Auto verzichten, werden als Spinner dargestellt. Eine Mobilität, bei der eine Person mit über einer Tonne Metall durch die Gegend kutschiert wird, gilt als normal. Massenhafter Fleischkonsum als 'Genuss'. Menschen, die gerne auch im Alter noch trinkbares Wasser hätten, werden als Hysteriker dargestellt", moniert der Wiener STANDARD.
    Nun zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die spanische Zeitung EL MUNDO sieht eine Veränderung: "Die Ukraine hat in mehr als vier Jahren Krieg nicht nur ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt, sondern auch überraschende Fähigkeiten entwickelt, ihre Feinde mit Drohnen in Bedrängnis zu bringen. Tatsächlich sah sich Moskau zuletzt gezwungen, auf der 2014 annektierten Krim den Ausnahmezustand auszurufen. Für Russland werden die wirtschaftlichen und menschlichen Verluste zur Aufrechterhaltung des Kriegs dagegen immer unhaltbarer. Es wäre allerdings naiv zu glauben, Präsident Putin könne nicht weiter erheblichen Schaden anrichten", warnt EL MUNDO aus Madrid.
    Die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN erinnert an das Treffen in Washington zwischen US-Präsident Trump und den ukrainischen Präsidenten Selenskyj: "Es fällt schwer, die schockierende Szene aus dem Weißen Haus zu vergessen. Trump beschimpfte den Präsidenten eines angegriffenen Landes, Selenskyj habe keine Trümpfe auf der Hand. Trump sah einen Verlierer vor sich. Die mag er nicht. Nun ist die Lage an der Front in Bewegung geraten. Bilder von Kriegsgefangenen lösen bei Trump keine Empathie aus, wohl aber Bilder von brennenden Ölraffinerien. Die Ukrainer haben also sehr wohl Trümpfe. Vielleicht ist Trump inzwischen der Ansicht, dass Russland nicht mehr die guten Karten hat. Für die Ukraine und für Europa würde das viel bedeuten. Selbst ein Mitläufer ist ein Unterstützer", hebt AFTENPOSTEN aus Oslo hervor.
    In den USA droht vielen Menschen die Abschiebung. Grund ist ein Urteil des Obersten Gerichts, wonach die US-Regierung einen bestimmten Schutzstatus aufheben darf. Konkret betrifft das Urteil Geflüchtete aus Haiti und Syrien, die unter dem Schutzstatus in den USA leben. In der WASHINGTON POST heißt es: "Eine der haitianischen Klägerinnen, eine Alzheimer-Forscherin, leidet an Typ-1-Diabetes, der in Amerika leicht behandelt werden kann, in Haiti jedoch angesichts der zusammengebrochenen Gesundheitsinfrastruktur ein Todesurteil sein kann. Eine syrische Klägerin wird mit ihrer 17-jährigen Tochter in die Heimat zurückkehren müssen, obwohl die junge Frau den größten Teil ihres Lebens hier verbracht hat und in Syrien keine Zukunft haben wird, weil sie kaum Arabisch spricht. Die Zeit und ein frischer Wind werden Washington irgendwann reinigen und es werden neue Richter kommen. Das fehlerhafte Urteil des Gerichts wird jedoch bei den Betroffenen noch länger nachwirken", betont die WASHINGTON POST, mit der die internationale Presseschau endet.