30. Juni 2026
Die internationale Presseschau

Themen sind die Lage in Russland angesichts des Ukraine-Kriegs sowie die Grundsatzrede des möglichen nächsten britischen Premierministers, Andy Burnham. Zunächst aber zum Ausscheiden der Männer-Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Nordamerika.

Die beiden deutschen Fußball-Nationalspieler Nick Woltemade und Kai Havertz stehen auf dem Spielfeld. Beide halten die Hände am Kopf und schauen enttäuscht.
Nick Woltemade (l.) und Kai Havertz nach dem Spiel gegen Paraguay. (picture alliance / Kirchner-Media / Bahho Kara)
Die schweizerische Zeitung BLICK schreibt: "Aus, aus, aus, die WM ist aus - zumindest für den Champion von 2014. Deutschland erlebt in Boston eine der bittersten Stunden seiner Fußball-Geschichte. Und dies gegen einen Gegner, der im Vorfeld noch als drittklassig bezeichnet wurde. Das Aus kommt ausgerechnet im Penaltyschießen, das bisher die deutsche Paradedisziplin an Weltmeisterschaften war."
Die französische Sportzeitung L'ÉQUIPE spricht von der "bislang größten Überraschung des Turniers": "Obwohl die Paraguayer während des gesamten Spiels in puncto Ballbesitz unterlegen waren, kämpften sie verbissen darum, die deutschen Pläne zu durchkreuzen. Unter großen Schwierigkeiten überstanden sie die Verlängerung und schafften es bis zum Elfmeterschießen. Dort wird Deutschland für seine fruchtlose Dominanz bestraft."
Im Siegerland Paraguay kommentiert die Zeitung LA NACIÓN: "Eine heroische paraguayische Mannschaft, voller Mut und mit unbändigem Kampfgeist, getragen von der typisch Leidenschaft, die sie auszeichnet, vollbrachte die Sensation: Sie warf den viermaligen Weltmeister Deutschland aus der Weltmeisterschaft und zog ins Achtelfinale ein. Torhüter Orlando Gill parierte im Elfmeterschießen zwei Strafstöße und wurde damit zu einem der Helden der Albirroja."
Die US-Zeitung USA TODAY kommentiert die viel diskutierte Ausweitung der Weltmeisterschaft auf 48 Teams: "Was im Kern ein geldgieriger Schachzug der FIFA war – mehr Spielzeit bedeutet mehr Geld –, hat sich zum besten Teil des Turniers entwickelt: mehr spannende Partien, bei denen mehr auf dem Spiel steht. Wer dachte, dass der Modus das Turnier verwässert und zu einseitigen Spielen im Achtel- oder im Viertelfinale führen würden, der hat nicht gesehen, was zwischen Paraguay und Deutschland passiert ist. Paraguay, das 2010 bis ins Viertelfinale vorstieß, aber ansonsten in diesem Jahrhundert kaum eine Rolle gespielt hat, zwang Deutschland – trotz zweier früher Turnierausscheide in Folge eine ewige Spitzenmannschaft – ins Elfmeterschießen und gewann. Mehr Helden. Mehr Außenseiter. Mehr Spaß", findet USA TODAY aus New York.
Die Online-Sportplattform der New York Times, THE ATHLETIC, erklärt: "Was wir erlebt haben, war früher sehr, sehr ungewöhnlich. Eigentlich undenkbar. Natürlich wurden große Mannschaften auch mal von kleineren Teams besiegt, haben Starspieler im Elfmeterschießen Elfmeter verschossen: Aber eben nicht deutsche Mannschaften oder deutsche Spieler, es galt für alle anderen. Jüngere unter 20 Jahren schütteln hier vielleicht den Kopf und denken: 'Komm schon, so toll ist Deutschland nun auch wieder nicht im Fußball'. Sie haben damit durchaus recht. Denn es hat sich etwas geändert. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, hatte die Mannschaft 75 Prozent aller Spiele gewonnen, die sie jemals bei Weltmeisterschaften bestritten hatte. Danach gewann sie nur noch 40 Prozent, ähnlich die Bilanz bei Europameisterschaften", merkt THE ATHLETIC an und zieht das Fazit: "Einst waren sie WM-Könige. Heute sind sie einfach nicht mehr so gut."
Nun nach Russland, wo durch ukrainische Gegenangriffe auf Raffinerien das Benzin immer knapper wird. Die schwedische Zeitung SYDSVENSKAN erinnert: "Nach Beginn der russischen Vollinvasion herrschte in der Ukraine vielerorts Kraftstoffmangel. Inzwischen bekommt Russland diese bittere Medizin am eigenen Leib zu spüren. Kann sich Russland daraus befreien? Das bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass das Land nicht dieselben Werkzeuge zur Verfügung hat wie damals die Ukraine. Dort ging man dazu über, Kraftstoff aus dem Westen zu importieren. Die Preise stiegen deutlich, aber das Angebot wurde wiederhergestellt. Das russische System basiert dagegen auf Selbstversorgung, und Importe aus der EU kommen nicht in Frage. Hinzu kommen die enormen Entfernungen in Russland - und die ukrainischen Angriffe werden weitergehen. Zeit für Schadenfreude? Ja.", findet SYDSVENSKAN aus Malmö.
Die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN meint: "Russlands Präsident Putin steht unter Druck. Bereits beim G7-Gipfel vor zwei Wochen hatten die europäischen Staats- und Regierungschefs US-Präsident Trump offenbar darüber informiert, dass der Krieg für Russland schlecht laufe. Putin muss nun fürchten, Trump zu verlieren. Kurz vor dem NATO-Gipfel steht die Ukraine also im Informations- und diplomatischen Krieg gegen Russland im Vorteil. Deshalb versucht Putin zu inszenieren, Russland sei an der Front überlegen."
In der russischen NESAWISSIMAJA GASETA heißt es: "In gewöhnlichen politischen Systemen mit Wettbewerb sind die Auswirkungen klar: Sinken die Umfragewerte der Regierung, steigen jene der Opposition. Der politische Instinkt gebietet es, die Schwierigkeiten der Regierung zu nutzen, um deren Platz einzunehmen. Diese Dynamik existiert in Russland nicht. Im September stehen Wahlen zur Staatsduma an, doch keine Oppositionspartei macht das Thema Benzinpreise derzeit aktiv zum politischen Streitpunkt. Niemand möchte für Unruhe sorgen", beobachtet die NESAWISSIMAJA GASETA aus Moskau.
Die türkische Zeitung EKONOMI merkt an: "Derzeit lässt sich nicht sagen, dass Putin die Absicht hat, die Macht abzugeben. Es sei jedoch daran erinnert, dass Russland keine Demokratie ist. Daher vollzieht sich der politische Wandel dort nicht mit herkömmlichen Methoden. Und was Putin wahrscheinlich nur schwer begreifen kann, ist, dass er es mit den Ukrainern mit Menschen zu tun hat, die ihren Kampf als nationalen Widerstand begreifen. Die Ukrainer wollen die Unabhängigkeit verteidigen. Russland hingegen will lediglich Gebiete zurückgewinnen, von denen es behauptet, sie hätten ihm einst gehört. Das ist nicht dasselbe", betont EKONOMI aus Istanbul.
Die chinesische Zeitung WENHUIBAO bemerkt: "Selenskyj hat dem Kreml vorgeschlagen, die Angriffe auf weit entfernte Ziele gegenseitig einzustellen und den militärischen Konflikt auf die vier Regionen Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk zu beschränken. Dies wurde von Putin jedoch umgehend abgelehnt. Das war ein kluger Schachzug von Kiew, denn in den Augen der Weltöffentlichkeit trägt nun der russische Präsident die Verantwortung für die Fortsetzung und weitere Eskalation des Konflikts."
Zum Schluss ein Blick nach Großbritannien, wo der voraussichtliche Nachfolger von Premierminister Starmer, Andy Burnham, eine Rede zu seinen Vorhaben gehalten hat. Der britische GUARDIAN sieht es so: "Mister Burnhams Rede bietet ein alternatives Betriebssystem für den britischen Staat. Dabei geht es darum, eine Dezentralisierung in der Verfassung zu verankern, es geht auch um staatliche Preiskontrolle, Reindustrialisierung und eine Angleichung des Lebensstandards nach dem Vorbild des deutschen Grundgesetzes. Burnham bietet zudem ein attraktives sozialdemokratisches Versprechen eines Weges in die Arbeitswelt, der auf einer guten öffentlichen Infrastruktur aufbaut. Dies ist eine Vision, die ein Land zusammenbringen könnte", hofft der GUARDIAN.
Die in Abu Dhabi erscheinende Zeitung THE NATIONAL schreibt: "Burnham hat ankündigte dass es zu einer Aufteilung des Amtssitzes des Premierministers kommen werde, sobald er am 17. Juli sein Amt antritt. Seit Robert Walpole, der erste Premierminister Großbritanniens, 1735 in die Downing Street 10 einzog, ist diese die Residenz und Arbeitsstätte aller seiner Nachfolger. Mit der Idee, einen Teil des Amtssitzes in den Norden des Landes zu verlegen, gibt Burnham seiner Idee einer Dezentralisierung einen physischen Standort. Es ist zudem ein schwerer Schlag gegen den London-zentrierten Charakter der britischen Politik. Wenn dies gelingt, wird der Juli den Ausgangspunkt markieren, der das Vereinigte Königreich verändern wird", meint THE NATIONAL aus Abu Dhabi.