
Dazu schreibt das WALL STREET JOURNAL aus New York: "Es gibt keine Kontroverse, in die sich US-Präsident Trump nicht einmischen würde. Nach seinem Anruf setzte das Disziplinarkomitee der FIFA die Rote Karte für ein Jahr aus, wenn auch ohne nähere Begründung. FIFA-Präsident Infantino sagte am Montag, dass weder er noch Trump Einfluss auf das Gremium genommen hätten. Aber die Einmischung Trumps wird nun das sein, woran sich die meisten Menschen erinnern werden. Schade ist, dass dies mit Abstand die beste US-amerikanische Herren-Nationalmannschaft in der WM-Geschichte gewesen ist. Außerdem hat diese Weltmeisterschaft den angereisten Fußballfans aus aller Welt die freundliche, bodenständige Seite der Amerikaner gezeigt", findet das WALL STREET JOURNAL.
Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT hält fest: "Die Disziplinarkommission der FIFA ist in erster Linie dazu da, Fairplay zu gewährleisten. Dass das Gremium dem Druck von Infantino nachgegeben hat, zeigt einmal mehr, dass die FIFA eine korrupte Organisation ist. US-Präsident Trump hat vor den Augen der ganzen Welt gezeigt, dass ihn auch im Fußball Spielregeln nicht interessieren. Hochmütig und ohne jegliche Scham übt er das Recht des Stärkeren aus. Und auch im Fußball gibt es leider bislang niemanden, der ihm in die Quere kommt. Es bleibt zu hoffen, dass es vielen Verbänden nun reicht. Der europäische Fußballverband UEFA hat bereits in beispiellos scharfen Worten erklärt, dass die FIFA eine 'rote Linie' überschritten habe. Sollte sich herausstellen, dass Infantino tatsächlich direkt daran beteiligt war, ist er als Präsident der FIFA nicht mehr tragbar", meint DE VOLKSKRANT aus Amsterdam.
Die britische Zeitung THE TELEGRAPH aus London führt aus: "Diese WM war bislang ein großartiges Turnier mit ausverkauften Stadien, hervorragendem Fußball und mehreren Überraschungen - nicht zuletzt das Ausscheiden Brasiliens gegen die Norweger. Doch dieser Skandal droht zu überschatten, was ein Erfolg für die USA sein könnte. FIFA-Präsident Infantino hat den Ruf seiner Organisation weiter geschwächt, die bereits unter seinem Vorgänger Sepp Blatter zum Inbegriff von Korruption geworden war. Er sollte zurücktreten."
Die österreichische Zeitung DER STANDARD analysiert: "Infantino wurde 2016 zum FIFA-Präsidenten gekürt und zweimal wiedergewählt, 2027 will der Schweizer wieder antreten. Ihm sind die Stimmen vieler kleiner Mitgliedsländer sicher, die im Gegenzug von ihm begünstigt werden – sei es durch Zuwendungen, sei es durch die Aufstockung des WM-Teilnehmerfelds. Ein Land, eine Stimme. Brasilien oder England haben bei der Abstimmung gleich viel Gewicht wie Aruba oder San Marino. In einem System, das in erster Linie dem Machterhalt der Machthaber dient, ist Dagegenhalten schwierig. Dass Gianni Infantino nun über seine Mauscheleien stolpert, ist nicht zu erwarten", vermutet DER STANDARD aus Wien.
"Politische Eingriffe im Fußball sind brandgefährlich", titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz und erläutert: "Der Eindruck, Regelauslegungen könnten an einer WM von der Regierung des Gastgeberlandes beeinflusst werden, ist für den Fußball brandgefährlich. Das Spiel basiert auf der Annahme, dass für sämtliche Mannschaften dieselben Regeln gelten. Es lebt von der Illusion, dass Entscheide über Foul und Abseits in den Stadien fallen. Oder – schon das ist für Puristen ein schmerzhaftes Zugeständnis – in den Kellerräumen der Videoschiedsrichter. Aber sicher nicht im Weißen Haus."
Die japanische Zeitung ASAHI SHIMBUN aus Tokio hält fest: "US-Präsident Trumps beispiellose Intervention hat erneut gezeigt, dass das Ganze den USA mehr geschadet als genutzt hat. Im Achtelfinale konnte die US-Mannschaft ihre Leistung nicht erbringen und schied aus dem Turnier aus. Die Spieler schienen von der Kontroverse stark belastet."
In der kolumbianischen Zeitung EL TIEMPO aus Bogotá ist zu lesen: "Der FIFA-Disziplinarausschuss hat eine beispiellose Entscheidung getroffen, indem er die Sperre des US-Nationalspielers Folarin Balogun aufhob. Das ist bedauerlich und wird Folgen haben. Die Stellungnahme der UEFA ist eindeutig: Wenn die Rechtssicherheit nicht mehr gewährleistet ist, steht die Integrität des Spiels infrage - und das untergräbt die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs."
Nun in die Türkei. "Der NATO-Gipfel in Ankara beginnt. Der letzte Tanz mit Donald Trump?", fragt die polnische GAZETA WYBORCZA in ihrem Titel und führt aus: "In dieser Zeit lösen Gipfeltreffen des transatlantischen Bündnisses eher Besorgnis als Hoffnung aus. Zweiundzwanzig Jahre nach dem Gipfel von Istanbul ist die Türkei erneut Gastgeberin eines Treffens der NATO-Staats- und Regierungschefs. Vertreter aller 32 Mitgliedsstaaten reisen in die Stadt, ebenso wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung, hochrangige EU-Vertreter sowie Minister aus Australien, Neuseeland, Japan, Südkorea, Bahrain, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Stimmungsumschwung ist spürbar. In Brüssel wird hinter den Kulissen bereits seit geraumer Zeit darüber diskutiert, die jährlichen NATO-Gipfel abzuschaffen, um Trump keine weiteren Gelegenheiten zu bieten, sich zu beschweren oder die Lage eskalieren zu lassen. Als besonders heikel gilt das Jahr 2028, in dem in den USA Präsidentschaftswahlen stattfinden und Trump sein letztes volles Jahr an der Macht sein wird", bemerkt die Warschauer GAZETA WYBORCZA.
"Die USA ziehen sich zurück. Die 'klassische NATO' zerfällt bereits", ist die aserbaidschanische Zeitung MÜSAVAT überzeugt: "Die Strategie von US-Präsident Trump eröffnet der Türkei die Chance, zur treibenden Kraft der NATO zu werden. Tatsächlich lassen sich derzeit deutliche Anzeichen für ein sich wandelndes Machtgefüge innerhalb des Bündnisses erkennen. Übereinstimmende Signale aus dem Weißen Haus, von der türkischen Regierung und aus der NATO-Führung deuten darauf hin, dass sich das Bündnis von seinem klassischen Führungsmodell abwendet und sich einem Sicherheitskonzept zuwendet, das auf regionalen Pfeilern ruht. Die Türkei spielt heute eine unverzichtbare Rolle für die Sicherheit der südlichen und östlichen NATO-Flanke. Wenn Trump keine direkten finanziellen und militärischen Mittel mehr für die Sicherheit Europas bereitstellen will, ist es unvermeidlich, dass wichtige regionale Akteure wie die Türkei zunehmend in den Vordergrund rücken", argumentiert MÜSAVAT aus Baku.
Die norwegische Zeitung DAGSAVISEN aus Oslo ist folgender Meinung: "Ist Erdogan die Rettung für die NATO? Das ist ein verstörender Gedanke. Bis vor Kurzem galt Erdogan aus vielen Gründen als problematisch, doch nun steigt offenbar die Bereitschaft, die Augen davor zu verschließen, dass er so eng mit dem russischen Präsidenten Putin ist, Journalisten verfolgt, politische Gegner einsperrt und feindselig gegenüber der EU auftritt. Das Ganze riecht nach Verzweiflung."
Die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO sieht es so: "Vor den Kameras wird man auf dem Gipfel in Ankara bestrebt sein, Eintracht zu demonstrieren, aber dahinter verbirgt sich die latente Furcht der europäischen Bündnisländer, US-Präsident Trump könnte mit der Demontage der NATO weiter fortfahren. Wie er im Vorfeld erklärt hat, konnte ihn nur die persönliche Einladung des türkischen Präsidenten Erdogan dazu bewegen, dort persönlich zu erscheinen. Inzwischen sind nicht mehr die zu niedrigen Rüstungsausgaben der Europäer der größte Dorn im Auge des US-Präsidenten, sondern die mangelnde Unterstützung im Krieg gegen den Iran. Insofern könnte die Beistandsklausel das Hauptthema dieses Gipfeltreffens werden."
