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StartseiteSonntagsspaziergangEin kleines Paradies am Sporn des italienischen Stiefels04.10.2015

Die Isole TremitiEin kleines Paradies am Sporn des italienischen Stiefels

Die Italiener kennen und lieben die Isole Tremiti. Im Sommer kommen viele Tagestouristen auf die in Apulien in der italienischen Adria gelegenen Inseln, danach wird es aber ruhiger und der Besucher hat sie fast für sich allein. Und es lohnt sich, länger zu bleiben als ein paar Stunden.

Von Marion Trutter

Morgens um acht am Hafen von San Domino. Kaum angekommen mit dem Schnellboot aus Termoli müssen wir uns schon entscheiden: Steil den Berg hinauf und San Domino erkunden, mit einem kleinen Boot übersetzen nach San Nicola – oder erstmal ganz entspannt die Lage peilen. Wir entscheiden uns für Letzteres: Eine gemütliche Bootsfahrt rund um die Tremiti-Inseln. Wir haben ja Zeit. Also einsteigen in eines der kleinen Ausflugsboote.

Im Schnelldurchlauf erklärt der Kapitän die Inseln. Sechs Inseln gehören zu den Isole Tremiti - mit insgesamt gerade mal drei Quadratkilometern. Die größte ist San Domino, wo erst Mitte des 20. Jahrhunderts ein kleines Dorf entstand. San Nicola dagegen hat eine über tausendjährige Geschichte. Auf dem Inselchen Capraia steht nur ein Leuchtturm, die Felsklippen Il Cretaccio und La Vecchia sind völlig unbewohnt. Genauso wie die 13 Kilometer entfernte Insel Pianosa.

Gemütlich tuckern wir zuerst um San Domino herum. Pinien hängen abenteuerlich über die steilen Klippen. Wind und Wellen haben die schneeweißen Kalkfelsen zu wunderlichen Gebilden geformt. Wer will, kann Elefanten und Schildkröten erkennen. Dann heißt es Kopf einziehen. Ganz langsam steuert der Kapitän das Boot in eine Höhle hinein. Sie heißt Grotta delle Viole, Veilchengrotte, weil hier im Frühling lila die Kapernpflanzen blühen.

Die größte Unterwasserstatue der Welt

Nicht weit von der Mini-Insel Capraia stoppt der Käptn plötzlich das Boot und zeigt ins Wasser: "Hier, an dieser Stelle, in einer Tiefe von zwölf Metern, steht die Statue von Padre Pio. Sie steht da mit offenen Armen und schaut Richtung Friedhof. Die Statue ist vier Meter hoch. Wenn ihr sie berühren wollt, müsst Ihr also acht Meter abtauchen. Wenn Ihr das nicht schafft, gebe ich Euch einen Bleigürtel."

1998 schuf der Künstler Domenico Norcia diese größte Unterwasserstatue der Welt. Padre Pio soll im 20. Jahrhundert viele Menschen geheilt haben und ist heute einer der beliebtesten Heiligen Italiens.

Nach dem Besuch beim Unterwasserheiligen nähern wir uns San Nicola. Vom Meer aus sieht man einfach nur eine bombastische Festung. Nichts als Mauern vom Wellenrand bis fast in den Himmel. Schon im 9. Jahrhundert gründeten Benediktiner hier einen Ableger der Abtei Montecassino - zwölf Seemeilen vom Festland entfernt. Die Anlage wurde stetig ausgebaut und immer weiter befestigt. Sie trotzte vielen feindlichen Angriffen - 1809 sogar einer Attacke der englischen Flotte.

Und nun setzen wir also an, San Nicola zu erobern. Über steile Treppen und Kopfsteinpflastergassen steigen wir den Berg hoch. Bleiben stehen, wo man durch Öffnungen in den Mauern runterschauen kann auf die Boote im Hafen. Im Hochsommer, so sagt man uns, sieht man die Pflastersteine unter seinen Füßen nicht - so dicht drängen sich die Tagestouristen.

Ein tausend Jahre altes Bodenmosaik

Jetzt aber, in der Nebensaison, sind außer uns fast nur Einheimische unterwegs. Verlaufen kann man sich in den paar Gassen nicht. Es geht einfach immer aufwärts - bis zum Gipfel mit der Kirche Santa Maria a Mare. Erbaut wurde sie im Jahr 1045, und im 15. Jahrhundert erhielt sie dann ihre Renaissance-Fassade aus weißem Kalkstein.

Innen dominiert trotz vieler Veränderungen der byzantinische Stil. Das absolute Glanzlicht - wahrscheinlich der ganzen Insel - ist das wunderbar erhaltene Bodenmosaik, stolze 1000 Jahre alt. Gästeführerin Francesca Milano weiht uns ein: "Es sieht aus wie ein Damastteppich. Zusammengesetzt ist es aus Natursteinen aus der Gegend, also keine Edelsteine. In der Mitte sehen wir ein Quadrat mit einem großen Kreis darin, an den Ecken vier kleine Kreise. Im Zentrum der Darstellung steht ein großer Greif in den Hauptfarben Grün und Gelb. Solche Greife waren im 11. Jahrhundert als Dekorationselemente sehr beliebt. Außerdem sieht man auch Fische und Vögel und als weitere Motive Pflanzen, Blumen und Zickzackmuster."

In einer Altarnische bewundern wir die schwarze Madonna der Tremiti-Inseln. Möglicherweise kam die Statue mit ihrem dunklen Gesicht vor fast tausend Jahren direkt aus Konstantinopel nach San Nicola. In aller Ruhe bummeln wir noch ein wenig durch die Gassen und stiefeln dann wieder die vielen Treppen hinunter. Am Hafen gönnen wir uns einen köstlichen Fisch - ganz sicher erst an diesem Morgen aus dem Meer gezogen.

Das Schönste ist die Aussicht aufs Meer

Als wir am späten Nachmittag mit dem Boot zurück nach San Domino fahren, sind die meisten Tagesgäste schon weg. Wir aber bleiben. Steigen den Berg hinauf aufs Hochplateau der Insel. In einer kleinen Bar treffen wir Vincenzo Pezzella. Er stammt eigentlich aus Rom, ist aber vor langer Zeit auf den Tremiti-Inseln hängengeblieben. Im Sommer fährt er mit seinem Boot Touristen spazieren, im Winter arbeitet er als Fischer. Und er schwärmt: "Das hier ist ein Leben in Einklang mit der Natur. Als Mann kannst du fischen gehen. Du musst noch nicht einmal Geld ausgeben, um zu essen: Du schnappst dir die Angel und holst dir einen Fisch. Du gehst raus in die Natur und findest Pilze oder wilden Spargel. Außerdem ist es einfach herrlich, im Wald spazierenzugehen."

San Domino ist so ganz anders als San Nicola: keine Festung, keine Mauern, dafür duftende Pinienwälder, Wanderwege, ein winziges, eher schmuckloses Dorf, ein paar kleine Hotels. Zu besichtigen gibt es hier wenig - das Schönste ist bei Spaziergängen immer wieder die Aussicht aufs Meer und die Nachbarinseln.

Als wir uns am Abend an der Piazza auf eine Restaurant-Terrasse setzen, sind wir fast die einzigen Gäste. Wunderbar: ein Drink, die kühle Abendluft, der Duft nach Knoblauch und Fisch. Und dann dieser Wahnsinns-Blick: Drüben auf San Nicola gehen die Lichter an, spiegeln sich unten im stillen Wasser der Adria. Nur allzu gut verstehen wir, dass Vincenzo hier nicht mehr weg will: "Für mich ist das ein Paradies. Schon aufzuwachen und als erstes die Insel San Nicola zu sehen. Einfach wunderschön. Und genauso bezaubernd ist sie abends. Man muss das einfach sehen, wenn die Sonne drauf scheint. Der Kalkstein hat so viele unterschiedliche Farben. Ich mache jeden Abend ein Foto und kein Bild gleicht dem anderen. Jeder Sonnenuntergang auf San Nicola ist spektakulär. Für mich ist das ein Paradies."

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