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Die janusköpfige Zentrifuge

Physik. - Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA ist besorgt, wenn es um die Urananreicherungsanlagen im Iran geht. Im Vordergrund steht die Sorge, ob Teheran wirklich nur Uran für seinen im Bau befindlichen Reaktor gewinnen möchte, oder doch an der Bombe bastelt. Auch deutsche Experten zweifeln an Irans guten Absichten.

Von Dagmar Röhrlich | 11.06.2007

    Verfolgt man die Debatte um das Atomprogramm des Iran, dreht sich alles immer wieder um Begriffe wie "Gas-Ultrazentrifugen" und um das Potential einer zivilen Technologie, für militärische Zwecke eingesetzt zu werden. Wolfgang Liebert ist Physiker an der Technischen Universität Darmstadt und Mitglied von Ianus, einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, die sich mit Sicherheitsfragen beschäftigt:

    "Um das Uran für nukleare Anlagen zu nutzen, also für Reaktoren oder möglicherweise auch für Waffen, muss man das Natururan, was man im Bergbau abbauen kann, anreichern. Das heißt, der Anteil des Urans, der spaltbar ist, das ist das Uran 235, muss geeignet erhöht werden. Für Reaktorbrennstoffe wird von so grob 0,7%anteil im Uran auf drei bis vier Prozent aufkonzentriert, und für Waffenanwendungen deutlich höher, eher 80, 90 Prozent."

    Für diese Anreicherung gibt es mehrere Methoden. Der Iran setzt – wie auch Europa, die USA oder Russland – auf eine besonders leicht zu missbrauchende: auf Gas-Ultrazentrifugen. Sie reichern das spaltbare Material aus einer gasförmigen Uranverbindung heraus an:

    "Das ist vergleichbar mit unserer Küchen-Salatschleuder, dass man das Urangas dadurch trennt, dass eine sehr hohe Rotationsgeschwindigkeit in den Zentrifugen erzeugt wird, so dass die schweren Materialien an den Rand gedrängt werden, und noch mit geeigneten Tricks ein Strom in die senkrechte Richtung erzeugt wird, die eine äußerst effektive Trennung von dem Uran-235 von dem nicht spaltbaren Uran-238 erzeugen."

    In der Fabrik wird das Urangas über 20, 30 oder 40 Zentrifugenstufen hinweg immer weiter angereichert, bis das Produkt für die Stromproduktion im Reaktor taugt. Etwa zehn Jahre Vorlauf verlangt dieser Prozess, erklärt Liebert. Wer Böses will und aus reaktorfähigem Uran waffenfähiges machen will, kann danach die Zentrifugen einfach weiter einsetzen. Nach noch einmal anderthalb Jahren hat er Waffenuran – allerdings läuft er in dieser Zeit Gefahr, den IAEA-Inspektoren aufzufallen:

    "Es dauert ziemlich lange, mit solch einer Anlage diesen Weg zu gehen. Das ist kein eiliges Problem für die Weltgemeinschaft. Und das gilt für alle Urananreicherungsanlagen weltweit."

    Bei der iranischen Uranproduktionsanlage Natanz ist jedoch eines seltsam, erklärt Liebert: In der Endausbaustufe sollen dort einmal 54.000 Zentrifugen den Brennstoff für den noch im Bau befindlichen Buschehr-Reaktor liefern – das reicht aber nicht aus, um den Jahresverbrauch des Reaktors zu decken:

    "Dieser Reaktor wird einen höheren Bedarf haben an Reaktorbrennstoff, als die Anlage in Natanz, wenn sie fertig ausgebaut ist, produzieren kann. Das stimmt einen schon ein bisschen skeptisch, ob wirklich das Argument des Iran, seinen eigenen Reaktorbrennstoff zu produzieren, um nicht mehr abhängig zu sein von Quellen von außen, ob das wirklich so überzeugend vorgetragen werden kann."

    Schließlich reichen für militärische Zwecke geringere Mengen. Und wer die Technik beherrscht, kann die Zentrifugen für diesen Einsatz optimiert zusammenschalten. Dann sieht die Rechnung anders aus:

    "Dann sind die Zeiten viel schneller und die Mengen, die ich produzieren kann, auch im relevanten Bereich. Und nachdem, was wir gerechnet haben, sind auch schon 500 oder 2000 Zentrifugen hier ziemlich attraktiv. Wenn ich 500 Zentrifugen nur zur Verfügung habe und das optimiere, um direkt von Natururan auf Hochanreicherung zu gehen, dann kann ich in einem Jahr höchst relevante Mengen weit über zehn kg produzieren."

    Für die benötigten Mengen reichen zwei oder drei kleine Geheimanlagen aus. Mit Satellitenüberwachung wären sie nicht auszumachen. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist äußerst gering. Die Wärmeabstrahlung einer Geheimanlagen gliche der eines kleinen Heizkraftwerks – höchstens.

    "Schnell, effektiv, ohne besonders aufzufallen sind geheime Anlage betreibbar, die einen Waffenstoff produzieren."

    Wahrscheinlich aber beherrscht der Iran die Technologie noch nicht gut genug, um diese Abkürzung zu nehmen, schätzt Liebert. Aber Gasultrazentrifugen sind prinzipiell ein Problem, weil sie die Verbreitung von Kernwaffen erleichterten. Und gerade diese Technologie werde weltweit ausgebaut: in Brasilien, den USA, Frankreich und auch in Deutschland:

    "In der Zeit, wo man Iran mit der Verzichtsforderung kommt – aus guten Gründen, aber auch schwer nach dem internationalen Recht begründbar, weil er darf es im Prinzip – leistet man sich Pläne für große neue Urananreicherungsanlagen auf derselben technologischen Basis, Ultrazentrifugen, oder erweitert die Anlagen. Das ist nicht stimmig."