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Die Klone des Caravaggio

Der junge Künstler Michelangelo Merisi empfahl sich mit harten Schatten und suggestiver Lichtführung um das Jahr 1600. Seine Heimatstadt Caravaggio, nach der er sich mit Künstlername benannte, setzt auf Forschung am Werk. Grundlage dafür sind nahezu perfekte Klone.

Von Henning Klüver | 18.07.2010

Harte Schatten, eine suggestive Lichtführung und spannungsvolle Gesten: Das "Martyrium des Matthäus" und die anderen Bilder des Zyklus in der Contarelli-Kapelle der römischen Kirche San Luigi dei Francesi sind Werke voller dramatischer Intensität. Der junge Caravaggio wollte sich um das Jahr 1600 mit diesen Werken bei Auftraggebern in der Stadt und am Hof des Papstes bekannt machen - so die Kunsthistorikerin Sybille Ebert-Schifferer von der römischen Bibliotheca Hertziana.

"Und das ist für das Rom der damaligen Zeit ein eminent bedeutender Augenblick, denn es konnten nicht nur wenige Kenner seine Kunst bewundern, es konnte auch die ganze Konkurrenz. Die anderen Künstler haben sich dahin begeben und darüber debattiert, was das jetzt ein neuer Star am römischen Malerhimmel ist."

Michelangelo Merisi wurde 1571 in Mailand geboren. Die Familie stammte jedoch aus dem kleinen Ort Caravaggio bei Bergamo, unter dessen Namen der Künstler berühmt werden sollte. Die Gemeinde Caravaggio hat zum 400. Todesjahr mit dem Aufbau einer wissenschaftlichen Stiftung zur Dokumentation seines Werkes begonnen. In Zusammenarbeit mit der Fondazione Cini aus Venedig hat man den britischen Techniker und Künstler Adam Lowe mit der Digitalisierung des römischen Matthäus-Zyklus beauftragt.

"In einem ersten Schritt ging es um die Aufnahme der Farben. Dazu bildeten wir auch die dreidimensionale Oberfläche ab, denn wenn man nahe an die Bilder herangeht, kann man Brüche, Restaurierungen, Wiederherstellungen erkennen, die die Biografie des Werkes offenbaren. Uns geht es darum, die ganze Geschichte dieser Bilder aufzuzeichnen."

Felder von etwa 10 Quadratzentimetern wurden so mit eigens entwickelten Techniken in einer extrem hohen Auflösung aufgenommen. Eine Spezialsoftware setzte rund 1000 dieser Felder wieder zu einem Gesamtbild zusammen. Die Ergebnisse, die im wahrsten Sinne des Wortes "tiefe Einblicke" in die Gemälde ermöglichen, sollen im neuen Forschungszentrum von Caravaggio vom Herbst an auf großen Bildschirmen für Wissenschaftler abrufbar sein. Aber Lowe und sein britisch-spanisches Expertenteam haben sie auch zur Herstellung von Faksimiles in Originalgröße benutzt. So wie sie es vor drei Jahren mit dem riesigen Gemälde "Die Hochzeit von Kana" des venezianischen Renaissancekünstlers Paolo Veronese gemacht hatten. Sie konnten damals das Bild, das den Pariser Louvre nicht mehr verlassen darf, an seinen Originalplatz, das Refektorium des Klosters S. Giorgio Maggiore in Venedig, gleichsam wieder zurückbringen. Die Fachwelt kam angesichts dieses perfekten, mit traditionellen Farben hergestellten Klons, der vom Original nicht mehr zu unterscheiden ist, aus dem Staunen nicht mehr heraus.

"Kritiker, Journalisten, Spezialisten sagten, wir kennen das authentische Werk, das hängt im Pariser Louvre und nicht in Venedig. Aber welches Werk eine größere authentische Erfahrung ermöglicht, ist eine ganz andere Frage."

Es ist die Frage nach der Aura des Originals, so wie sie Walter Benjamin thematisiert hat. Dazu Sybille Ebert-Schifferer, die im Beck-Verlag eine große Monografie über Caravaggio herausgegeben hat:

"Auch heute im Zeitalter der Reproduzierbarkeit bleibt die Aura. Und das Original wird in seiner physischen Beschaffenheit auch bei Klons von Caravaggio etwas anderes sein."

Aura gegen authentische Erfahrung? Mit dem Klonen von Kunstwerken eröffnen sich jedenfalls ganz neue Möglichkeiten für die Forschung wie auch für den Ausstellungsbetrieb. Im neuen Forschungszentrum in einer ehemaligen Barockkirche von Caravaggio geht es um Erfahrung, um das Studium. Hier wurden an diesem Wochenende zwei der drei Matthäus-Bilder als Faksimiles der Öffentlichkeit präsentiert. Das dritte, "Die Berufung des Matthäus", soll im September folgen, wenn das Zentrum offiziell seine Arbeit aufnimmt. Das Caravaggio-Institut des kleinen Ortes und die Fondazione Cini sind jetzt auf der Suche nach Geldgebern. Ein Gemäldeklon kostet immerhin 40.000 Euro. Ziel ist es dennoch, in den kommenden Jahren und Jahrzehnten große Teile des gesamten Werks von Caravaggio in Caravaggio zum zweiten Mal erstehen zu lassen.

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