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Startseite@mediasresSelbst die Natur bleibt von der Schönfärberei nicht verschont30.03.2017

Die Kolumne - Silke Burmester Selbst die Natur bleibt von der Schönfärberei nicht verschont

Silke Burmester ist zurück mit ihrer Medienkolumne - und will aufklären. Diesmal darüber, wie Reisegeschichten zustande kommen und warum man viele der Reiseartikel nicht "journalistisch" nennen kann.

Von Silke Burmester

Eine Palme an einem Strand - im Hintergrund das Meer. (dpa / Stephan Persch)
Alles nur malerisch? Fakt ist: Viele Reisemagazine und Reiseseiten haben den Anspruch "Journalismus" verwirkt. (dpa / Stephan Persch)
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Liebe Besitzerinnen und Besitzer dieses Radioprogramms! Ich freue mich, ab heute regelmäßig zu Ihnen sprechen zu können. Und wenn ich als Person auch nicht Ihnen gehöre, so gehört Ihnen und mir doch dieses Programm. Ich habe es für Sie gekapert. Denn es ist zwar so, dass wir Bürgerinnen und Bürger den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzieren, kaum aber, dass wir ihn gestalten. Als Journalistin begreife ich mich als Ihre Gesandte. Ich bin stellvertretend für all jene im Radio, die selbst nicht kommen können oder wollen.

Medien - vom Staat gesteuert?

Radioprogramm soll ja der Bildung der Bevölkerung dienen. Die Macher von Mediasres aber wollen noch mehr. Die haben gemerkt, dass etwas völlig Irres passiert ist. Große Teile der Bevölkerung meinen auf einmal, Medien - und vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk - wären vom Staat gesteuert und unterliegen einer politischen Agenda. Das heißt, diese Menschen haben nicht nur das Vertrauen verloren, dass das, was im Radio, im Fernsehen, aber auch in den Zeitungen erzählt wird, stimmt. Nein, die meinen sogar, dort würde vorsätzlich manipuliert. Deswegen wollen die Macher der Mediensendung, die Sie gerade hören, berichten, wie Medien gemacht werden. Damit der Zweifel schwindet.

Reiseartikel - nicht "journalistisch"?

Und nun komme ich. Ich bin seit über zwanzig Jahren als Journalistin tätig. In Zeitungen und bei Zeitschriften, bei Onlinemedien, im Radio und im Fernsehen. Und zwar freiberuflich. Ich arbeite für unterschiedliche Auftraggeber und schreibe über Medien, Gesellschaftspolitik und Kultur. So kann ich Ihnen zum Beispiel erzählen, wie Reisegeschichten zustande kommen, und warum man viele der Reiseartikel nicht "journalistisch" nennen kann. "Journalistisch" würde bedeuten, dass der Berichtende unabhängig war. Dass er von Interessen unbeeinflusst berichten kann.

Das aber ist in der Reiseberichterstattung nur noch selten der Fall. Denn ein Großteil der Artikel ist in Abhängigkeit vom Reiseveranstalter und oft genug von den Tourismusverbänden geschrieben. Dafür tragen vor allem die Verlagsmanager die Verantwortung. Denn sie haben die Budgets der Redaktionen so dermaßen gekürzt, dass die kein Geld mehr haben, Journalisten loszuschicken, damit die erzählen, was ist. Also lassen die Redaktionen die Reisen mitunter komplett von demjenigen finanzieren, über den geschrieben wird: Hotels, Destinationen, Fluglinien. Die Redaktion kostet eine Reportage oft nur das Honorar für den freien Autoren, weil es selbst bei 12-tägigen Reisen nach Südafrika keine Spesen mehr gibt. Verpflegung? Dem Protagonisten einen Kaffee ausgeben? Das muss der freie Autor schön selbst zahlen. Wobei er aus Dankbarkeit, für die schöne Zeit, mit 600 Euro zufrieden sein soll.

Schlamm in Ockerbraun - nicht gern gelesen?

Die Fotos für die Geschichten werden oft von den Tourismusverbänden zur Verfügung gestellt, kosten also auch nichts. Fährt ein Fotograf, eine Fotografin mit, fädeln manche Zeitschriften es neuerdings so ein, dass der Veranstalter sogar deren Honorar zahlt. Als Gegenleistung darf dieser die Fotos für seine Zwecke nutzen. Das geht natürlich nur, weil die Fotografen durch Friss- oder Stirb-Verträge gezwungen sind, ihre Rechte abzutreten. 

Bei so viel Dankbarkeit demjenigen gegenüber, der die Reise ermöglicht hat, also derjenige, der im Text vorgestellt wird, wäre es natürlich nicht nett, unschön über die Zeit zu schreiben. Nein, alles ist ganz, ganz toll und ohne Tadel. Selbst die Natur bleibt von der Schönfärberei nicht verschont: In einer Reisereportage über Vietnam hatte ich erwähnt, dass der Mekong, weil Regenzeit war, durch den Schlamm in Ockerbraun leuchtete. Das wurde aus dem Text gestrichen. So etwas, so weiß man in den fernfinanzierten Redaktionen, liest die Leserin nicht gern.

Liebe Besitzerinnen und Besitzer dieses Radioprogramms, ich hoffe, dass ich mit diesem kleinen Beitrag ein wenig zur Erhellung der Frage, was in den Medien schief läuft, beitragen konnte.

Fakt ist: Viele Reisemagazine und Reiseseiten haben den Anspruch "Journalismus" verwirkt. Es wäre jetzt an Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, für einen Wandel zu sorgen. Machen Sie klar, dass Sie solche Medien nicht wollen. Verweigern Sie den Kauf. Oder gehen Sie den Chefredakteuren gehörig auf die Nerven.

Silke Burmester wurde 1966 geboren. Ihre Kolumne "Die Kriegsreporterin", die sieben Jahre lang jeden Mittwoch in der taz erschien, war Kult - gerade bei Kollegen. "Wir sind eine Branche der Schisser und Anpasser, die zwar groß darin ist, Fehler bei anderen zu suchen", schrieb sie dort in ihrem Abschiedstext, "aber sich heulend in der Ecke verkriecht, wenn sie ihre Arbeitsbedingungen benennen soll". Bei uns kann und soll die Bert-Donnepp-Preisträgerin 2017 benennen, was sie möchte - und Fehler suchen, wo sie will.

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